Operation Greenup
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #1
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge unseres Podcasts Adlerohren – Tiroler Landtagsgeschichten. Mein Name ist Tatjana Lukas. Ich werde euch in den nächsten Wochen und Monaten Geschichten aus und rund um den Tiroler Landtag erzählen. Unser Augenmerk liegt dabei auf Tirol, seinem Landesparlament, unserer Demokratie und was sich dort hinter den Kulissen abspielt. Wir wollen für euch die Fortschritte im Land hörbar machen und euch herausragende Persönlichkeiten des Tiroler Landtags vorstellen. Und nicht zuletzt, wir möchten auch gern eure Fragen beantworten, die ihr uns immer wieder zum Landtag stellt. Wir läuten diese erste Folge stilecht mit der Original-Tiroler Landtagsglocke ein. Und wir können euch an dieser Stelle schon versprechen, zum Auftakt wird es actionreich. Wir erzählen die Geschichte von Franz Weber, einem ehemaligen Tiroler Landtagsabgeordneten, der bei der legendären Operation Green Up eine Schlüsselrolle gespielt hat. Diese Operation gilt als eine der erfolgreichsten Aktionen des US-Geheimdienstes während des gesamten Zweiten Weltkriegs und hat Innsbruck und umliegende Gemeinden 1945 vor der Zerstörung bewahrt. Hinter den Ereignissen standen Menschen, deren Mut uns heute noch inspiriert. Einer von ihnen war der ehemalige Landtagsabgeordnete Franz Weber. Tiroler durch und durch und eine Schlüsselfigur. Folge 1 Operation Green Up oder Was der Tiroler Landtag mit Kultregisseur Quentin Tarantino zu tun hat
Franz Weber:
Ich mache das nicht mit. Wir haben ein Regime, das wir eigentlich längst schon ablehnen oder immer ablehnt haben. Wir sind treue und brave Soldaten.
Lukas:
Was ihr gerade gehört habt, ist die Stimme von Franz Weber aus einem alten Tondokument. Beginnen wir also mit der Frage. Was hat der Tiroler Landtag mit dieser Geschichte zu tun? Darauf gibt uns Sonja Ledl-Rossmann, die amtierende Landtagspräsidentin, eine erste Antwort.
Sonja Ledl-Rossmann:
Es war bei der Landtagssitzung im Mai 2020 und wir haben dann einen Antrag diskutiert, in dem es um mehr Aufarbeitung oder Erinnerungskultur gegangen ist und dort ist dann zum ersten Mal der Name Franz Weber gefallen und in der Debatte haben wir sehr schnell festgestellt, dass eigentlich alle Abgeordneten schnell gefesselt waren, von seiner Geschichte und gleichzeitig haben wir aber auch festgestellt, dass der Großteil von uns die genaue Lebensgeschichte von Franz Weber nicht gekannt hat.
Lukas:
So ist es auch Matthias Breit, dem Leiter des Gemeindemuseums Absam, ergangen. Ich mache mich auf den Weg zu ihm in das historische Gebäude nahe der Basilika St. Michael. Er erzählt mir, dass erst ein Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2014 ihn auf die Geschichte des Tiroler Deserteurs und späteren Landtagsabgeordneten Franz Weber aufmerksam gemacht hat.
Matthias Breit:
Und wir haben dann versucht, einmal in Oberperfuss festzustellen, ist diese Operation Green Up überhaupt dort bekannt. Sie war nicht bekannt und das hat dann zu zwei jeweils bummvollen Vortragsabenden in Oberperfuss geführt, wo natürlich sehr viele Fragen aufgetaucht sind rund um diese Operation Green Up, wo sehr viele Namen aus Oberperfuss genannt worden sind, von denen jeder weiß, dass die Familien in Oberperfuss leben, aber niemand hat eine Ahnung gehabt, dass die involviert waren.
