Die Georgskapelle, Ort der Ruhe im Landhaus
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #24
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Im Innenhof des Alten Landhauses in Innsbruck verbirgt sich ein bauliches Juwel. Ein Ort der Stille, mitten im politischen Alltag. Ein Ort, der barocke Pracht mit moderner Kunst vereint. Ein Ort, der einem Mann geweiht ist, der einen Drachen besiegte und dessen Geschichte sich in den Fensterbildern des Künstlers Maurizio Bonato widerspiegelt. Mit dem letzten Hinweis hast du es bestimmt schon erraten, die Rede ist von der Georgskapelle. In dieser Episode beleuchten wir ihre Kunstgeschichte und Architektur sowie das Verhältnis von Politik und Religion. Und wir fragen, welchen Platz hat ein sakraler Bau in einem Amtsgebäude? Ich bin Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, ein Podcast über Geschichten aus dem Tiroler Landtag.
Lukas:
Folge 24: Die Georgskapelle, Ort der Ruhe im Landhaus oder Barock trifft Moderne. Wir durchqueren die Säulenhalle des Alten Landhauses, gehen in den Innenhof und blicken auf die weiße Fassade der Georgskapelle. Diese wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet, als auch das Alte Landhaus gebaut wurde. Gabriele Neumann, Landeskonservatorin für Tirol, erklärt, warum dafür ein kirchlicher Raum wichtig war.
Gabriele Neumann:
Es war damals sehr wichtig, dass man dokumentiert, dass man dem Glauben sehr verpflichtet ist und auch quasi göttlichen Segen für die Entscheidungen erhofft. Und daher haben eigentlich in der Regel alle Landhäuser, auch in anderen Bundesländern, jeweils eine Kapelle. So dominant wie unsere Georgskapelle steht meines Wissens keine Kapelle bei den anderen Landhäusern, zum Beispiel in Graz oder auch in Wien, das Landhaus von Niederösterreich, an so einer zentralen Position.
Lukas:
Auf der Fassade der Georgskapelle treffen Tradition und Moderne aufeinander. Hofbaumeister Georg Anton Gump gestaltete die weiße Front mit vier Pilastern. Das sind Wandpfeiler und dem großen Rundbogen nach römischem Vorbild. Seit 2009 stehen in den Nischen nun Bronzeplastiken von Lois Anvidalfarei. Die kraftvollen Figuren sind Theologin Michaela Quast-Neulinger bei ihrem ersten Besuch gleich aufgefallen.
Michaela Quast-Neulinger:
Also wenn man an die Kapelle herantritt, die Figuren an der Fassade, die konfrontieren wirklich mit den existenziellen Fragen des Menschen. Mit der Bedrohung, mit dem Bösen, mit der Umkehr, aber auch mit der Hoffnung. Und das sind Grundaspekte menschlichen Lebens im Angesicht des Absoluten.
Lukas:
Der aus dem Gadertal stammende Künstler wählte für die Fassade der Hoffnung Schlüsselmomente aus der Legende des Heiligen Georgs. Kunsthistorikerin Gabriele Neumann beschreibt die Skulpturen.
Neumann
Die Inhalte dieser Plastiken sind einerseits quasi das haltlose Böse, wo eine Figur fast aus der Nische rückwärts herunterstürzt, dann auch die Erkenntnis des Bösen, wo ein Kopf mit der Hand das Gesicht verbirgt, vielleicht das Entsetzen vor sich oder auch vor dem, was Böses anderen widerfährt. Dann die Abkehr vom Bösen, also jemand, der ein paar Schritte weg eigentlich in die Nische hineinmacht und zurückblickt. Und als letzte Plastik die Segnung. Also dann, wenn man eigentlich wieder zufrieden diesen Abgleich mit dem Guten schafft und eigentlich positiv in die Zukunft oder auf die Gegenwart blicken kann.
