Oranges Licht gegen Gewalt
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #22
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Bist du im Spätherbst schon mal abends über den Landhausplatz spaziert und hast Oranges Licht gegen Gewalt an Frauen dich gefragt, warum das Landhaus in orange erleuchtet ist? Damit setzt der Tiroler Landtag ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Mädchen und Frauen. Von 25. November bis 10. Dezember, den 16 Tagen gegen Gewalt, werden im Rahmen der UN-Kampagne Orange the World Gebäude weltweit in oranges Licht gehüllt. Bisher waren das zum Beispiel schon mal das Empire State Building in New York oder der Eiffelturm in Paris. Die Vereinten Nationen machen mit der Kampagne darauf aufmerksam, dass Gewalt an Frauen ein globales Problem ist, das gemeinsam gelöst werden muss. In dieser Episode sprechen wir über Frauenhäuser und Männerberatung, wie Hilfe konkret aussieht, wie Prävention wirkt und warum es alle braucht, Hilfe für Männer in Krisensituationen um das Problem in den Griff zu bekommen. Ich bin Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, ein Podcast über Geschichten aus dem Tiroler Landtag. Folge 22 – Oranges Licht gegen Gewalt oder Man(n) kann Gewalt an Frauen stoppen.
Markus Nötzold: Das ist ja ein heterogenes Frauenbild, das die Männer haben. Aber wenn sie ein Frauenbild haben, das sehr tradiert ist, dann haben sie ein Frauenbild, das Frauen unterordnet. Das Frauen nicht in Augenhöhe sieht. Und das ist etwas, wenn sie dann in die Sprach- und Handlungsunfähigkeit kommen, mit Gewalt durchsetzen zu versuchen.
Lukas:
Markus Nötzold leitet die Männerberatung Mannsbilder in Tirol. Der Verein mit sechs Beratungsstellen in Tirol berät, kostenlos und anonym, Männer in Krisensituationen. In einigen Gesprächen geht es um Gewalterfahrungen und Erziehungsprobleme, in anderen um Sexualität, Partnerschaft oder Unterhaltsverpflichtungen. Die Männerberatung lehnt Gewalt klar ab, betont Nötzold.
Nötzold:
Konflikte lassen sich anders lösen. Manche Männer müssen aber erst lernen, familiäre Muster zu durchbrechen. Wenn man sieht, dass Gewalt eine mögliche Handlungsoption ist und das schon als Kind sieht, aha, die Frau wird laut und dann wird zugeschlagen und dann ist Ruhe und das als Möglichkeit sieht, Ruhe zu schaffen und als nicht sanktionierte Handlung. Natürlich ist das ein Problem, wenn man da rausstammt. Und dann merkt man, okay, dann geht es schnell und dann ist Ruhe. Das ist sehr, sehr gefährlich natürlich.
Lukas:
Daraus kann in weiterer Folge eine Gewaltspirale entstehen.
Nötzold:
Wenn ich aber dann älter werde und es kommen dann Situationen, in denen ich Frust verspüre, sei es in der Beziehung, in der Arbeit, in der Freundschaft oder dann beim Ausgehen und es kommen dann Gefühle, die mich irritieren, weil ich nicht weiß, wie soll ich damit umgehen, ist oft das einzige Handlungsfeld, das ich kenne, die körperliche Gewalt.
Lukas:
Der Verein Mannsbilder bietet Beratungen an, aber keine Therapie im engeren Sinn. Der Umgang mit Emotionen lasse sich erlernen, ist der Pädagoge überzeugt.
Nötzold:
Also ganz wichtig aus unserer Perspektive ist der Schritt des Benennens. Wenn ich was fühle, soll ich ein Wort dafür haben. Und dann, wenn ich es benennen kann, im besten Fall auch mit mir besprechen kann, dann kann ich auch verschiedene Handlungsmuster entwickeln.
Lukas:
Die Männerberatung setzt auch bei der Sexualisierung und Herabwürdigung von Frauen an. Und das ist dringend nötig, denn in Österreich ist zumindest jede dritte Frau von sexualisierter Gewalt betroffen. Am häufigsten von sexueller Belästigung, sagt Gabriele Plattner, seit 2005 Leiterin des Frauenhaus Tirol.