Lukas:
Daraufhin befassen sich die Historiker Matthias Breit und Peter Pirker eingehend mit der Geschichte der Operation Green Up. Und wo werden sie fündig? Am Eingang des Sellraintals, indem sie auf den Namen Franz Weber stoßen. Ein weithin bekannter Landtagsabgeordneter, aber eben auch ein Wehrmachtsdeserteur, der in seiner Heimatgemeinde Oberperfuss Schutz gefunden hat und nicht nur er. Denn die Dorfgemeinschaft hat damals auch seine zwei amerikanischen Kollegen vor den Nazis versteckt.
Breit:
Franz Weber aus Oberperfuss war einer der ganz, ganz wenigen Wehrmachtssoldaten, die ihre Zweifel an diesem Krieg letztendlich dann so dahingehend realisiert haben, dass sie aktiv die Wehrmacht verlassen haben, zum Feind übergelaufen sind, also zu den Befreiern, zu den Alliierten und dort auch dokumentiert haben, dass sie also nicht in Kriegsgefangenschaft das Ende des Krieges erleben wollen, sondern dass sie aktiv sich einsetzen wollen gegen diesen Weltanschauungskrieg, den die deutsche Wehrmacht in ganz Europa dann letztendlich auch auf die ganze Welt ausdehnen wollte.
Franz Weber:
Ich war jetzt an der Stelle, wo ich mir gesagt habe, hier kannst du gehen. Weil ich hab gesagt, ich kann natürlich jetzt dabei bleiben, sein wird gar nichts, entweder falle ich oder in Gefangenschaft. Aber wenn man so überzeugt ist, dass die Geschichte zu einem heillosen Elend führt, das war mir längst wirklich ehrlich klar, dann kannst du nicht danach sagen, ja, ich war eh allerweil dagegen.
Lukas:
Was ihr gerade gehört habt, ist die Stimme von Franz Weber aus einem alten Tondokument. Er hat erst in den 1980er Jahren öffentlich über seine Erlebnisse gesprochen und in diesem Interview beschreibt Franz Weber den Moment, als ihm während des Feldzugs gegen die Partisanen in Jugoslawien klar geworden ist, so kann es nicht mehr weitergehen. Aber was tun? Zu den Partisanen, zu den Kommunisten überlaufen? Nein. Dann doch lieber zu den Amerikanern hat er sich gedacht. Und als sein Trupp im September 1944 in Italien stationiert war, hat sich eine Chance ergeben, den Plan in die Realität umzusetzen.
Franz Weber:
Vier Elsässer. Sonst hab ich mich zu niemandem was sagen getraut. Denen habe ich dann gesagt, ich gehe bei nächster Gelegenheit. Und die waren natürlich gleich einverstanden, mit denen bin ich dann in der Nähe von Viareggio. Da habe ich meinen Zug müssen, haben wir müssen Minen legen auf der Straße und eine Brücke laden zum Herrichten, zum Sprengen. Und da habe ich dann so eingerichtet, dass ich die vier mitgenommen habe weiter vor.
Lukas:
Franz Weber kommt also in ein Kriegsgefangenenlager, der amerikanischen Armee in Süditalien. Und dort fällt er ziemlich schnell einem US-Kommandanten positiv auf. Dieser ist überzeugt: Franz Weber ist genau der Richtige für eine geplante Geheimdienstmission mit Fred Mayer und Hans Wijnberg. Diese beiden Spione zählen zu den tausenden jüdischen Flüchtlingen, denen es tatsächlich gelungen ist, die USA zu erreichen.
Breit:
Die für sich ihre Erfahrungen sowohl mit dem Antisemitismus vor dem NS-System und dann auch im NS-System dahingehend ihre Schlüsse ziehen, dass sie sagen, sie möchten sich einer Armee anschließen, die aktiv dieses System bekämpft. Und sie kommen über eine Geheimdienstausbildung über den Kriegsschauplatz Nordafrika mit den Alliierten nach Italien und dort werden sie mit Franz Weber in Kontakt gebracht. Es geht bei diesen Operationen der Amerikaner hinter der Front darum, dass immer wieder mit jemandem, der mit den lokalen Verhältnissen vertraut ist, der ein Quartier besorgen kann, zusammengearbeitet wird.
