Wie Frauen in Tirol die politische Bühne eroberten
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #3
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, dass eine Entscheidung über deinen Kopf hinweg getroffen wurde? Dass andere bestimmen, wie du arbeitest, wie du lebst, was möglich ist und was nicht? Erinnerst du dich an den Moment, in dem du dachtest, ich will mitbestimmen? Meine Stimme zählt. Vielleicht hast du gezögert, aber dann hast du gesprochen. Ein Satz, ein Blick und plötzlich war es da. Das Gefühl, etwas verändern zu können. Im Tiroler Landtag mussten Frauen darum kämpfen, gehört zu werden. Heute prägen sie Debatten, Entscheidungen und Gesetze, die uns alle betreffen. Doch der Weg hierher war steinig. Und ist es manchmal noch. Mein Name ist Tatjana Lukas und das ist Adlerohren. Ein Podcast über Geschichten aus dem Tiroler Landtag. Folge 3 – Wie Frauen in Tirol die politische Bühne eroberten oder von der Unsichtbarkeit zur Macht. Manchmal klopft die Politik nicht leise an, sondern reißt die Tür auf. Und plötzlich ist er da. Der Anruf, der das Leben verändert. So erging es der heutigen Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann im Jahr 2008. Damals leitete sie das Wohn- und Pflegeheim Haus Ehrenberg im Bezirk Reute. Als sie überraschend erfuhr, dass die ÖVP Tirol vorhatte, sie auf einen unerwarteten Listenplatz für die bevorstehende Landtagswahl zu reihen.
Sonja Ledl-Rossmann:
Und in aller Ehrlichkeit habe ich nie vorgehabt, in die Politik zu gehen. Ich habe mich zwar parteipolitisch etwas engagiert und mich einmal entschlossen, auf der Landesliste 2008 zu kandidieren, für mich gefühlt mit Platz 67. Man hat mich sehr überrollt, denn kurz vor Bekanntgabe der Liste hat man mich angerufen und gesagt, das ist Landeslistenplatz 3.
Lukas:
Die Uhr tickte. Noch am selben Tag wollte die ÖVP ihre Liste öffentlich machen. Für Sonja Ledl-Rossmann bedeutete das, in wenigen Stunden eine lebensverändernde Entscheidung treffen zu müssen.
Ledl-Rossmann:
Und ich habe noch kurz meinen damaligen Lebensgefährten, jetzigen Mann angerufen, und habe gesagt, was soll ich tun? Und er hat gemeint, naja, die Chance bekommt man nur einmal und wenn es mich interessiert, dann soll ich diese wahrnehmen. Ich bin auch immer sehr ehrlich bei diesem Thema, weil es ist, glaube ich, auch ein Frauenthema, das ich auch jetzt im Nachhinein beurteilt, wirklich festhalten muss. Hätte man mir damals zwei Wochen Zeit gegeben, ich soll überlegen, ob ich das Angebot annehmen will, bin ich mir zu 99 Prozent sicher, dass ich diese Chance vorbeiziehen hätte lassen, vor lauter Überlegen, kann ich das, schaffe ich das, bringe ich das mit meinem Beruf unter einen Hut. Und vielleicht ist es auch gut, wenn man als Frau dann einmal überrollt wird mit dem Thema, bevor man sich so viele Gedanken macht und eigentlich eine Chance nicht nützt, die in Wahrheit großartig ist.
Lukas:
Auch die inzwischen pensionierte Abgeordnete Eva Lichtenberger, vormals Lehrerin und Aktivistin, wusste, dass sie etwas bewegen wollte. Nach ihrem Studium kämpfte sie für den Umweltschutz und engagierte sich gegen Transitverkehr. Aber bevor sie sich 1989 entschied, für die Grünen in den Landtag einzuziehen, überlegte sie gründlich. Denn der Sprung in die Landespolitik war alles andere als selbstverständlich.
Eva Lichtenberger:
Ich habe mir zuerst gedacht, wie es viele Frauen denken, wenn sie für eine höhere Position angefragt werden, das kann ich nicht. Und dann bin ich einige Male in den Landtag gegangen und habe zugehört und dann habe ich mir gedacht, doch, doch, das müsste sich eigentlich ausgehen. Ich habe mich dann doch entschieden dazu, weil ich einfach gesehen habe, es ist jetzt die Zeit, in der wir vielleicht etwas bewegen können.