Gabriele Plattner:
Wenn Frauen nachgepfiffen wird, wenn vermeintliche Komplimente, die keine Komplimente sind, Frauen gemacht werden und sozusagen sich beziehen auf Körperteile, die sexualisiert werden, wie beispielsweise Brust oder auch Hintern. Und Bemerkungen, die Frauen reduzieren auf Sexualobjekte, sind sexuelle Belästigung. Und ich würde sagen, ganz, ganz viele Frauen erleben das mit Sicherheit deutlich mehr als jede dritte Frau. Ich denke, es gibt kaum eine Frau, die niemals in ihrem Leben sexuell belästigt worden ist. Besonders besorgniserregend ist noch eine andere Zahl, jene von ermordeten Frauen. Im Vergleich zur Einwohnerinnenzahl weist Österreich die höchste Femizidrate auf. 2024 waren es beispielsweise 27 Frauen, die ermordet wurden und es gab 41 Mordversuche. Österreich ist sozusagen das Land, wo insgesamt statistisch gesehen mehr Frauen als Männer ermordet werden. Das ist insofern bedeutend, da es negativ heraussticht in der Europastatistik.
Lukas:
Der Begriff Femizid bezeichnet die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Oft sind die Täter Partner oder Ex-Partner der Frau. Die Beziehung hat nicht auf Augenhöhe basiert, zumindest nicht aus Sicht des Mannes.
Plattner:
Gewalt an Frauen ist nach wie vor das häufigste und weltweit am verbreitetste Mittel, um Frauen in untergeordneten Positionen zu halten. Also dies trifft sehr gut mit dem Machterhalt. Es ist grundlegend so, dass Beziehungen, wenn sie auf Augenhöhe sozusagen gestaltet sind, wenn sie gleichberechtigt gestaltet sind, Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltprävention dann weiß man, dass es in solchen Beziehungen deutlich weniger Gewalt gibt. Überall da, wo Beziehungen auf Ungleichgewicht bauen, auf Abhängigkeit bauen, ist das Ausmaß von Gewalt um ein Vielfaches höher.
Lukas:
Ein Faktor für das Machtungleichgewicht ist, dass Männer oft mehr verdienen als Frauen.
Plattner: Und da sehen wir, dass es gerade in Österreich viel Nachholbedarf gibt, was die Geschlechtergerechtigkeit anbelangt. Der Gender Care Day gibt uns darüber Auskunft, der Gender Pension Day gibt uns darüber Auskunft, die fehlenden Kinderbetreuungsplätze geben uns darüber Auskunft. Da könnt ihr jetzt noch ganz, ganz lange reden, aber im Grunde genommen, Nächstes der Schlüssel, wir müssen in mehr Geschlechtergerechtigkeit investieren, weil ohne Geschlechtergerechtigkeit gibt es auch keine Gewaltfreiheit.
Lukas:
Zur Altersarmut ist zu sagen, der Gender-Pensions-Gap markiert den Tag, an dem Männer im Schnitt bereits so viel Pension erhalten haben, wie Frauen erst bis ans Jahresende bekommen werden. Dieser Tag ist in Tirol 2025 auf den 24. Juli gefallen. Macht und Gleichgewicht abzubauen zählt zu den Aufgaben der Politik. Frauen, Jugend, Soziales und Inklusion sind unter anderem Arbeitsschwerpunkte von Zeliha Arslan. Seit 2022 ist die gebürtige Düsseldorferin Abgeordnete für die Grünen im Tiroler Landtag. Auch sie erlebt im Alltag immer wieder, wie hartnäckig sich manche Muster halten.
Zeliha Arslan:
Also es sind ganz alltägliche Sachen, dass wenn man irgendwo in der Bahn abends unterwegs ist, Dass man dann doch sehr ordinär angemacht wird, also das in aller Öffentlichkeit. Das sind eigentlich immer so Punkte, die mir zeigen, dass der weibliche Körper eigentlich immer noch so ein öffentliches Gut ist. Und das gilt es, glaube ich, so ein bisschen zu durchbrechen.
Lukas:
Zeliha Arslan betont, dass sich in den vergangenen Jahren einiges verändert hat. Aber?
Arslan:
Ich spüre schon eine Entwicklung, eine sehr positive Entwicklung auch, aber wir sind halt noch nicht so weit, dass das auch wirklich tief in unserer DNA eigentlich ankommt, dass Gewalt gegen Frauen kein persönliches Problem von den Frauen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem ist. Ich spüre aber, dass jetzt auch die neuen Generationen, auch wenn es um das Thema Frauenrechte geht, wenn es ums Gendern geht, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, dass da die Forderung viel vehementer ist.
