Freizeitwohnsitze: Wird Tirol zur Kulisse?
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #26
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung
Off-Stimme:
Preistreiber bei Immobilien, Wertschöpfung für die Region. Die Rede ist von Freizeitwohnsitzen. Welche Rolle spielen sie für den Tiroler Wohnungsmarkt? Wie lassen sich die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bringen – von Eigentümer:innen, Gemeinden und Einheimischen auf Wohnungssuche? Genau darüber sprechen wir heute in Adlerohren – dem Podcast des Tiroler Landtags. Staffel 2, Folge 1 - "Freizeitwohnsitze. Wird Tirol zur Kulisse?". Unsere heutigen Gäste sind: Dominik Mainusch. Er ist Abgeordneter für den VP Landtagsklub, wohnhaft in Fügen und seit 2018 sitzt er im Tiroler Landtag. Seit 2024 ist er zudem Landtagsvizepräsident. Alexander Gamper. Er ist Abgeordneter für den FPÖ Landtagsklub, wohnhaft in Kitzbühel und ebenfalls seit 2018 im Tiroler Landtag.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Herzlich willkommen, ich bin Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, der Podcast des Tiroler Landtags. Herzlich willkommen auch an die heutigen Abgeordneten, die zu uns gefunden haben. Schön, dass Sie da sind. Ich würde mit Ihnen anfangen, Herr Mainusch, und zwar hätte ich gern zu Beginn einen persönlichen Gedanken oder persönliche Erinnerungen zum Thema Freizeitwohnsitz. Gibt es da irgendetwas, das Ihnen in Gedächtnis geblieben ist, das Sie uns gerne erzählen würden?
Dominik Mainusch:
Das Thema Freizeitwohnsitze schreibt viele Geschichten in unserem Land. Manch gute, manch schlechte, und ich habe eine gute Geschichte mitgebracht. Ich bin auch Bürgermeister in meiner Gemeinde in Fügen und wir sind selbstverständlich als Tourismusgemeinde auch stark mit dem Thema Freizeitwohnsitze beschäftigt. Wir kontrollieren das auch sehr rigoros. Bei diesen Kontrollen ist es gelungen, eine Doppelhaushälfte, die von einer belgischen Dame bewohnt war, wieder auf den Markt zu bringen. Die Dame hat nach erfolgreicher Feststellung des Freizeitwohnsitzes dann diese Doppelhaushälfte veräußert. Einige Tage später kommt bei uns in der Gemeinde den Flur herauf eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die dort ihren Hauptwohnsitz anmelden wollten. Und das ist ja fast schon ein wenig kitschig. Das ist nämlich die Bilderbuchgeschichte, was die Kontrollen von Freizeitwohnsitzen wirklich bringen. Sie schaffen es, dass eine junge Familie wieder eine Perspektive in ihrer Region hat – und das ist die Mühen jedenfalls wert.
Lukas:
Danke für die gute und repräsentative Geschichte, wie es auch ausgehen kann. Herr Gamper, Sie haben auch eine persönliche Geschichte mitgebracht zum Thema Freizeitwohnsitze. Sie sind ja in Kitzbühel ansässig. Was haben Sie uns zu erzählen?
Alexander Gamper:
Bei uns ist das Thema Freizeitwohnsitz omnipräsent und man hat immer so das Gefühl, wenn man auf Kitzbühel schaut, das ist eigentlich das einzige, das schlagende und das wirkliche Thema: der Umgang mit Freizeitwohnsitzen. Selber habe ich mit dem, außer den Erklärungen von der Bevölkerung heraus, nie wirklich was mitgekriegt bis zu dem Zeitpunkt, dass meine liebe Mama gestorben ist. Dann habe ich mit meinem Bruder eine kleine Wohnung geerbt und als erstes, wer bei mir aufgeschlagen ist, war der Makler und hat gesagt: Hör zu, verkauf uns die Wohnung, die hauen wir auf den Markt und wir werden die sofort veräußern. Wir haben gesagt, das wollen wir nicht machen, das ist unser Zuhause, da sind wir aufgewachsen, das soll man wieder vermieten. Das nächste war dann, dass der Makler gesagt hat: Passt, er hat einen Haufen Deutsche, die Warteliste ist sehr lange und du könntest die sofort als Freizeitwohnsitz weiter vermieten. Wir haben gesagt: Nein, das machen wir auch nicht. Wir sind Gott sei Dank, mein Bruder und ich, so weit abgesichert, dass wir nicht wirklich jeden Euro jetzt umdrehen müssen und haben dann gesagt: Nein, diese Wohnung soll eine Familie bekommen, eine einheimische Familie, die soll genauso aufwachsen wie wir aufgewachsen sind. Ich würde nicht sagen, dass ich der Robin Hood oder der Samariter von Kitzbühel bin, aber es geht darum, dass man drüber nachdenkt. Man kann jetzt etwas fordern oder eine Meinung dazu haben und dann ganz anders denken, nur weil man schnell mal dem Euro nachjagen muss. Wobei ich es schon verstehe, wenn es in manchen Familien so eng hergeht, dass man schon drüber nachdenkt, wie könnte ich besser vermieten. Wenn man an Deutsche vermietet, würde die Wohnung natürlich das Doppelte bringen, als ich jetzt bekomme mit einer einheimischen Familie. Aber zumindest kann ich jeden Tag in den Spiegel schauen und sagen: Das passt so, wie wir es gemacht haben.
Lukas:
Danke. Jetzt haben wir ja mit einer persönlichen Geschichte gestartet und die politische Position ist ja aber dann immer noch einmal eine andere Ebene. Herr Gamper, würden Sie vielleicht gleich im Anschluss mal Ihre politische Position darlegen? Und wenn ich bitten darf: Es wird einen zeitlichen Rahmen dafür geben für dieses Statement. Unter zwei Minuten wäre fantastisch, ansonsten ertönt ein Signal, das das Statement abkürzen wird.
Gamper:
Die politische Einstellung dazu war grundlegend eine andere vor ein paar Jahren noch, wie sie sich jetzt entwickelt hat – aus dem heraus, weil ich mich mehr mit den Freizeitwohnsitzen beschäftigen habe müssen. Wir müssen jetzt dann als erstes einmal unterscheiden: Reden wir von Hauptwohnsitzen, die illegal als Freizeitwohnsitz genutzt werden, oder reden wir von den Freizeitwohnsitzen, die ohnehin schon bei uns sind und so auch den Bedarf da haben und die so genutzt werden? Und da haben wir ja, jeder Ort in Tirol, eine gewisse Quote, die mittlerweile auch nicht mehr ausgeschöpft werden kann. In Kitzbühel sind wir bei 16 Prozent, da geht nichts mehr drüber. Das heißt, die Diskussion um einen Freizeitwohnsitz in Kitzbühel hat sich sowieso erübrigt. Aber Kitzbühel steht jetzt zum Beispiel an 26. Stelle bei 277 Orten in ganz Tirol und das Freizeitwohnsitzthema betrifft vielleicht 15, vielleicht 18 oder 20 Orte in ganz Tirol. In den anderen Orten ist das kein Thema. Es gibt Orte in Reutte draußen, die haben eine Freizeitwohnsitzquote von 57 Prozent bei 48 Wohneinheiten. Die müssen ja froh sein um jeden Freizeitwohnsitz, den sie haben, weil das bringt ja auch Leben in den Ort anstatt dann Abwanderung.
Lukas:
Danke für die politische Position. Herr Mainusch, wie schaut Ihre politische Position zu dem Thema aus?
Mainusch:
Das Thema Freizeitwohnsitze ist ganz eng verknüpft mit der allgemeinen Bodenpolitik des Landes und mit der Frage, wie wir leistbare Wohnräume für die lokale Bevölkerung garantieren können in Zukunft. Deshalb ist der Themenkomplex viel weiter und viel komplexer. Ich versuche es so kurz wie möglich. Wir erleben eine Preisdynamik am Wohnungsmarkt, die seinesgleichen sucht: in wenigen Jahren nahezu eine Verdoppelung der Immobilienpreise. Wir haben eine Bedarfsstudie, eine wissenschaftlich aufgearbeitete Studie über den Bedarf an Wohnraum in Tirol, die feststellt, dass fast jede vierte Wohnung in diesem Land, 100.000 Wohnungen, ohne echte Hauptwohnsitzmeldung in diesem Land bestehen. Jetzt gibt es da viele Gründe dafür. Aber wenn ich alle erklärbaren Gründe abziehe, dann bleibt jedenfalls eine Zahl jenseits der 50.000, für die es keinen Grund gibt, warum dieser Wohnraum leer steht. Und genau diese Entwicklung führt eben dazu, dass die Preise immer steigen, weil dieser Leerstand eng mit Spekulation und mit Investitionen in Betongold verbunden ist. Und dafür ist unser Land einfach zu schade, um zu sagen, wir verbrauchen unsere Bodenressourcen für Immobilienspekulation oder für die Nutzung illegalerweise als Freizeitwohnsitze zu Erholungszwecken, irgendeine Ferienresidenz von ausländischen Gästen. Dafür ist der Wohnraum und der Grund und Boden zu teuer. Die Preisdynamik, die dadurch entsteht, weil da natürlich ein Wettbieten um die besten Plätze stattfindet und damit natürlich eine Benchmark am Immobiliensektor entsteht, die kein Ansässiger, kein Einheimischer, der mit ehrlicher Arbeit sich das Geld verdient, mehr bezahlen kann. Diese Entwicklung müssen wir stoppen. Und ein Teil dieses Stoppens ist auch dort hinzuschauen, wo nicht nur Leerstand passiert aufgrund von Spekulation, sondern auch dort genau hinzuschauen, wo Wohnraum der lokalen Bevölkerung entzogen wird und Feriengäste hier sporadisch ein paar Wochen des Jahres verbringen. Dafür ist unser Land zu schade.
Zwischen Leerstand und Wertschöpfung
Lukas:
Danke, dann kennen wir die politischen Positionen und können jetzt in die Diskussion reingehen. Also laut den Zahlen, die ich gefunden habe, gibt es ja derzeit in Tirol 16.000 legale Freizeitwohnsitze und laut Tiroler Raumordnungsgesetz soll die Marke von acht Prozent der gewidmeten Freizeitwohnsitze nicht überschritten werden. Da sind wir jetzt, wie wir bereits im Eingangsstatement gehört haben, in manchen Gemeinden natürlich schon weit drüber. Die Anzahl der derzeit illegalen Freizeitwohnsitze wird auf 10.000 geschätzt. Lieber Herr Gamper, wie ordnen Sie denn diese Zahlen ein? Was gibt es da für einen Handlungsbedarf? Wie sehen Sie das?
Gamper:
Noch einmal, wir müssen jetzt unterscheiden, handelt es sich um Hauptwohnsitze, die illegal als Freizeitwohnsitz genutzt werden, oder handelt es sich um Freizeitwohnsitze, die ohnehin schon bei uns da sind. Die bringen natürlich eine gewisse Wertschöpfung mit. Die Freizeitwohnsitze, Sie haben die Acht-Prozent-Hürde angesprochen, das ist richtig, das hat sich das Land Tirol selber mal auferlegt. Warum acht Prozent? Das weiß ich nicht, das kann ich nicht erklären. Man muss aber dazusagen, dass sich das diametral, komplett mittlerweile verschoben hat. Aus dieser Zeit, aus den 90er-Jahren, wie diese Acht-Prozent-Hürde gekommen ist, war es noch so, dass jeder zu Hause gearbeitet hat, jeder hat seinen Beruf gehabt, jeder hat auch noch sein Haus oder seine Wohnung zahlen können mit dem Beruf, mit der Arbeit, die er gehabt hat. Mittlerweile ist das ja ganz anders. Man sieht das ja auch an Kitzbühel zum Beispiel: Die Menschen, die in Kitzbühel wohnen oder zum Teil dort wohnen, das sind Manager, das sind große Unternehmer, die sind heute in München, die sind morgen in Berlin, übermorgen in Wien und dann sind sie auch in Kitzbühel. Es gibt eine Studie von der Wirtschaftskammer und auch von der Euregio, welche Wertschöpfung die Freizeitwohnsitze bei uns bringen. Und zwar haben wir 1.780 Arbeitsplätze, die fix an den Freizeitwohnsitzen hängen. Im Vergleich: das Egger-Werk in Kitzbühel, das ist auch einer der größten Arbeitgeber, was wir im Bezirk haben, hat 500 bis 600 Personen angestellt. Wir haben eine Wertschöpfung daraus mit den Freizeitwohnsitzen von 190 bis 200 Millionen Euro jährlich, das ist eine Milliarde, was wir in fünf Jahren umsetzen, nur mit den Freizeitwohnsitzen. Also das heißt, dass wir heute Grund und Boden dem opfern, das kann ich so nicht gelten lassen. Viel, viel wichtiger wäre die Frage: Was kann eine Gemeinde machen, um den Einheimischen das Wohnen wieder zu ermöglichen oder attraktiv zu machen? Und da geht Kitzbühel, die Stadt Kitzbühel, ganz konkret mit Beispielen voran, mit sehr guten Ideen, wie wir leistbaren Wohnraum für die Bevölkerung, für die Einheimischen schaffen können.
Lukas:
Es geht jetzt auch um die illegalen Bauten oder illegal genutzten Bauten. Wie sehen Sie das?
Mainusch:
Der Herr Kollege Gamper spricht die Wertschöpfung an, die aufgrund von Freizeitwohnsitzen entstehen. Da widerspreche ich nicht, dass damit natürlich auch Wertschöpfung entsteht, nur ist es die Frage: Braucht es, um diese Wertschöpfung zu generieren, die diese Gäste erzeugen, Freizeitwohnsitze? Das bewährte Modell in Tirol, für das Tourismusland Tirol, ist die Vermietung im Rahmen eines Hotelbetriebes. Also ich stelle mir hier die Frage: Warum braucht ein Gast einen Freizeitwohnsitz, um nach Kitzbühel oder nach Tirol zu kommen, wo doch hochqualitative Hotelanlagen, Ferienwohnungen, private Einrichtungen zur Verfügung stehen, die den gleichen Urlaubsgenuss garantieren? Insofern die Wertschöpfung an die Freizeitwohnsitze zu knüpfen, halte ich ein wenig zu kurz gedacht, weil ja das Wegfallen von Freizeitwohnsitzen nicht zwangsweise bedeutet, dass auch die Wertschöpfung wegbricht, wenn man eine Alternative anbietet, die ja in Tirol in Form von den erwähnten Anlagen vorhanden ist. Jetzt zu sagen, lassen wir die Freizeitwohnsitze beiseite, kümmern wir uns nicht um dieses Thema, sondern sorgen wir dafür, dass wir für die ansässige Bevölkerung leistbare Alternativen zu den bestehenden Anlagen finden, sprich neue Anlagen im gemeinnützigen Sektor errichten, das halte ich zwar für einen richtigen Ansatz, nur halte ich’s in der konkreten Diskussion um eine Nebelgranate, weil gerade das Beispiel Kitzbühel, und das ist ja die Gegend, die alles zuspitzt, die Situation sich ja ganz anders darstellt. Die Kitzbüheler behaupten immer, die Freizeitwohnsitze, das sind Sonderimmobilien, das sind große Villen um 10, 20 Millionen Euro, die kann man nicht am Markt realisieren, es wird sich keine einheimische Familie leisten können, in diese großen luxuriösen Gebäude einziehen zu können. Das wird stimmen, es wird eine Reihe solcher Immobilien geben, wo dieses Argument treffend ist. Es gibt aber auch andere Fälle in Kitzbühel. Und mir ist, ich bin mir nicht ganz sicher, Herr Kollege Gamper, ob Ihnen die Situation wirklich bewusst ist, die in Kitzbühel vorherrscht. Darf ich eine kurze Geschichte dazu erzählen? Ich bin in Kitzbühel mit der Gondel hochgefahren und habe in der Gondel zufällig eine Einheimische getroffen. Und ich habe sie gefragt, wo sie wohnt, und sie hat mir erklärt, sie wohnt da 200 Meter von der Talstation entfernt. Das ist Toplage Kitzbühel. Und ich frage sie aus Neugier, was das für eine Wohnanlage ist, in der sie da wohnt. Ja, das ist eine genossenschaftlich errichtete Wohnanlage aus den 70er Jahren, also heute jenseits der 50 Jahre. Und ich frage sie, wie viele wohnen dort in dieser Anlage? Wie groß ist die Anlage? Ja, sie hat acht Einheiten. Und auf die Frage, wie viele Personen tatsächlich in dieser Anlage wohnen, antwortet sie damit, sie ist eigentlich schon alleine da ganzjährig. Und das ist das Problem. Das Thema, sich Wohnungen zu kaufen und die zu Erholungszwecken als Freizeitwohnsitz zu nutzen, das ist in Kitzbühel ein Flächenbrand, das ist nicht die Luxusimmobilie, das sind mittlerweile auch die Wohnanlagen, die eigentlich für andere Zwecke errichtet worden sind. Und das ist das Problem, das wir haben.
Gamper:
Also auf das muss ich jetzt auch nochmal eingehen. Ich kenne die Geschichte, die haben Sie mir ja schon mal erzählt, auch im Plenum hier herinnen und ich habe gesagt, ich kenne das Gebiet um die Hahnenkammbahn in- und auswendig. Es gibt da keine Genossenschaftswohnanlage mit acht Einheiten. Ich habe mir das selber sogar nochmal rausgesucht. Damals, wie das aufgekommen ist, habe ich gesagt, das möchte ich jetzt wissen, wo das ist oder wer das ist. Ich weiß nicht, wer in der Gondel drinnen gesessen ist, das ist noch die andere Geschichte, aber es ist um die Kontrollen gegangen. Wir wissen ja, dass die momentane gesetzliche Handhabe, was wir dazu haben, die Kontrollen, das ist zahnlos, das funktioniert ja gar nicht. Wir haben in Kitzbühel eine eigene Juristin angestellt, die kostet uns einen Haufen Geld. Und die ist nur mit dem beauftragt, dass sie diesen Freizeitwohnsitzmeldungen, Anzeigen und so weiter, dass sie das aufarbeitet und bearbeitet. Und was ist? Wir haben in drei Jahren über 1.000 Kontrollen gehabt, 4-5 landen beim Verwaltungsgerichtshof. Wir haben das auch gewonnen als Stadt Kitzbühel, also man kann uns nicht den Vorwurf machen, wir würden das nicht kontrollieren, wir würden dem nicht nachgehen, aber was ist die Conclusio? Gar nichts, nur weil ich heute einem eine Villa untersage, die 20 Millionen Euro wert ist, wegen dem habe ich noch keinen einzigen Quadratmeter Grund und Boden für den Einheimischen schaffen können. Das, vor dem heraus, ergibt sich da nichts, also da muss man schon nochmal genauer hinschauen. Und es ist auch das Einzugsgebiet Kitzbühel, ist halt was anderes wie Landeck. In Landeck, wenn man da durchfährt, links ein Berg, rechts ein Berg, in der Mitte die Autobahn, und bei uns in Kitzbühel ist das einfach ein, ist das ein anderer Hotspot und die Leute fühlen sich da auch wohl, also das muss man auch reell so sehen.
Lukas:
Ja, und es gibt ja natürlich diese Nähe zu Deutschland und zu München.
Gamper:
Salzburg, Deutschland, München, genau.
Lukas:
Und die Nähe zum Flughafen und ich meine, diese Infrastruktur bietet natürlich für wohlhabendere Menschen wohl eine gute Basis, um sich dort einen weiteren Lebenspunkt zu setzen.
Gamper:
Ja, in Ordnung, es braucht ja auch eine gewisse Sicherheit. Wenn man als Wertanlage, wenn ich heute eine Immobilie kaufe, jeder kann eine Immobilie bei uns kaufen. Wenn ich das Geld dafür habe, dann kann ich das machen. Ich habe auch nicht das Geld, dass ich in Wien im Ersten Bezirk eine Wohnung kaufen kann. Habe ich auch nicht die Kohle, aber das ist halt so. Angebot und Nachfrage, es gibt halt schönere Lagen und weniger schöne Lagen.
Lukas:
Da möchte ich jetzt ganz kurz auf die Vorbehaltsgemeinden kommen, weil in Tirol gibt es jetzt schon fast die Hälfte aller Gemeinden, haben meine Recherchen ergeben, sind bereits Vorbehaltsgemeinden. Und was ist eine Vorbehaltsgemeinde? Die werden deshalb so gewidmet, weil der Wohnungsmarkt dort besonders unter Druck steht. Und jetzt würde ich Sie, Herr Mainusch, fragen, ob das aus Ihrer Sicht überhaupt noch ein regionales Problem ist, das jetzt rein die Gemeinden betrifft oder ist das schon eine strukturelle Frage für ganz Tirol? Wird das irgendwann in ganz Tirol so sein, dass man einfach schauen muss, wer kauft wann, wo, wie? Wer darf da überhaupt wohnen? Wir sind ja trotzdem auch innerhalb der EU. Wie kann man das sehen?
Mainusch:
Naja, also die Herangehensweise ist schon richtig zu sagen: Wir schauen uns regional die Situationen an und wir verstehen, dass es unterschiedliche Rahmenbedingungen gibt vor Ort. Die Situation in den peripheren Regionen wie im Außerfern, zum Beispiel, wird eine ganz andere sein, wie es in Hotspotregionen wie dem Zillertal oder dem Großraum Kitzbühel sein wird. Also diese Differenzierung, die macht sehr wohl Sinn, wenngleich schon erkennbar ist, dass gerade aufgrund der langjährigen Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, aufgrund der riskanten alternativen Investmentformen, das sichere Betongold nach wie vor boomt. Und dass da sehr viel Kapital natürlich auch nach Tirol drängt, um hier Kapital zu binden und zu investieren, weil Tirol eben aufgrund seiner Attraktivität als Standort auch für Immobilieninvestitionen sehr interessant ist. Also ich denke, das Thema Spekulation mit Wohnraum, das wird uns noch lange begleiten. Und ich befürchte, wenn wir nicht schnell klare Rahmenbedingungen und Spielregeln schaffen, dass es uns auch droht zu eskalieren. Insofern halte ich diese Vorgangsweise sehr wohl für richtig, die im Moment passiert, dass man also die Schrauben im Bereich Bodenpolitik in unserem Land etwas enger zieht.
Lukas:
Sie möchten gerne darauf replizieren?
Gamper:
Ja, die Verantwortung fängt in der Gemeinde an - bei Ihnen als Bürgermeister, bei mir im Gemeinderat. Ihnen obliegt es in der Gemeindehoheit, was heute gewidmet wird und was nicht gewidmet wird, wo wir heute Wohnraum freimachen oder nicht. Ich nehme jetzt nur das Beispiel Kitzbühel. Wir haben jetzt in 15 Jahren, ich kann es kurz aufzählen, Sonngrub, Schattberg, Wohnpark Einfang, Fichterfeld, Höglrainmühle, Siedlung Badhaus, Burgstall, Ehrenbachgasse, Hausstatt, Malernweg-Högl, schnell runtergelesen, 453 Wohneinheiten für über 1.000 Leute geschaffen. Und das liegt in der Hand der Gemeinde, wenn wir heute hergehen und es kommt wieder ein Antrag zu einer Widmungsänderung, von Freiland in Bauland zum Beispiel. Und ich weiß schon, der Bauwerber ist ein Berliner, ein Münchner oder einer aus England, haben wir auch, oder Hongkong, haben wir auch schon gehabt, dann weiß ich ganz genau, das wird kein Hauptwohnsitz sein und dann wird das auch nicht gewidmet. Es liegt in der Hand der Gemeinde und da nehme ich jede Gemeinde, jeden Bürgermeister und jeden Gemeinderat in die Pflicht, da genau hinzuschauen, wie wir mit Grund und Boden umgehen.
Mainusch:
Das würde ich gerne aufgreifen, weil es eine richtige Aussage ist. Der Ball liegt unter anderem bei der Gemeinde. Es braucht natürlich das Land Tirol, das also raumordnerisch die Rahmenbedingungen setzt, aber es braucht die Gemeinde, oder den Bürgermeister, der als Behörde in sehr vielen Fällen zuständig ist, dass er sich auch im Rahmen dieser gesetzlichen Möglichkeiten bewegt. Und das Beispiel Kitzbühel zeigt schon, dass da in den letzten Jahren nicht immer ganz so gewissenhaft gearbeitet wurde, weil diese Villen, die Sie erwähnen, die 20 Millionen Euro wert sind, die in aller Regel noch nicht sonderlich alt sind, sondern in jüngster Zeit errichtet wurden, die brauchen ja auch einen Baubescheid. Und die gesetzliche Regel, dass Freizeitwohnsitze nicht geschaffen werden dürfen, gilt ja schon sehr lange. Das heißt, wie kommt eine Familie, die hier einen Freizeitwohnsitz errichtet, überhaupt dazu, dass sie einen Baubescheid für diese Nutzung kriegt? Und Sie schütteln den Kopf, weil genau: Das kriegt sie nämlich nicht, weil die Baubehörde seit vielen Jahren in ihre Baubescheide hineinschreiben muss: Die Anlage darf nicht zu Freizeitwohnsitzzwecken genutzt werden. So, und dann braucht es dann auch den Hausverstand zu sehen, hoppala, womöglich laufen wir wieder sehenden Auges in eine falsche Nutzung, wenn wir hier einen Baubescheid für diese Sonderimmobilie ausstellen. Also in erster Linie ist es schon an der Gemeinde auch abzuwägen, ist das realistisch, dass hier ein Hauptwohnsitz zur Deckung eines Wohnbedürfnisses entsteht oder nicht und dementsprechend dann auch behördlich zu agieren. Zum einen. Zum zweiten: Wohnsitzkontrollen. Sie haben recht, das ist ein aufwendiges Verfahren. Wir bedienen uns einer Securityfirma. Ich nehme an Kitzbühel ebenfalls, die also das Ermittlungsverfahren vor Ort führt. Wir haben ebenfalls einen Jurist, der im Haus die Bescheide erledigt. Der Aufwand ist recht umfassend und umfangreich, da gebe ich Ihnen recht, aber Sie müssen sich in Erinnerung rufen, welchen Effekt hat diese Kontrolle realpolitisch? Wenn wir, Hausnummer, davon ausgehen: Wir haben 10.000 Freizeitwohnsitze illegalerweise in diesem Land. Und es gelingt uns, diese 10.000 Freizeitwohnsitze aufzudecken und dem Markt zuzuführen. Dann wird am Ende, am Markt, werden am Markt, 10.000 Wohnungen für Einheimische, für Hauptwohnsitzzwecke zur Verfügung stehen. Das ist der realpolitische Effekt. Das Exekutieren von illegalen Freizeitwohnsitzen erspart uns das Bauen von neuen Wohnanlagen. Das müssen Sie sich bewusst sein. Stellen Sie sich eine Wohnanlage mit 10.000 Wohnungen vor. Was das für eine Größenordnung ist, was da für ein volkswirtschaftlicher Aufwand dahinter steht. Den sparen wir uns, wenn wir ordentlich kontrollieren.
Gamper:
Also, da muss ich jetzt drauf antworten. Erstens, Herr Bürgermeister, Sie haben jetzt zwei Sachen vermischt. Nummer eins, wenn heute eine Realität verkauft wird, dann ist es im Normalfall ein Hauptwohnsitz, weil wir keine Freizeitwohnsitze mehr widmen können. Das ist das eine. Sie unterstellen demjenigen, der jetzt den Hauptwohnsitz gekauft hat – und der Verkäufer ist immer noch der Einheimische, der das weitergibt – Sie unterstellen, dass der als Freizeitwohnsitz verwendet wird. Wie wir wissen, kann ich zehn Häuser kaufen. Und wenn eine Hauptwohnsitz-Meldung drauf ist, das sollte nicht das Problem sein. Ich finde das nicht ganz fair. Denn wenn ich heute ein Haus verkaufe, es kauft jemand, dann kann ich nicht sagen, das ist ein Freizeitwohnsitz. Es hat diese Selbstauskunft von der BH gegeben. Das haben sie mittlerweile auch alles gestrichen. Es muss ohnehin bekannt sein, dass das nur als Hauptwohnsitz verwendet werden darf. Aber was machen die Leute draußen? Die haben jetzt eine Realität gekauft, ein Haus. Und dann steht es ihm auch frei, dass er mal nachschaut, wie es dem Haus geht. Dann kommt er am Wochenende her und dann tut er mal rasenmähen. Das nächste Mal muss er schauen, ob das Wasser funktioniert, dass nichts abgefroren ist. Und somit kann der das Haus auch nützen. Wenn der eine Briefkastenfirma noch zusätzlich draufhängt, dann hat er eine Firma noch drauf, dann kann er seine Mitarbeiter auch noch zu Ferien- oder zu Teambuildingzwecken da einquartieren. Also das ist ja alles nicht das Problem.
Mainusch:
Ist das jetzt eine Anleitung zum Gesetzesbruch?
Gamper:
Nein, das ist es nicht. Aber das ist eine Feststellung, noch einmal, dass das Gesetz, wie es momentan ausgestaltet ist, einfach nicht funktioniert und zahnlos ist. Ich habe im Jahr 2019 sogar selber einen Antrag eingebracht, als FPÖ, an den Landtag, der Landtag soll an die Bundesregierung herantreten, dass sie endlich einmal das Meldewesen reformieren und dass sie da schauen, dass das wieder neu ausgestattet wird, weil man momentan mit diesem Meldewesen, wie wir es momentan haben, funktioniert die Kontrolle nicht. Das wurde abgelehnt. Also das ist postwendend wieder von Minister Peschorn damals zurückgekommen und er hat gesagt: Nein, das ist jetzt eine Geschichte, das interessiert nur ein paar wenige Orte in Tirol oder in anderen Bundesländern auch, aber es ist jetzt keine Herausforderung, dass man das auf Bundesebene umgestalten muss. Also mir kann man sicher nicht den Vorwurf machen, dass wir da zugeschaut hätten und das immer so hinnehmen, so wie es gewesen ist. Es ist einfach nicht gewollt.
Mainusch:
Also Sie sind ja Teil des gesetzgebenden Organs und Sie waren ja auch anwesend, wie der Landtag ein Gesetz beschlossen hat, das Leerstandsabgabengesetz, vor kurzer Zeit reformiert, in dem genau das, was Sie ansprechen, geregelt wurde, nämlich dass diese Verschneidung von Gebäude- und Wohnungsregister mit dem Zentralen Melderegister funktioniert, dass man das eben tun kann, um so den Gemeinden ein Handwerkzeug in die Hand zu geben, mit dem sie effektiv die Kontrollen durchführen können. Und ich sage Ihnen aus meiner Praxis, ich bin Baubehörde als Bürgermeister und ich erlebe es tagtäglich, diese Kontrollen funktionieren einwandfrei und sie führen letztlich auch zu einer Nutzungsuntersagung, die auch der gerichtlichen Überprüfung standhält. Also das Konstrukt, das rechtliche Konstrukt, das wir in Tirol haben, um diesen Machenschaften Herr zu werden, das ist vollumfassend tauglich.
Gamper:
Aber Sie vermischen wieder zwei Sachen, Herr Bürgermeister, nämlich die Leerstandsabgabe mit der Freizeitwohnsitzabgabe. Wir reden jetzt da von Freizeitwohnsitzen.
Mainusch:
Ja, aber das Ermittlungsverfahren ist dasselbe.
Gamper:
Nein, wenn ich heute eine gescheide Freizeitwohnsitzabgabe habe, eine gescheide, wo der Ort oder die Stadt das selber entscheiden kann, wie hoch die liegt, Gemeindeautonomie, da kann ich so viel Kohle machen als Kitzbühel, da bleibt fürs Land Tirol und für andere gemeinnützige Projekte auch noch was über, hundertprozentig.
Mainusch:
Ja, aber Herr Kollege Gamper, jetzt Hand aufs Herz. Es wird auch wohl nicht die Strategie unseres Landes sein, dass wir sagen, wir besteuern den Leerstand und lösen damit unsere Probleme, weil wir das Geld verwenden können, um gemeinnützig zu investieren.
Gamper:
Das habt aber ihr so gemacht.
Mainusch:
Das Ziel unseres Landes muss sein, in einem Land, in dem wir 14 Prozent theoretisch bebaubare Flächen haben, theoretisch, dass wir auf unser Land und den Grund und Boden in unserem Land aufpassen und dass wir bedarfsgerecht bauen und nicht unser Land ausverkaufen für irgendwelche Spekulations- oder Freizeitwohnsitzzwecke.
Gamper:
Das hat ja mit der Leerstandsabgabe nichts zu tun.
Mainusch:
Die Leerstandsabgabe, ich will die Leerstandsabgabe eigentlich gar nicht haben, weil ich sie gar nicht brauchen will. Ja, ihr habt sie ja beschlossen. Ich möchte, dass die Wohnungen genutzt werden, dann brauche ich keine Leerstandsabgabe, weil ich keinen Leerstand habe. Wohnraum für die Tiroler Bevölkerung, das ist ja eigentlich selbstredend.
Gamper:
Ja, das ist ja fast schon ein bisschen kommunistisch, weil wenn ich halt hergehe, Entschuldigung, wenn ich da noch hineinspreizen darf, aber wenn ich halt hergehe und ich habe eine kleine Wohnung und ich will mir die behalten, weil meine Tochter in ein paar Jahren zum Beispiel Studieren anfängt, ich sage jetzt einmal in Innsbruck, dann sei es auch mir überlassen, ob ich die Wohnung vermiete oder verkaufe oder auch einfach da behalte in meinem Eigentum. Also wir als Freiheitliche haben da einfach einen komplett anderen Zugang, glaube ich.
Konsequente Kontrollen und das Augenmaß
Lukas:
Ich möchte ganz kurz noch einmal zu diesen Kontrollen zurück, weil wir sind jetzt beim gesetzlichen Rahmen gewesen und vorher waren wir bei den Kontrollen und da will ich noch einmal hin. Weil so viel Geld man mit diesen Abgaben dann auch verdienen kann, wird natürlich schon Schindluder mit diesen illegalen Freizeitwohnsitzen getrieben. Und es wird auch wirklich, es waren ganz viele Maßnahmen, Sie haben schon einige vorher genannt, dass man das als Firmensitz umwidmet oder es gibt ja ganz viele Verschleierungstaktiken, damit das Ganze so ausschaut, als wäre es ein genutzter Hauptwohnsitz, dass Müll hingebracht und dann wieder abtransportiert wird, Zeitschaltuhren, Rasenmäherdienste, also da gibt es ja alles mögliche, da wachsen ja skurrile Blüten in dem Ganzen. Und die Kontrolle, von denen Sie, Herr Mainusch, offensichtlich vorhin schon gesprochen haben und die bei Ihnen im Ort offensichtlich ganz gut funktioniert, weil unter Ihrer Ägide, und es ist Ihnen ein Anliegen, die passiert ja teilweise selbst, das ist jetzt alles auf Gemeindeebene, eben teilweise durch Securityfirmen, die dann aber in Schlafzimmer reinfilmen und da fragt man sich dann auch: Wo ist die Grenze, dass man kontrolliert und wo ist die Grenze quasi der Privatsphäre? Oder es wird in den Gemeindeverbänden geregelt. Aus meiner Sicht heraus ist vielleicht auch die Uneinheitlichkeit da ein bisschen ein Problem und könnte anders geregelt werden. Herr Mainusch, wie sehen Sie das? Ist das eine Grundwurzel des Übels in dieser Kontrolle, dass jeder das selbst organisieren muss, wie das kontrolliert wird und das nicht vom Land aus gemacht wird? Oder wie sehen Sie das?
Mainusch:
Ja, das ist leider, die Antwort ist langweilig. Es ist eine gesetzliche Vorgabe, eine verfassungsrechtliche, dass die Gemeinden dafür ihre Zuständigkeit haben. Das heißt, es wird bei den Gemeinden bleiben, dass sie also ihre Baubescheide exekutieren und vollziehen. Dass das unterschiedlich gehandhabt wird, das glaube ich, weil eben die Erfahrung auch, wie ein solches Ermittlungsverfahren durchgeführt werden muss, noch fehlt. Also man wird sich so hinhanteln, wie man am einfachsten diesen Tatbestand feststellen oder eben nicht feststellen kann. Ich weiß von den Berichten aus Kitzbühel, dass es dort oftmals schon sehr ungut zugeht und dass dort auch oftmals in die Privatsphäre eingegriffen wird. Das verurteile ich, das halte ich auch nicht für notwendig. Ich glaube nicht, dass es das braucht. Ich glaube, dass es genug Möglichkeiten gibt, um diese Nutzung festzustellen oder nicht. Und ich appelliere auch an die Verantwortungsträger draußen im Land, an die Securityfirmen, die das vollziehen, dass sie da mit der notwendigen Sorgfalt, aber auch mit dem Fingerspitzengefühl und der Empathie drangehen. Das sollte nicht passieren, dass da in Wohnzimmer hineingefilmt wird. Und das ist auch nicht notwendig.
Gamper:
Es geht nicht nur um die Security, die da draußen sind von mir aus. Bei uns macht das die Stadtpolizei im Auftrag vom Stadtamt zum Beispiel. Es geht ja darum, dass wir eine politische Kleinpartei bei uns im Land haben. Deren wichtigstes Thema ist der Freizeitwohnsitz. Wenn alle anderen Themen ausgehen, dann ist das willfährige und das praktische Thema, das sie nachher hervorziehen. Und was haben die gemacht? Die haben eine anonymisierte Webseite gemacht, wo man anonym Angaben eingeben kann, dass der Nachbar vermutlich einen illegalen Freizeitwohnsitz bewohnt. Und das geht dann an die Gemeinde. Die beschäftigen die Gemeinden rund um die Uhr mit solchen Geschichten. Und das ist eine Geschichte, die ich einfach nicht haben möchte. Dass einer seinen Nachbarn anonym anzeigt, das ist eine Bespitzelungstaktik und das brauchen wir bei uns nicht. Sie haben bei Ihnen in der Gemeinde Fügen 0,8 Prozent Freizeitwohnsitze, was ich gesehen habe. Es gibt natürlich andere Gemeinden, die wesentlich mehr haben. Die sind im Fügen natürlich einfacher zu kontrollieren, als in Kitzbühel oder in Hopfgarten zum Beispiel, oder in Thiersee. Thiersee ist sowieso über drüber.
Mainusch:
0,8 Prozent sind die legalen, die kontrolliere ich ja nicht. Ich kontrolliere ja die mutmaßlich illegalen. Und dazu ist es natürlich schon für eine Behörde, die das zu vollziehen hat, sehr angenehm oder zeitersparend, wenn sie Indizienlagen hat. Wenn es jemanden gibt, der weiß, bei diesem Haus parkt immer nur das gleiche Kennzeichen und das nur sporadisch im Jahr, das erleichtert natürlich der Behörde dann auch das Finden von Freizeitwohnsitzen. Und insofern halte ich diese Hinweise aus der Bevölkerung jetzt nicht für problematisch, sondern eher sogar für förderlich, um den Vollzug zu verbessern. Dass das natürlich dann oftmals Denunziantentum hervorruft und oftmals menschlich problematisch wird, da gebe ich Ihnen völlig recht. Im Sinne des großen Ziels, Wohnraum zu mobilisieren für die lokale, regionale Bevölkerung, ist es sehr wohl hilfreich, wenn man weiß, wo Verdachtsfälle bestehen.
Gamper:
Wenn Sie als Bürgermeister bei Ihnen im Fügen im Heimatgebiet unterwegs sind, zum Wandern, zum Skifahren oder zum Biken im Sommer, wie viele Stadel gibt es, die illegalerweise ausgebaut sind von den Bauern, und wie viele haben Sie schon angezeigt als Bürgermeister?
Mainusch:
Ich habe wenig Berganteil in meiner Gemeinde und damit auch wenig Stadel und Asten, die vermeintlich Freizeitwohnsitze sind, also kurzum: keine. Bei mir beschränken sich diese Freizeitwohnsitzkontrollen auf Anlagen, die typischerweise Wohnanlagen sind und sich dort über die Jahre Veräußerungen ergeben haben und letztlich dann Wohnungen an Nicht-Österreicher mit Nicht-Hauptwohnsitzzwecken verkauft werden. Das ist eigentlich auch das Sensible und Dramatische. Wir haben in Wohnanlagen, die urtypisch für die lokale Bevölkerung errichtet wurden, heute einen Anteil an illegaler Fremdnutzung, die ihresgleichen sucht. Noch mal, 100.000 Wohnungen in unserem Land, tatsächlich ohne Hauptwohnsitzmeldung.
Lukas:
Darf ich an dieser Stelle nochmal nach Europa blicken? Weil glauben Sie beide, dass es so ist, dass wir quasi die Vorhut sind von dem, was in Europa dann weiterhin passieren wird? Es gibt ja viele Orte in Europa, schauen wir nach Spanien, in Südtirol sind sie auch betroffen, dann ganz krass in Sylt. Es gibt ja ganz viele Örtlichkeiten in Europa, die dieselben Probleme haben wie wir in Tirol, nur dass es hier einfach wirklich durch die Decke geht, schon seit Jahren. Kann man von anderen Orten da was lernen oder kann man da Vorbild sein für den Rest von Europa? Gibt es dazu eine Meinung?
Gamper:
Ich glaube, das wird sich ein stückweit selber regeln auch. Ich erinnere da zum Beispiel an diese Zeiten, wo jeder in Portugal unten ein Haus haben wollte, eine Finca oder sonst irgendwas, in Mallorca war‘s das Gleiche. Dann hat es die ganzen Timesharing-Projekte gegeben, wo man sich einkaufen hat können für ein paar Wochen im Jahr, und jeder hat irgendwo einen Freizeitwohnsitz. Das waren echte Freizeitwohnsitze, nicht so, wie bei uns. Und das hat auch damals die Runde gemacht, mit mehreren Inhabern von einer Realität, ähnlich zu einem Buy-to-let-System, zum Beispiel, wie es bei teilweise uns möglich ist, teilweise auch notwendig ist, damit Betriebe am Leben erhalten werden können. Das muss man auch ganz ehrlich dazusagen. Aber ich glaube, das wird sich regeln. Es wird immer gute Lagen geben, die werden immer einen Haufen Geld kosten, das wird sich auch kein Einheimischer leisten können. Wichtig ist, wie wir als Gemeinde mit Neuwidmungen umgehen. Weil wenn schon ein Haus da ist, dann ist das Haus da, dann habe ich wenig Einfluss drauf. Und Sie als Bürgermeister wissen, als Baubehörde, wenn da nichts dagegen spricht, dann soll er abreißen und dann soll er neu bauen. Das ist einfach so. Ob das Haus dann über mehrere Geldtaschen schon wieder drüber geht an andere Besitzer, da haben wir keinen Einfluss. Da haben auch Sie als Bürgermeister keinen Einfluss. Das steht demjenigen auch zu.
Mainusch:
Das Veräußern selbstverständlich. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand mehrere Häuser besitzt, als er braucht, das ist überhaupt nicht das Thema. Es kann jeder so viele Wohnungen in diesem Land kaufen, wie er will. Ich stelle nur einen Grundsatz auf. Ich sage: Tiroler Wohnraum für die Tiroler Bevölkerung. Nonanet, das ist doch nachvollziehbar und logisch. Und ich sage, wenn jemand eine Immobilie erwirbt, dann muss er mit der Verpflichtung, muss ihm die Verpflichtung auferlegt werden, dass er dafür sorgt, dass diese Wohnung auch dem Markt zugeführt wird. Entweder er bewohnt es selbst oder er vermietet es. Das muss Grundregel sein. Wir können nicht weiter so viel Leerstand in diesem Land produzieren, wie wir es die letzten Jahre getan haben. Wir verkaufen unser Land aus.
Gamper:
Wir haben jetzt das Projekt Hausstattfeld in Kitzbühel zum Beispiel, wo wir Einheimischen Wohnraum wieder zur Verfügung stellen. Da werden Reihenhäuser gebaut, Doppelhäuser, aber auch zur Einzelbebauung mit kleinen Grundstücken. Das Grundstück wird verkauft um, sagen wir mal, 290 Euro pro Quadratmeter. Das ist in Kitzbühel natürlich ein einheimischen-freundlicher Preis, weil wir machen genau das, dass wir die Vertragsraumordnung, was das Land als Werkzeug den Bürgermeistern und den Gemeinden zur Verfügung stellt, das verwenden wir auch. Wir geben diese Grundstücke sehr günstig ab. Nur, wenn ich mir das jetzt anschaue, wie die bauen müssen, wie sie das bebauen müssen, da geht keine Familie unter 800.000 Euro, zieht die in so ein Wohnhaus ein. Also wer soll sich denn das leisten können? Das geht nicht.
Mainusch:
Die Bebauung haben Sie als Stadtrat der Stadt Kitzbühel selbst in der Hand.
Gamper:
Bitte?
Mainusch:
Die Bebauung haben Sie in Ihrer Entscheidungsfunktion in Kitzbühel selbst auch in der Hand.
Gamper:
Wir bauen das sogar mit gemeinnützigen Wohnträgern.
Mainusch:
Wunderbar.
Gamper:
Aber 800.000, das kann sich kaum mehr eine Familie leisten bei uns.
Mainusch:
Ich würde Sie bitten, dass Sie dafür Sorge tragen, dass diese Wohnanlage dann auch langfristig auf Bestandsdauer der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung steht.
Gamper:
Ja natürlich. Die Gemeinde sichert sich mit Veräußerungsverboten und so weiter, Vorkaufsrechten, ab, das ist eh klar.
Tirol als Kulisse?
Lukas:
Wir kommen zum Schluss unserer Diskussion. Ich bedanke mich sehr für dieses schöne, wertschätzende Gespräch bis jetzt. Ich komme ja ursprünglich aus Seefeld und da habe ich jetzt noch eine persönliche Frage mitgebracht. Und zwar, hier wird ja ganz viel gebaut, um alles so ein bisschen zu kompensieren und quasi allen Raum zu bieten in diesem Raum Kitzbühel, so wie ich das jetzt verstanden habe. Hier wird ein bisschen eine andere Schiene gefahren. Meine Frage ist, wann kippt ein Ort aus Ihrer Sicht, gerne Sie zuerst, von lebenswert zur Kulisse? Wo ist die Prozentzahl, wo Sie zum Beispiel persönlich empfinden würden: Die acht Prozent sind Ihnen als Kitzbüheler jetzt vielleicht bis jetzt zu wenig. Aber wann ist der Deckel drauf? Jetzt ganz persönliche Meinung.