Lukas:
1989 war es dann soweit: Eva Lichtenberger zog als Klubobfrau in den Tiroler Landtag ein. Sie ist nicht nur auf politische Hürden gestoßen, sondern auch auf sprachliche. Offizielle Einladungen enthielten seltsame Kombinationen: Frau Klubobfrau und Gemahlin. Für Lichtenberger ein Zeichen, wie unvorbereitet die Gesellschaft auf Frauen in Führungsrollen war.
Lichtenberger:
Da war in dem Moment, als es hieß Klubobfrau, gab es schon einmal den ersten Schrei. Das ist ein Amtstitel, das heißt nämlich Klubobfrau. Ich habe dann mich selber immer so lange als Klubobfrau betitelt, bis sie es dann auch übernommen haben. Aber der große Lacherfolg, da hat es wirklich ein Brrrr gegeben, also ein deutlich hörbares Signal im Tiroler Landtag, als es hieß Klubobfrau Stellvertreter, also dass ein Mann ein Stellvertreter einer Frau sein sollte, das war also ganz, ganz schwierig für die Kolleginnen und Kollegen, sich das vorzustellen.
Lukas:
Auch die ersten Frauen im Tiroler Landtag mussten sich mit vielen Vorurteilen auseinandersetzen. 1919 werden zum ersten Mal zwei Frauen in den Tiroler Landtag gewählt. Ihre männlichen Kollegen sind verblüfft. Frauen, die Gesetze mitbestimmen? Doch die Sozialdemokratinnen lassen sich nicht einschüchtern. Hundert Jahre später erinnert ein Festvertrag der Politikwissenschaftlerin Gisella Schiestl an die ersten Schritte dieser Pionierinnen und ihre Bedeutung für die Tiroler Politik.
Gisella Schiestl:
Das war eine ganz beeindruckende Situation, weil die Sitzplätze waren voll mit ganz interessanten Persönlichkeiten. Zeitzeuginnen waren da, Musikerinnen waren da, die Bänke waren alle mit Blumen geschmückt. Und besonders gefreut hat mich auch, dass Angehörige der ersten Frauen in der Politik da waren, mit denen ich ja schon im Vorfeld Kontakt gehabt habe. Und da die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit präsentieren zu dürfen und den Anwesenden die Entwicklung des Frauenwahlrechts nachzeichnen zu können und Einblicke in die Lebensgeschichten der ersten Politikerinnen zu geben, das war einfach sehr, sehr beeindruckend für mich.
Lukas:
Als Sozialdemokratin und Vertreterin der ArbeiterInnen nahm Maria Ducia im Jahre 1919 ihren Platz im Tiroler Landtag ein. 15 Jahre lang hielt sie diesem Mandat die Treue. Ihre Vision? Bildung für alle und ein gerechteres Leben für die Arbeiter und Arbeiterinnen.
Schiestl:
Sie hat ja bis 1919 in Osttirol gelebt und noch im Landtag des Jahres 1926 hat dies Anlass für einen Osttiroler Mandatar gegeben, auf diese Zeit der Maria Ducia in Lienz zurückzublicken. Ich zitiere aus dem Landtagsprotokoll. Bei uns hat man gesagt, dass die Kindererziehung bei der Frau Ducia nicht sie, sondern ihr Mann zur Besorgung hat. Aber Maria Ducia hat sich nicht beirren lassen. Sie hat Zeit ihres Lebens für Frauenrechte gekämpft, gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern.
Lukas:
Im Landtag traf Maria Ducia auch auf Josefine von Sölder, Gründungsmitglied der Caritas Tirol und der katholischen Frauenorganisation Tirol. In den Debatten des Tiroler Landtags standen sich die beiden Frauen mit den unterschiedlichen Weltanschauungen oft unversöhnlich gegenüber. Trotz ihrer politischen Gegensätze einte sie aber eines. Der Wille, Einfluss zu nehmen, auch wenn sie dafür regelmäßig auf Konfrontationskurs gehen mussten. Ihre Wortgefechte wurden zum Symbol für den politischen Wandel ihrer Zeit.