Lukas:
Zeliha Arslan möchte Frauen ermutigen, ihre eigenen beruflichen Wünsche ernst zu nehmen und nicht denen ihres Partners unterzuordnen. Und was den Gewaltschutz angeht, sagt sie, es gibt viel, aber es geht immer noch mehr.
Arslan:
Wir haben ein sehr dichtes Netz an Gewaltschutzeinrichtungen, an Beratungseinrichtungen, an Interventionsstellen, aber es gibt zu wenig finanzielle Mittel. Also wir haben viele Gesetze, es reicht aber nicht, dass es auf dem Papier ist. Wir brauchen da Personal, um es umzusetzen, um es zu kontrollieren.
Lukas:
Damit Gewaltschutz eine volle Wirkung entfalten kann, braucht es bestimmte Rahmenbedingungen, betont Gabriele Plattner vom Frauenhaus Tirol.
Plattner:
Es ist einmal ganz, ganz relevant, dass nicht nur in der Gesellschaft ein Umdenken passiert, dass sexuelle Belästigung keine Kleinigkeit ist, sondern strafrechtlicher Tatbestand.
Lukas:
Neu ist das sogenannte Dick-Pick-Verbot. Seit 1. September 2025 ist das unaufgeforderte Zusenden von Genitalbildern ein Straftatbestand.
Plattner:
Und das Wesentliche, glaube ich, ist überhaupt, dass sowohl die Gesellschaft als auch das Rechtssystem, als auch Regierungen, Staaten sich einig darüber sind, dass Gewalt an Frauen in welcher Richtung auch immer geahndet werden muss und dass gezielt gemeinsam Maßnahmen gesetzt gehören, die dem hohen Ausmaß der Gewalt an Frauen Einhalt gebieten.
Lukas:
Ein internationales Beispiel ist die 2014 in Kraft getretene Istanbul-Konvention. Sie verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, darunter auch Österreich, Gewalt zu verhindern, Täter zur Rechenschaft zu ziehen und Opfer wirksam zu schützen. Und auch die Vereinten Nationen setzen ein Zeichen. 2008, unter dem damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Kampagne Unite to End Violence Against Women gestartet. Daraus entstand 2015 unter Führung von UN Women Orange the World.
Lukas:
Was es damit Aufsicht hat, erklärt uns Isabella Gady, die Strategien für soziale Innovation entwickelt und früher bei den Vereinten Nationen gearbeitet hat.
Isabella Gady:
Also Orange the World ist eine globale Kampagne, die allem voran aufzeigen soll, dass die Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein globales Problem ist, das noch immer nicht gelöst worden ist und das tatsächlich eine große, große Anzahl von Frauen betrifft, nämlich eine von drei Frauen, ist irgendwann einmal im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen.
Lukas:
In Österreich beteiligen sich in den letzten Jahren hunderte Institutionen und Unternehmen mit ihren Gebäuden an der Aktion. Im Jahr 2021 waren es über 250. Warum aber eigentlich die Farbe Orange?
Gady:
Es ist einfach eine fröhliche Farbe, also es soll auch Hoffnung geben. Und dazu eingeladen sind Organisationen der Zivilgesellschaft, öffentliche Organisationen, aber auch jede private Person am Ende des Tages bei der Kampagne mitzumachen.
Lukas:
Der Kampagnenzeitraum ist klar abgesteckt. Innerhalb der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Der 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Der 10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte. In diesem Zeitraum gibt es zahlreiche Veranstaltungen zur Gewaltprävention. Das seit 2021 auf Initiative des Tiroler Landtags, des Landhaus 1 in Orange erstrahlt, sieht Landtagsabgeordnete Zeliha Aslan als wichtiges Signal.
Arslan:
Mit dieser UN-Maßnahme, finde ich, holen wir das Thema genau dahin, wo es hingehört, in die Öffentlichkeit. Und wenn öffentliche Gebäude orange gefärbt werden. Dann fragen sich auch Menschen, die eben nicht explizit auf solche Veranstaltungen kommen, was hat es damit auf sich, was ist das mit der Gewalt und reflektieren vielleicht auch bei sich selber und sehen, Moment mal, ich bin auch dem ausgesetzt oder auch bei den Männern oder auch bei den Frauen, die dann auch das System mitstützen, dass sie sich dann auch ein bisschen selbst hinterfragen können.
Lukas:
Apropos Hinterfragen. Als Gesellschaft müssen wir auch unsere Erwartungen an Männer und Frauen überdenken, sagt die Politikwissenschaftlerin.
Arslan:
Dass ein Mann immer stark sein muss, er muss die Familie ernähren können, er muss immer leistungsstark sein, das erzeugt ja auch viel Druck, gerade bei Burschen, aber auch bei Männern, was auch zu Depressionen natürlich führt. Und dafür braucht es halt den Feminismus, weil mit der feministischen Brille wir diese Strukturen sichtbar machen können, angehen können und eben die Potenziale der Gesellschaft besser entfalten lassen können.
Lukas:
Die Erwartungen so mancher Menschen hat Markus Nötzold vom Verein Mannsbilder damals als Jugendlicher mit seinem Berufswunsch durcheinandergewürfelt. Er wollte nämlich Kindergartenpädagoge werden. Das Vorstellungsgespräch an einer katholischen Schule blieb ihm folgendermaßen in Erinnerung.
Nötzold:
Wir sind dann Vorsprechen gegangen bei der Schwesteroberin, die Mama und ich, und haben dann reingesessen und ich habe schon mal gemerkt, ein sehr kritischer Blick von der Schwesteroberin und ich habe dann eben meine Motivation da erläutert, wieso ich gerne arbeiten würde. Und nach einer halben Stunde war aber dann doch klar, du kannst leider nicht als Elementarpädagoge bei uns eine Ausbildung machen. Und es war damals für mich schon eine gewisse Enttäuschung. Ich habe es nicht verstanden, wieso das nicht möglich ist.
Lukas:
Nach dem frühen Tod seiner Eltern musste er sich schon vor seinem 18. Geburtstag mit dem Thema Mannsein auseinandersetzen. Und das wirkte sich weiterhin auch auf seine Ausbildung aus.
Nötzold:
Ich habe das Volksschullehramt gemacht. Das war sozusagen meine Rache am System, dass ich keinen Kindergärtner werden darf. Und habe dann als erstes bei der Caritas in einem Kinder- und Jugend-Einrichtung gearbeitet, in einem stationären. Und das waren so meine ersten Berührungspunkte. Also dass ich jetzt bei den Mannsbildern gelandet bin, ist ganz eine schlüssige Geschichte für meine eigene Biografie.
Lukas:
Seit 2025 leitet Markus Nötzold die Mannsbilder. Den Verein gibt es in Tirol schon seit knapp 30 Jahren. Es war die zweite Männerberatung in Österreich und der Name ist Programm.
Nötzold:
Gerade in einem Land Tirol, wo auch das Wort Mannsbild so eine Begrifflichkeit darstellt, wo auch jeder, der bei uns aufwächst, auch schon ein gewisses Bild hat von einem Mannsbild. Und damals, die Gründer haben sich das auch schon überlegt, es gibt eben nicht nur ein Mannsbild, sondern es gibt Mannsbilder. Es gibt verschiedene Bilder, die ein Mann ausfüllen darf. Es gibt verschiedene Bilder, die ein Mann sein darf. Und das ist, glaube ich, im Namen schon zugrunde gelegt, dass wir eben da sehr viel pluralistischer sein, wie wir vielleicht auch da in Tirol darstellen.
Lukas:
Die Klienten setzen sich mit ihren Gewalterfahrungen auseinander. Einige sind selbst von psychischer oder körperlicher Gewalt betroffen. Mit der Opferrolle zurechtzukommen, fällt vielen schwer, was zur Weitergabe von Gewalt führen kann. Eines passiert oft.
Nötzold:
Männer warten viel zu lang und selbst dann ist es noch unsere Aufgabe, wer kommt überhaupt zu uns. Und wenn er dann zu uns kommt, wir haben ein sehr breit gefächertes Team an Beratern und auch Psychotherapeuten, die beraten. Aber die Grundlage ist wirklich auch diese Arbeit mit Emotionen und das Aufzeigen von dieser Gewaltspirale. Die Männer lernen mit unangenehmen Emotionen wie Frust umzugehen. Aber wie so oft ist die Macht der Gewohnheit eine Gefahr. Irgendwann entsteht aber auch wieder so ein bisschen die Normalität und dann fängt es wieder in Richtung an sich so zu drehen. Deswegen, was manche von unseren Beratern auch machen, zu schauen, was war es, jetzt geht man da in sechs Monaten einen Termin. Wir wissen aus der Erfahrung, in sechs Monaten ist vielleicht wieder so eine Spirale gedreht und selbst wenn der Termin schon mal drinsteht im Kalender, na, ah, da muss ich mich mal ein bisschen auseinandersetzen wieder mit dem Thema, wo stehe ich denn gerade?
