1999:
GIS Einsatz bei der Lawinenkatastrophe in Galtür und Valzur / Tirol
23. bis 25. Feber 1999
Mag. Bernd Noggler (GIS-Koordinator), tiris-Systemgruppe (DVT-Daten-Verarbeitung-Tirol GmbH), b.noggler@tirol.gv.at
1. Einleitung
Heftige Schneefälle während des gesamten Feber führten zu einer verschärften Lawinensituation in Westösterreich. Bereits einige Tage vor den katastrophalen Lawinen in Galtür und Valzur tagten Krisenstäbe in Innsbruck und Landeck. Am späten Nachmittag des 23. Feber 1999, zerstörten zwei große Lawinen (die Wasserleiter und Weisse Riefe Lawine) Teile der Ortschaft Galtür im Paznaun. Die bis zu fünf Meter hohen Schneemassen begruben über 50 Personen, wovon ca. 20 nach kurzer Zeit von lokalen Hilfskräften lebend geborgen werden konnten. Da die Straßenverbindung nach Galtür auf Grund der Lawinengefahr schon seit Tagen gsperrrt war und eine katastrophale Wettersituation, es herrschte starker Schneestrum, Hubschrauberflüge verhinderte, konnten weitere Hilfsmannschaften das Katastrophengebiet nicht erreichen. Um Mitternacht verschärfte sich die Situation noch zusätzlich, da eine zweite Lawine (Gross Tal Lawine) auf Galtür abging, glücklicherweise aber keine Personen verschüttete. Der Rettungseinsatz von außerhalb konnte deshalb erst am 24. Feber 1999 beginnen, wurde aber durch anhaltende Schneefälle erschwert. Am Nachmittag (24.2.1999) forderte ein weiterer Lawinenabgang im, von Galtür nur wenige Kilometer talauswärts gelegenen, Weiler Valzur (Gemeindegebiet Ischgl) weitere Menschenleben. Insgesamt waren in Galtür 31, in Valzur 7 Lawinenopfer zu beklagen.
Abbildung 1:
Übersichtskarte Westtirol ![]()
Übersichtskarte Galtür - Valzur ![]()
2. Ablauf des GIS Einsatzes:
Kurz nach dem Lawinenabgang in Galtür um ca.16.00, trafen die ersten Hilfsmannschaften in der Landecker Pontlatzkaserne ein. Gegen 18.00 war jedoch klar, daß Galtür am selben Tag von außen nicht erreichbar sein würde. Der Hilfseinsatz mußte wegen Schlechtwetters auf den folgenden Tag 7.00 früh verschoben werden. Als das gesamte Ausmaß der Katastrophe erkennbar wurde, wurden für den nächsten Tag Hilfseinheiten aus ganz Österreich angefordert. Diese Hilfsmannschaften (Bundesheer, Gendarmerie, Rotes Kreuz, Bergrettung, Flugrettung, Feuerwehr, Hundestaffeln, u.s.w) mußten über die räumliche Situation in Galtür informiert werden.
Die Weitergabe aller geographischen Informationen sowie die Einsatzplanung selbst (z.B. die Auswahl von Landeplätzen für Hubschrauber) erfolgte zu diesem Zeitpunkt noch ausschließlich auf Basis der analogen ÖK 50 bzw. der ÖMK 50 (Zivile bzw. Militärkarte des BEV im Maßstab 1:50.000).
GIS Einsatz in der Einsatzzentrale also direkt vor Ort
Der Wunsch nach besseren Kartengrundlagen für die Einsatzplanung wurde während einer Einsatzbesprechung von Hubschrauberpiloten des Bundesheeres geäußert. Die Suche nach einem geeigneten, lawinensicheren Landeplatz ist auf Basis der ÖK 50 ganz einfach unmöglich. Dieses Problem wurde von der Einsatzleitung an den Autor weitergeleitet (er selbst war zu diesem Zeitpunkt als Mitglied der Bergrettung in der Kaserne anwesend).