Schiestl:
Dabei kommt es natürlich immer wieder zu Querelen mit den Sozialdemokratinnen, vor allem mit Maria Ducia zum Beispiel, als die Sozialdemokratinnen den Abtreibungsparagrafen abschaffen wollen oder als sie den Lehrerinnenzölibat aufheben wollen. Der Zölibat für Lehrerinnen war ja ein Tiroler und Vorarlberger Spezifikum und demgemäß sind Lehrerinnen mit Ausnahme der Handarbeitslehrerinnen mit Verehelichung aus dem Lehrerberuf ausgeschieden. Nun war es aber so, dass Josefine von Sölder selber Lehrerin war und eine konsequente Befürworterin dieses Zölibats. Und da sind heftige Wortmeldungen gefallen.
Lukas:
Eine große Vorbildwirkung hatte für Gisella Schiestl eine Frau, die früh die Gefahren des Faschismus erkannte. Die Sozialdemokratin Adele Obermeier wurde bei den letzten demokratischen Wahlen im Jahre 1929 mit drei anderen Frauen in den Landtag gewählt. Gisella Schiestl zitiert aus einer ihrer Reden im Jahr 1933.
Schiestl:
Sehr viele spielen heute mit dem Gedanken eines autoritären Staates und sind sich dabei nicht bewusst, dass sie selbst ihre eigenen Freiheitsrechte aufgeben. Darum appelliere ich noch einmal an sie, mit dieser Koketterie auf die Macht aufzuhören und sich zu besinnen, damit sie im letzten Moment noch den Weg zurückfinden. Vergeblich, denn mit dem Verbot der Sozialdemokratie und mit der Selbstauflösung des Tiroler Landtages sind 1934 auch die Frauen aus dem Landtag ausgeschieden.
Lukas:
Adele Obermeier aber gibt nicht auf. Während der NS-Zeit leistet sie Widerstand und wird 1942 verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Dort wird sie gefoltert und medizinischen Experimenten ausgesetzt und überlebt nur knapp.
Schiestl:
Ihr Glaube an die Demokratie und an die Freiheit kann jedoch auch in der Hölle des Konzentrationslagers nicht gebrochen werden.
Lukas:
Die NS-Zeit hat sie gezeichnet, aber nicht gebrochen. 1945 kehrt Adele Obermeier in den Tiroler Landtag zurück und setzt ihren politischen Kampf fort. Acht Jahre später wechselt sie in den Bundesrat, wo sie bis 1961 wichtige Impulse für Demokratie und Gerechtigkeit setzt. Die Dollfuss-Schuschnigg-Diktatur und der Nationalsozialismus ließen die Stimmen der Frauen in der Politik verstummen. Alle politischen Gremien waren für sie verschlossen. Für viele bedeutete das einen jähen Bruch und für die Frauenbewegung einen schmerzhaften Rückschritt, wie Gisella Schiestl betont.
Schiestl:
Und dieses reaktionäre Frauenbild des Nationalsozialismus, das hat in Tirol ja ganz, ganz lange noch Wirkung gezeigt. Während in den übrigen österreichischen Landtagen in den Jahren bis Mitte 1980 zumindest tendenziell Anstiege der Frauenanteile in den Landtagen erkennbar sind, ist in Tirol das nicht der Fall gewesen.
Lukas:
14 Jahre lang blieb der Tiroler Landtag männlich. Drei ganze Legislaturperioden. Bis 1975 tagte er ohne eine einzige Frau. Politische Entscheidungen wurden getroffen, aber die weibliche Perspektive fehlte. Die 1990er waren ein Wendepunkt für die Tiroler Frauenpolitik. Helmut Mader, damals Landeshauptmann-Stellvertreter, setzte als Mann einen ungewöhnlichen Akzent, indem er ein eigenes Frauenreferat ins Leben rief. Seine Zusammenarbeit mit der ersten Frauenministerin Österreichs, Johanna Dohnal, sorgte für Aufsehen und für wichtige Veränderungen.
Schiestl:
Einmal gab es da eine Konferenz im Kongresshaus in Innsbruck und da sagte Johanna Dohnal, guten Morgen liebe Frauen und dann hat sie zu Helmut Ma der geschaut und gesagt, und sie fühlen sich gefälligst auch als Frauenreferent angesprochen. Jedenfalls hat die Implementierung von Frauenpolitik in der Regierung als eigenes Politikfeld die Umsetzung zahlreicher Maßnahmen zur Frauenförderung und Gleichstellung und auch rechtliche Rahmenbedingungen dafür geschaffen.