Lukas:
Mannsbilder unterstützt und berät Männer sowie Burschen ab zwölf Jahren. Was macht einen Mann aus und was eine Frau? Viele Jugendliche holen sich ihr Wissen darüber aus dem Internet und ahmen nach, was ihnen selbsternannte Liebescoaches und Influencer in sozialen Medien erzählen. Viele vertreten problematische Ansichten und propagieren ein Machtungleichgewicht.
Nötzold:
Gerade junge Burschen, die einfach mal ihr ganzes Wissen, Halbwissen erzählen, wieso die Frau jetzt so sein muss, wieso der Mann so sein muss. Da kann man mal einzelne kleine Elemente herausnehmen und sagen, du, aber glaubst du nicht wirklich, dass das vielleicht für die Frauen auch nicht so ein idealer Zustand ist? Glaubst du, das wäre für deine Schwester jetzt ein ideales Lebenskonzept? Dass man da sich so ein bisschen konfrontiert mit den ganz, ganz extremen Haltungen, die da inzwischen Fuß gefasst haben.
Lukas:
Die Frauen, die sich an Gabriele Plattner und ihre Kolleginnen wenden, sind oft von mehreren Formen der Gewalt gleichzeitig betroffen. Etwa von körperlicher, psychischer, sexualisierter oder digitaler Gewalt. Das Frauenhaus Tirol hat eine Beratungsstelle, wohin sich Frauen persönlich oder online wenden können. Einige suchen im Frauenhaus Beratung und Schutz.
Plattner:
Dann gilt es in erster Linie mal Grundbedürfnisse zu erfüllen, wie Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit. Nach der Möglichkeit Gespräche zu führen, nach der Möglichkeit langsam eine Dimension zu entwickeln, wie es weitergehen kann ohne Gewalt, wie die Zukunft ausschauen kann. Es geht um ganz umfangreiche Unterstützungen in ganz vielen unterschiedlichen Segmenten.
Lukas:
Das erste Frauenhaus in Österreich wurde 1978 in Wien gegründet. Als weiteren Meilenstein nennt Gabi Plattner das Gewaltschutzgesetz von 1997 und die Einrichtung von Gewaltschutzzentren.
Plattner:
Um Gewalt an Frauen zu verhindern, brauche es aber auch in Gegenwart und Zukunft Arbeit in diese Richtung. Jetzt wird gerade der nationale Aktionsplan zum besseren Schutz von gewaltbetroffenen Frauen und Kindern in Österreich ausgearbeitet. Wir Expertinnen aus den unterschiedlichen NGOs werden auch daran mitarbeiten können. Es gibt Maßnahmen zur Forcierung der Gewaltprävention, finde ich sehr, sehr wichtig, weil Präventionsmaßnahmen ja auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ansetzen, um möglichst Gewalt zu verhindern bzw. Gewalt zu minimieren.
Lukas:
Das Frauenhaus Tirol befindet sich zum Schutz der Bewohnerinnen an einer geheimen Adresse. Zeliha Arslan von den Grünen fordert zusätzlich ein weiteres Frauenhaus, öffentliche Anschrift.
Arslan:
Wir wohnen in einem Rechtsstaat, in einem der reichsten Länder der Welt und wenn eine Frau dokumentiert hat, dass sie von Gewalt betroffen ist, dass ihr Leben in Gefahr ist, dann ist die Antwort von diesem Rechtsstaat, wir glauben dir, wir verstecken dich. Und ich finde, das ist die falsche Antwort, die die Gesellschaft gibt. Wir brauchen Frauenhäuser in der öffentlichen Adresse, wo die Nachricht ist, an die Täter auch, aber auch an die Frauen. Wir sind so stark, der Staat ist so stark, Wir schützen dich. Gewalt hat hier keinen Platz, keinen Raum. In Graz gibt es schon so eine Einrichtung, die habe ich mir auch angeschaut, war sehr begeistert, weil, und das fand ich auch sehr interessant, in dem Frauenhaus arbeiten auch Männer. Und ich fand, das ist nochmal eine gute, wichtige Botschaft, dass eben nicht jeder Mann ein Täter ist.