Lukas:
Und das setzt sich im Innenraum fort, findet Michaela Quast-Neulinger, Assistenzprofessorin für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft an der Universität Innsbruck.
Quast-Neulinger:
Und wenn man dann die Kapelle hineintritt, ist es ein wunderbar heller Raum, gefüllt ist mit dem Duft von frischem Holz, vom Altar, der ja erst vor wenigen Jahren neu gestaltet wurde. Ein heller Raum der Hoffnung und der Verwandlung, würde ich sagen, des Hineingehens, des Zurruhekommens und der dazu ruft, dass man auch wieder hinausgeht in die Welt und sich für Hoffnung und das Gute einsetzt.
Lukas:
Die Kapelle ist mit feinen Stuckverzierungen geschmückt. Die weißen Ornamente ziehen sich über Wände und Gewölbe und verleihen dem Raum eine stille Eleganz. Seit 2022 erhält ein 400 Kilogramm schwerer Kronleuchter, bestehend aus 4800 Swarovski-Kristallen, die Landhauskapelle. Dieser hing zuvor im Plenarsaal. Gabriele Neumann sagt:
Neumann:
Es ist uns immer sehr wichtig, dass diese Ausgewogenheit besteht zwischen neuen Elementen und historischen. Deswegen kann oft nicht eine beliebige Anzahl oder zu viel gemacht werden, sondern nur sehr punktuell das Neue in einem so historischen, hochqualitätsvollen Raum.
Lukas:
In dem Barockbau fügt sich auch die Fensterbild-Serie von Maurizio Bonato, präsentiert im Jahr 2015 ein. Sie hat den Heiligen Georg zum Thema. Der Legende nach bedrohte ein Ungeheuer eine Siedlung. Tag für Tag brachten die Menschen ihm Opfer, um es gnädig zu stimmen. Schließlich war die Königstochter dran. Georg, ein Soldat, stellte sich dem Ungeheuer, allein, nur mit Schild, Speer und unerschütterlichem Glauben. Er verletzte den Drachen und tötete ihn später. Die Prinzessin war gerettet und viele Menschen erkannten in seinem Sieg ein göttliches Zeichen und ließen sich taufen. Was weiß man heute über die historische Figur?
Quast-Neulinger:
Also Georg ist ja der Drachentöter, gemäß der Sage und auch in unserer Erinnerung nach. Er kommt ja ursprünglich aus Kappadokien in der Legende. Wir wissen relativ wenig vom historischen Georg, wahrscheinlich Ende drittes Jahrhundert. Und Kappadokien liegt ja im Gebiet der heutigen Türkei. Und die Fassade draußen zeigt ja unter anderem die Umkehr. Das heißt, ja, es gibt böse Taten. Es gibt auch furchtbare Taten von Menschen. Aber unsere Aufgabe ist es auch immer, Umkehr zu ermöglichen.
Lukas:
Sagt Theologin Michaela Quast-Neulinger. Der Heilige Georg wurde wegen seines christlichen Glaubens unter dem römischen Kaiser Diokletian hingerichtet und dadurch zum Märtyrer. Er ist unter anderem Schutzheiliger von England, Georgien und Portugal und auch von Tirol, wenn auch mit Unterbrechungen. 1772 wurde er unter der Regentschaft von Maria Theresia durch den Heiligen Josef als Landespatron von Tirol ersetzt. 2005 einigte sich dann der Tiroler Landtag darauf, dass der Heilige Georg als zweiter Schutzpatron eingesetzt wird, erzählt Gabriele Neumann.
Neumann:
Ich finde, das passt sehr gut. Quasi diese väterliche Liebe, die der Heilige Josef ausdrückt und den Kampf von Gut gegen Böse, das man auch im Alltag immer wieder im Auge behalten muss durch den Heiligen Georg. Also zwei Vorbilder für unser Schaffen und Wirken.
Tatjana Lukas:
Maurizio Bonato, der aus dem Trentino stammt und in Innsbruck lebt und arbeitet, hat die Legende vom Heiligen Georg neu interpretiert.
Maurizio Bonato:
Ich bin zwar kein wahnsinnig religiöser Mensch, nehme solche Symbolfiguren wie die Heiligen, sehr ernst, und zwar in aktualisierter Form. Was könnte das sein, dieser Held, der den Drachen bezwingen will? Und da habe ich mich dann am C.G. Jung orientiert. Und ja, der sieht ja diesen Kampf gegen den Drachen als einen Kampf gegen die eigene dunkle Seite. Das, was man nicht sehen will, das, was eigentlich immer ein bisschen im Hinterzimmer bleibt und das manchmal aber heimtückisch auftauchen kann. Es ist nicht so gemeint, dass man die bezwingen will, diese Seiten. Sondern dass man denen bewusst wird.
Lukas:
In seiner bildnerischen Umsetzung lässt er den Heiligen nicht von einer überirdischen Figur darstellen, sondern von einer ganz normalen Person. Eine Person, die in unterschiedlichen Stellungen zeigt, wie wir uns heute mit unseren dunklen, ungelösten Seiten auseinandersetzen. Doch wie kämpft man eigentlich mit einem Drachen? Dazu hatte Bonato folgende Idee.
Bonato:
Eigentlich könnte ich mit mir selber da arbeiten. Und dann habe ich so einige Videos gemacht, wo ich gegen meinen eigenen Schatten kämpfe. Einmal mit Lanze und einmal ohne Lanze und so. Aber ganz wichtig war diese Beschäftigung mit meinen Schatten. Da habe ich damit gekämpft. Und aus diesem Video, dann habe ich einige Sequenzen bzw. Stils herausgenommen. Und die sind dann Teil von diesem großen Bild.
Lukas:
Der Künstler sagt, dass in einer aufgeklärten Welt der Kampf gegen den Drachen längst zu einer Aufgabe für jeden geworden ist, der an seiner persönlichen und spirituellen Entwicklung arbeiten möchte. Er erinnert sich genau an den Moment, als er den Auftrag für die Georgskapelle bekam.
Bonato:
Ich hatte eine Ausstellung in Brüssel im Haus von den drei Ländern Südtirol, Trentino und Nordtirol. Ich komme aus dem Trentino noch dazu. Diese Ausstellung war sehr schön. Die wurde vom van Staa patroniert und da haben wir dann lange geredet und dann sagte er am Ende, Maurizio, machst du mir für mich die Georgskapelle? Und dann hat er mir erklärt, ja, die Fenster, die gehören gestaltet und zwar nicht genau die Fenster, sondern die Nischen von diesen Fenstern.
Lukas:
Der damalige Landtagspräsident Herwig van Staa hat nicht nur die Fensternischen neu gestalten lassen, sondern auch die Neugestaltung der Fassade der Hoffnung mit den Bronzeplastiken initiiert. Mehr dazu hört ihr in unserer Adlerohren-Folge Nummer 15. Maurizio Bonato legte mehrere Entwürfe vor und erkannte:
Bonato
Es geht um diese Schnittstelle zwischen Religion und Politik. Diese Kapelle ist an dieser Stelle und dann habe ich mich daran gemacht, das zu thematisieren.
Lukas:
Die Georgskapelle hat sehr alte, tiefliegende Fenster. Um den historischen Eindruck zu bewahren, sind daher keine neuen Glasbilder eingebaut worden. Stattdessen hängen die sogenannten Screens, das sind dünne, halbtransparente Bildflächen, vor den Fenstern. Bonato hat mit Folarex gearbeitet. Durch dieses Milchglas-ähnliche Material erscheint die Malerei schwebend, weil das Licht durch die Bilder hindurchscheinen kann. Die Machart überzeugt auch Landeskonservatorin Gabriele Neumann.
Neumann:
Bei so einer Barockkapelle ist auch immer der Lichteinfall sehr entscheidend, deswegen war es auch sehr wichtig, dass der Künstler auf diesen Rücksicht nimmt. Es werden diese Screens auch ausklappbar, sodass man quasi die Fenster ohne diese Screens erleben kann oder aushängbar. Aber durch das, dass sie sehr durchscheinend gestaltet sind, ist der Lichteinfall genau richtig und kommt dem barocken Raum sehr entgegen.
Lukas:
Die Bilder zeigen die Auseinandersetzung am Boden als ein Ringen mit den niedrigsten Gefühlen, das Kämpfen mit den Schatten selbst und das sich Aufrichten und Siegen. Die Bilder sind durch vertikale Abschnitte getrennt. Bonato erklärt, wie er sich künstlerisch der Schnittstelle von Politik und Religion angenähert hat.
Bonato:
Auf der einen Seite, da sind ja vier Fenster, auf der anderen sind auch vier Fenster, hat sich angeboten, dass ich auf der einen Seite vielleicht die politischen Hinweise zeige und auf der anderen Seite religiöse. Ich fange bei dem religiösen Teil, da ist ein ganz schmales Stück von einem Christus, von einem Kruzifix, das man im Ötztal gefunden hat, aber ganz verwittert und kaputt, ganz einen schmalen Teil, sodass man gerade und gerade wahrnimmt, das ist ein Christus. Und auf der anderen Seite waren dann einige Persönlichkeiten wie der Hans Haid, dieser Poet aus Ötztal, der Gedichte geschrieben hat, wo er dann wegen dem Tourismus ein bisschen kritisch war. Oder ein Araber, Raif Badawi, das ist dieser Journalist, der in Saudi-Arabien, ich glaube 2012 zu 1000 Peitschenhieben verurteilt worden ist, weil er etwas Unbequemes veröffentlicht hatte. Und noch dann zum Beispiel eine Dame der ersten Stunde in der Frauenpolitik, also die Maria Ducia, die war Landtagsabgeordnete sogar.
Lukas:
Die Auswahl an Porträtierten ist beliebig. Sie stehen für viele andere, meint der Künstler.
Bonato:
Und diese Persönlichkeiten sind auch ganz schmal dargestellt. Wenn man sich vorstellt, das Bild ist dreieinhalb Meter hoch und dieser Schlitz, wo man die Figur sieht, ist vielleicht 20 Zentimeter breit. Also man sieht wirklich, man kann die Person fast erkennen, aber sie ist nur schemenhaft da, also nicht voll präsent.
Lukas:
In den letzten Jahren hat Maurizio Bonato einige Sakralräume künstlerisch gestaltet. Bei all seinen Arbeiten spielt für ihn die Auseinandersetzung mit Gegensätzen eine zentrale Rolle.
Bonato:
Ich beschäftige mich seit langem mit diesen Dualismen, die sich in unserer Gesellschaft und in unserer Zeit, in unserer vielleicht westlichen Mentalität immer präsentieren. Also dieser Gegensatz zwischen sakral und profan. Also wobei ich finde, da interessiert die Schnittstelle zwischen männlich und weiblich, wenn wir so wollen, oder zwischen real oder surreal, zwischen magisch und alltäglich, zwischen spirituell und materiell. Und es sind ja, alle diese Dualismen sind ganz bequem und wenn man leben will, aber in unserem Bewusstsein sind sie nicht immer vom Vorteil. Also es ist interessant dort, wo die Dinge sich vermischen und sie vermischen sich andauernd.
Lukas:
Auch Assistenzprofessorin Michaela Quast-Neulinger beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Schnittstelle von Staat und Religion. Die Theologin sagt:
Quast-Neulinger:
Ein säkularer Staat ist ein Staat, wo Religion und das politische System in Form der Institutionen, also des Parlaments, der Rechtsprechung und so weiter, eine Trennung stattfindet. Das heißt zum Beispiel, als Priester darf ich keine Richterfunktion im Staat ausüben. Davon zu unterscheiden ist ein laizistischer Staat. Das wäre quasi eine Zuspitzung eines säkularen Staates. Wir haben das Modell etwa in Frankreich, wo in der Öffentlichkeit keinerlei religiöse Symbole sichtbar sein dürfen, wo auch kein Religionsunterricht an staatlichen Schulen stattfindet. In einem säkularen Staat, und da gibt es dann verschiedene Varianten davon, wie Religion dann durchaus in der Öffentlichkeit sichtbar sein kann, kann es etwa Religionsunterricht geben, auch an staatlichen Schulen. Kann ich auch ein Kreuz oder ein Kopftuch in der Öffentlichkeit tragen oder eine Kippa, also die Kopfbedeckung jüdischer Männer, aber eben institutionelle Trennung.
Lukas:
Das Besondere in Österreich ist, dass Religionsgemeinschaften Aufgaben vom Staat übernehmen dürfen.
Quast-Neulinger:
Zum Beispiel im Bereich der Bildung oder im Bereich des Sozialen, denkt man an die Caritas oder die Diakonie, wo etwa die Religionsgemeinschaften auch Aufgaben vom Staat übernehmen. Und auch die Religionsgemeinschaften profitieren von dieser Zusammenarbeit, dass sie eben Religionsunterricht in den Schulen geben können, dass sie sich auch in öffentliche Debatten einbringen können und hier, und das ist ganz wichtig, im vorpolitischen Feld, dass Politische mitprägen können, aber immer im Gespräch mit anderen. Das heißt, die Religionsgemeinschaften und die einzelnen Glaubenden als Bürgerinnen und Bürger dieses Staates können ihre Überzeugungen einbringen, als Musliminnen, als Christinnen, als Sikhs, als Juden. Aber dann geht es darum, dass man das gut ausverhandelt. So, dass für alle ein gutes Zusammenleben möglich ist.
Lukas:
Am anderen Ende der Skala stehen theokratische Staaten. Religiöse Autoritäten haben politische Macht und Gesetze werden nach religiösen Vorgaben gestaltet. Abweichende religiöse oder politische Meinungen werden unterdrückt. Religion wird benutzt, um andere auszuschließen.
Quast-Neulinger:
Gefährlich wird es immer, wenn Menschen glauben, über ein Absolutes verfügen zu können. Denn dann sind wir ganz schnell in einem totalitären System drinnen, das keine Freiheit mehr zulässt, keine Diskussionen mehr zulässt und auch keine Auseinandersetzungen mehr zulässt.
Lukas:
In einem säkularen Staat wie Österreich spiele hingegen Kompromissbereitschaft eine große Rolle. Außerdem braucht es klare Verantwortlichkeiten, sagt die Theologin.
Quast-Neulinger:
Die Aufgabe des Staates hier ist es, den Rahmen zu schaffen, damit Menschen hier ausverhandeln können. Aber er darf sich nicht in die internen Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften einmischen. Da muss man dann wieder vorsichtig sein. Genauso wie sich aber auch die Religionsgemeinschaften nicht in die institutionellen Belange des Staates einmischen dürfen. Sie sind nur ein Akteur unter vielen.
Lukas:
Die Georgskapelle hat für Michaela Quast-Neulinger auch eine symbolische Funktion. Sie zeigt, dass selbst ein säkularer Staat nicht über die existenziellen Fragen des Menschen entscheiden kann: Wer er ist, woran er glaubt, woher er kommt und wohin er geht. Die Aufgaben des Staates seien klar abgesteckt.
Quast-Neulinger:
Der Staat ist nur ein irdisches System, das seine Legitimität besitzt, das einen Auftrag besitzt, nämlich für das Wohl aller Menschen zu sorgen, einen Rahmen zu schaffen, einen rechtlichen Rahmen, einen politischen Rahmen zu schaffen, für das Zusammenleben, aber an der Gestaltung müssen alle teilhaben und es muss immer, ein Fenster hin zum Unverfügbaren offen bleiben. Gläubige nennen das Unverfügbare Gott. Aber dieses Unverfügbare können Nicht-Gläubige anders nennen oder sich anders dazu in Beziehung setzen. Das heißt, das höchste Gute, das Leben, wie auch immer. Dann muss man die jeweiligen Menschen dann selbst befragen, wie sie das nennen.
Lukas:
Und so hat die Georgskapelle heute kirchliche wie weltliche Funktionen. Zweimal im Jahr, vor der ersten Sitzung im neuen Jahr und vor der ersten Sitzung nach der sitzungsfreien Zeit gibt es für die Abgeordneten des Tiroler Landtags und die Regierungsmitglieder einen Gottesdienst. Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann schätzt die besondere Atmosphäre.
Sonja Ledl-Rossmann:
Zugegebenermaßen ist es schon immer ein bisschen Stress vor der Landtagssitzung, weil man weiß, es wartet noch ein langer Sitzungstag. Aber wenn man mal dort drinnen ist und die Messe beginnt und wir haben immer das Glück, dass ganz besondere Chöre dabei sind oder Musikantinnen, Musikanten, spürt man, dass man auf einmal total in die Ruhe kommt. Und in diesem Moment denken wir jedes Mal wieder, es hat auch einen Sinn, dass wir das immer wieder mal vor der Landtagssitzung machen.
Lukas:
Die Georgskapelle ist auch ein kunsthistorisches Juwel, Ort der Stille und auch der Musik. Sonja Ledl-Rossmann betont die universelle Zugänglichkeit des Kirchengebäudes.
Ledl-Rossmann:
Dass jeder Mensch, der das Gefühl hat, er möchte jetzt da wirklich hineingehen, seinen Platz da findet und abseits auch von unseren Gottesdiensten oder den Momenten, wo wir auch als Tiroler Landtag die Georgskapelle nützen, ist ja für ganz viele Themen offen. Also es finden ja auch immer Orgelkonzerte statt, spezielle Messen, wenn wir angefragt werden. Das geschieht durchaus immer in Abstimmung mit uns und auch mit unserem landschaftlichen Pfarrer, der das aber auch sehr offen lebt. Also soll die Georgskapelle auch ein öffentlicher und frei zugänglicher Raum sein und nicht quasi auf uns beschränkt.
Lukas:
Landeskonservatorin Gabriele Neumann sieht das ähnlich.
Neumann:
Wenn jemand, der jetzt keinen Bezug zur Kirche hat, hineinkommt in die Georgskapelle, wird er trotzdem einfach von dem Schauwert des Objektes beeindruckt sein. Denn es ist ein wunderschöner Raum mit einer Richtung hin für uns Christen zum Altar, zum Altarbild, aber dann doch auch durch eben auch gerade dann vielleicht diese neueren Interventionen von Maurizio Bonato dann eben auch universell lesbar und erlebbar.
Lukas:
Sonja Ledl-Rossmann erzählt, dass die Georgskapelle für sie ein guter Ort zum Nachdenken und Innehalten ist. Sie hat dabei ein besonderes Objekt im Blick.
Ledl-Rossmann:
Mitten vom Altar, das Silberkreuz mit einem wunderschönen roten Herz. Und ich ertappe mich immer wieder über all die ganzen Jahre, egal wann ich in der Georgskapelle bin, dass ich das Herz immer so im Blick habe. Und das ist für mich immer wieder so ein Moment, wo ich merke, jetzt komme ich auch zur Ruhe und kann bei mir wieder einmal aussortieren, was ist denn jetzt wirklich wichtig im Leben, was nicht lohnt sich, es über Dinge sich aufzuregen oder nicht. Also das ist so mein ganz spezieller Bezug auch zu der Georgskapelle.
Lukas:
Das Silberkreuz wurde von der Goldschmiede Kölblinger angefertigt. Demselben Handwerksbetrieb, der auch den Ring des Landes Tirol herstellt. Davon haben wir euch in der letzten Folge erzählt. Und schließlich ist die Georgskapelle auch ein Stück architektonisches Erbe unserer Geschichte, das gepflegt werden muss. Alle 30 bis 50 Jahre sind Baumaßnahmen nötig. Die letzte größere Innenrestaurierung hat 1997 stattgefunden. Bei den Arbeiten muss sehr sorgfältig vorgegangen werden, erklärt Gabriele Neumann.
Neumann:
Auch wir hinterlassen wieder Spuren und interpretieren dieses Objekt aus unserer heutigen Sicht. Deswegen müssen wir immer sehr vorsichtig Es muss nachhaltig sein, wie man welche Aufgaben löst. Es muss nachhaltig sein, reversibel oft oder eben wiederholbar, damit auch in zukünftigen Jahrzehnten die nächsten Denkmalpflegerinnen ähnliche Maßnahmen setzen können.
Lukas:
Ein relativ neues Objekt in der Georgskapelle ist der 2021 aufgestellte Volksaltar, gebaut von Schülern der Landesberufsschule für Holzbautechnik in Absam. Ein Volksaltar ist so gestaltet, dass der Priester der Gemeinde zugewandt die Messe feiern kann. Jener in der Georgskapelle überdeckt sogar die Stufen, ist mobil und lässt sich zum Beispiel bei Konzerten leicht abnehmen.
Neumann:
Und natürlich gibt es auch in der Georgskapelle Nutzungen, die jetzt nicht rein gottesdienstlich sind. Durch die Orgel, die man auch zuletzt da eingebaut hat, gibt es auch immer wieder Konzerte, die also die Besucher und Besucherinnen immer wieder erleben können. Die Orgel wurde eigentlich in einem historischen Gehäuse, das schon vorhanden war, aus Kirchberg in Tirol, stammt ein Orgelwerk eingefügt 2010 vom Orgelbauer Pirchner aus Steinach, das aber zurückgreift auf historische Orgelbautraditionen, sodass das Instrument klingen kann wie zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Und da ja Innsbruck als Orgelstadt wirklich ganz tolle Instrumente im Stadtgebiet verstreut hat, fügt sich diese Orgel der Landhauskapelle ideal ein, um da Wettbewerbe oder Konzerte zu veranstalten.
Lukas:
Mit Orgelmusik beenden wir auch diese Episode. Vielen Dank, dass ihr mit uns durch die Georgskapelle gegangen seid und in die Geschichte vom Heiligen Georg und ihrem Bezug zu unserer Gegenwart eingetaucht seid. Wir wünschen euch ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert bitte Adlerohren - Tiroler Landtagsgeschichten auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform. Lasst uns eine gute Bewertung da und teilt uns eure Gedanken dazu mit unter adlerohren.tirol.gv.at oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Außerdem packen wir euch einen Feedbackbogen in die Show Notes und es würde uns freuen, wenn ihr den ausfüllen könntet. Wir sind schon sehr gespannt darauf, was euch gefällt, was ihr verbessern möchtet, welche Themenvorschläge ihr für uns habt und generell auf eure Meinungen und Ideen. Euer Feedback ist uns wichtig.
In unserer nächsten Folge geht es ums Budget, das zentrale Steuerungsinstrument der Politik. Beim Budgetlandtag wird es beschlossen und somit festgelegt, wofür das Land Milliarden ausgibt. Von Schulen über Gesundheit bis zum Klimaschutz. Wir schauen uns an, wie der Budgetlandtag abläuft, warum die Debatten oft so hitzig sind und wie sich hinter dicken Zahlenwerken konkrete Lebensrealitäten verbergen. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder zuhört. Servus, pfiat euch und bis zum nächsten Mal.