- Dritte Enquete Frauen und Gleichstellung im Landhaus in Innsbruck
- 25 Jahre Girls' Day als Anlass für Diskussion über die Auswirkungen traditioneller Rollenbilder auf das Berufsleben
- Einkommensunterschiede durch unterschiedliche Berufe, weniger Frauen in Führung und ungleiche Verteilung unbezahlter Arbeit
- Maßnahmen wie frühe Berufsorientierung sind zentral
- Diversität als sozialer und ökonomischer Hebel für Unternehmen
Warum verdienen Frauen noch immer weniger als Männer? Warum unterscheiden sich die Berufswünsche von Mädchen und Burschen so stark? Und warum werden typische Frauenberufe nach wie vor schlechter bezahlt? Die Antworten darauf liegen in traditionellen Geschlechter-, Berufs- und Gesellschaftsrollen, die bis heute wirksam sind – mit konkreten Auswirkungen auf Karrieren, Unternehmen und gesellschaftliche Teilhabe. Die Auseinandersetzung mit diesen Rollenbildern, aber auch die Frage, wie Arbeit und Wirtschaft als Motor für Veränderung fungieren können, standen im Zentrum der Enquete „Frauen und Gleichstellung“, die heute, Montag, im Landhaus in Innsbruck stattfand. Unter dem Titel „Arbeitswelt ohne Schubladendenken“ hatte Frauenlandesrätin Eva Pawlata bereits zum dritten Mal politische EntscheidungsträgerInnen, SozialpartnerInnen, MitarbeiterInnen in Frauen- und Gleichstellungseinrichtungen, SystempartnerInnen am Arbeitsmarkt sowie weitere Interessierte zu diesem Format eingeladen. Ausschlaggebend für die Themenwahl war das 25-jährige Jubiläum des Girls’ Day Tirol (siehe dazu Presseaussendung vom 23. April 2026).
Schubladendenken als Einschränkung für Frauen und Männer
„Schubladendenken am Arbeitsmarkt, geprägt von überholten Rollenbildern, schränkt Frauen wie Männer ein. Diskriminierung zeigt sich dabei nicht nur direkt – etwa bei Einstellung oder Bezahlung –, sondern auch indirekt durch Erwartungen und stereotype Zuschreibungen. Gleichstellung baut diese Hürden ab und schafft die Voraussetzungen dafür, dass Chancen nicht vom Geschlecht abhängen“, betont LRin Pawlata.
Um dem entgegenzuwirken, braucht es – so das Fazit der Enquete – ein Bündel an Maßnahmen: von früher Berufsorientierung – etwa im Rahmen des Girls’ Day – über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen bis hin zu einer gerechteren Verteilung unbezahlter Arbeit innerhalb von Partnerschaften.
Lohnunterschiede und ungleiche Verteilung von Arbeit
Der Equal Pay Day macht jährlich die Einkommensdifferenz zwischen Frauen und Männern sichtbar. In Tirol fiel er heuer auf den 27. Februar – bis dahin arbeiteten Frauen statistisch gesehen ohne Bezahlung. Die Einkommenslücke beträgt damit rund 16 Prozent.
Diese Unterschiede hängen vor allem mit der ungleichen Verteilung von Frauen und Männern auf verschiedene Berufsbereiche sowie mit unterschiedlichen Aufstiegschancen zusammen. Frauen arbeiten überdurchschnittlich häufig in sozialen, pädagogischen oder pflegerischen Berufen, die im Schnitt niedriger entlohnt werden, während Männer stärker in technischen, handwerklichen oder leitenden Funktionen vertreten sind. Gleichzeitig zeigt sich eine „gläserne Decke“: Laut Gleichstellungsbericht Tirol sind 31 Prozent der Männer, aber nur 18 Prozent der Frauen in Führungspositionen tätig.
Hinzu kommen strukturelle Unterschiede bei Arbeitszeit und unbezahlter Arbeit. So arbeiten 48 Prozent der Frauen, aber nur elf Prozent der Männer in Teilzeit. Gleichzeitig leisten Frauen deutlich mehr Sorgearbeit: Laut Zeitverwendungsstudie 2021/22 wenden sie in Tirol täglich rund fünf Stunden mit unbezahlter Arbeit auf – mehr als doppelt so viel wie Männer.
Digitalisierung und Diversität als Schlüsselthemen
Fachliche Inputs bei der Enquete lieferten Nadja Bergmann (L&R Sozialforschung GmbH) sowie Heike Welte von der Universität Innsbruck. Bergmann referierte zum Thema „Arbeit 4.0? Digitaler Wandel aus einer Geschlechterperspektive“. Unter „Arbeitswelt 4.0“ wird der Wandel von Arbeitsprozessen durch den Einsatz digitaler Technologien verstanden, der weitreichende Änderungen für Berufe und Berufsgruppen mit sich bringt. Dabei zeigte sie auf, dass sich bestehende Geschlechterungleichheiten auch im digitalen Wandel widerspiegeln und teilweise sogar verstärken. Trotz zunehmender Reflexion unter Jugendlichen halten sich stereotype Vorstellungen von „Frauen-“ und „Männerberufen“ hartnäckig. Gleichzeitig zeigt sich insbesondere in Ausbildungs- und Berufsfeldern mit Fokus auf MINT, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eine ungleiche Verteilung und teilweise sogar ein sinkender Frauenanteil.
Welte widmete sich in ihrem Vortrag dem Thema „Diversität als Wettbewerbsvorteil“. Sie zeigte auf, dass vielfältig zusammengesetzte Teams nicht nur zur sozialen Gerechtigkeit beitragen, sondern auch klare ökonomische Vorteile bringen: Unternehmen profitieren von einem größeren BewerberInnenpool, höherer MitarbeiterInnenbindung sowie von besseren Entscheidungsprozessen und gesteigerter Innovationskraft. Voraussetzung dafür ist eine inklusive Organisationskultur, in der alle Beschäftigten unabhängig von sichtbaren und unsichtbaren Unterschieden wertgeschätzt werden und ihr Potenzial entfalten können.
Im Anschluss wurden die Inhalte im Rahmen einer Gesprächsrunde diskutiert, an der neben LRin Pawlata auch Sabine Ludwig (Medizinische Universität Innsbruck), Jakob Egger (Verein Mannsbilder) und Rebecca Kirchbaumer (WK Tirol) teilnahmen.