Lukas:
Gabriele Plattner vom Frauenhaus Tirol sagt zu diesem viel diskutierten Thema:
Plattner:
Frauenhäuser mit geheimer Adresse, das ist für viele Frauen sehr, sehr wichtig und sie fühlen sich genau da ganz besonders geschützt. Jetzt gilt ja das Argument eben bei den offenen Häusern sicher und sichtbar. Das heißt, man unterstellt schon ein bisschen, dass jene Personen, die das Frauenhaus mit Geheimadresse nutzen, sich verstecken und nicht sichtbar sein wollen oder auch unsichtbar gemacht werden so wie die Frauenhäuser mittlerweile sich weiterentwickelt haben sehe ich das nicht so.
Lukas:
Auch sie würden sehr vielschichtig und vernetzend arbeiten, so Plattner. Offene Frauenhäuser hätten ihre Vorteile aber eines müsste bedacht werden:
Plattner:
Offene Konzepte, wo die Adresse bekannt ist, brauchen aber ein sehr ausgeklügeltes Sicherheitssystem, sehr hohe Sicherheitsmaßnahmen. Das brauchen geschlossene Frauenhäuser sozusagen auch, aber offene Frauenhäuser brauchen das noch einmal mehr.
Lukas:
Es brauche also ein Sowohl-als-auch und kein Entweder-oder. Ebenfalls notwendig sieht es Zeliha Arslan, die Scham zu durchbrechen, die viele Opfer von Gewalt erleben. Allzu oft sind betroffene Frauen mit einer Täter-Opfer-Umkehr konfrontiert.
Arslan:
Wenn in der Zeitung steht, dass eine Frau nachts um drei Uhr im Park vergewaltigt worden ist, fragt sich die Hälfte der Bevölkerung, was hat diese Frau denn nachts um drei Uhr im Park auch zu suchen. Also da wird ja auch eine Mitschuld suggeriert, weil eben die Frau sich nicht so verhält, wie es eigentlich vorgesehen ist, dass sie halt nachts um drei eben zu Hause ist und nicht alleine rumläuft. Und ich glaube, da ist ganz wichtig, dass man dieses veraltete gesellschaftliche Denken eigentlich aufbricht.
[23:25] Ein zentrales Ziel der UN-Kampagne Orange the World ist es, das Schweigen über Sensibilisierungskampagnen und gesellschaftliche Verantwortung Gewalt gegen Frauen zu brechen. Seit insgesamt sechs Jahren beteiligt sich der Tiroler Landtag an der weltweiten Sensibilisierungskampagne. Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann erinnert sich noch gut an die Anfänge.
Sonja Ledl-Rossmann:
Und 2019 hat es tatsächlich so getroffen, dass wir genau innerhalb dieser 16 Tage eine Landtagssitzung gehabt haben. Und jetzt haben wir gesagt, na gut, da gibt es ja die Möglichkeiten mit wirklich Ansteckern, die auf das Thema hinweisen oder auch schildern, dass wir das Thema auch bei uns in die Präsenz holen. Und als ich mit den Klubobleuten darüber gesprochen habe, ob das in Ordnung ist, weil ich glaube, es ist auch immer wichtig, dass man da alle mit an Bord hat, habe ich mich sehr gefreut, dass sie alle gleich zugestimmt haben. Und das war eigentlich so der Start, dass wir da während der Landtagssitzung auch vor Beginn ein gemeinsames Foto gemacht haben, um zu sagen, auch der Tiroler Landtag will sensibilisieren bei dem Thema.
Lukas:
Das Aufbrechen von Tabus und die Sensibilisierung auf Gewaltprävention sind für Ledl-Rossmann wichtige Aufgaben eines Landesparlaments. Es gibt aber noch mehr.
Ledl-Rossmann:
Unterstützungsangebote schaffen, dass betroffene Menschen wirklich eine Anlaufstelle haben, aber auch, was ich mir wünsche, dass es nicht weggeschoben wird. Und ich denke, wir müssen uns da vielleicht alle selber auch ein Stück weit an der Nase nehmen, wie bei allen Themen, die schwierig sind. Man liest etwas in der Zeitung und ist erschüttert, aber dass es uns nicht passiert, dass wir zwei Tage danach nicht mehr daran denken, sondern wissen, das Thema ist, allgegenwärtig und ich glaube, je offener wir auch alle drüber reden, fällt es vielleicht auch anderen Menschen leichter.
Lukas:
Die Angebote müssten aber auch zu den Empfängerinnen kommen.