Der Wunsch nach besseren Informationsgrundlagen konnte dann aus folgenden Gründen rasch erfüllt werden: die Gemeinde Galtür wird in Raumordnungsfragen von einem in Landeck ansässigen Architekten (DI Friedrich Falch) betreut. Raumplanern und Gemeinden werden dafür vom Land Tirol digitale Daten (seitens tiris) zur Verfügung gestellt. Digitale tiris-Daten waren somit vor Ort vorhanden und mußten nur mehr für diesen speziellen Zweck aufbereitet werden. Der Arbeitsplatz mit der gesamten Hard- und Software (PC, Workstation, Plotter, GIS-Software) wurde von DI Falch zur Verfügung gestellt, so daß um ca. 20.30 Uhr umgehend mit der (GIS) Arbeit begonnen werden konnte.
Für Galtür stand zu diesem Zeitpunkt die DKM (digitale Katastralmappe) sowie die Gefahrenzonenplanung zur Verfügung. Ein Zugriff auf die vorhandenen Digitalen Luftbilder war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, da diese Daten derzeit nicht an Planer weitergegeben werden. Aus der DKM wurde eine Basiskarte (Gebäude, Strassen- und Gewässernetz) generiert, die mit Objekten aus dem Gefahrenzonenplan (Rote und Gelbe Lawinenzonen) überlagert wurde. Diese Basiskarte wurde in zwei Maßstäben vorbereitet: der gesamte Siedlungsraum der Gemeinde Galtür im Maßstab 1:5.000, sowie das von der Lawine betroffene Gebiet im Dorfzentrum im Maßstab 1:2.500.
Nicht einmal zwei Stunden später konnten die Basiskarten (Karte 0) in der Einsatzzentrale vorgelegt, mit Ortskundigen besprochen und anschließend ergänzt werden. Zunächst wurden wichtige Gebäude und Strassen beschriftet, in weiterer Folge wurde versucht, den Lawinenkegel zu verorten. Während diese Informationen eingetragen wurden, erfolgte die Nachricht eines neuerlichen Lawinenabganges auf Galtür. Gegen 0.30 Uhr konnte auch diese Lawine verortet und anschließend im Büro Falch digital eingearbeitet werden. Um 3.00 fand eine neuerlich Besprechung in der Einsatzleitung statt, alle bisherigen Informationen standen dafür bereits zur Verfügung (Karte 1 mit Stand 0.30). Zur genaueren Abgrenzung der beiden Lawinen wurde der Gendarmerieposten Ischgl beauftragt, die Lawinenkegel auf Grund der ihnen zugekommenen Informationen in den Ortsplan von Galtür einzuzeichnen. Diese Skizze wurde per Fax an die Einsatzleitung in Landeck übermittelt, es ging um 3.45 ein. Jetzt war für die Einsatzleitung erstmals das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung erkennbar. Die Lawinen hatten in der bisher als gefahrenfrei eingestuften sogenannten grünen Zone die größten Schäden an Mensch und Gebäude angerichtet.
Die Einarbeitung dieser neuen Informationen erfolgte umgehend, sodaß um 5.15, also rechtzeitig zur großen Einsatzbesprechung um 6.00, die Karte 2 fertig (Karte 2 mit Stand 3.45) war.
Abbildung 2:
Karte 1 - Informationsstand zum Lawinenunglück um 0.30 ![]()
Karte 2 - Informationsstand zum Lawinenunglück um 3.45 ![]()
Mit dem Beginn der eigentlichen Hilfsaktion am Mittwoch um 7.00, war der GIS Einsatz vorerst beendet. Am Nachmittag des 24.2.1999 hätten dann lediglich neu erhaltene Informationen eingearbeitet werden sollen, um die Karte 2 zu aktualisieren.
Ein neuerlicher Lawinenabgang im, von Galtür nur wenige Kilometer entfernten, Weiler Valzur (Gemeinde Ischgl) setzte natürlich völlig neue Prioritäten.