Lukas:
Im Nachhinein fragt man sich, warum genau dieses Trio? Das macht ein Schreiben an den Geheimdienst Office of Strategic Services, kurz OSS, das ist die Vorgängerorganisation der CIA, deutlich. Der Historiker Matthias Breit übersetzt für uns das Originaldokument aus dem Jahr 1945.
Breit:
Der Fred Mayer ist der Teamcaptain. Er ist 23 Jahre alt und sehr aggressiv. Er spricht Deutsch und Französisch, das war sehr wichtig, weil er stammt aus Freiburg. Er ist ein Mechaniker, also ein Diesel Engineer in Civil Life, also er hat technische Fähigkeiten. Und er ist daher aufgrund seiner beruflichen Ausbildung, er hat bei Ford gearbeitet, ist er dafür prädestiniert, Industrie und Militärspionage zu betreiben. Er ist ein Natural Leader, heute würde man sagen eine Alpha-Persönlichkeit und er hat eine Remarkable Ability, also eine bemerkenswerte Fähigkeit, in unerwarteten Situationen zu improvisieren. In diesem Dokument der zweite Mann ist Hans, Radio Operator, also der Funker. Er ist ein Dutch American, stammt also aus den Niederlanden, ist ebenfalls 23 Jahre alt und spricht Niederländisch, Französisch und Deutsch. He is intelligent and completely loyal and devoted to Fred. Also er ist jemand, der sich aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Fred Meyer zu 100% auf seine Fähigkeiten verlässt und auch auf sein, heute würde man sagen, extrovertiertes Wesen verlässt, während er wahrscheinlich eher jemand war, der dafür geeignet war, wochenlang in einem Dachboden zu verschwinden und keinen oder wenig Außerkontakt zu haben. Und der dritte in diesem kurzen Schreiben ist der Frank Winston und das war der Deckname für den Franz Weber. Das Wichtige steht natürlich an erster Stelle, is a native of Innsbruck, 25 years old, also er hat lokale Kenntnisse. Er war Student und ist 1940 zur deutschen Armee eingezogen worden und man kann den Frank Winston unter Umständen als Italiener verkaufen, nach außen hin, weil er etwas italienisch und etwas englisch spricht, in addition to his native tongue, also zu seinem Tiroler Dialekt wahrscheinlich. Er ist konservativ, also er ist auch politisch eingestuft worden, he has contacts and relatives and friends of long standing. Also er konnte verweisen auf stabile, heute würde man sagen soziale Beziehungen. Diese stabilen sozialen Kontakte, auf die sich der Franz Weber verlassen konnte in Oberperfuss und wahrscheinlich auch darüber hinaus, waren ja die Grundlage dafür, für den Erfolg dieser Operation.
Lukas:
Diese drei Männer sollen also herausfinden, wie es um die von den Nazis so bezeichnete Alpenfestung Innsbruck bestellt ist. Eine ihrer Aufgaben war es, erstens den Eisenbahnverkehr über den Brenner zu beobachten und Informationen über Waffenlieferungen der Wehrmacht zu liefern. Doch bevor sie all diese Missionen angehen konnten, brauchten sie mal einen sicheren Zufluchtsort, von dem aus sich alles organisieren hat lassen.
Bernhard Weber:
Die Aufgabe meines Vaters war eigentlich die, den Hans Wijnberg und den Fred Mayer sicher nach Innsbruck und dann letztlich nach Oberperfuss zu bringen.
Lukas:
Ihr habt jetzt gerade Bernhard Weber gehört, einer der beiden Söhne von Franz Weber. Gemeinsam mit ihm reisen wir jetzt gedanklich zurück in jene eiskalte Februarnacht 1945, in der sich sein Vater erstmals einen Fallschirm umschnallte und ins Ungewisse sprang.