Ledl-Rossmann:
Das ist jetzt in der politischen Arbeit, welche Angebote man den betroffenen Menschen machen kann, aber gleichzeitig auch darüber hinaus und außerhalb vom Landtag, denke ich, gut darauf schauen müssen, dass wir ihnen auch Mut machen, jenen, denen Gewalt erfährt, dass sie Hilfe, diese Unterstützung einfach auch in Anspruch nehmen, weil das ist für viele, glaube ich, ein ganz schwieriger Schritt, den sie nicht leicht machen.
Lukas:
Damit das klappt, sollten politische Entscheidungsträger und zivilgesellschaftliche Akteure in stetem Austausch stehen. Welche Rolle spielt nun Feminismus in Bezug auf Gewaltprävention? Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan beschreibt das so:
Arslan:
Es braucht das eine, um das andere anzugehen. Also wir müssen diese feministischen Grundsätze, wir müssen dieses feministische Denken, aber auch feministische Strukturen schaffen, um eben nicht nur Frauen zu schützen, sondern auch Täter davor zu bewahren, Täter zu werden. Also Feminismus ist ja nicht das Ziel, dass wir gendern. Das ist ja nie das Ziel vom Feminismus gewesen. Es ist ja ein Instrument, um in eine gleichberechtigte Gesellschaft zu kommen. Und die gleichen Strukturen, die eben Frauen zu Opfer werden lassen, wirken sich ja auch negativ auf Burschen oder Männer aus.
Lukas:
Bei Presseaussendungen achtet sie darauf, keine Geschlechterzuschreibungen zu verwenden, was auch unbeabsichtigt passieren kann. Deshalb ist Reflexion so wichtig.
Arslan: Also wichtig ist wirklich hinzuschauen und mutig zu sein. Zu schauen, was trage ich dazu bei, dass diese Gesellschaft so ist, wie es ist. Aber auch, und das ist auch wichtig, wütend zu sein. Also wütend sein, das muss wieder kommen, dass man auch wütend sein kann, dass man streiten kann, dass man Konflikte austrägt, weil das braucht eine Demokratie. Eine Demokratie lebt davon, von konstruktiver Kritik.
Lukas:
Eine Demokratie lebt auch von der Vielfalt derjenigen, die Bürgerinnen und Bürger vertreten.
Arslan:
Ich finde es extrem wichtig, dass sich viel mehr Frauen und auch Mädchen trauen sollten, sich politisch zu engagieren, weil es eben nicht nur um die Zukunft geht, sondern auch um die Gegenwart. Also da würde ich mir viel mehr wünschen, dass auch junge Mädchen kommen, 10-, 12-Jährige, die dann sagen, Moment mal, das stört mich, ich habe hier ein Buch und die reden dann nur über Helden und Lehrer und Polizisten. Wo bin ich in diesem Buch? Also ich glaube, es braucht mehr weibliche Wut in diesem Land.
Lukas:
Politische Teilhabe ist ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Der andere ist, bei den Ursachen von Gewalt anzusetzen und das heißt, mit jenen zu arbeiten, die sie verursachen.
Plattner:
Und je mehr Täterarbeit es auch gibt, je mehr da investiert wird, dass Männer auch die Möglichkeit haben, sich Hilfe zu suchen, sich Unterstützung zu suchen, zu analysieren, was passiert da eigentlich, wenn ich als Täter gewalttätig bin. Das ist unglaublich wichtig. Also wir haben da auch wieder einen wesentlichen Hinweis darauf, dass es nur gemeinsam geht.
Lukas:
Markus Nötzold sieht das ähnlich. Zwar arbeiten beim Verein Mannsbilder nur Männer in der Beratung, man sei aber ein Partner des Feminismus. Der Pädagoge hat eine Vision.
Nötzold:
Unsere Sache ist das gleichberechtigte Zusammenleben auf Augenhöhe ohne Gewalt. Und das ist unser großes Ziel. Und da hoffe ich ganz, ganz stark, dass wir viele mitnehmen können. Und in 30 Jahren, wenn ich in Pension gehe, würde ich mir wünschen, dass wir zusperren könnten, weil wir es geschafft haben als Gesellschaft.
Lukas:
Dass es sich auch wirtschaftlich lohnen kann, veraltete Geschlechterbilder ad acta zu legen, zeigt ein Unternehmen aus der Automobilbranche, das Nötzold besucht hat.
