Ortschronisten

Um die Geschichte des "kleinen Mannes" zu schreiben, sind die Archive der öffentlichen Verwaltung nur bedingt tauglich. Dieses Faktum hat in Tirol wegen der ca. 100 Klein- und Zwerggemeinden (alle unter 1000 bzw. unter 100 Einwohner) besondere Aktualität. Im Rahmen der Dorfbildung wurde 1964 erstmals die Schaffung von Ortsbildchroniken angeregt und sofort in 32 Gemeinden begonnen. Diesem Umstand trug das Tiroler Landesarchiv schon vor 30 Jahren Rechnung und förderte die Chronistenarbeit in den Gemeinden wesentlich. Seit 1980 gibt die Quartalszeitschrift "Tiroler Chronist" , die als Fachblatt von und für Chronisten in Nord-, Süd- und Osttirol vom ehemaligen Landesarchivdirektor Eduard Widmoser initiiert und jahrelang geleitet wurde, wichtige Informationen und Forschungsergebnisse weiter.

Tirol steht mit mehr als 300 Gemeindechronisten hinsichtlich Verbreitungsdichte an der Spitze aller Bundesländer Österreichs. Fast alle Tiroler Gemeinden besitzen Bild- und Textchroniken, die ständig aktualisiert werden und als wichtigste Grundlage für die Dorf- und Heimatbücher dienen. Inzwischen gibt es schon über 220 Gemeinden mit stattlichen Dorfbüchern. Davon haben die Archivare des Tiroler Landesarchivs in der Publikationsreihe "Tiroler Ortschroniken" 52 kleinere Gemeinden selbst bearbeitet. Überdies wirkten und wirken die Archivare bei vielen Dorfbüchern als Schriftleiter oder Koautoren mit.

Vorläufer der Gemeindechroniken sind die im 18. Jahrhundert einsetzenden Pfarrchroniken, die nicht nur die Kirchengeschehnisse, sondern auch weltliche Ereignisse im dörflichen Zusammenleben berücksichtigen. Meist war es Aufgabe des Kooperators, die Pfarrchronik zu führen. Wegen Priestermangels werden die alten Pfarrchroniken kaum noch fortgeführt. Daher wird diese Geschichtsquelle ersten Ranges unter anderen Vorzeichen vom Gemeindechronisten fortgeführt, um im Dorf keine Überlieferungslücke entstehen zu lassen. Ergänzend dazu kamen im 19. Jahrhundert die Schulchroniken auf, deren Führung in Tirol bis 1974 verpflichtend war. Mit der Errichtung der Gendarmerieposten traten seit 1848 die Gendarmeriechroniken hinzu, die eine wichtige Quelle für den sozial- und alltagsgeschichtlichen Bereich darstellen. Weitere wichtige Bausteine zur Darstellung des dörflichen Geschehens sind die Vereinschroniken der Musikkapellen, Schützenkompanien, Feuerwehren, Brauchtumsvereine, Sportvereine oder Theatervereine. Sie waren für so manchen Chronisten das Sprungbrett, sich für die gesamte Gemeinde zu engagieren.

Um den Chronisten das notwendige Rüstzeug vermitteln zu können, werden seit 1966 Schulungstage auf Bezirksebene und Landesebene gehalten, bei denen Referenten aus dem Landesarchiv stets präsent sind. Bei diesen Tagungen stehen die gegenseitige Information und der Erfahrungsaustausch im Vordergrund. Sehr rasch wurde der Wandel von der reinen Bildchronik zur geschriebenen Chronik vollzogen, ergänzt durch Zeitungsausschnitte, Tonbänder, Filme, Videos, heimatkundliche Sammlungen bis zu musealen Realien.

Seit 1969 gibt es die Arbeitsgemeinschaft der Chronisten.

Im Rahmen des  Tiroler Bildungsforums, Sillgasse 8, 6020 Innsbruck, Tel.-Nr. +43 512 581465, Fax-Nr. +43 512 581465 15,  chronik@tsn.at, können Sie bei MMag. Bernhard Mertelseder weitere Infos einholen.

In Silz und Telfs sind  Bibliotheken der Chronisten eingerichtet.
Silz: Bibliothek im ehemaligen Widum, dem sogenannten "Klösterle"
Telfs: Bibliothek im Noaflhaus 

Redaktion der Zeitschrift "Tiroler Chronist": MMag. Bernhard Mertelseder,  chronik@tsn.at

Bei allgemeinen Fragen zur Ortsgeschichte steht Ihnen das Tiroler Landesarchiv beratend zur Seite.