Bernhard Weber:
Das hat damit angefangen, dass in einer waghalsigen Aktion, Fred Meyer sagt immer, die Turbinen haben geglüht bei den Motoren des Flugzeugs, sind sie abgesprungen in einer Gegend. Alles weiß, in der Nacht kein Mensch hat was gesehen. Und mein Vater hatte die Gegend schon ein bisschen gekannt, weil er die Berge sehr gemocht hat und war viel am Berg. Und er hat sie dann versucht, sicher vom Absprungspunkt einmal in die Ambergerhütte zu bringen. Die haben sie halt müssen aufbrechen müssen, weil die war natürlich nicht offen, haben sich einmal zwei, drei Tage gebraucht, um sich zu orientieren, wo es eigentlich lang geht. Ja, und dann ist es ihm, glaube ich, schon gelungen, auch durch seine Beziehungen zu den örtlichen landwirtschaftlichen Institutionen, sie sicher einmal ins Inntal herunterzubringen.
Lukas:
Bernhard Weber empfängt mich schon frühmorgens in seinem gemütlichen Einfamilienhaus im winterlichen Arzl, gemeinsam mit seiner Frau. Er trägt sein Haar grau meliert und wirkt sehr neugierig. Seine Frau kümmert sich aufmerksam um die Bewirtung und bietet mir Kaffee und Vanillekekse an. Sie ist es auch, die im Laufe des Gesprächs ein Fotoalbum auf den Tisch legen wird, in dem sie akribisch die Familiengeschichte dokumentiert hat. Lange Zeit kannte Bernhard Weber die abenteuerliche Geschichte seines Vaters selbst nur vom Hörensagen.
Bernhard Weber:
Mein Vater hat eigentlich nie darüber gesprochen, aus welchen Gründen immer. Die sind uns nie bewusst geworden. Aber natürlich, je älter wir geworden sind, mein Bruder und ich, wenn wir so ins Jugendalter gekommen sind, haben wir schon mitbekommen, dass sich da was getan hat. Nämlich der Fred Mayer war ja dann auch oft bei uns in Oberperfuss und hat eine unheimliche Beziehung zu diesem Dorf aufgebaut. Und da wurde uns dann schon bewusst, was da los war.
Lukas:
Man kann feststellen, Mut war in Bernhard Webers Familie und in Oberperfuss generell weit verbreitet. Seine Tanten spielten nämlich auch bei der Mission Green Up eine wichtige Rolle. Aber auch andere Menschen, wie zum Beispiel der ehemalige Bürgermeister Alois Abenthung, einer der Ersten, der den drei Agenten Quartier gegeben hat bzw. ihnen Quartiere besorgt hat. Zum Dreh- und Angelpunkt entwickelte sich die Wirtin und zukünftige Schwiegermutter Webers, Anna Niederkircher vom Hotel zur Krone, die ebenfalls ein Quartier zur Verfügung stellte.
Bernhard Weber:
Man hat sich oft gefragt, warum ist diese ganze Aktion in Oberperfuss eigentlich so unterm Tisch gehalten worden? Da haben ja viele Leute Bescheid gewusst, klarerweise. Und ich habe mir eine Erklärung zurechtgelegt und zwar folgende, dass sich viele Einwohner in Oberperfuss gesagt haben, wenn die Anna Niederkircher, also die alte Wirtin, das deckt, dann wird das schon passen. Weil sie war so im Dorf, glaube ich, eine Persönlichkeit und eine Autorität. Sie war aber auch eine sehr bescheidene Frau.
Lukas:
Die Tochter der Wirtin, die Anni, war damals schon mit Franz Weber verlobt und hat ihn nach dem Krieg schließlich auch geheiratet. Weitere Gründe für die Verschwiegenheit? In Oberperfuss gab es enge Verwandtschaftsverhältnisse. Jeder kannte jeden und viele Persönlichkeiten des Ortes lehnten die Nazis ab. Franz Weber selbst hatte sechs Geschwister, fünf Schwestern und einen Bruder. Und ohne die Hilfe seiner Schwestern, vor allem von Luise, Gretel und Eva, die von allen immer nur Fev genannt wurde, hätte die Mission gar nicht gelingen können. Mit der Rolle der Frauen hat sich Bernhards Frau Christine intensiv beschäftigt.
