Der Welttag der Demokratie
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #17
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Heute geht es um nichts weniger als die Bedeutung der Demokratie. Seit 2007 gibt es von der UNO am 15. September einen internationalen Welttag dafür, damit wir uns bewusst machen, wie wertvoll sie ist. Denn Demokratie bedeutet mehr als wählen zu gehen. Sie zeigt sich im Alltag, sie ist manchmal brüchig und sie braucht uns alle, um stark zu bleiben. Und darüber reden wir in dieser Folge. Ich bin Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, der Podcast über Geschichten aus dem Tiroler Landtag. Folge 17 – Der Welttag der Demokratie oder Wie viel Mitbestimmung steckt in unserem Alltag? Wir sprechen heute mit Tirolerinnen und Tirolern über ihr Bild von Demokratie. Wir haben eine Politikwissenschaftlerin und eine Politikerin eingeladen und wir haben bei Tiroler Influencer:innen nachgefragt, was Innendemokratie bedeutet. Immerhin erreichen sie mit ihren Accounts tausende Menschen und sind damit ein Sprachrohr und Vorbild für viele. Nina Gigele macht den Anfang. Sie ist Unternehmerin, auf Social Media sehr erfolgreich und Skiguide. Nach dem Ende ihrer Skisportkarriere hat sie ihren Weg zurück in die Berge gefunden und teilt heute ihre Abenteuer am Arlberg und weltweit. Und mit uns teilt sie ihre Ansichten über Demokratie.
Nina Gigele:
Für mich bedeutet Demokratie, dass man gemeinsam an einem Ziel arbeitet, das man erreichen möchte. Nicht nur das Konzept ausarbeitet, sondern auch wirklich die Steps, die Umsetzung gemeinsam durchzieht. Egal, ob das einmal einfach oder schwierig ist. Und am Ende kommt dann was Tolles heraus. Und dafür finde ich einfach, dass Demokratie wichtig ist und dass man da auch dranbleiben soll, dass man das gemeinsam erreicht.
Lukas:
Auch in der Politik beginnt alles mal klein. Elisabeth Blanik, heute zweite Vizepräsidentin des Tiroler Landtags und Bürgermeisterin von Lienz, erinnert sich noch gut, wie sie schon in der Schule mit demokratischen Prozessen in Berührung gekommen ist.
Elisabeth Blanik:
Das waren die Klassensprecherwahlen, die ich eigentlich erst bewusst wahrgenommen habe, dann tatsächlich in der Handelsakademie, wo das auch, muss ich sagen, von der Schule schon sehr zelebriert worden ist. Also wirklich als Wahlakt, der da abzuhalten ist, auch mit Präsentation der einzelnen Personen. Das war für mich so der erste aktive Teil, wo ich in so einem demokratischen Prozess wirklich eingebunden war. Aber das war damals schon, also da hast du dann auch schon die Wahlwerberinnen gehabt für dieses Amt, Klassensprecher und Stellvertreter. Das ist für mich das erste wirklich wahrnehmbare demokratische Experiment gewesen.
Lukas:
Für Stefan Ebner, einem in Innsbruck wohnhaften Sportmanager, der sich seit vielen Jahren aktiv für die Anliegen der Skateboard-Community einsetzt, bedeutet Demokratie vor allem Freiheit. Verbunden mit Regeln, die für alle gelten und dem Schutz von Minderheiten.
Stefan Ebner: Also für mich ganz persönlich bedeutet Demokratie und vor allem das Glück, in einer liberalen Demokratie geboren zu sein, dass ich prinzipiell frei entscheiden kann, wie ich mein Leben leben will, solange niemand anders dadurch Schaden nimmt. Natürlich gibt es in der Praxis Einschränkungen, aber so vom Prinzip her. Und auch, dass es rechtliche Normen gibt, die zumindest in der Theorie für alle gleichermaßen gelten müssen. Und Prozesse wie solche Normen zustande kommen. Also, dass es eine gewisse Rechtssicherheit gibt und nicht irgendein Führer von heute auf morgen die Regeln nach Gutdünken ändern kann. Und vom Wort her selber natürlich, dass die Bevölkerung von einem Land entscheidet, wer das Land regiert. Wobei für mich dann trotzdem auch dazugehört, dass nicht nur die Mehrheit zählen sollte, sondern dass die Mehrheit die Pflicht hat, auch die Minderheiten zu schützen.
Lukas:
Die Politikwissenschaftlerin Susanne Reitmair-Juárez von der Universität Innsbruck liefert eine weitere Definition.
Susanne Reitmair-Juárez:
Demokratie ist eine Lebensform und eine Herrschaftsform. Also es geht darum, dass möglichst viele Menschen, die sich an Regeln halten sollen, also an Gesetze zum Beispiel, auch daran beteiligt sind und daran mitmachen können, wie diese Gesetze, diese Regeln ausschauen. Und es geht auch darum, sich für unser gemeinsames Leben, unsere gemeinsame Umwelt sozusagen, zu interessieren, sich einzubringen, ein bisschen zu wissen, was tut sich da, was sind gerade aktuelle Themen. Was interessiert mich da, wie kann ich mich da einbringen, wie finde ich, dass das sein sollte, damit das gut funktioniert für möglichst viele Menschen.
Lukas:
Wie Demokratie im Alltag spürbar wird, dazu hat auch Lisa Shelton auf Instagram und über ihrem Blog, besser bekannt als Koch mit Herz, eine klare Meinung. Sie teilt mit ihrer Community nicht nur Rezepte, sondern auch Gedanken über unser gesellschaftliches Miteinander.
Lisa Shelton:
Für mich bedeutet Demokratie, dass wir als Gesellschaft mitbestimmen können und auch Verantwortung füreinander übernehmen, besonders für Kinder. Demokratie ist für mich also nicht nur ein politisches Konzept, sondern eine Chance, aktiv mitzugestalten, wie wir leben, lernen und aufwachsen.
Lukas:
Als Ernährungsinfluencerin setzt sie sich für Aufklärungsarbeit und Chancengleichheit beim Zugang zu gesunder Ernährung ein, vor allem für Kinder. Und darum formuliert Lisa Shelton einen klaren Wunsch an die Demokratie.
Shelton:
Ich wünsche mir, dass Kinder in öffentlichen Einrichtungen von der Krabbelstube bis zur Schule Zugang zu gesunder, ausgewogener Ernährung bekommen. Essen ist die Basis für Entwicklung, Konzentration und Gesundheit. Und wenn wir Chancengleichheit sprechen, darf gute Ernährung nie vom Elternhaus abhängig sein.
Lukas:
Demokratie heißt eben auch Chancengerechtigkeit, unabhängig von Faktoren wie sozialem Hintergrund, Geschlecht oder Herkunft. Für Elisabeth Blanik ist ein weiterer Punkt zentral, dass wir auf Augenhöhe miteinander diskutieren können.
Blanik:
Also ganz sicher beginnt für mich Demokratie in der freien Meinungsäußerung. Alles kann man sagen, solange es nicht verletzend, verhetzend ist, dann denke ich, das ist der Grundpfeiler.
Lukas:
Krisen, Kriege, Pandemien und erstarkende Extreme. Statt ruhiger Debatten erleben wir immer öfter laute Schlagabtausche. Und das beunruhigt Elisabeth Blanik, denn sie weiß, wie zerbrechlich Demokratie sein kann.
Blanik:
Der Tag der Demokratie ist ja derzeit schon etwas, was mir immer wieder zum Bewusstsein bringt, wie fragil die Demokratie ist, wie gut wir nämlich auf allen Ebenen und alle auf unser demokratisches System aufpassen müssen. Das hat auch mit Orbans, Trumps zu tun, wo man sieht, wie schnell demokratische Grundwerte verloren gehen. Das war ein sehr schwieriger Prozess. Da haben ganz viele Menschen vor uns große Opfer gebracht, um dieses rechtsstaatliche, demokratische Prinzip, in dem wir jetzt leben, auch möglich zu machen. Und es geht ganz, ganz schnell, dass wir da ganz viel verlieren.
Lukas:
Der Internationale Tag der Demokratie ist für Susanne Reitmair-Juárez genau der richtige Moment, um bewusst innezuhalten und zu fragen, wie wollen wir eigentlich zusammenleben?
Reitmair-Juárez:
So internationale Tage sind generell dazu da, einfach Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit auf ein bestimmtes wichtiges Thema zu lenken, ein bisschen mehr Bewusstsein zu schaffen. Also in dem Fall auf Gleichheit, auf Freiheiten, Menschenrechte, so die Bedeutung, die Vorteile, die demokratische Systeme für das Zusammenleben in einer Gesellschaft, für das friedliche Zusammenleben vor allem, bieten, dass man darauf einfach nochmal mehr den Fokus legen kann und das einfach auch nutzt, so als Rahmen Bewusstseinsbildung zu machen und auch vielleicht ein bisschen stolz darauf zu sein, dass wir in einer Demokratie leben zum Beispiel.
Lukas:
Doch wie stabil sind Demokratien? Ein Blick aufs Jahr 2025.
Reitmair-Juárez:
Es ging Ihnen schon mal besser, es ging Ihnen aber auch schon mal schlechter. In den letzten 20, 30 Jahren sehen wir schon, dass in den internationalen Rankings, dass es in vielen Ländern so Verschlechterungen gibt, dass einzelne Bereiche von Demokratie oder von Rechtsstaatlichkeit geschwächt werden, angegriffen werden, demokratische Systeme labiler werden, dass autoritäre Tendenzen wachsen und nicht mehr nur, wie das vielleicht früher so unser Bild war, irgendwo fern auf der Welt, sondern durchaus auch in Europa oder in den USA, wenn wir daran denken, dass da einfach gerade ganz grundsätzliche Dinge wie wer hat wie viel Macht, wer darf was entscheiden, gerade ganz wild neu ausverhandelt werden, wenn wir jetzt an die USA denken mit Präsident Trump und zum Beispiel im obersten Gerichtshof.
Lukas:
Ein Blick auf die Rangliste zeigt Unterschiede. Norwegen, Neuseeland und Schweden führen. Österreich liegt auf Platz 19. Weiter hinten finden wir dann Polen und Ungarn, Länder, in denen vor allem die Unabhängigkeit der Gerichte unter Druck steht. Susanne Reitmair-Juárez erklärt, warum genau das so gefährlich ist.
Reitmair-Juárez:
Innerhalb der EU, wenn wir an Polen, an Ungarn denken zum Beispiel, wie da auch teilweise Gerichte, die unabhängige Gerichtsbarkeit angegriffen werden, w as so ein ganz wesentliches Merkmal von Demokratie ist, einfach, dass wir unsere Rechte einfordern, einklagen können, ohne dass da jemand willkürlich reinpushen kann. Oder wenn auch Medienfreiheit, Informationsfreiheit angegriffen wird, einfach indem relativ willkürlich neue Regeln erfunden werden. So, du bekommst jetzt keine öffentliche Förderung mehr, weil es gefällt mir nicht, wie du arbeitest oder was du über mich sagst. Also prinzipiell gibt es in einigen Staaten schwierige Entwicklungen, die Demokratien weltweit so ein bisschen schwächen.
Lukas:
Eine Art Gesundheitscheck für die Demokratie. Jedes Jahr zeigt der Demokratiemonitor, wie die Stimmung so ist. In Österreich sind 90 Prozent überzeugt, dass Demokratie bei allen Schwächen das beste System bleibt.
Reitmair-Juárez:
Also Demokratie ist eine Gesellschaftsform, eine Staatsform, die uns einfach ermöglicht, möglichst in Frieden zusammenzuleben, weil wir einfach Mechanismen und Formen haben, unsere Konflikte ohne Demokratie. Gewalt zu lösen. Es geht eben darum, dass wir möglichst in Freiheit leben können, also unsere individuellen Freiheiten und Rechte wahrnehmen können. Da geht es auch darum, dass die allermeisten Menschen in dieser Gesellschaft einfach gut leben können. Also wirtschaftlich gut, aber auch einfach in persönlicher Sicherheit, dass sie sich nicht fürchten vor den anderen. Dass man auch so ein positives Zusammenleben hat, gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.
Lukas:
Klingt gut, oder? 90% für Demokratie. Aber wenn man genauer hinschaut, dann wird es schon kritischer. Denn weniger als die Hälfte ist zufrieden damit, wie sie derzeit funktioniert.
Reitmair-Juárez:
Wenn wir nochmal ein bisschen spezifisch dahinschauen, so diese Selbstwirksamkeit, wie gut wahrgenommen fühlen sich die Menschen in der Demokratie in Österreich, dann sagen nur noch etwas mehr als ein Drittel der Menschen, dass Menschen wie sie selber gut im Parlament vertreten sind. Also da wird es dann schon ein bisschen problematisch, denke ich, weil das ist so ein bisschen das Kernversprechen der Demokratie, dass eben jeder einzelne Mensch gehört wird und mitreden kann und die Interessen vertreten werden. Und wenn da eine immer größere Gruppe sagt, naja, so eigentlich so richtig sehe ich mich da nicht, ja, dann ist das eine Herausforderung für Demokratie, weil die auch im Wesentlichen darauf beruht, dass die Menschen daran glauben, dass das für sie ein Vorteil ist.
Lukas:
Dieser Befund zeigt klar den Unterschied. Demokratien müssen im Dialog überzeugen, während autoritäre Systeme mit Zwang arbeiten, erklärt Susanne Reitmair-Juárez.
Reitmair-Juárez:
Also Demokratie muss die Menschen ja von sic überzeugen, dass das gut ist und dass wir das erhalten wollen. Wohingegen eine Diktatur das ja mit Gewalt macht. Also so, ich herrsche da jetzt, ich frage dich gar nicht. Das ist so der Unterschied. Deswegen ist so diese Zustimmungswerte, diese Vertrauenswerte sind in Demokratien eben viel wichtiger. Als in autoritären Systemen.
Lukas:
Der Unterschied könnte größer nicht sein. Dort bestimmt einer von oben. Und hier wird so lange diskutiert, bis ein Kompromiss gefunden ist. Für Elisabeth Blanik ist genau das die Stärke der Demokratie.
Blanik:
Demokratie ist tatsächlich ein Auseinandersetzen, ein langwieriges Abwägen, Kompromisse finden. Hat nichts mit Tschak-Tschak-Entscheidung und jetzt Umsetzen zu tun. Und ich glaube, das muss es auch nicht. Und diesen Wert muss man wieder nach außen tragen.
Lukas:
Ja, Bürokratie nervt manchmal. Aber ohne sie hätten wir keine Möglichkeit, unsere Rechte wirklich durchzusetzen. Und gute Gesetze brauchen nun mal Zeit.
Blanik:
Ich würde mir ja wünschen, wenn wir als Politikerinnen und Politiker sagen, wir haben eine Idee, aber das wird eine Zeit brauchen. Weil um ein gutes Gesetz aufzusetzen, das man nicht vielleicht im nächsten Jahr gleich wieder ändern muss, braucht es Zeit. Gehirnschmalz, viele Auseinandersetzungen, viel Diskurs und diese Zeit ist aber extrem gut eingesetzt. Und diese Zeit ist notwendig und das muss man auch bereit sein in Kauf zu nehmen.
Lukas:
Elisabeth Blanik gehört seit 2003 dem Tiroler Landtag an. Für sie ist eine Stärke der Demokratie, nämlich miteinander zu diskutieren, teils zu einer Herausforderung geworden. Angesichts von Filterblasen im Internet, hitzigen Postings und rauerem Ton fällt es inzwischen vielen Menschen schwerer, miteinander auf Augenhöhe zu sprechen. Und davon nimmt es sich selbst auch nicht aus. Doch am Ende ist es die Demokratie wert.
Blanik:
Das ist tatsächlich ein Aushalten, dass ich da mir manchmal schwer tue, mit manchen Meinungen, mit manchen Halbwahrheiten. Aber auf der anderen Seite ist es, glaube ich, ganz wichtig, sich da auseinanderzusetzen, immer wieder die Energie aufzubringen, in den Diskurs, in den Streit zu gehen, manchmal auch in einen lautstarken Diskurs zu gehen. Das Allerschlimmste ist, nicht mehr in den Diskurs und nicht mehr in das Miteinander austauschen zu gehen. Wäre viel einfacher und manchmal, wenn man mir das ist, kenne ich auch von mir, denke ich mir, ich mag da jetzt eigentlich gar nichts mehr sagen. Geht aber nicht. Ich glaube, das ist das Wichtige. Immer wieder in Diskurs, immer wieder in die Anstrengung gehen, dagegen zu stehen, dagegen zu halten, seine Meinung zu artikulieren. Und manchmal ist es ja auch lustvoll.
Lukas:
Raum für Diskussion ist wichtig. Daher findet Elisabeth Blanik es gut, dass im Tiroler Landtag jede Stimme so lange gehört wird, wie es nötig ist.
Blanik:
Das heißt, die Abgeordneten haben tatsächlich die Möglichkeit, in aller Emotionalität, in aller Länge und Breite Ideen der Bevölkerung in den Landtag zu bringen und auch zu diskutieren.
Reitmair-Juárez:
Also der Tiroler Landtag ist das Parlament Tirols und in dem Sinne so das Herzstück und auch das wichtigste Symbol für Demokratie, wo die Gesetzgebung passiert, wo eben die gewählten Parteien, PolitikerInnen zusammenkommen und Themen ausverhandeln, die Interessen vertreten und versuchen für Probleme, die es halt gibt, Lösungen zu finden, mit denen möglichst viele Menschen gut leben können.
Lukas:
Für die Politikwissenschaftlerin Susanne Reitmair-Juárez ist der Tiroler Landtag ein Herzstück und Symbol der Demokratie. Elisabeth Blanik ergänzt um die kleinste Verwaltungseinheit, die Gemeinden.
Blanik:
Die Urzelle für mich, wenn man jetzt im politischen System ist, ist natürlich die Gemeinde, der Gemeinderat, wo wirklich eine kleine Kommune sich in einem Rechtsrahmen um ihre eigenen Angelegenheiten kümmert und dann ist ja schon die nächste Ebene übergeordnet für das Land demokratisch, alle Teile des Landes, die ja durchaus unterschiedlich sind, einzubinden, in einen Diskurs zu bringen und gemeinsam in den Abstimmungsprozessen dann für die Entwicklung des Größeren Ganzen abzustimmen.
Lukas:
Wer mitgestalten will, braucht das Wahlrecht. Aber in Österreich ist es streng an die Staatsbürgerschaft gebunden. Und das heißt, viele, die hier leben und arbeiten, haben politisch gar keine Stimme. Susanne Reitmair-Juárez sieht genau das kritisch.
Reitmair-Juárez:
Also das sehe ich schon sehr problematisch, dass Österreich eines der Länder ist, weltweit kann man sagen, die den Zugang zum Wahlrecht am restriktivsten regelt und auch wenig Bereitschaft zeigt, sich da ein bisschen zu öffnen, sondern eher ins Gegenteil geht, weil einfach das auch eine Entscheidung ist, eine Aussage sozusagen. Wir wollen manche Menschen einfach nicht mitbestimmen lassen, obwohl sie ja genauso hier wohnen, hier das Leben, den öffentlichen Raum mitgestalten und auch unser System sozusagen miterhalten. Weil die arbeiten ja in allen möglichen Bereichen, sind von allen Gesetzen betroffen, müssen sich daran halten und können aber eben nicht mitbestimmen.
Lukas:
Wenn nämlich viele Menschen nicht wählen dürfen, dann hat es Folgen, auch für die Politik selbst. Denn Abgeordnete vertreten dann ja nur mehr einen Teil der Gesellschaft. Wählen ist das eine, aber man muss auch wissen, worüber man entscheidet. Susanne Reitmair-Juárez hat untersucht, welche Themen unterschiedliche Altersgruppen erreichen und ob Jugendliche wirklich anderes mitbekommen als Erwachsene.
Reitmair-Juárez:
Ein Ergebnis ist, dass es nicht unbedingt so ganz unterschiedliche Themen sind, die man mitbekommt. Also dass jetzt Jugendliche zum Beispiel, weil sie sich über Instagram informieren, ganz andere politische Themen mitbekommen, als jetzt Erwachsene, die ZIB schauen oder eine Zeitung lesen, sondern dass einfach generell bei vielen Menschen recht wenig ankommt und recht oberflächlich.
Lukas:
Fakt ist, Politik kommt nicht automatisch auf Smartphone-Display. Und wer Bescheid wissen will, der muss aktiv danach suchen.
Reitmair-Juárez:
Sich ein bisschen dafür interessieren und ein bisschen Bescheid wissen, was so abgeht im Land, was sind gerade so die Themen. Da kann man nicht darauf warten, dass das so automatisch übers Internet, über Social Media so kommt, sondern dass man einfach da wirklich bewusst sagen muss, okay, ich will jetzt wissen, was macht diese Regierung denn? Also ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass das automatisch zu mir kommt, sondern muss ich bewusst mich informieren. Und dann ist nämlich auch diese Gefahr weniger, dass das so auseinanderfällt, wer was weiß und aus welcher Quelle.
Lukas:
Und wer noch einen Schritt weiter gehen will, der hat viele Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Reitmair-Juárez:
Wenn mir ein Thema wichtig ist, mich mal darüber zu informieren, mir meine Meinung zu bilden und dann will ich X vertreten. Thema X oder Meinung X. Dann mir einfach anschauen, was gibt es denn da schon. Und es gibt fast immer schon irgendeine Organisation oder Verein oder Initiative, die sich dem schon widmet. Und da kann ich mich zum Beispiel einfach anschließen. Und wenn ich jetzt Zeit und Energie und Muße dafür habe, dann werde ich tatsächlich aktives Mitglied und engagiere mich für irgendwas. Oder ich kann einfach Mitglied werden und vielleicht spenden oder auf Social Media versuchen, meine Reichweite zu nutzen und Dinge zu teilen und andere Leute zu informieren.
Lukas:
Egal ob direkt beim Abgeordneten oder über Vereine und Initiativen. Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind für die Politik unverzichtbar.
Reitmair-Juárez:
Weil Politiker:innen sind ja darauf angewiesen, dass sie mit den ganz normalen Menschen, sage ich mal, einfach möglichst viel Kontakt haben und einfach sehen und mitbekommen, was die gerade denken, was die gerade brauchen. Weil ich kann halt jetzt in einem Landtag, in einem Parlament nicht die Lebensrealität von Millionen von Menschen direkt abbilden im Sinne von, die sind alle persönlich vertreten. Das heißt, ich bin darauf angewiesen, dass jetzt arbeitslose Menschen kommen und sagen, mir geht es gerade so und so, ich bräuchte das und das. Oder, was weiß ich, Alleinerzieher, Menschen auf dem Land, in der Stadt, irgendwo. Also mit unterschiedlichen Lebensrealitäten einfach.
Lukas:
Sich engagieren kann auch heißen, selbst politisch aktiv zu werden. Elisabeth Blanik, seit 2022 Bürgermeisterin von Lienz, erzählt, wie so ein Weg beginnen kann.
Blanik:
Der Start ist meistens auf kommunaler Ebene, was auch sehr hilfreich ist, weil da lernt man wirklich das politische Geschehen an der Basis, um dann weiter nach oben zu gehen. Und ganz ehrlich, man kann dann schon ein Feuer fangen. Also sich politisch einzubringen, hat wirklich mit dem gesamten Lebensbogen zu tun. Von der Wiege bis zur Bahre und alles, was dazwischen drin ist. Ob das es Abwasser ist oder der Wald ist. Also es ist schon interessant. Ja, alle herzlich eingeladen. Und es wäre so wichtig, dass eben auch junge Menschen drinnen seien. Dass aus den unterschiedlichen Berufsgruppen Menschen politisch mitarbeiten würden. Weil das natürlich insgesamt die Entscheidungen einfach massiv verbessert.
Lukas:
Die Landtagsvizepräsidentin wünscht sich dezidiert mehr Frauen und Menschen mit Migrationserfahrung in die Politik. Aber sie weiß, viele schrecken vor dem Druck und den negativen Kommentaren zurück. Und oft ziehen sich gerade junge Engagierte nach der Familiengründung wieder zurück.
Blanik:
Und dann habe ich halt die Erfahrung, ab einem bestimmten Alter, wenn man dann gesettelt ist, dann tauchen die Menschen auch wieder eher im politischen System auf. Wichtig wäre natürlich da dazwischen drin auch. Aber, das muss man sagen, Politik, Demokratie, sich einbringen, ist natürlich zeitaufwendig. Du musst dich einlesen, du musst dich damit beschäftigen, du brauchst viel Zeit und da brauchst du eine Leidenschaft dazu. Mein Appell, es zahlt sich aus, es ist interessant und vor allem insgesamt für die Gesellschaft ganz, ganz ein wichtiger Part.
Lukas:
Also gilt, Demokratie üben am besten schon als Kind. Deshalb hat Blanik in ihrer Gemeinde Lienz ein Projekt gestartet, bei dem Volksschulkinder echte Gemeinderatssitzungen nachspielen.
Blanik:
Mich freut es immer ganz besonders. In der dritten Volksschule kommen die Volksschulen ja immer in das Rathaus. Da sind sie ja wirklich Firmen. So viel über Gemeinde wie in der dritten Volksschule weiß man, glaube ich, nie wieder. Die sitzen dann immer auf den Plätzen der Gemeinderätinnen und Gemeinderäte. Dann diskutieren wir. Ich habe dann immer Vizebürgermeister, die auf den Vizebürgermeister setzen. Also ich mache das dann wirklich wie bei einem Gemeinderat in der Abstimmung. Und da kommt dann schon Begeisterung auf. Und ganz viele, interessanterweise vor allem Mädchen, hat vielleicht was jetzt mit der Bürgermeisterin zu tun, sagen dann, ich wäre einmal Bürgermeisterin.
Lukas:
Außerdem wünscht sich die Abgeordnete, dass Politikerinnen und Politiker auch öfter mal selbst in die Schulen gehen.
Blanik:
Also es findet eigentlich kaum mehr statt, weil diese Angst, die Politik in die Schulen zu bringen. Aber ich denke, wenn alle Fraktionen zugleich dort sein, muss man auch keine Angst vor einer politischen Einflussnahme haben, sondern da geht es eher dann um diesen politischen Diskurs, den man dorthin bringt. Vielleicht eine Idee, eher wir hingehen und nicht die zu uns holen.
Lukas:
Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, Politik ist oft komplexer, als es von außen wirkt. Wer das erlebt, der versteht Entscheidungen besser und vertraut ihnen mehr. Das beobachtet Susanne Reitmair-Juárez immer wieder.
Reitmair-Juárez:
Also wir wissen, wenn man bei Rollenspielen mitmacht, bei so Simulationen oder einfach mal in so einem Jugendparlament war und gesehen hat, wie mühsam das halt manchmal ist, da glaubt man, man hat ein relativ begrenztes, einfaches Problem und will halt da irgendeine Lösung dafür finden. Und dann merkt man, wie viele unterschiedliche Perspektiven es da gibt. Dann gibt es auch noch diese Menschen, die haben da ein Bedürfnis oder eine Notwendigkeit. Das müssen wir auch noch beachten. Oh, und dann gibt es ja auch noch andere Regeln, die können wir auch nicht einfach so über den Haufen schmeißen. Und dann sieht man, wie schwierig das ist, da eine sinnvolle Lösung zu finden. Und wenn man das mal mitgemacht hat, dann hat man einfach auch mehr Verständnis dafür sozusagen, dass es halt ein bisschen Zeit braucht und dass nicht so eine einfache, schnelle Lösung oft möglich ist und dass auch vor allem nicht immer genau das rauskommt, was vielleicht im Wahlkampf vorher gesprochen wurde oder was sich eine Partei wünscht, weil es entscheidet ja nicht immer nur eine Partei.
Lukas:
Jugendparlamente oder Planspiele zeigen schnell, Entscheidungen treffen ist selten einfach. Genau dieses Erleben macht Demokratie spannend und auch der Tiroler Landtag setzt auf solche Erfahrungen.
Reitmair-Juárez:
Zum einen kann man Sitzungen hier im Saal live mitverfolgen, es gibt Livestreams, es gibt Social-Media-Auftritte, also man kann das Geschehen transparent mitverfolgen, man kann wissen, was da passiert, wer sagt was, das ist schon mal wichtig. Und es gibt auch hier immer wieder Ausstellungen, Veranstaltungen, Jugendparlamente, Workshops, also einfach die Möglichkeit, einfach hierher zu kommen und mal zu sehen, wie das so ist und wer da hier so ist, wie das alles so gemacht wird, was da eigentlich so dahinter steckt. Also so ein bisschen Politik zum Angreifen oder auch Politiker zum Angreifen.
Lukas:
Zum Schluss zieht Reitmair-Juárez einen besonderen Vergleich.
Reitmair-Juárez:
Wir sind in einer Beziehung mit Demokratie und das braucht Beziehungsarbeit. Also das braucht Aufmerksamkeit und ein bisschen Interesse und ein bisschen Bewusstsein dafür, dass ich halt nur was Gutes rausbekomme, wenn ich auch ein bisschen was reinstecke. An dem können wir in dem Sinne alle arbeiten, egal jetzt ob in der Schule oder in einem Betrieb oder wo auch immer als Medienvertreter, einfach uns daran öfter zu erinnern. Und für sowas ist dann eben auch ein Tag der Demokratie gut.
Lukas:
Der Innsbrucker Stefan Ebner macht sich Gedanken über Populismus, über Bildung und darüber, warum Demokratie manchmal so mühsam ist, aber trotzdem das beste System bleibt.
Ebner:
Für die Zukunft würde ich mir vor allem eine allgemeine Trendumkehr wünschen. Dass Leute wieder erkennen, dass es auch in funktionierenden Demokratien immer Probleme und Verbesserungsbedarf geben wird. Dass Herausforderungen oft nur langsam, kompliziert und unbefriedigend auch manchmal gelöst werden können. Aber dass es trotzdem das beste System ist, um das Zusammenleben in einer größeren Gesellschaft zu regeln.
Lukas:
Was Stefan Ebner beschreibt, macht deutlich, Demokratie ist kein bequemes System. Sie ist langsam und manchmal ist sie auch unbefriedigend, aber sie ist eben das Beste, was wir haben. Winston Churchill, der berühmte Politiker, hatte einmal gesagt, die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, abgesehen von all den anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind. Und genau das ist der Punkt. Demokratie nervt manchmal, aber sie schützt uns. Sie gibt uns Rechte, sie hält uns frei, solange wir bereit sind, sie zu verteidigen. Und nun die Frage an euch. Was bedeutet Demokratie für euch eigentlich? Wie würdet ihr für euch selbst die Stärken und Schwächen beschreiben? Und welche Ideen habt ihr, damit Diskurse wieder respektvoller geführt werden? Und wie könnte eigentlich die Zukunft der Demokratie aussehen? Schickt uns eure Gedanken gerne via Kommentar auf Social Media oder per E-Mail an adlerohren.tirol.gv.at. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert bitte Adlerohren Tiroler Landtagsgeschichten auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform, dann verpasst ihr garantiert keine Folge mehr. Und wir freuen uns auch über gute Bewertungen. Außerdem packen wir euch einen Feedbackbogen in die Folgenbeschreibung. Da könnt ihr draufklicken und wir sind schon sehr gespannt darauf, was euch gefällt, was ihr verbessern möchtet, welche Themenvorschläge ihr für uns habt und generell auf eure Meinungen und eure Ideen. Euer Feedback ist uns nämlich wichtig. In unserer nächsten Folge sprechen wir über ein Dokument, das das Zusammenleben in Tirol prägt, nämlich die Tiroler Landesordnung. Wir reisen durch die Geschichte der Landesverfassung, von der Zeit des Bauernkriegs im 16. Jahrhundert, über die Republikgründung bis in die Gegenwart. Ihr werdet erfahren, warum sich Tirol früher den Titel Älteste Festlanddemokratie gegeben hat und was es mit der Präambel auf sich hat. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder mit dabei seid. Servus, Pfiat euch und bis zum nächsten Mal.