GIS Einsatz fern der Einsatzzentrale (tiris Zentrale in Innsbruck)
Der Lawinenabgang in Valzur (24.2.1999 um ca. 16.30 Uhr) zwang die Einsatzleitung in Landeck dazu, Hilfsmaßnahmen für zwei Orte zu koordinieren. Weiters wurde erneut klar, wie groß die Gefahr für zahlreiche andere Orte und Täler in Westtirol war. Durch einen raschen Temperaturanstieg erhöhte sich die Lawinengefahr noch mehr. Um für eventuelle weitere Notfälle gerüstet zu sein, wurden für alle gefährdeten Gebiete der betroffenen Region Datengrundlagen angefordert. Deshalb musste auf ein noch umfangreicheres Datenmaterial zugegriffen werden. Da die im Büro Falch vorhandenen GIS Daten auf die Gemeinde Galtür beschränkt sind, konnte die eigentliche GIS Arbeit nicht mehr vor Ort geleistet werden.
Um zuerst für Valzur und dann für den gesamten Bezirk Landeck ähnliche kartographische Grundlagen erstellen zu können wie für Galtür, musste auf den zentralen Datenpool in Innsbruck zugegriffen werden. So wurde die tiris Zentrale (Abteilung Raumordnung-Statistik, Amt der Tiroler Landesregierung) kontaktiert und informiert.
In Innsbruck wurden noch in der Nacht Karten des Weilers Valzur (u.a. Orthofotokarten mit den Gefahrenzonen) bzw. der gesamten Gemeinde Ischgl erstellt und geplottet. Sowohl in Galtür als auch Valzur konnte auf digitale Daten zu verschiedenen Themen (z.B. DKM, Gefahrenzonen, digitale Orthofoto, digitale ÖK50) in allen tiris Ebenen (Planebene (1:1.000 bis 1:10.000), Kartenebene (1:20.000 bis 1:50.000), Übersichtsebene (1:300.000)) zugegriffen werden. Die fertigen Produkte wurden dann der Landeswarnzentrale übergeben und zur Einsatzleitung nach Landeck weitergeleitet.
Abbildung 3:
Valzur: Orthofoto mit Gefahrenzonengrenzen (Lawinen und Wildbach)
GIS Einsatz mittels WorldWideWeb
Um die umfangreichen Informationen, sie betrafen das Paznaun, das Stanzer Tal sowie das Kaunertal, schnell und in verschiedenen Maßsstabsebenen der Einsatzleitung zur Verfügung stellen zu können wurde das WWW (WorldWideWeb) als Verteilungsmedium eingesetzt. Eine Vielzahl an Karten mit unterschiedlichsten Inhalten und Maßstäben wurden von der tiris Zentrale webgerecht erstellt. Mittels Zugriff auf das Intranet des Landes Tirol, konnte die Einsatzzentrale nun bei Bedarf direkt zugreifen.
Abbildung 4: Kartenbeispiele
DKM mit Gefahrenzonen - Galtür
ÖK 50 mit Lawinenstrichen - Ischgl ![]()
ÖK 50 mit Lawinenstrichen - St. Anton ![]()
Da ab Donnerstag die Lawinengefahr geringer wurde, konnte die Arbeit im Rahmen des Hilfseinsatzes für die GIS - Teams in Landeck und Innsbruck beeendet werden. Der Einsatzleitung in Landeck wurden ca. 50 Karten zur Verfügung gestellt. Neben Übersichtskarten mit dichterer Informationsfülle, auch Spezialkarten mit zielgerichteter Detailinformation (Bsp. Karten 1 und 2).
3. Nachbearbeitung
Einige Wochen später wurde tiris nochmals tätig. Das Ausmaß der Zerstörung, welche die Lawinen in Galtür und Valzur verursacht hatten, wurde auf Basis der von der Gendarmerie erhobenen Schäden kartographisch dargestellt.
Abbildung 5: Kartenbeispiele:
Lawinengebiet mit betroffenen Gebäuden - Galtür ![]()
Lawinengebiet mit betroffenen Gebäuden mit Orthofoto - Galtür ![]()
Betroffene Gebäude mit Orthofoto - Galtür ![]()
Betroffene Gebäude mit Orthofoto - Valzur ![]()
4. Erfahrungen
Der GIS Einsatz im Rahmen der Lawinenkatastrophe von Galtür und Valzur kann generell als sehr erfolgreich beurteilt werden. Daraus gewonnene Erfahrungen:
- Planungen, Entscheidungen und Informationsweitergabe der
Einsatzleitung (Bundesheer, Gendarmerie und Bezirkshauptmannschaft)
erfolgten in der Anfangsphase auf Basis der analogen ÖK 50 bzw. ÖMK 50
(Maßstab 1:50.000). Zusätzliche vorhandene wichtige Informationen, wie
beispielsweise die Gefahrenzonen, konnten in Entscheidungen somit
natürlich nicht miteinbezogen werden.