Christine Weber:
Eine war Krankenschwester, hat eine Uniform für den Fred Mayer organisiert und diese Krankschreibung und ich glaube auch Ausweise. Also das war schon eine mutige Geschichte. Die Gretel und die Fev waren als Boten sozusagen eingesetzt, wenn man sich vorstellt, die mussten da mit irgendwelchen Briefeln und Zetteln mit Informationen zu Fuß nach Oberperfuss gehen und das dem Hans Wijnberg zukommen lassen, der das dann weitergefunkt hat. Also das war nicht so bequem wie heutzutage, dass man da mit dem Auto zehn Minuten rauf fährt.
Lukas:
Luise und ihr Umfeld versorgten Fred Mayer mit einer Wehrmachtsuniform und gefälschten Papieren, also einem Lazarett und einem Urlaubsschein. Und so bekam Fred Mayer Zutritt zum Innsbrucker Offizierscasino, wo sich hochrangige Nazis trafen und Pläne besprachen und Informationen ganz frei austauschten. Parallel dazu unterhielt er auch Kontakte mit Eisenbahnmitarbeitern. Außerdem hat Fred Mayer als französischer Fremdarbeiter getarnt, Zutritt zum Messerschmittwerk in Kematen erhalten. Das war ein ganz wichtiger NS-Rüstungsbetrieb. Der Fred war ja ein Mensch, der die Ruhe davor hat. Am 20. April 1945 droht dann alles aufzufliegen. Fred Meyer wird in einer Wohnung in der Innsbrucker Anichstrasse 19 in Anwesenheit der Weber-Schwestern Gretl und Fev als Agent enttarnt und festgenommen. Das hat auch Folgen für die Schwestern gehabt, weiß Christine Weber.
Christine Weber:
Ja, glaube ich, sie ist sogar gefangen genommen und dann in der Reichenau interniert gewesen. Aber die Gretl konnte flüchten mit dem Hinweis, dass sie auf ihre Kinder aufpassen muss. Hat man sie gehen lassen und dann ist die aber wirklich abgehauen und hat wochenlang, ich glaube irgendwo in Bayern, hat sie sich versteckt.
Bernhard Weber:
Als er dann gefangen genommen wurde, Fred Mayer in Innsbruck, hat anscheinend meine Großmutter die Kirchenglocken in Oberperfuss läuten lassen.
Lukas:
Jetzt ist es auch für die beiden verbliebenen Spione eng geworden. Doch die Oberperfer hielten trotz Gestapo-Razzia weiterhin dicht. Franz Weber hat ein neues Versteck gefunden, außerhalb des Ortes und als die Gestapo nach ihm suchte, rettete ihn eine Frau.
Christine Weber:
Aber da war ja noch eine mutige Frau, also nicht nur aus der Familie, sondern die Frau Hörtnagel. Sie hat auch Botschaften weiter transportiert und abgegeben. Und dann kam es ja so weit, dass eben Fred Mayer verhaftet wurde und Franz Weber sich dann besser verstecken musste. Der konnte dann natürlich nicht mehr im Gasthaus Krone bleiben. Und der ist am Berg hinauf und hat sich dort in irgendeiner Hütte versteckt. Es kam dann ein Trupp von Nazis und die wollten dann natürlich die Helfer von Fred Mayer finden und es gab dann ein Gerücht, ja der Franz ist irgendwo am Berg oben auf einer Hütte und dann hat man diese Maria Hörtnagel besucht. Gefragt, ob sie was wüsste und die hat man dann gezwungen, ihnen den Weg zu zeigen und die ist beinhart mit denen stundenlang am Berg rauf marschiert und ist natürlich zu ganz einer anderen Hütte gegangen und ich glaube, diese Soldaten waren dann schon so müde und erschöpft, dass sie, ja, dass sie nicht mehr weiter gesucht haben, aber das war schon eine Leistung von der.
Lukas:
Erzählt Christine Weber. Wie es mit Fred Mayer nach der Verhaftung durch die Gestapo weitergegangen ist, das weiß Historiker Matthias Breit vom Museum Absam.