Lukas:
Als Eva Lichtenberger 1989 als Klubobfrau in den Tiroler Landtag eingezogen ist, ist sie nicht nur auf politische Hürden gestoßen, sondern auch auf sprachliche. Offizielle Einladungen enthielten seltsame Kombinationen: Frau Klubobfrau und Gemahlin. Für Lichtenberger ein Zeichen, wie unvorbereitet die Gesellschaft auf Frauen in Führungsrollen war.
Lichtenberger:
Ich habe dann einige Male Einladungen bekommen, also Frau, Klubobfrau sowieso und Gemahlin. Jetzt bin ich weder verheiratet, noch bin ich sozusagen zum Mann geworden. Ich habe dann immer meine Schwester mitgenommen und sie hat immer gesagt, sie ist der Herr Lichtenberger. Ja, mit Humor konnte man in dieser Zeit noch einige Hürden aufweichen. Das ist heute schwieriger, weil der Humor im Leben und in der Politik leider viel schwächer da ist und nicht mehr so präsent ist.
Lukas:
Seither hat sich viel getan. Lienz in Osttirol war 1994 mit Helga Machne österreichweit die erste Bezirkshauptstadt mit einer Bürgermeisterin. Und Innsbruck hat mit Hilde Zach 2002 als erste Landeshauptstadt eine Bürgermeisterin. Seit dem Frühjahr 2018 ist Sonja Ledl-Rossmann die erste Frau an der Spitze des Tiroler Landtags. Mit ihr wurde die Geschichte weiblicher Führung weitergeschrieben. Bis 2024 sogar mit einem rein weiblichen Landtagspräsidium. Das führte allerdings auch in der jüngsten Vergangenheit zu Irritationen, wie Sonja Ledl-Rossmann erzählt.
Ledl-Rossmann:
Und ein Abgeordneter einmal zu mir gesagt hat, naja, er ist schon dafür und dass Frauen Führungspositionen haben, aber dass es jetzt gleich drei Frauen sind. Meine Antwort war, dass man viele Jahre auch nicht darüber diskutiert hat, dass es immer drei Männer gewesen sind und damit war das Thema erledigt.
Lukas:
Mehr als 40 Prozent der Sitze im Tiroler Landtag werden aktuell von Frauen besetzt. Mit 23 Jahren ist Susanna Riedlsperger aktuell die jüngste Abgeordnete im Tiroler Landtag. Sie erinnert sich noch genau an die Aufregung bei ihrer Angelobung und die ersten Reden, in denen sie Themen ansprach, die ihr am Herzen lagen.
Susanna Riedlsperger:
Und es ist dann natürlich schon sehr aufregend, wenn man da dann das erste Mal herinsteht und auch das erste Mal irgendwie dann am Rednerpult steht, das erste Mal in dieser Runde sprechen darf und sich für die Sachen einsetzen darf.
Lukas:
Susanna Riedlsperger, Jahrgang 2001, wusste schon früh, dass sie mitgestalten will. Der Entschluss, sich für ein politisches Mandat zu bewerben, reifte während eines Aufenthalts in Israel. In Innsbruck studierte sie Rechtswissenschaften und sammelte erste politische Erfahrung bei der Österreichischen Hochschüler:innenschaft und den JUNOS, dem Jugendverband der Partei NEOS.
Riedlsperger:
Ich habe mir da dann irgendwann gedacht, es kann nicht sein, dass wir viele Sachen, die bei uns auch gut sind im Sinne der Europäischen Union, nicht wertschätzen, viel nur gemotzt wird, jetzt ganz plump ausgesprochen, und oft auch leider über den Kopf von jungen Leuten hinweggesprochen wird.
Lukas:
Sie wollte mit jungen Menschen ins Gespräch kommen und ihnen in der Politik eine Stimme geben.
Riedlsperger:
Ich habe dann ganz, ich sage mal, simpel, nerdy, könnte man vielleicht auch sagen, mich in Tel Aviv in ein Café gesetzt und alle Parteiprogramme durchgelesen und dann ein E-Mail geschrieben. Und so bin ich bei den Neos gelandet und dann eben einige Zeit später ist bei mir dann Schluss gefasst worden, ich will für den Tiroler Landtag kandidieren.
Lukas:
Die Gesprächskultur im Landtag beschreibt die langjährige Karatesportlerin als gut. An Zwischenrufe bei Landtagsdebatten musste sie sich aber erst gewöhnen.
Riedlsperger:
Da ist es natürlich schon so, dass man vielleicht als Frau auch andere Zwischenrufe bekommt teilweise. Das kann ich jetzt persönlich leider auch schwer irgendwie einschätzen. Was man schon oft merkt, ist, dass einige männliche Kollegen vielleicht nicht ganz wissen, wie man das gegenüber jetzt einschätzen soll oder wie man damit umgehen soll, sage ich mal. Vor allem als junge Frau merkt man das, glaube ich, verstärkt. Und wenn dann aber wirklich unmittelbar Kommentare kommen, ist es wenn, dann eigentlich eher aufs Alter bezogen als aufs Geschlecht bezogen.
Lukas:
Susanna Riedlsperger hat gelernt, dass Humor eine wirksame Waffe gegen Kommentare wie „Welpenstatus“ sein kann.
Ausschnitt Landtag:
Das war auch eigentlich schon alles, was ich dazu noch loswerden wollte. Vielleicht noch einen Punkt und ich hoffe durchaus auf eine gute Zusammenarbeit in Zukunft auf Augenhöhe. Das mit dem Welpenstatus gestern hätte man sich durchaus sparen können. Und auch wenn du vielleicht schon so ein alter Hund im Landtag bist, könnte man im Sinne der Zusammenarbeit auf Augenhöhe auf den Welpenstatus verzichten. Dann bringe ich das nächste Mal vielleicht sogar einen Kaffee mit.
Lukas:
Sie steht nicht allein. In solchen Momenten zeigen Kolleginnen Solidarität und machen klar, dass solche Kommentare nicht ohne Antwort bleiben.
Riedlsperger:
Da war schon so die eine oder andere Situation, wo dann eine Landtagskollegin danach hergekommen ist und war, na, ich stimme jetzt zwar inhaltlich gar nicht überein mit dem, was du gerade gesagt hast, aber was irgendwie da und da reingerufen worden ist, oder auch teilweise die Frage, ob man nicht irgendwie sogar einen Ordnungsruf quasi einmahnen wollen würde, da merkt man schon, dass da vielleicht die Solidarität unter Frauen, was solche Themen angeht, erhöht ist, weil man sie wahrscheinlich auch selbst irgendwie reindenken kann und das irgendwie selbst mehr nachempfinden kann. Und da dann natürlich irgendwie mehr aufmerksam ist dem Gegenüber, wenn da irgendwie unangebrachte Zwischenrufe kommen.
Lukas:
Eva Lichtenberger erkannte früh, dass Solidarität unter Frauen eine treibende Kraft sein kann. Gemeinsam mit Kolleginnen über Parteigrenzen hinweg setzte sie wichtige Themen durch und erlebte, wie viel politischer Erfolg vom gemeinsamen Handeln abhängt. Das wurde deutlich, als die Mandatarinnen bei einem verkehrspolitischen Thema, sehr zur Verwunderung der Männer, geschlossen einen Antrag einbrachten.
Lichtenberger:
Die zwei Frauen von der ÖVP, die eine Frau von der SPÖ und wir beide Grünen. Wir haben einen gemeinsamen Antrag entwickelt und haben den dann eingebracht. Das war schon eine gewisse Revolution. Das war eine Irritation auch für die ÖVP und SPÖ. Die FPÖ hatte ja gar keine Frau, also insofern stellte sich für sie die Frage nicht.
Isolde Kafka:
Und das hat schon was ausgemacht in der Stimmung auch. Ich glaube, das ist ein wichtiger Faktor. Es heißt oft, es gibt keine Frauensolidarität, es gibt sie aber sehr wohl.
Lukas:
Das sagt Isolde Kafka. Sie ist seit 26 Jahren Gleichbehandlungsbeauftragte des Landes Tirol und als solche auch Teil der Gleichbehandlungskommission. Für Isolde Kafka ist klar, wer mehr Frauen im Landtag sehen will, der muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Ohne diese Unterstützung bleiben vielen Frauen wichtige politische Rollen verwehrt. Hier hat der Landtag erkannt, dass es etwa in Bezug auf die Elternkarenz eine Neuregelung braucht.