- Nur durch die Zusammenarbeit von tiris
mit Gemeinden bzw. deren Planern, sowie der kostenlosen Weitergabe
digitaler Daten an diese, war ein GIS Einsatz in der Einsatzzentrale
und somit direkt vor Ort möglich. Wären die digitale Daten für Galtür
nicht vor Ort verfügbar gewesen, wäre es nicht möglich gewesen, die
Einsatzleitung kurzfristig kartografisch zu unterstützen.
- Der im tiris
vorgenommene Aufbau einer fachübergreifenden, strukturierten
Datensammlungen auf drei Ebenen mit jeweils unterschiedlicher
Erfassungsgenauigkeit, zur raschen, informellen Datennutzung hat sich
eindeutig bewährt. Dadurch war es möglich sehr schnell und
zielgerichtet Informationen mehrere Täler betreffend zu generieren.
- Die generierten Karten müssen speziell für die Bedürfnisse der
Einsatzleitung ausgerichtet sein. Mehr Information als für die
spezielle Einsatzsituation ist absolut überflüssig und muß unterlassen
werden. Die Lesbarkeit der Karten muß auch während Streßsituationen
schnell und fehlerfrei möglich sein.
- Die Verbindung GIS und WWW hat sich erstmals auch abseits der
„normalen“ Anwendung in der Landesverwaltung (z.B.: Dateneinsicht und
Bestellung) bewährt. Auf Grund des Zeitdrucks wurde zwar auf die
statische Anwendung des Web als reines Präsentationsmedium (Intranet
Web-Server mit direktem Zugang zu den Dateisystemen mit html und gif)
zurückgegriffen, die „neue“ Technologie wurde trotzdem erfolgreich
eingesetzt.
- Obwohl geographische Informationssysteme (GIS) auch in Österreich
nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt im Einsatz stehen und das
Anfangsproblem des fehlenden digitalen Datenbestandes schon seit
längerem der Vergangenheit angehört, steckt der Einsatz von GIS im
Katastrophenmanagement noch in den Kinderschuhen. Es existieren zwar
eine Vielzahl an fachspezifischen GIS Anwendungen (u.a. bei Feuerwehr,
Rettung, Bergrettung), „die Nutzung eines GIS als interdisziplinäres
strategisches Werkzeug im operativen Einsatz“ (ArcAktuell 3/1998) mit
all seinen Möglichkeiten hat sich meines Erachtens leider noch nicht
etabliert.
- Obwohl einigen Entscheidungsträger in der Einsatzleitung, tiris vom täglichen „normalen“ Arbeitsprozess bekannt ist, war der Einsatz von tiris Daten bei der Bewältigung dieser Katastrophe zunächst kein Thema. Daß tiris
bereits von Beginn an integriert war, war eher einem Zufall zu
verdanken. Das Miteinbeziehen digitaler Daten muß bei zukünftigen
Katastrophen zur Selbstverständlichkeit werden. Aus diesem Grund muß
das derzeit vorhandene Informationdefizit über die Möglichkeiten des
Einsatzes Geographischer Informationssysteme bei Hilfsorganisationen so
schnell wie möglich beseitigt werden.
- Damit GIS zukünftig im Katastrophenfall noch schneller und problemloser eingesetzt werden kann, muß auch tiris
bzw. das Land Tirol, alle notwendigen Schritte einleiten. Dafür ist
unter anderem die Nutzung des WWW und die Weiterentwicklung des Web weg
von einem statischen Präsentationsmedium hin zu einer interaktiven
Plattform für Einsatzleitung und beteiligte Hilfsmannschaften zu
forcieren.
Literatur:
ESRI-Deutschland, 1998: Einsatzleitsysteme und Katastrophenschutz. In: ESRI ArcAktuell, Nr. 3, 1998, Kranzberg
Datenquellen bei Karten:


