Demokratie hat ihren Preis
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #21
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Hast du dich eigentlich schon einmal gefragt, was unsere Demokratie eigentlich kostet? Nicht nur in Euro, nicht nur das Geld für Wahlen, PolitikerInnenbezüge und Infrastruktur, sondern das, was wir alle hineinstecken müssen. Zeit, Interesse, Verantwortung. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich engagieren. Im Nationalrat, im Landtag, auf Gemeindeebene. Viele tun das mit großem Aufwand und sogar mit persönlicher Haftung, wie Bürgermeisterinnen und Bürgermeister oder Gemeinderätinnen und Gemeinderäte. Wir alle profitieren davon, mitreden zu dürfen, unsere Meinung zu sagen, wählen zu gehen. Aber wie viel ist uns das wirklich wert und was bekommen wir dafür zurück? Ich bin Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, ein Podcast über Geschichten aus dem Tiroler Landtag. Folge 21: Demokratie hat ihren Preis oder Was kostet Mitbestimmung? Demokratie ist das Fundament für Freiheit, für Rechtsstaatlichkeit und für unser Zusammenleben. Und Demokratie basiert auf Vertrauen und dieses Vertrauen gelingt uns nur zu schaffen, wenn wir unsere Institutionen transparent gestalten, wenn wir unsere politischen Entscheidungen transparent machen, dann gelingt das. Birgit Obermüller ist Klubobfrau der NEOS im Tiroler Landtag. Für Obermüller, die 1966 in Lienz zur Welt gekommen ist, ist Demokratie nichts Selbstverständliches. Das zeigt schon ein Blick auf die Generation ihrer Eltern.
Birgit Obermüller:
Für sie war es noch nicht selbstverständlich, in Demokratie aufzuwachsen. Sie haben ihre Kindheit noch nicht in demokratischen Verhältnissen verbracht und für sie war es nicht selbstverständlich, die Meinung frei zu äußern. Meine Mutter ist beispielsweise eine Optantin aus Südtirol. Sie hat ganz andere Zeiten durchlebt.
Lukas:
Als Optant:innen sind jede Südtirolerinnen und Südtiroler bezeichnet worden, die 1939 im Rahmen der sogenannten Option entscheiden mussten, ob sie in das Deutsche Reich unter Hitler auswandern oder im von Rom unterdrückten Südtirol bleiben wollten. Diese Geschichte prägt bis heute viele Familien, auch die von Birgit Obermüller. An den ersten Kontakt mit einem demokratischen Prozess erinnert sie sich gut.
Obermüller:
Ja, selbstverständlich in der Schule. Der erste Berührungspunkt war wahrscheinlich die Funktion als Klassensprecherin im Gymnasium.
Lukas:
Klassensprecherwahlen als erster politischer Kontakt. Diese Erfahrung teilt sie mit einigen ihrer Abgeordneten, Kolleginnen und Kollegen. Wer sich bereits früh mit Abstimmungen, Mehrheiten und Verantwortung beschäftigt hat, weiß, wie wichtig demokratische Prozesse sind. Doch Demokratie funktioniert nicht von selbst. Und ja, sie kostet auch Geld. Elisabeth Blanik, seit 2022 zweite Vizepräsidentin des Tiroler Landtags, zählt mehrere Kostenfaktoren auf.
Elisabeth Blanik:
Da fällt mir natürlich die demokratischen Gremien ein, logischerweise. Ob das jetzt auf jeder Ebene ist, ob das der Gemeinderat ist, ob das die Bürgermeisterin ist, ob das der Landtag ist, ob das die Landesregierung ist. Und das kann man so über die Ebenen weiterspielen. Wofür man natürlich auch Geld ausgeben, ist, Informationen an die Wählerinnen und Wähler zu bringen. Ich denke, das ist in der Demokratie auch ein Kostenfaktor, aber auch unabdingbarer. Das heißt, dass man versucht, die Entscheidungen zu erklären und dann, wenn die Entscheidungen gefallen seien, die Bevölkerung darüber zu informieren, sei es jetzt welche Förderungen, welche Gesetze jetzt gerade beschlossen worden seien, was für sie gilt und was natürlich auch jetzt ein Thema ist. Das betrifft jetzt zwar nur im übertragenen Sinn den Tiroler Landtag als Institution, aber das betrifft natürlich die Parteien, das heißt die Wahlkämpfe, das Werben um die Stimmen für die einzelnen Gremien, das ist natürlich auch ein
Lukas:
Befassen wir uns zunächst einmal mit dem Kostenfaktor Wahl. Ungefähr 23 Millionen Euro hat etwa die Durchführung der Nationalratswahl 2024 gekostet. Ungefähr die Hälfte wurde vom Bund, die andere Hälfte von Ländern und Gemeinden getragen, sagt Lore Hayek, Assistenzprofessorin für österreichische Politik und politische Bildung an der Universität Innsbruck.
Lore Hayek:
Also da geht es dann einerseits um infrastrukturelle Sachen oder Materialeinsatz, Einfach Druck und Versand von Stimmzetteln, aber natürlich auch die Durchführung der Wahl, das heißt die WahlbeisitzerInnen, die die Wahl beaufsichtigen und dann die Stimmen zählen. Und die hat eben 23 Millionen Euro gekostet, die Nationalratswahl 2024. Das sind also pro wahlberechtigter Person ungefähr vier Euro. Und ich glaube, ungefähr den Gegenwert von einem großen Bier, das kann unserer Nationalratswahl schon wert sein.
Lukas:
Neben den Kosten für die Wahl wird den Parteien auch Geld für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt.
Hayek:
Die Parteienförderung in Österreich, wenn wir alle Ebenen zusammennehmen und alle unterschiedlichen Förderarten, sind ungefähr 270 Millionen Euro im Jahr. Also da sind jetzt die Parlamentsklubs im Nationalrat, die Bundesparteien, die Parteiakademien und auch die Parteien und Klubs auf Landesebene dabei. Da kann man sich jetzt überlegen, ist das viel oder wenig? Warum gibt es das überhaupt? Man kann sich auch überlegen, was kostet zum Beispiel die Durchführung einer Wahl oder einer Volksabstimmung oder was kostet halt insgesamt so dieser Verwaltungsapparat? Da sind wir dann schon wieder bei, was davon ist jetzt Demokratie und was davon ist einfach ein Verwaltungsapparat, den man auch in einer Monarchie oder auch in einer Diktatur brauchen wird und der auch da was kosten wird.
Lukas:
Neben der Parteienförderung werden auch die Politiker und Politikerinnen aus Steuermitteln entlohnt. Als nur eine von zwei Abgeordneten der NEOS ist Birgit Obermüller etwa für die Bereiche Bildung, Verkehr oder Gesundheit zuständig. Dafür musste sich die Diplom-Pädagogin in viele verschiedene Themenbereiche einlesen, Fachveranstaltungen besuchen und mit Expertinnen und Experten sprechen. Doch bei vielen Gesprächen gibt es nur ein Thema:
Obermüller:
Bei vielen Veranstaltungen werde ich persönlich auch angesprochen. Ja, aber es ist alles gut und recht, Frau Obermüller, aber Politiker verdienen die nicht ein bisschen zu viel. Und ich muss jetzt feststellen, ich hatte ja vorher keinen 8-to-5-Job, sondern ich hatte lange Arbeitstage als Schulleiterin. Aber dieser Beruf und dieser Job jetzt als Politikerin ist noch einmal zeitaufwendiger. Und wenn man das runterbricht auf den Stundenlohn, dann kommt gar nicht so viel heraus. Oder sagen wir so, es ist absolut gerechtfertigt. Es sind viele Wochenenden, die draufgehen oder die einfach erforderlich sind, dass man präsent ist, dass man zu Veranstaltungen geht, dass man an Workshops teilnimmt. Man muss unglaublich viel Unterlagen studieren und das geht sich mit einem Acht-Stunden-Tag lange noch nicht aus.
Lukas:
Elisabeth Blanik, sie ist auch Bürgermeisterin der Stadtgemeinde Lienz, hat bei Veranstaltungen auch andere Reaktionen erlebt:
Blanik:
Da höre ich eher und ich muss sagen, ich bin als Bürgermeisterin der Stadt Lienz sicher ausreichend bezahlt. Da sagen sie dann oft, um viel Geld würden sie das nicht machen. Und ich höre das auch ganz oft, dass sie sagen, was hast du eigentlich für einen Stundensatz bei diesem Stundenaufwand, der ja für die Leute vor Ort natürlich viel leichter nachvollziehbar ist, als wie jetzt bei einem Landesregierungsmitglied, wo dann mir ganz viele sagen, um viel Geld würde ich mir sozusagen diesen Einsatz für mich selber nicht wünschen. Also ich nehme eher von der Bevölkerung mit, dass der Großteil das schon honoriert, was da an Arbeitseinsatz geleistet wird.
Lukas:
Schon im antiken Griechenland wurden Politikergehälter eingeführt, um Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten die politische Mitwirkung zu ermöglichen.Chancengleichheit unter Amtsträgern zu schaffen. Eine Idee, die bis heute in modernen Demokratien fortwirkt.
Blanik:
Die große Gefahr besteht ja darin, dass es sich dann Menschen mit sehr viel Geld ganz einfach richten. Jemand, der Geld hat, um sich einen Wahlkampf aus eigener Tasche zu finanzieren. Jemand, der das Geld hat, für den das irrelevant ist, ob er in seiner Funktion wirklich einen Ersatz dafür kriegt, dass er davon leben kann, der tut sich natürlich viel leichter, aber ich glaube nicht, dass das im Sinne des Erfinders einer parlamentarischen Breite ist. Von daher, glaube ich, ist es schon wichtig, dass unser Regierungssystem gesamtstaatlich getragen wird, dass also wirklich jede und jeder, der das Interesse, das Engagement und den Einsatz hat, sich für eine bestimmte Funktion bewerben kann und dann auch die Garantie hat, dass er sich auch wirklich mit vollem Engagement diesem Thema widmen kann.
Lukas:
Sagt Elisabeth Blanik. Und weiter:
Blanik:
Wenn ich meinen Lebensunterhalt anderweitig hart erarbeite muss und viele Stunden einsetzen muss, damit ich überhaupt in der Lage bin, mich vielleicht politisch zu betätigen, dann besteht einfach die Gefahr, dass es immer nur eine bestimmte Gruppe ist, die dann auch tatsächlich über uns alle bestimmt. Und ich glaube, das ist etwas, was ich mir nicht vorstellen möchte.
Lukas:
Die Gehälter der Abgeordneten in Österreich sind Teil eines komplexen Systems. Ausgangspunkt ist der Bezug eines Nationalratsabgeordneten, von dem aus die Bezüge aller anderen Funktionsträger:innen berechnet werden, erklärt Politikwissenschaftlerin Lore Hayek. Für das Jahr 2025 beträgt der Ausgangsbetrag 11.328 Euro und 40 Cent.
Hayek:
An diesem Ausgangsbetrag orientieren sich dann eben die Bezüge von anderen Funktionen. Zum Beispiel verdient der Bundespräsident 280 Prozent von diesem Ausgangsbetrag, der Bundeskanzler 250 Prozent, der Landeshauptmann von Tirol 180 Prozent und ein einfacher Landtagsabgeordneter, glaube ich, 70 Prozent. Genau, und in diesem System sind diese Bezüge geregelt und das bewegt sich dann halt immer nach oben alles gemeinsam, wenn das entsprechend erhöht wird.
Lukas:
Will man die gesamten Kosten beziffern, ergeben die Gehälter aller Abgeordneten und Regierungsmitglieder in Österreich jährlich etwa 160 Millionen Euro. Auf allen Ebenen, also Länder, Bund und österreichische Vertreter:innen im EU-Parlament. Pro Bürger und Bürgerin macht es rund 25 Euro aus. Jede Staatsform kostet Geld. Die Frage ist immer, wie effizient wird das Geld eingesetzt und was wird damit erreicht?
Hayek:
Demokratie ist keine sparsame Staatsform. Man gibt nicht Geld für demokratische Entscheidungsprozesse aus, um sich danach irgendwo Geld sparen zu können, sondern man gibt eher das Geld aus, um andere Dinge zu sichern, wie eben sozialen Frieden oder Gerechtigkeit oder gleichen Ressourcenzugang oder ähnliche Dinge. Aber der Outcome, der Benefit ist nicht unbedingt etwas, was man monetär beziffern kann.
Lukas:
Wenn sie sich verschiedene Staatsformen ansieht, demokratische versus autokratische Systeme, dann kommt Landtagsvizepräsidentin Elisabeth Blanik zu folgender Einschätzung:
Blanik:
Also ich weiß jetzt gar nicht genau, ob Demokratie nicht doch dann das Billigste ist, weil wenn ich mir so Diktaturen anschaue, ich glaube da geht auch ganz viel Geld drauf, aber halt für eine sehr kleine Gruppe und in Kanäle, die man nicht so nachvollziehen kann. Also von daher, glaube ich, ist jede Regierungsform mit Geld verbunden. In der Demokratie, glaube ich, ist das Geld insofern gut eingesetzt, weil durch die Aufwendungen für die einzelnen Mandatare auf jeder Ebene garantiert sein kann, dass wirklich alle Gruppen in den Parlamenten und in den Gremien vertreten seien.
Lukas:
Landtagsabgeordnete Birgit Obermüller ergänzt:
Obermüller:
Wir müssen uns ja auch ständig weiterentwickeln, weil eine Autokratie ist vielleicht scheinbar günstiger, aber sie verhindert Wirtschaftswachstum, sie verhindert Innovation und das ist à la longue sehr viel teurer als eine Demokratie. Außerdem haben diktatorische Systeme im Vergleich zu Demokratien hohe Ausgaben für Militär- und Sicherheitsapparate. Weil sie ihre Interessen gegenüber der Bevölkerung durchsetzen müssen.
Lukas:
Politikwissenschaftlerin Hayek betont mehrmals im Gespräch den nicht monetär messbaren, aber im Alltag spürbaren Vorteil von Demokratie.
Hayek:
Also mit dem Geld, was wir dafür bezahlen, dass wir demokratische Repräsentanten und Repräsentantinnen haben, mit dem Geld sichern wir uns in einer gewissen Weise sozialen Frieden und demokratische Stabilität im Land.
Lukas:
Eine Demokratie muss auch organisiert sein, sagt Birgit Obermüller. Auch hierfür braucht es Ressourcen.
Obermüller:
Wenn wir das Landhaus anschauen, jeder einzelne Raum ist erforderlich. Es braucht Sitzungssäle, es braucht Räumlichkeiten für Besprechungen, für Ausschüsse, Repräsentationsräumlichkeiten, die Räumlichkeiten für Technik, für Sicherheitsinfrastruktur. Ich würde es als Hardware bezeichnen, was eine Demokratie braucht. Und natürlich dieses Knowhow an Menschen, an den vielen Beamten, an den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, an den vielen Expertinnen und Experten, die hier maßgeblich sind, richtige Entscheidungen treffen zu können. Das ist natürlich ein großer Apparat, der was kostet und der uns auch etwas kosten muss.
Lukas:
In eine Kosten-Nutzen-Rechnung kann man auch Bürgerbeteiligungsprozesse einrechnen, etwa Bürger:innenforen.
Hayek:
Natürlich kosten solche Bürgerbeteiligungsprozesse Geld. Also dieses Geld, was dafür ausgegeben wird, schlagt sich jetzt aber nicht unbedingt darin nieder, dass die Projekte, die dann nach diesen Beteiligungsprozessen realisiert werden, dass die Projekte irgendwie billiger sind oder kostengünstiger sind. Meistens sind sie dann vielleicht eher teurer, weil man eben die Wünsche und Bedenken von Bürgern und Bürgerinnen noch mit einbezieht. Oft ist das aber dann einfach in der Akzeptanz größer. Das heißt, man gibt halt Geld aus, um irgendwie mehr Zufriedenheit oder mehr Akzeptanz für Bauprojekte zum Beispiel herzustellen. Und das ist es den Entscheidungsträgern dann wert, dieses Geld auszugeben, auch wenn sie die Projekte natürlich realisieren könnten, ohne diese Beteiligungsprozesse vorher durchzuführen.
Lukas:
Gleichzeitig steht Österreich aktuell vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Hohe Inflation, steigende Energiepreise und wachsende Staatsausgaben sorgen dafür, dass in der Öffentlichkeit immer wieder über Einsparungen diskutiert wird, etwa bei Verwaltungskosten oder Förderungen. Birgit Obermüller betont, dass zwar auf einige Beratungsstunden von Expertinnen und Experten verzichtet werden könne, aber dass das nicht alles sein dürfe. Es brauche Innovationen, um aus der Krise zu kommen. Sparpotenzial sieht die NEOS-Klubobfrau auch in ihrem Arbeitsumfeld.
Obermüller:
Wir NEOS sind beispielsweise immer dafür eingetreten, dass die Parteienförderungen und die Klubförderungen weniger sein könnten. Wir möchten auch Nulllohnrunden befürworten. Auf Bundesebene haben die Nationalratsabgeordneten beispielsweise schon die zweite Nulllohnrunde hinter sich. Auf Landesebene in Tirol ist das noch nicht gelungen. Ich glaube, jetzt wäre es an der Zeit, dass das passiert. Ja, wir sollten uns da schon irgendwo auch an die Bundesinitiativen anpassen. Und es sollte nicht so sein, dass die Bundespolitiker hier weniger verdienen als die Landespolitiker.
Lukas:
Und es gibt noch etwas, auf das sie zu Wahlkampfzeiten gerne verzichten könnte.
Obermüller: In meinen Augen ist diese Plakatflut absolut obsolet. Ich weiß auch, dass sich viele Menschen daran stoßen. Da wird immer wieder argumentiert, alle Menschen sind noch nicht digital und es müssen die Gesichter der Politiker, die sich bewerben, auch in der Öffentlichkeit präsent sein. Ich glaube, das muss nicht in dieser Anzahl sein. Es sollte bestimmte Stellwände geben, wo alle abgebildet sind und an repräsentativen Stellen in Ortskernen oder wo auch immer. Und das sollte eigentlich ausreichend sein. Und diese Wahlgeschenke, die nehmen auch so überhand. Da sollten wir uns in Zeiten des Spahns schon auch überlegen, ob das noch sozial rechtfertigbar ist.
Lukas:
Auch was die Wahlkampfkosten angeht, sieht Obermüllers Sparpotenzial.
Obermüller:
Wir haben zwar Obergrenzen festgelegt, aber die werden ständig überschritten von manchen Parteien und es bleibt ohne große Konsequenzen. Manchmal gibt es Strafzahlungen, aber auch die werden beglichen. Hier müsste das viel drastischer und konsequenter behandelt werden, wenn Wahlkampfkosten überstiegen werden, dass es hier wirklich Konsequenzen gibt, die Parteien wehtun.
Lukas:
Wenn im Wahlkampf Millionen bewegt werden für Plakate, Werbung, Veranstaltungen, Social-Media-Kampagnen oder Berater:innen-Honorare, stellt sich schnell die Frage, wer zahlt das eigentlich und wer kontrolliert's? Genau da zeigt sich, wie wichtig Transparenz in einer Demokratie ist. Nur wenn offen liegt, woher das Geld kommt und wie es eingesetzt wird, können Bürgerinnen und Bürger politische Entscheidungen nachvollziehen und ihr Vertrauen in die Politik behalten. Hier sind wichtige Institutionen gefragt, erklärt Politologin Lore Hayek.
Hayek:
Und da kommen eben die Rechnungshöfe ins Spiel, die finanzielle Vorgänge in den Landtagen, den Landesregierungen, der Bundesregierung prüfen. Und aufbereiten so, dass sie dann quasi auch für die Normalsterblichen lesbar und verständlich sind. Das ist jetzt immer noch nicht so in einer Art und Weise, dass ich sage, jeder Mensch kann schnell einmal beim Frühstück so einen Rechnungshofbericht überfliegen. Aber es ist zumindest möglich für ganz normale Bürgerinnen und Bürger, dass sie über die Arbeit von den Rechnungshöfen erfahren können, was passiert eigentlich mit unserem Geld. Ist es rechtmäßig und nach den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verwendet worden und so weiter.
Lukas:
Aber sparen allein reicht nicht. Investieren ist genauso wichtig in Bildung, in Beteiligung, in alles, was Demokratie lebendig hält. Für Elisabeth Blanik, die seit 2011 Bürgermeisterin von Lienz ist, beginnt diese Lebendigkeit genau dort, in den Gemeinden. Sie fordert mehr Anerkennung für die kommunale Ebene.
Blanik:
Also ich bin Stadtbürgermeisterin jetzt neben meinem Landtagsmandat. Man hat tatsächlich wirklich viel im Einsatz und ich finde auch, dass ich als Bürgermeisterin einer Stadt über 10.000 Einwohner adäquat verdienen. Aber wenn ich mir anschaue, was meine Bürgermeisterinnen, Kollegen in die kleinen Gemeinden, welchen Einsatz die bringen, welche Verantwortung die tragen und mir dann anschaue, wie diese Funktion bezahlt wird, dann denke ich, da hätten wir dringenden Handlungsbedarf. Weil das ist schon ein Bereich in unserer Demokratie, der, glaube ich, eine Zeit lang einfach nicht in dem Ausmaß honoriert worden ist für die Verantwortung, für den, für diese ganzen rechtlichen Themen, die da in der persönlichen Verantwortung und in der persönlichen Haftung von den Menschen seien.
Lukas:
Dabei ist die Belastung hoch. Die finanzielle Lage vieler Gemeinden ist angespannt. Dazu kommen bürokratische Hürden und nicht zuletzt die rechtliche Verantwortung.
Blanik:
Man muss sich ja vorstellen, das ist wirklich eine persönliche Haftung. Der Bürgermeister, die Bürgermeisterin ist Baubehörde. Bei jeder Maßnahme, das habe ich auch schon erlebt, wenn irgendeine Abteilung, gerade im Bereich Umwelt, wenn da irgendwas nicht so ausgeführt worden ist. Wie es jetzt, sage ich mal ganz vorsichtig, die übergeordnete Behörde sich vorstellt. Also da kriege ich privat die Anzeige, die ist auch privat zu bezahlen. Da bin also wirklich ich dann vorm Richter als Person, jeder andere Bürgermeister auch. Und also das, glaube ich, wird noch viel zu wenig wahrgenommen, was da auch an persönlicher Haftung und gerade auf dieser meiner Meinung nach extrem wichtigen kommunalen untersten politischen Ebene, was da getragen wird. Und das, glaube ich, da müssen wir schon alle miteinander regulierend was tun, weil wenn diese unterste demokratische Ebene in den Gemeinden nicht mehr wirklich funktioniert, dann finde ich das demokratiepolitisch sehr, sehr schwierig.
Lukas:
Und dennoch, was begeistert Elisabeth Blanik nach all den Jahren an ihrem Amt?
Blanik:
Du brauchst diesen politischen Gestaltungswillen, du brauchst dieses Engagement, du musst auch dieses Politik-Virus und diese Liebe zum Gestalten, zum gemeinsamen Gestalten haben. Du musst die Leute mögen, weil du bist permanent im Kontakt, du hast ja unmittelbaren Bürgerkontakt und dennoch, diese Honorierung von Verantwortung und von Einsatz muss in einem Verhältnis stehen.
Lukas:
Birgit Obermüller nennt weitere Bereiche, in denen sich ihrer Meinung nach Investitionen lohnen würden.
Obermüller:
Zum Beispiel sollten wir in die Medienförderung investieren, in eine allgemeine Medienförderung. Wir fördern derzeit Printmedien. Digitale Medien werden vergessen. Wir fordern ja alle eine unabhängige Berichterstattung und es gelingt den Medien natürlich besser, wenn sie nicht abhängig sind von Abos, von politischen Förderungen, von Inseraten. Das wäre für mich ein sehr wesentlicher Punkt, hier in Demokratie zu investieren. Wir sollten investieren in mehr Digitalisierung. Wir verbrauchen unglaublich viel Papier für den Ausdruck von Berichten, Unterlagen. Und da entwickelt sich das Land Tirol jetzt schrittweise doch in die richtige Richtung. Zum Beispiel sind die Antrags- und Anfragestellungen nur mehr digital zum Einreichen und allein da kann man schon viel Papier sparen. Investitionen sind sinnvoll, wenn es in die Barrierefreiheit von parlamentarischer Arbeit geht und so weiter.
Lukas:
Abschließend sei gesagt, dass eine Demokratie nur dann lebendig bleiben kann, wenn sich möglichst viele Menschen daran beteiligen. Wenn Menschen klar ist, dass sie ihre Zukunft mitgestalten können, wenn sie zur Wahl gehen und Menschen wählen, die sie und ihre Anliegen repräsentieren. Birgit Obermüller möchte gerade jungen Menschen Folgendes mitgeben:
Obermüller:
Es zahlt sich aus, sich in die Gesellschaft einzubringen. Egal, ob das ehrenamtlich ist, ob das politisch ist, ob das einfach in verschiedenen Vereinen, Gemeinschaften passiert ist, Es zahlt sich aus, es macht zufriedener und wenn man am Ende des Tages sagen kann, man hat sich bemüht, man hat versucht, einen Teil dafür beizutragen, dass die Gesellschaft wieder ein bisschen besser funktioniert, dass das Zusammenleben wieder schöner wird, dann ist das doch ein gutes Resümee, das man für sich selber machen kann.
Lukas:
Dank, dass ihr mit uns Kosten und Nutzen einer Demokratie genauer unter die Lupe genommen habt. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert bitte Adlerohren Tiroler Landtagsgeschichten auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform. Lasst uns eine gute Bewertung da und teilt uns eure Gedanken dazu mit unter adlerohren.tirol.gv.at oder auf unseren Social- Media-Kanälen. Außerdem packen wir euch einen Feedback-Bogen in die Shownotes. Es würde uns freuen, wenn ihr den ausfüllen könntet. Wir sind sehr gespannt darauf, was euch gefällt, was ihr verbessern möchtet, welche Themenvorschläge ihr für uns habt und generell auf eure Meinungen und Ideen. Euer Feedback ist uns wichtig. In der nächsten Folge geht es um eine ganz besondere Initiative, bei der die Fassade des Landhaus 1 in Innsbruck 16 Abende lang in kräftigem Orange leuchtet. Die weltweite UN-Kampagne Orange the World setzt vom 25. November bis 10. Dezember ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Wir sprechen über Frauenhäuser, Männerberatung und darüber, was es braucht, damit mehr Bewusstsein für Gewaltprävention in Tirol entsteht. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder mit dabei seid. Servus, pfiat euch und bis zum nächsten Mal.