24.08.2012 - Prüfung aller vorgebrachten Einzelfälle und weitere Forschungsaufträge
Bei der Übernahme der Verantwortung und Entschädigung von Opfern physischer, psychischer und sexueller Gewalt in landeseigenen Fürsorgeeinrichtungen war Tirol osterreichweit Vorreiter. Auch in der Frage, ob Jugendliche in Tiroler Heimen unentgeltlich gearbeitet haben, nicht adäquat entlohnt wurden oder sozialversicherungsrechtliche Versäumnisse vorliegen, hat das Land Tirol höchstes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung.
„Neben einer genauen Prüfung aller vorgebrachten Einzelfälle werden wir auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Heimgeschichte weiterführen und intensivieren.“ Das kündigte der Tiroler Soziallandesrat Gerhard Reheis an. Eine seriöse Auseinandersetzung brauche aber Zeit. „Wir werden nicht in der Lage sein, alle Vorwürfe sofort zu klären“, bittet Reheis alle eventuell Betroffenen und Beteiligten um etwas Geduld. In einem ersten Schritt gehe es nun darum, Meldungen von Betroffenen, Fakten und noch vorhandene Unterlagen zu sammeln.
Anlaufstelle eingerichtet
„Die Datenlage im Land ist nach mehreren Jahrzehnten leider lückenhaft. Deshalb bitten wir sowohl Betroffene als auch Zeitzeugen, sich zu melden“, ruft Reheis auf. Dafür hat das Land Tirol eine eigene Anlaufstelle geschaffen. Diese ist ab Montag, den 27. August 2012, unter der Telefonnummer 0512/508-2653 oder unter E-Mail:
opferschutz@tirol.gv.at erreichbar. Bisher haben sich beim Land Tirol neun Personen gemeldet und vorgebracht, sie seien für verrichtet Arbeiten unzureichend oder gar nicht entlohnt worden.
Um die Frage der Arbeitsleistungen von Jugendlichen insbesondere in der damaligen Fürsorgeeinrichtung für weibliche Jugendliche in St. Martin zu klären, wurde auch eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Dieser Gruppe gehören VertreterInnen der befassten Organisationseinheiten des Landes sowie externe ExpertInnen etwa aus den Bereichen Zeitgeschichte und Erziehungswissenschaft an. Auch einige der bisher bekannten betroffenen Unternehmen und das Österreichische Bundesheer haben ihre Mitarbeit zugesagt.
Löhne mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgezahlt
Eine erste, wahllose Sichtung der noch vorhanden Akten hat ergeben, dass die Löhne für Arbeitsleistungen der Jugendlichen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form von Taschengeld und Sparbüchern weitergegeben wurde. „Ob dies allerdings in allen Fällen und in vollem Umfang so war, kann derzeit nicht seriös beantwortet werden“, erklärt Reheis. Deshalb müsse man jeden Einzelfall ganz genau anschauen. Hier setzt das Land Tirol auch auf das Mitwirken jener Unternehmen, die Aufträge an Fürsorgeeinrichtungen des Landes vergeben oder Jugendliche aus solchen Einrichtungen beschäftigt haben. Zu prüfen sind auch die arbeits- und sozialrechtlichen Fragestellungen im Kontext der damaligen Rechtslage.
Eine große Herausforderung sieht LR Reheis darin, die Arbeit und Ausbildung von Jugendlichen im Rahmen der Fürsorgeeinrichtungen in einen historischen Kontext zu stellen, gleichzeitig aber die Verantwortung aus heutiger Sicht wahrzunehmen. Hier stellt sich etwa die Frage, welche Tätigkeiten als alterskonforme Mithilfe im Heimalltag oder Erwerb von alltagspraktischen Fähigkeiten zu werten sind.
Weitere Forschungsaufträge
Im Juli dieses Jahres wurde ein von den Ländern Tirol und Vorarlberg in Auftrag gegebener Forschungsbericht zur Geschichte der Tiroler und Vorarlberger Erziehungsheime präsentiert. Dieser liefert einen ersten Einblick in den Forschungsstand, die Rechtsgrundlagen des Fürsorgewesen und recherchiert Quellen, die für eine weitere Erforschung und Aufarbeitung zur Verfügung stehen. „Der Empfehlung, vertiefende Forschungen zur Fürsorgeeinrichtung St. Martin anzustellen, wollen wir jedenfalls folgen“, kündigt Reheis weitere Forschungsaufträge an.
Missbrauchsfälle gesondert behandeln
Im Zuge der aktuellen Diskussion um die Arbeitsleistungen wurde auch von einzelnen sexuellen Übergriffen berichtet. „Diese Fälle sind gesondert zu behandeln“, so LR Gerhard Reheis. Sofort nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle nicht nur in kirchlichen, sondern auch in Fürsorgeeinrichtungen des Landes hat Tirol bereits im Jahr 2010 reagiert und ein umfassendes Maßnahmenpaket für die Opfer von physischer, psychischer und sexueller Gewalt in Heimen beschlossen. Bis dato hat das Land Tirol an 166 Opfer von Gewalt in Landesheimen über 1,7 Millionen Euro an Entschädigungen ausgezahlt.