Kafka:
Also damals hat das eine Landtagsabgeordnete betroffen, die dann aufgrund der Tatsache, dass sie ein Kind bekommen hat, aus dem Landtag ausgeschieden ist. Also etwas, was sehr schade ist, weil ich denke mir, der Landtag soll ja die Bevölkerung repräsentieren, genauso auch junge Mütter zum Beispiel. Und das hat auch sehr wohl für Bürgermeisterinnen gegolten. Das ist eine ähnliche Geschichte. Und man hat daraufhin zumindest die Möglichkeit geschaffen, eine Zeit lang das Mandat ruhend zu stellen, damit es nicht erlischt, beziehungsweise einfach weitgehende Anpassungen vorgenommen, um auch eine gewisse Karenz und Auszeit zu ermöglichen.
Lukas:
Wie diese Karenzregelung aussieht, erklärt Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann.
Ledl-Rossmann:
Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen wie auch bei Adoption und dass man sich eigentlich im Gesamten fast bis zu einem Jahr karenzieren lassen kann und nicht sofort auf das Mandat gefühlt verzichten muss. Und ich glaube, alles, was wir da dazu auch beitragen können, um Familien, aber natürlich auch Frauen, diese Kombination, das gemeinsam zu leben, erleichtern zu können, ist wichtig. Und ich bin auch dankbar, dass das wirklich von allen Landtagsfraktionen mitgetragen worden ist, diese Entscheidung. Und ich denke, das sind so die Schritte, die wir halt auch in unserer Verantwortung im Tiroler Landtag setzen können.
Lukas:
Der Mutterschutz für Politikerinnen ist noch nicht da, wo er sein sollte, findet Isolde Kafka. Es gibt zwar Regelungen, aber sie reichen nicht aus. Für sie ist klar, auch Politikerinnen brauchen denselben Schutz wie andere berufstätige Frauen.
Kafka:
Es gibt immer noch nicht ganz den gesetzlich vorgesehenen Mutterschutz, es gibt nur einfach Regelungen dazu. Und wenn man sich denkt, dass so ein politisches Amt ja nicht eine unwesentliche Belastung ist, dann muss sie da einfach auch Regelungen schaffen dazu, weil alle anderen dürften ja nicht mal arbeiten.
Lukas:
Junge Politikerinnen brauchen Unterstützung und die bekommen sie, sowohl von Männern als auch von erfahrenen Kolleginnen. Für Isolde Kafka ist die Solidarität unter Frauen ein wesentlicher Baustein, um sich langfristig politisch zu behaupten.
Kafka:
Netzwerke sind für alle wichtig. Da ist es noch einmal wichtiger, weil schon meine Erfahrung ist, wenn es um Macht geht, oft auch mit allen Mitteln gespielt wird sozusagen und Frauen dann oft einmal noch mehr Angriffen ausgesetzt sind, die stärker auf ihre Person gehen, wie das vielleicht bei Männern der Fall ist. Dazu gibt es ja auch Untersuchungen, dass man merkt, gerade Aussehen und so weiter. Ich glaube schon, dass es da gut ist, sich vorzubereiten und in manchen Dingen auch eine dicke Haut zuzulegen und nicht alle Themen so persönlich nehmen zu müssen, beziehungsweise auch manchmal sich zu schützen, gerade wenn es um Angriffe auf Social Media, Plattformen und so weiter geht.
Lukas:
Politikerinnen sind oft besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Für Susanna Riedlsperger war Social Media vor und während ihrer politischen Karriere ein wichtiges Instrument. Doch die Schattenseiten sind unübersehbar. Der Ton vieler Kommentare ist rau. Und genau das hält viele Frauen davon ab, den Schritt in die Politik zu wagen.
Riedlsperger:
Dass die halt dann irgendwie verläuft, nicht unbedingt nur auf dieses großartige inhaltliche Video sind, wo man sich irgendwie stundenlang überlegt, was sage ich jetzt da und was wäre jetzt eine gute Message und in welchem Kontext und Setting machen wir das. Und dann steht irgendwie drunter einfach nur Kommentar zum Körper oder zum Outfit oder der Frisur. Und man denkt sich schon mal, bitte Leute, habt ihr überhaupt zugehört, was ich gesagt habe?