Breit:
Mein Vater zum Beispiel war ebenfalls Gestapo-Häftling und hat den Fred Mayer offenbar getroffen. Er hat berichtet, dass er kopfüber aufgehängt worden ist und schwer misshandelt worden ist, dass ihm durch die Nase Wasser eingeflößt worden ist, also Foltermethoden, die man von der US-Armee im Irak kennt. Und in Guantanamo. Ihm gelingt es dann als schwer misshandelter Gestapo-Häftling am Lachhof in diesen Verhandlungen mit dem Gauleiter Hofer zumindest noch klar zu machen, wie realistisch die Zukunft bewältigt werden kann, dass es nicht darum geht, jetzt noch einen Nazi-Helden zu spielen, sondern lieber mit der Übergabe von Innsbruck und mit dem Aufruf, den Widerstand einzustellen, in ein Nachkriegsleben hinüber zu segeln.
Lukas:
Am 3. Mai schließlich wurde die Stadt Innsbruck als befreite Stadt den Amerikanern übergeben. Von den ersten Nachkriegstagen zeugen auch Fotos.
Christine Weber:
Also das muss vielleicht ein paar Tage nach der Befreiung aufgenommen worden sein. Ja, sie stehen da irgendwo auf einer Wiese in Oberperfuss. Man sieht im Hintergrund die Nordkette da in der Zirler Gegend und schauen recht selbstbewusst in die Kamera, würde ich sagen. Die beiden Amis, der Fred Mayer und der Hans Wijnberg, eben noch in amerikanischer Uniform, die haben sie sicher sehr gerne hergezeigt und der Franz Weber in einem schwarzen Anzug mit Krawatte. Lustig, unser Hans würde sich heutzutage nicht einen Anzug anziehen für so ein Foto.
Lukas:
Nach dem Krieg verliefen die Lebenswege der drei Männer sehr unterschiedlich. Hans Wijnberg ist Chemiker geworden und hat zuerst in den USA und später in den Niederlanden gelebt. Er starb 2011. Fred Mayer ging ebenfalls nach dem Krieg wieder zurück in die USA und arbeitete dort für einen US-Sender, für den es ihn sehr oft ins Ausland verschlug. Er starb 2016. Franz Weber wurde 81 Jahre alt und verstarb im Jahr 2001. Er hat sein Leben der Politik verschrieben.
Bernhard Weber:
Ja, grundsätzlich muss man sagen, dass das eine Freundschaft fürs Leben war zwischen Fred Mayer, Hans Wijnberg und meinem Vater. Der Fred Mayer war ja ein harter Hund, wie man so sagen könnte, war ein harter Knochen, hat aber eine tiefe Verbundenheit und Zuneigung zu meiner Großmutter entwickelt, also der alten Wirtin Anna im Hotel Krone. Er hat auch immer gesagt, sie ist wie eine Mutter zu mir.
Lukas:
Franz Weber hat nach dem Krieg seine Anni Niederkircher geheiratet, die Tochter der mutigen Wirtin von Oberperfuss. Und diese hat zur Hochzeit, so erzählt man sich, ein Kleid getragen, das aus dem Stoff der zum Einsatz gekommenen Fallschirme gefertigt war. Was für ein Symbol. Franz Weber hat dann Jus studiert und seine politische Karriere begann er in den Jahren 1949 bis 1953 als Abgeordneter im Tiroler Landtag.
Bernhard Weber:
Mein Vater war bei der Landarbeiterkammer angestellt, heute sagt man Direktor. Und damals hat es geheißen, leitete er als Sekretär die Landarbeiterkammer, war er dort verantwortlich. Er war der jüngste Abgeordnete in Tirol, ist dann nach Wien noch gegangen, aber dann letztlich wieder nach Tirol zurück und ist natürlich ein ÖVP-Mann vom Scheitel bis zur Sohle gewesen.
Lukas:
In seiner Zeit in der Landarbeiterkammer, aber auch in seiner weiteren politischen Karriere, die ihn auch in den Bundes- und in den Nationalrat führte, hat sich Franz Weber immer wieder für eine bestimmte Gruppe eingesetzt.
