Waldameisen in Tirol

Tirolübersicht Ameisenfunde

Waldameisen spielen im Ökosystem Wald eine zentrale Rolle. Das Land Tirol (Abteilung Umweltschutz und Landesforstdienst) unterstützt daher Projekte zur Erfassung der Waldameisenbestände, welche nun im Rahmen von Stichprobenerhebungen in den Jahren 2004 bis 2006 erhoben wurden. Die forstlich relevanten Grundlagen und Maßnahmen wurden bereits in einem eigenen Herunterladen Merkblatt zusammengefasst. Die aus forstfachlicher Sicht erfreulichen Ergebnisse sind auch naturschutzfachlich wichtig.

Im Rahmen der Erhebung des Verjüngungszustandes im Tiroler Wald in den Jahren 2004 (Nordalpen) und 2006 (Zentralalpen) sowie begleitend zur Waldzustandsinventur 2005 (gesamter Schutzwald) wurde die Waldameisenbesiedlung in 1152 Waldflächen in allen Tiroler Bezirken untersucht. In Erhebungsflächen von  25 m x  40 m (A = 1000 m²) wurden sämtliche Waldameisennester beprobt und ausgewählte Standortparameter aufgenommen. Alle Waldameisenproben wurden im Labor bestimmt. Der Einfluss ausgewählter Standortparameter wurde analysiert.

Im Rahmen der Walderhebungen konnten 8 (73%) der 11 in Tirol vorkommenden Waldameisenarten nachgewiesen werden: Erwartungsgemäß fehlen Offenlandarten und Raritäten.

Insgesamt konnten in 313 (27%) der 1152 Probeflächen Ameisenester festgestellt werden. F. truncorum, F. polyctena, F. sanguinea, F. exsecta und F. rufa wurden selten gefunden. Häufiger traten F. lugubris und F. paralugubris auf. Die in Tirol eindeutig am häufigsten vertretene Waldameisenart ist F. aquilonia, die in 243 Flächen (21%) vorkommt und für 78 % aller Nestfunde verantwortlich zeichnet.

Im Rahmen der Walderhebungen 2004 - 2006 festgestellte Waldameisenarten

Art deutsche Bezeichnung Probeflächen (Anzahl) Anteil an allen Probeflächen in %
Formica aquilonia YARROW 1955 Schwachbeborstete Gebirgswaldameise 243 21,1 %
Formica lugubris ZETTERSTEDT 1840 Starkbeborstete Gebirgswaldameise 30 2,6 %
Formica paralugubris SEIFERT 1996 kein deutscher Name bekannt 18 1,6 %
Formica rufa LINAEUS 1761 Rote Waldameise 9 0,8 %
Formica polyctena FÖRSTER 1850 Kleine Waldameise 3 0,3 %
Formica truncorum FABRICIUS 1804 Strunkameise 1 0,1 %
Formica sanguinea LATREILLE 1798 Blutrote Raubameise 4 0,3 %
Formica exsecta NYLANDER 1846 Große Kerbameise 5 0,4 %
Probeflächen mit Waldameisen 313 27 %

Die mittlere Nestdichte bezogen auf alle Flächen liegt bei 3,6 Nestern/ha. Für die 313 positiven Flächen errechnet sich eine mittlere Dichte von 13,3 Nestern/ha.

Die in Tirol dominierende Art F. aquilonia weist im inneralpinen-kontinentalen Wuchsgebiet geringere Dichten auf als in den übrigen Landesteilen. Dafür erreichen F. lugubris und F. paralugubris in den Inneralpen tendenziell höhere Nestdichten.

Schlüsselfaktor Licht

Der Schlüsselfaktor für die Waldameisenbesiedlung bildet die Sonneneinstrahlung bzw. die beschattende Wirkung durch den Bestand. Naturschutzfachlich und forstwirtschaftlich interessant ist die Tatsache, dass unterschiedliche Waldentwicklungsphasen verschiedene Waldameisenarten begünstigen. Aufgrund der vorliegenden Auswertungen kann folgendes häufig nachvollziehbare „Sukzessionsmuster“ dargestellt werden.

Schlagflächen oder andere Pionierflächen werden mit einsetzender Wiederbewaldung im noch lichten Bestand von verschiedenen Waldameisen mittels Koloniegründung bei Wirtsameisen gegründet. In dieser Phase haben auch ausgesprochen lichte Verhältnisse bevorzugende Arten eine Chance zur Kolonisation (F.exsecta und F. sanguinea). Die Artenvielfalt ist groß und alle Waldameisenarten können hier auftreten. Die Nestdichten sind eher gering. Mit zunehmenden Bestandesschluss geht die Artenfülle stark zurück. Im schattigen Baumholz ab etwa 80 Jahren dominiert F. aquilonia, andere Arten wie F. lugubris, F. paralugubris und F. rufa treten zwar vereinzelt auf, haben aber keine quantitative Bedeutung. Die Nestdichten können in dieser Phase wegen der Koloniegründungen durch F. aquilonia ansteigen. Ab etwa 140 Jahren werden die Lebensbedingungen mit ersten Lücken und günstigeren Lichtverhältnissen wieder günstiger, sodass neuerlich Initialgründungen bei Wirtsameisen stattfinden können.

Weidewälder bilden in gewisser Hinsicht „Dauerstadien“ günstiger Umweltbedingungen und werden v.a. von F. aquilonia besonders dicht besiedelt. Auch im Waldgrenzbereich finden sich günstige Umweltbedingungen für viele Arten.

Gefährdung

Hinsichtlich der Beurteilung der Gefährdung der verschiedenen Waldameisenarten bietet die vorliegende Studie wertvolle Grundlagen. Die Arten F. aqulionia, F. lugubris, F. sanguinea und F. exsecta sind nach aktuellem Kenntnisstand nicht gefährdet. Bessere Kenntnisse liegen nunmehr für die alpin-endemische Art F. paralugubris vor. Sie wurde vermehrt in Flächen mit höherem Fichten-, Zirben- und Latschenanteil in den westlichen Zentralalpen gefunden. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist diese Art in Tirol wahrscheinlich nicht gefährdet. Für die an niedrigere Lagen gebundenen Arten F. rufa und F. polyctena erlaubt auch die Einbeziehung der aktuellen Kartierergebnisse keine andere Einstufung als bisher; beide Arten sind als gefährdet einzustufen. Auch für die Spezalisten F. truncorum und F. pratensis muss weiterhin von einer Gefährdung ausgegangen werden. Die restriktiv verbreiteten Coptoformica-Arten F. foreli und F.suecica sind regional und national vom Aussterben bedroht.

Trotz dieser günstigen Gefährdungsbeurteilung für viele Waldameisenarten wird aus fachlicher Sicht empfohlen den Schutzstatus laut Tiroler Naturschutzverordnung für alle Arten zu belassen – nicht zuletzt weil die Artansprache nur durch Experten und mikroskopische Untersuchung möglich ist.

Im Rahmen der Forstwirtschaft sind die im Herunterladen Merkblatt zusammengefassten Maßnahmen weiterhin zu berücksichtigen und ist ganz besonders auf die in tieferen Lagen vorkommenden Arten F. rufa und F. polyctena und die auf Sonderstandorten und Randlagen angewiesenen F. truncorum und F. pratensis zu achten. Geeignete Maßnahmen hiefür wären der Erhalt oder die Neuanlage gut strukturierter Waldränder, die Förderung lichter Bestandesverhältnisse und das Zulassen natürlicher Sukzessionen nach forstlichen Eingriffen.

E-Mail Mag. Florian Glaser, E-Mail DI Christian Schwaninger