Lukas:
Sie habe gelernt, sich von solchen Kommentaren zu distanzieren. Denn diese würden mehr über den Verfasser aussagen, als über sie selbst.
Riedlsperger:
Und dann, wenn es aber nicht aufhört, muss man schlichtweg blockieren. Ich glaube, an dem führt nichts dran vorbei. Natürlich könnte man auch mehr machen, wenn es jetzt wirklich in abfälligere Richtungen geht. Leider muss man, glaube ich, sagen, dass sich das meistens, jetzt ganz plump gesprochen, nicht auszahlt für den Aufwand, den es natürlich auch darstellt. Aber in Summe ist es leider so, dass man sich damit irgendwie arrangieren muss und sich da auch bestmöglich distanzieren muss von Sachen, die da teilweise untergriffig passieren.
Lukas:
Frauen gehören nicht nur in soziale oder bildungspolitische Themen, sondern auch in Bereiche wie Finanzen oder technische Ausschüsse, sagt Isolde Kafka. Für sie ist klar, Frauenperspektiven können alle politischen Entscheidungen bereichern, wenn sie die Chance dazu bekommen.
Kafka:
Ja, ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass gerade Frauen zum Beispiel in Finanzthemen hineingehen oder auch in technische Themen. Und ich denke mal, anders als der Landtag, eben als Widerspiegelung der Gesellschaft ist ja auch nicht so verschieden. Also diese Rollenklischees, Rollenzuschreibungen bleiben da genauso und müssen auch aufgebrochen werden. Für uns in der Landesverwaltung war es sehr wichtig, dass wir schon sehr früh eine Finanzchefin hatten. Und jetzt auch die Gemeindeabteilung zum Beispiel von einer Frau geleitet wird. Das sind dann auch wieder Vorbilder. Und ich glaube, das braucht man noch mehr, gerade bei der Beachtung bei der Besetzung von Ausschüssen, von Themengebieten, sei es in der Landesregierung, aber auch im Landtag, dass man bewusst alle Ausschüsse gemischt besetzt und eben nicht nur klassisch die Sozialthemen den Frauen zuordnet.
Lukas:
Eva Lichtenberger hat oft erlebt, wie der weibliche Blick Diskussionen verändern kann. Als Beraterin im Gemeinderat von Hall in Tirol brachte sie Perspektiven ein, die den 14 Männern am Tisch zunächst fremd waren, aber entscheidend für die Planung wurden.
Lichtenberger:
Ich habe dann gesagt, okay, und jetzt stellt ihr euch vor, dass ihr mit einem Kinderwagen durch diese Stadt geht. Wo muss man ausweichen? Wo kommt ein Auto und ein Fußgänger überhaupt mit einem Kinderwagen zum Beispiel nacheinander vorbei, gilt ja das gleiche für Rollstuhlfahrer:innen. Die haben gemeint, ich komme vom Mars. Auf die Idee sind sie noch nie gekommen. Wobei ich eben gesagt habe, ja, in Städten bewegen sich vormittags eher Frauen als Männer. Also sollte man sozusagen ihre Wege auch mit ins Kalkül für Verkehrsplanung nehmen. Das war ein großer Schock damals.
Lukas:
Frauen im Tiroler Landtag sind heute sichtbarer als je zuvor. Mehr als 40 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Dieser Erfolg ruht auf den Schultern der Pionierinnen von einst. Er ist das Ergebnis von Hartnäckigkeit, Solidarität und dem unermüdlichen Einsatz für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Doch Errungenschaften zu bewahren oder sie sogar noch auszubauen, ist nicht selbstverständlich, betont Gisella Schiestl. Das zeigte sich nicht zuletzt in der Corona-Pandemie.
Schiestl:
Wie es bei Krisen oft so ist, sie verstärken bestehende Ungleichheiten, die man leider oftmals gar nicht mehr wahrhaben will. Und Frauen, die waren die Verliererinnen der Corona-Krise, obwohl sie ganz viel zu deren Bewältigung beitragen mussten.