Nötzold:
Sie haben natürlich da im Kfz-Technikbereich vorwiegend Männer, Burschen in der Ausbildung. Aber vor drei, vier, fünf Jahren haben sie dann angefangen auch ganz bewusst, auch junge Damen, Mädchen einzustellen in die Kfz-Technik. Und sie haben da oft mit ganz großen Widerständen gerechnet. Und trotzdem war es dann so, das hat unglaublich geklappt. Also die Burschen haben da ganz viel Rücksicht auf die Mädchen. Gleichzeitig binden sie sich aber voll ein als vollwertige Mitglieder in diesem Betrieb. Das hat mich dann schon auch begeistert. Es gibt da unter den Burschen ganz, ganz eine progressive Bewegung, die ganz eine klare Haltung gegenüber diesen Themen haben.
Lukas:
Die UN-Kampagne Orange the World hat die Botschaft, Gewalt gegen Frauen ist nicht unvermeidlich und sie kann und muss gestoppt werden. Wenn Isabella Gadi, die früher bei UN Women tätig war, über die gesellschaftliche Situation von Frauen nachdenkt, sagt sie:
Gady:
Wenn ich mir aussuchen könnte, wann ich auf die Welt kommen würde, dann wäre heute sicher der beste Tag, um als Frau auf die Welt zu kommen. Und warum sage ich das? Wegen den Rechten, die mir zustehen. Und diese Rechte gehen natürlich auch in den Schutz von Frauen hinein, auch Gewaltschutz auf der einen Seite. Also da ist sicher sehr, sehr viel weitergegangen in unterschiedlichsten Ländern, über unterschiedliche Konventionen und Gesetzgebungen und Möglichkeiten, wo Frauen vor allem auch in akuten Situationen Schutz finden können. Und dann gleichzeitig leben wir halt auch in einer Zeit heutzutage, wo wir sehen, dass manche Dinge auch wieder aufgelöst werden. Also dass dieser globale Konsens wieder in Frage gestellt wird.
Lukas:
Es gibt viele Möglichkeiten, bei der Kampagne mitzumachen. Etwa sich bei der Organisation zu engagieren oder über soziale Medien über Orange the World zu informieren. Oder mit Menschen aus dem persönlichen Umfeld darüber zu sprechen. Oder bei sich zu Hause orangene Sachen auszugraben.
Gady:
Und da ist das Einfachste, glaube ich, oft der orangene Schal während der Kampagnenperiode. Also das machen ganz viele. Also wir hatten in der UNO selbst immer eine Veranstaltung, in der UNO-Zentrale, wenn man so will. Und da haben alle immer orange getragen. Und das ist auch ein Erkennungszeichen davon. Das wäre eine ganz, ganz simple Möglichkeit, die auch wirklich jeder in der Hand hat. Manchmal gab es Märsche durch Parks und alle haben orange getragen und das für das Thema Aufmerksamkeit geschaffen. Da gab es Kuchenverkäufe auch, wo auf das Thema aufmerksam gemacht wurde, mit orangen Tischdecken, daran kann ich mich auch erinnern. Also es gibt wirklich eine Vielzahl von Möglichkeiten, da irgendwie auch sich anzuschließen, ob da einfach mit dabei sein möchte und das für ein wichtiges Thema hält.
Lukas:
Nähere Informationen und Kontaktdaten zur Männerberatung Mannsbilder zum Frauenhaus Tirol und zur UN-Kampagne Orange the World findet ihr in den Shownotes. Danke, dass ihr dem sensiblen und oft tabuisierten Thema Gewalt an Frauen ein offenes Ohr geschenkt habt. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert bitte Adlerohren Tiroler Landtagsgeschichten auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform. Lasst uns eine gute Bewertung da und teilt uns eure Gedanken dazu mit unter alon.tirol.gv.at oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Außerdem packen wir euch natürlich wieder den Feedback-Bogen in die Shownotes, denn es würde uns freuen, wenn ihr den ausfüllen würdet. Wir sind immer gespannt darauf, was euch gefällt, was ihr verbessern möchtet, ob ihr Themenvorschläge für uns habt und generell auf eure Meinungen und Ideen. Euer Feedback ist uns wichtig. In der nächsten Folge geht es um eine Auszeichnung, die nur 15 lebende Personen tragen dürfen, den Ring des Landes Tirol. Wir tauchen ein in die Geschichte und Symbolik dieser besonderen Ehrung und stellen Menschen vor, die sie erhalten haben. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder mit dabei seid. Servus, pfiat euch und bis zum nächsten Mal.