Bernhard Weber:
Mein Vater war ein sehr ruhiger, bescheidener Mensch. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Ich glaube, seine Umwelt als Kind war das Vieh und die Tiere und die Landwirtschaft zu Hause. Er hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt, glaube ich, aber er hat dann schon, wie er auch Politiker war, schon sich Gehör verschafft, glaube ich, gerade durch seinen Beruf bei der Landarbeiterkammer, zuständig für die Knechte und Mägde. Diese Knechte und Mägde, die ja nichts gehabt haben, die waren ja abhängig von ihrem Chef sozusagen. Dass die dann später einen Kollektivvertrag gehabt haben, dass sie dann später auch eine Versicherung gehabt haben. Das war sicher die Leistung meines Vaters auch.
Lukas:
Jetzt fragt man sich, warum hat er sich so vehement für die Knechte und Mägde eingesetzt? Christine Weber hat dazu folgende Theorie.
Christine Weber:
Das kommt daher, dass ihm das ja bewusst war, dass der älteste Bruder den Hof übernimmt und die anderen mussten für den buckeln und hatten weder eine Versicherung noch eine Pension oder sonst irgendwas. Und das hat er wahrscheinlich in Oberperfuss oder auch in seiner sonstigen Verwandtschaft, das wird er gesehen haben. Und das war ihm ein Anliegen, die zu versorgen. Das war ja auch ein Grund, warum die halben Leute nicht heiraten konnten früher, weil die mussten ja irgendein Vermögen oder sagen wir mal nachweisen können, dass sie eine Frau erhalten können und eine Familie. Da haben die meisten nicht geheiratet. Darum hat es auch so viele ledige Kinder gegeben, die dann alle geschmäht wurden und ihr ganzes Leben lang darunter gelitten haben.
Lukas:
Christine Weber, die Bernhard Weber im Jahr 1972 geheiratet hat, weiß von so manchen tollen Begegnungen ihrer Schwiegereltern Franz und Anni Bescheid. Und davon zeugen auch die Fotos in dem Album, das Christine Weber gemacht hat.
Christine Weber:
Das ist bei der Staatsvertragsunterzeichnung im Belvedere, da waren die auch eingeladen. Nicht schlecht, gell? Und bei den Recherchen zu diesem Buch hat der Bernd zum Beispiel in der Parlamentsdirektion in Wien nachgefragt und da bekamen wir zum Beispiel das, seinen Ausweis damals. Und bei der ersten Sitzung des Parlaments nach dem Staatsvertrag, da ist er auch irgendwo da.
Bernhard Weber:
Ja, man muss einmal festhalten, wir haben fünf Enkelkinder zwischen acht Monaten und 19 Jahren. Wir erzählen immer wieder vom Urgroßvater, was der gemacht hat, zum Beispiel eben der Fallschirmabsprung am Gletscher und das imponiert ihn natürlich schon. Natürlich auch, dass er desertiert ist, mein Vater. Das ist ja kein Geheimnis. Wir haben ihm auch erklärt, was heißt desertieren eigentlich. Warum ist er desertiert? Weil er eben gesehen hat, dass er mit diesem Regime eigentlich nicht mehr konnte und sich gedacht hat, wenn der Hitler diesen Krieg gewinnt, dass Österreich und Tirol nicht mehr das ist, was er eigentlich möchte.
Lukas:
Bernhard ist stolz auf seinen Vater. Er und sein Bruder Manfred erzählen auch gerne, wie sie ihn als Mensch wahrgenommen haben.
Bernhard Weber:
Ja, also wir sind grundsätzlich auch nach religiösen Werten erzogen geworden, aber Werte wie Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Empathie, Verantwortungsbewusstsein, diese Dinge hat man uns beigebracht.
Lukas:
Was lässt sich heute aus dieser Geschichte lernen? Dafür gehen wir zurück ins Museum Absam. Historiker Matthias Breit hat die Geschichte der Operation Green Up mit dem Autor Peter Pirker aufgearbeitet. Er plädiert dafür, der Person Franz Webers vor und nach dem Krieg zu gedenken.
