"VIELFALT daheim IN TIROL" Von der Idee zur Ausstellung.

Andrea Moser, Projektkoordination

Migration ist kein Wasserhahn - Bild

Am Anfang des Projekts „VIELFALT daheim IN TIROL“ stand die Überlegung von Soziallandesrat Gerhard Reheis, zum Thema Migration und Integration eine Ausstellung zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit zu gestalten. Chancen und Potentiale einer vielfältigen Gesellschaft sollten dabei ebenso im Vordergrund stehen wie die Leistungen von Zugewanderten in der Gesellschaft. Der Fachbereich Integration, der in der Abteilung JUFF (Jugend, Familie, Frauen, Senioren) des Amtes der Tiroler Landesregierung angesiedelt ist, wurde mit der Projektleitung betraut. Hannes Gstir war als Leiter des Fachbereichs für die Gesamtleitung des Projekts verantwortlich. Oscar Thomas-Olalde und Joanna Maria Egger erarbeiteten das Konzept für die Ausstellung und legten dabei ein besonderes Augenmerk auf die Frage, wie Menschen mit Migrationshintergrund in der Diskussion um Zuwanderung und Integration eine stärkere Stimme eingeräumt werden kann. Katerina Haller entwickelte als Kuratorin das szenografische Konzept für die Ausstellung und stand laufend in engem Kontakt mit den teilnehmenden KünstlerInnen. Oscar Thomas-Olalde war außerdem für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts zuständig, Joanna Maria Egger als pädagogische Mitarbeiterin für das Vermittlungskonzept. Grafikerin Birgit Raitmayr entwickelte das Sujet für die Ausstellungs- und die Informationsmaterialien. Lisa Nussmüller, Ruzica Grgic und Armin Berger waren wichtige Stützen für das gesamte Team, sie haben uns als VerwaltungspraktikantInnen im Fachbereich Integration in allen Bereichen tatkräftig unter die Arme gegriffen. Ausgestattet mit Idealismus, Neugier, Begeisterung und finanziellen Mitteln aus dem Europäischen Integrationsfonds ging es 2010 an die Umsetzung.

Im Zentrum standen Dialogprozesse auf lokaler Ebene zwischen Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft und Zugewanderten. Die Exponate der Ausstellung entstanden 2010 auf mehreren Ebenen: in neun Arbeitsgruppen, einem Seminar an der Universität Innsbruck, einem Fotoworkshop und einem Forschungsteam.

In den neun Arbeitsgruppen wurden die Themen Heimat, Identität oder Diskriminierung bearbeitet. Interessierte konnten sich für die Mitarbeit in diesen Arbeitsgruppen bewerben und nahmen im April 2010 an einem gemeinsamen Einführungsworkshop teil. In jeder Arbeitsgruppe arbeiteten in der Folge jeweils ein/e KünstlerIn, ein/e MigrantIn und eine Sozialwissenschafterin. Die Erzählungen, Erfahrungen und Positionen der MigrantInnen waren der Ausgangspunkt für die Arbeit der KünstlerInnen. Die Sozialwissenschafterinnen hatten die Aufgabe, den Prozess zu begleiten und den Arbeitsverlauf zu dokumentieren. Die Zusammenarbeit in den Arbeitsgruppen bot den Beteiligten Raum für Selbstreflexion und Entwicklung, und sie war von intensiven, freudvollen und auch konflikthaften Momenten gekennzeichnet, wie in den Exponaten „Lach-Installation mit Fahrrad“, „DRESS-CODE“ oder „Ich bin Da“ besonders gut sichtbar wird.

Die Selbstpositionierungen von Zugewanderten und Mehrheitsangehörigen zu den Themen „Tirol als Heimat“ und „Integration“ standen im Mittelpunkt eines Seminars an der Universität Innsbruck, das von Oscar Thomas-Olalde geleitet wurde. In Kurzbefragungen wurden die Ansichten von Menschen aus verschiedensten Milieus und Tiroler Regionen zu den genannten Themen eingefangen. Die vielfältigen Antworten auf die Fragen „Wo fühlen Sie sich zugehörig?“ und „Wie integriert sind Sie?“ wurden in Audio- und Videoarbeiten für die Ausstellung aufbereitet.