Gamper:
Ich glaube, der Unmut kommt dann, wenn die Bürger einer Stadt, so wie es bei uns ist, einfach nicht mehr zufrieden sind, wie sich eine Stadt entwickelt. Die acht Prozent ist eine auferlegte Hürde, die das Land gemacht hat. Wir sind bei 16 Prozent. Aber ich gebe zu, in Kitzbühel gibt es auch Ortsteile, wo viele Häuser drin stehen, wo das ganze Jahr der Rollladen herunten ist. Das ist halt so. Aber noch einmal, das ist halt auch eine Geschichte: Jeder kann kaufen, jeder kann verkaufen und man hat es kaum in der Hand, wie sich ein Ortsteil dann gestaltet. Das ist die andere Geschichte. Ich würde sagen, wir müssen schauen, dass man wieder Grund und Boden, so wie es der Herr Bürgermeister gesagt hat, dass wir die wirklich sichern für die Einheimischen. Und dass wir bei jeder Widmung, das habe ich heute schon ein paar Mal gesagt, immer wieder darauf schauen, für wen widmen wir diese Grundstücksflächen. Bleibt das bei uns oder läuft es Gefahr, dass die veräußert wird, irgendwo hin, wo es eigentlich nicht hin soll?
Lukas:
Wie sehen Sie das mit der sozialen Identität?
Mainusch:
Guter Ansatz zu sagen, bauen wir bitte nur noch das, was unser Land auch braucht und schauen wir, dass das garantiert ist, dass es dem auch zugeführt wird. Das ist auch meine Aussage. Ich würde Sie nochmal bitten, schauen Sie bei sich in Kitzbühel, dass das auch so gelebt wird, weil die Statistiken und die Entwicklungen der letzten Jahren zeigen ganz krass in die gegenteilige Richtung. Zur Frage, wie lange ist ein Ort lebenswert und wann wird er zur Kulisse? Übrigens eine schöne Metapher! Wir haben in unseren Regionen ein Lohnniveau. Die arbeitende Bevölkerung hat ein gewisses Niveau an Haushaltseinkommen. Und solange dieses Haushaltseinkommen, das eine Familie erwirtschaften kann, mit ordentlicher Arbeit, solange das ausreicht, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, Wohnung, Essen, Kleidung und sich ein ordentliches, halbwegs luxuriöses Leben leisten zu können, solange das ausreicht, solange ist ein Ort lebenswert. Aber wir stellen heute fest, dass die Menschen weit mehr wie die Hälfte ihres Einkommens brauchen, um alleine das Dach über dem Kopf zu finanzieren. Und am Ende viele hundert Euro fehlen, um andere Dinge zu besorgen und organisieren, dann wird ein Ort nicht mehr lebenswert. Und diese Situation haben wir leider allzu oft. Eine Steigerung der Immobilienpreise in unter zehn Jahren um fast das Doppelte in meiner Gemeinde.
Lukas:
Dann würden wir jetzt zum Spiegelmoment kommen. Herr Gamper, haben Sie Ihrem gegenübersitzenden Abgeordneten gut zugehört und haben eine Sache gehört, die Sie gerne in eigenen Worten wiederholen und wertschätzend hervorheben möchten?
Gamper:
Absolut. Erstens darf ich mir für das sehr freundliche Gespräch in dem Format, in dem Rahmen bedanken. Es war interessant und ich glaube, es war insofern wichtig, dass wir über dieses Thema Freizeitwohnsitze mal offen redet. Es werden sehr viele Schlagzeilen produziert und da wird darauf hin und her geritten, wer ist Schuld und der schwarze Peter wird hin und hergeschoben. Aber ich glaube, es wäre an der Zeit und es wäre gut und es tut uns auch gut als Landtag, dass man sich mit dem Thema einmal genauer auseinandersetzt, was ist gut und was ist schlecht. Was für einen Ort gut ist, haben Sie ja gesagt, mag für den anderen nicht gerade das Beste sein. Ich nehme noch mit, was Sie zum Schluss jetzt gesagt haben, Herr Kollege Mainusch, nämlich die Wirtschaft und die Betriebe, dass man die unterstützt, dass man schaut, dass die einen Aufschwung wieder erleben, weil es ist momentan auch ein bisschen zach für manche. Muss man ganz ehrlich sagen, egal in welchem Bereich von Tirol, worüber wir sprechen. Und ich nehme das jetzt mit, für mich in Kitzbühel. Wir haben eine große Herausforderung im Bereich der Innenstadt. Die Innenstadt stirbt aus, die Gastronomie geht weg, das ist ein riesen Manko, das ist ein großes, großes Problem bei uns in Kitzbühel. Es kommen immer mehr, wir sagen Fetzen-Geschäfte dazu, Gewandgeschäfte, die wir da drin haben. Und de facto ist es wirklich so, dass wir ein Problem haben, dass man Gastronomie belebt, Gastgärten belebt. Das sieht man ja in Innsbruck, da ist was los. Und da haben wir ein großes, großes Problem. Also ich nehme das von Ihnen mit, dass man sagt, gerade im Bereich Wirtschaft, im kleinen Bereich, so gut es geht, dass man das stärkt und das wieder auf Vordermann bringt, das würde nämlich dem Ganzen zugute kommen.
Lukas:
Danke. Und Ihre Conclusio und gerne auch den Spiegelmoment vom Abgeordneten Gamper.
Mainusch:
Ja, ich honoriere den Ansatz, den Sie wählen zu sagen, wir müssen schauen, dass wir auf eigene Faust Projekte entwickeln, die wir den Einheimischen zur Verfügung stellen können. Sie haben eine Reihe an Wohnanlagen oder Gegenden erwähnt, in der die Stadtgemeinde Kitzbühel schon aktiv Wohnraum schafft für die eigene Bevölkerung. Das nehme ich sehr wertschätzend und lobend zur Kenntnis und motiviere dazu, dass wir alle im ganzen Land darum schauen, dass wir im gemeinnützigen Sektor Wohnungen errichten, gleichzeitig auch den frei finanzierten Sektor Wohnungen bauen lassen, aber dass wir unterm Strich immer darauf achten, dass das, was geschaffen und gebaut wird, auch seinem Zweck zugeführt wird.
Lukas:
Danke für das konstruktive Gespräch und die erste Folge in dieser zweiten Staffel von Adlerohren! Wir haben gesehen, Freizeitwohnsitze sind mehr als eine juristische Kategorie und sie berühren Fragen von Heimat, von Gerechtigkeit, von Eigentum und Zukunft und es ist halt immer schwer, alle Interessen unter einen Hut zu bringen, aber dafür ist die Demokratie da, dass man miteinander redet und beste Lösungen findet. Also vielen Dank fürs Dabeisein. Und wenn euch die Folge gefallen hat, dann lasst bitte ein Abo und eine gute Bewertung da und teilt eure Gedanken mit uns unter adlerohren@tirol.gv.at oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Wir freuen uns schon aufs nächste Mal. Bis bald. Servus, pfiat euch! Pfiat euch!
Mainusch:
Dankeschön.
Gamper:
Danke dir, ciao.