Breit:
Der Franz Weber ist also nicht der Wehrmachts-Deserteur, der dann wieder in der grauen Masse anonym verschwindet, sondern der agiert ja weiterhin politisch in Tirol und hat also für die Sozialpolitik gerade am bäuerlichen Sektor ganz eine wichtige Rolle gespielt. Also seine Karriere und sein Wirkungsbereich endet ja nicht 1945. Und daher wäre es so wichtig, auf das hinzuweisen, dass also nicht nur die vielen reingewaschenen Nazis wieder aufgetreten sind und wieder aufschlagen und wieder in die Parlamente kommen und wählen können, sondern dass eben auch die Antifaschisten in der Zweiten Republik keine Rolle gespielt haben.
Lukas:
Die Geschichte von Franz Weber und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern sollten auch gerade junge Menschen kennen, ist die Tiroler Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann überzeugt.
Ledl-Rossmann:
Ich finde es deswegen sehr entscheidend, damit, glaube ich, den Menschen immer wieder bewusst wird und auch den jungen Menschen, die nachkommen, wie wichtig Demokratie ist, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, dass man Demokratie auch pflegen muss. Darum machen wir auch immer sehr viel Werbung dafür, dass auch Schulklassen zu uns in den Tiroler Landtag kommen, sei es bei Landtagssitzungen oder einfach das Landesparlament kennenzulernen, um dieses Bewusstsein zu schärfen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in einem demokratischen Land leben können.
Lukas:
Doch die Frage bleibt, wie kann diese Botschaft an Jugendliche gebracht werden? Der Tiroler Landtag hat sich für die Förderung eines Schulprojekts entschieden. Dieses hat am Gymnasium Paulinum in Schwarz stattgefunden. Genau jener Schule, die auch Franz Weber besucht hat.
Ledl-Rossmann:
Und so haben Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit dem Lehrkörper wirklich eine großartige Ausstellung entwickelt. Und ich war wirklich total beeindruckt, auch von der Größe und vom Umfang dieser Ausstellung und wie das erarbeitet worden ist. Also was so ein sehr spannender Weg durch das Leben von Franz Weber war.
Lukas:
Wollt ihr euch nun auch auf die Spuren von Franz Weber, Fred Mayer und Hans Wijnberg sowie den mutigen Frauen machen, ohne die die Mission Green Up nicht möglich gewesen wäre? Dann hat Historiker Matthias Breit eine gute Nachricht.
Breit:
Es gibt seit einigen Jahren einen Spaziergang, eine Führung durch Innsbruck entlang der Schauplätze der Operation Green Up, ausgehend von der Anichstraße, wo Fred Mayer verhaftet worden ist, über verschiedene andere Adressen bis in die Herrengasse, also die ehemalige Gestapozentrale. Und diese Führungen kann man kostenfrei und ganz unbürokratisch beim Gemeindemuseum Absam über die Telefonnummer 0676 84 05 32 700 kostenfrei buchen.
Lukas:
Vielen Dank fürs Zuhören. Wir hoffen, dass die Geschichte vom ehemaligen Landtagsabgeordneten Franz Weber und der Operation Green Up euch genauso fasziniert hat wie uns. Erinnert euch daran, die Wahrheit ist oft spannender als die Fiktion. Ganz zum Schluss wollen wir jetzt noch die letzte Frage auflösen. Was hat der Landtag mit Quentin Tarantino zu tun? Ja, der amerikanische Kultregisseur hat die eben erzählte Operation Green Up als Grundlage für seinen Oscar-gegrönten Film Inglourious Basterds verwendet. Ihr seid von selbst auf diese augenscheinliche Querverbindung gekommen? Uh, that's a bingo! Vielen Dank fürs Zuhören. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert bitte Adlerohren Tiroler Landtagsgeschichten auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform. Lasst uns eine gute Bewertung da und teilt uns eure Gedanken dazu mit unter adlerohren.at oder auf unseren Social Media Kanälen. Euer Feedback ist uns wichtig. Wir freuen uns, wenn ihr auch nächstes Mal wieder mit dabei seid. Servus, pfiat euch und bis zum nächsten Mal.