Ebenfalls mit Fokus auf die Selbstpositionierung von zugewanderten TirolerInnen fand im Herbst 2010 ein Fotoworkshop unter der Leitung von Monika K. Zanolin statt. In Arbeiten wie „Strand am Inn“, „Zweites Zuhause“, „Freude“ oder „Ankommen“ geben die TeilnehmerInnen mit persönlichen Antworten auf die Fragen „Was ist Heimat?“ und „Wo fühle ich mich (nicht) zu Hause?“ Einblick in ihre Lebenswelt.

Die vierte Ebene in der Entwicklung der Exponate war schließlich eine sozialwissenschaftliche und historische Analyse des Themas „Migration von und nach Tirol“. Andrea Moser, Gerhard Hetfleisch, Eva Konrad und Laura Masuch vom Zentrum für MigrantInnen in Tirol (ZeMiT), Ruzica Grgic vom Fachbereich Integration, Oscar Thomas-Olalde und Claus Melter, Mitarbeiter des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck, beschäftigten sich als Forschungsteam mit der Aufbereitung ausgewählter Aspekte. Die Themen „Migration ist normal“, „Migration betrifft Menschen“, „Migration ist auch Flucht“, „Migration ist Zukunft“, „Migration und Diskriminierung“, „Migration und Kultur“ und „Migration und Arbeit“ wurden in der Ausstellung in Form von Impulstexten präsentiert.

Die Exponate „Der Entgrenzer“ und die Fotoserie „Ich bin ein Tiroler – Ich bin eine Tirolerin“ entstanden außerhalb des Projekts „VIELFALT daheim IN TIROL“. Sie wurden in die Ausstellung aufgenommen, da sie ebenfalls „Heimat“, „Identität“ und „Zuwanderung“ als zentrale Themen behandeln.

Die Installation „Der Entgrenzer“ ist das Ergebnis eines gemeinsamen Projekts des Fachbereichs Integration und dem berufskundlichen Hauptschulkurs des BFI, sie verweist in – wortwörtlich – greifbarer Art und Weise auf die unterschiedlichen Geburtsländer der Tiroler Wohnbevölkerung. Das künstlerische Konzept des „Entgrenzers“ stammt von Rainer Pachler, selbst Trainer an der berufskundlichen Hauptschule, und wurde gemeinsam mit KollegInnen und KursteilnehmerInnen des berufskundlichen Hauptschulkurses kreativ umgesetzt.

Die Fotoserie „Ich bin ein Tiroler – Ich bin eine Tirolerin“ entstand unter der Leitung von Peter Unterthurner im Jugendzentrum Z6 in Innsbruck. Jugendliche aus über 20 Herkunftsländern verbringen dort Zeit miteinander, lachen, streiten und diskutieren. Die Fotoserie zeigt ein reales und modernes Bild der Jugendlichen, ihre über Kopfhörer zugespielten Stimmen sagen den AusstellungsbesucherInnen: „Ich bin eine Tirolerin“, „Ich bin ein Tiroler“.

2011 wanderte die Ausstellung durch acht Tiroler Gemeinden und wurden an unterschiedlichen öffentlichen Räumen (Schulen, Pflegeheimen, Galerien) präsentiert. Das BFI in Innsbruck bildete den Auftakt, anschließend wurde die Ausstellung in Wörgl, Kufstein, Imst, Hall, Telfs, Schwaz und Landeck gezeigt und fand schließlich wieder zurück nach Innsbruck. Katerina Haller hatte als Kuratorin die spannende Aufgabe, die Exponate in den unterschiedlichsten Ausstellungsräumen in Szene zu setzen. Verantwortliche in den Gemeinden organisierten Eröffnungsveranstaltungen und ein vielseitiges Rahmenprogramm. Die „Gespräche über Integration“ boten in allen Gemeinden die Möglichkeit einer vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema, Workshops für Kinder und Jugendliche sowie Führungen für Erwachsene stießen auf großes Interesse.

Die Exponate der Ausstellung „VIELFALT daheim IN TIROL“ kreisen um die Themen Heimat, Integration, Migration und Identität. Durch die unterschiedlichen Entstehungszusammenhänge konnte die Vielfalt an Meinungen und Erfahrungen abgebildet werden. Mehr als 120 Personen haben an der Entstehung der Exponate mitgewirkt, mehr als 190 an der Ausstellung als Ganzes. Für mich persönlich war „VIELFALT daheim IN TIROL“ mit intensiver und spannender Arbeit verbunden, und ich bin dankbar für die zahlreichen Begegnungen und neuen Erfahrungen, die ich im Laufe der letzten zwei Jahre machen durfte.