Lukas:
Frauen leisteten während der Krise weit mehr, als auf den ersten Blick sichtbar war. Neben ihrer Arbeit in systemrelevanten Berufen wie Pflege und Handel trugen sie auch zu Hause die Verantwortung. Für Kinder, für Angehörige und für den Haushalt.
Schiestl:
Der tägliche Einsatz für Frauenrechte bleibt auch heute unverzichtbar. Denn es ist so, dass Frauen immer noch mehr leisten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Und eine Ungleichheit, die sich in vielen Bereichen zeigt, nicht nur in der Arbeit oder in der Wirtschaft oder in der Politik, sondern auch, wenn man auf die Armutsgefährdung von alleinerziehenden Frauen schaut oder auf die Altersarmut, die vor allem Frauen betrifft.
Lukas:
Gleichbehandlungsbeauftragte Isolde Kafka sieht Potenzial für mehr politische Teilhabe. Ein offener, respektvoller Umgang im Landtag schafft die Grundlage dafür, dass sich mehr Menschen, ob Männer oder Frauen, politisch engagieren.
Kafka:
Wenn es wirklich um eine sachliche, konstruktive Debatte geht, weil ich glaube, dass dann Personen sich leichter zu dem Schritt entschließen, in die Politik zu gehen.
Lichtenberger:
Und ich wünsche mir, dass dieses Bild, das manchmal herrscht, dass die unwichtigeren Themen, die Frauen kriegen und die ganz, ganz wichtigen, bedeutenden, die Männer übernehmen, dass sich dieses Bild auch auflöst.
Lukas:
Sagt die frühere Klubchefin, Landtags- und Nationalratsabgeordnete und EU-Mandatarin Eva Lichtenberger. Susanna Riedlsperger fordert bessere zeitliche Rahmenbedingungen für Frauen in der Politik. Ohne diese Unterstützung bleibt politisches Engagement für viele unerreichbar und wertvolle Stimmen gehen dadurch verloren.
Riedlsperger:
Und das ist, glaube ich, ein gesamtgesellschaftliches, riesiges Politikum, was wir in der nächsten Zeit dringend angehen müssen, dass dort eben Stichwort Care-Arbeit, das gleichmäßig aufgeteilt ist und es nicht so ist, dass irgendwie Frauen dann neben dem Vollzeitjob abends noch irgendwie Wäsche waschen und Kinder lupfen und alles machen, weil dann schlichtweg keine Zeit überbleibt. Und das ist, glaube ich, so das Wichtigste, was man, wenn man über politisches Engagement und Frauen spricht, auch in Zukunft noch angehen muss.
Lukas:
Für Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann ist das Thema Gleichstellung keineswegs erledigt. Sie betont, der Einsatz für echte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern bleibt auch heute noch ein wichtiger Auftrag. In der Politik und darüber hinaus.
Ledl-Rossmann:
Wenn man Feminismus in seiner ursprünglichen Begrifflichkeit, dass es darum geht, sich für Rechte für Frauen einzusetzen oder dass man vermeidet, dass Frauen in politischen oder sozialen Bereichen diskriminiert werden, ist das schon nach wie vor Auftrag für uns, vielleicht in der jetzigen Zeit auch mit anderen Zugangsmöglichkeiten, uns auch in Zukunft dafür einzusetzen.
Lukas:
Vielen Dank fürs Zuhören. Wir hoffen, euch hat die Willensstärke der vorgestellten Tiroler Politikerinnen inspiriert und das Bewusstsein gefestigt, dass Gleichberechtigung schlicht und einfach Sinn macht. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert bitte „Adlerohren - Tiroler Landtagsgeschichten“ auf eurer bevorzugten Podcast-Plattform. Lasst uns eine gute Bewertung da und teilt uns eure Gedanken dazu mit unter adlerohren@tirol.gv.at oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Euer Feedback ist uns wichtig. In der nächsten Folge von Adlerohren geht es um das ehrwürdige alte Landhaus. Warum stehen die Originalfiguren der Annasäule eigentlich im alten Landhaus? Und was tut man, wenn in diesem barocken Prachtbau mal etwas kaputt geht? Und warum hat das alte Landhaus eigentlich eine eigene Kapelle? Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder dabei seid. Servus, Pfiat euch und bis zum nächsten Mal!