Projekt Cairos: Euregio setzt neue Standards für Lawinensicherheit

Cairos bringt Arbeit der Lawinenkommissionen in der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino näher zusammen

  • EU-finanziertes Projekt abgeschlossen – wird in Regelbetrieb übernommen
  • Eckpfeiler von Cairos: gemeinsame Ausbildung, neue Software und Lawinenszenariokarten

Mehr Sicherheit vor Lawinen in Tirol, Südtirol und Trentino: Das ist das Ziel des Euregio-Projekts Cairos. Durch Cairos können die Lawinenkommissionen in der Euregio nun noch enger zusammenarbeiten und zudem von einer neuen Software profitieren. Nach zwei Jahren ist das über das Interreg-Programm der EU finanzierte Projekt nun abgeschlossen und wird von den für die Lawinenkommissionen verantwortlichen Institutionen der drei Länder im Regelbetrieb übernommen. Heute, Mittwoch, haben Tirols Sicherheitslandesrätin Astrid Mair, Amtsdirektorin Michaela Munari aus Südtirol und Stefano Fait, Generaldirektor für Zivilschutz, Forstwesen und Fauna aus dem Trentino sowie ExpertInnen der drei Euregio-Länder in der Axamer Lizum Bilanz gezogen und auf die künftigen Einsatzmöglichkeiten geblickt. 

Einfacher, effizienter, sicherer: Vorreiter in den Alpen

„Die Lawinenkommissionen tragen eine besondere Verantwortung in der gesamten Euregio. Mit Cairos ist es gelungen, grenzübergreifend einheitliche Standards für die Lawinenkommissionen in allen drei Ländern zu entwickeln. Mit der neuen Software geben wir den Verantwortlichen zudem ein echtes Multifunktionstool für ihre Arbeit in die Hand. Damit werden ihre komplexen Aufgaben einfacher, effizienter und sicherer. Davon profitiert die gesamte Bevölkerung der Euregio: Je besser die Kommissionen arbeiten können, desto sicherer werden die Alpen“, erklärt LRin Mair und ergänzt: „Lawinen kennen keine Grenzen – deshalb braucht Sicherheit gemeinsame, grenzüberschreitende Lösungen. Cairos zeigt, wie grenzüberschreitende Kooperation konkret Leben schützen kann.“

Michela Munari verweist auf die Verantwortung, die den Kommissionsmitgliedern durch die Beratung für die Entscheidungen der Bürgermeister zukommen: „Dank Cairos konnten wir Wissen teilen und darauf aufbauend gemeinsame Instrumente für verschiedene Gebiete mit ähnlichen Problemen finden.“ Die Euregio diene dabei als konkretes Beispiel für eine funktionierende Zusammenarbeit. Tatsächlich gebe es bereits Anfragen aus anderen Gebieten im Alpenraum – darunter Salzburg und Kärnten.

Am Beispiel großräumiger Schneefälle im Alpenraum verdeutlichte Stefano Fait die Bedeutung der Cairos-Instrumente: „Kolleginnen und Kollegen anderer italienischer Regionen waren erstaunt über die Übersicht, die allein das Trentino und Südtirol dank der von den Lawinenkommission gesammelten Daten über ihr gesamtes Gebiet hatten. Cairos ist ein Beispiel dafür, wie es gelingt, mit Naturgefahren wie Lawinen umzugehen – Gefahren, mit denen man im Alpenraum immer leben muss.“

Gemeinsame Ausbildung und Software

Kernpunkte von Cairos sind eine gemeinsame Ausbildung mit abgestimmten Lerninhalten, neu entwickelte Lawinenszenariokarten sowie eine neue Softwareplattform inklusive App, die sich am Grundsatz „Wahrnehmen, Beurteilen, Handeln“ orientiert. Ab der Wintersaison 2026/2027 werden diese vollumfänglich zur Verfügung stehen. 

  • Dank der App können die Lawinenkommissionsmitglieder die Situation einfacher einschätzen, direkt vor Ort per Smartphone Beobachtungen eintragen, Beurteilungen erstellen und den EntscheidungsträgerInnen empfohlene Maßnahmen – etwa Straßensperrungen – mitteilen. „Die App wird die aktuellen Systeme ersetzen. Das wird die Informationsbeschaffung, Entscheidungsfindung, Dokumentation und Kommunikation zwischen den Kommissionen und den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern vereinfachen“, erklärt Michael Winkler von der Abteilung Krisen- und Gefahrenmanagement im Land Tirol.
  • Zugleich wurde durch das Projekt Cairos eine gemeinsame Ausbildungsstruktur geschaffen. „Sie führt in allen Partnerländern zu abgestimmten Kurskonzepten und integriert gemeinsame Lehr- und Lernunterlagen. Diese Inhalte werden über die Plattform ‚Snow.institute‘ auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden“, so Alice Gasperi, von der Abteilung Zivilschutz, Forstwesen und Fauna im Trentino. Die Plattform snow institute bietet unter www.snow.institute Wissen und Unterrichtsmaterial zu Schnee, Eis und Lawinenrisiken.
  • Als neue wichtige Grundlage und Hilfe für die Lawinenkommissionen bei deren Entscheidungsfindung dienen künftig zudem die Lawinenszenariokarten, erklärt Jakob Schwarz vom Amt für Meteorologie und Lawinenwarnung in Südtirol: „Die Lawinenszenariokarten, kurz auch Lawinenkarten, können wir dank des Lawinenbulletins des bereits bekannten ‚Lawinen.report‘ täglich aktualisiert erstellen.“ Bei den Karten handelt sich um eine der weltweit ersten Bestrebungen, Ergebnisse von dynamischen Lawinenmodellen für die lokale Risikobeurteilung nutzbar zu machen.

Regionale und internationale Beachtung

Cairos wurde in der Euregio und über deren Grenzen hinaus 26-mal vorgestellt. Unter anderem haben die Projektverantwortlichen das Projekt an der weltweit größten wissenschaftlichen Konferenz über Schnee und Lawinen „International Snow Science Workshop“ präsentiert. Zudem gab es drei Publikationen in Zeitschriften. In sieben Treffen mit Pilotkommissionen wurde die engere grenzübergreifende Zusammenarbeit erprobt und weiterentwickelt. „Es zeigt einmal mehr, dass die Euregio in Sachen Sicherheit in den Bergen weltweiter Vorreiter ist und internationale Standards neu definiert“, freut sich LRin Mair.

Euregioweit mehr als 2.000 Kommissionsmitglieder

In den Euregio-Ländern sind derzeit mehr als 2.000 großteils ehrenamtliche Mitglieder in 346 Kommissionen aktiv – in Tirol sind es mehr als 1.350 Mitglieder in 245 Kommissionen. Sie beurteilen das Lawinenrisiko und beraten unter anderem Gemeinden, Sportinfrastrukturträger oder auch das Land – etwa, ob Straßen oder Skipisten und Winterwanderwege gesperrt werden müssen. 

„Die Arbeit der Lawinenkommissionen passiert großteils ehrenamtlich. Das zeigt: Ehrenamt heißt auch, Verantwortung zu übernehmen. Mein Dank geht an alle, die diese Verantwortung übernehmen und damit wesentlich dazu beitragen, die Sicherheit in den Bergen zu gewährleisten“, beton LRin Mair und verweist auf das aktuelle Jahr des Ehrenamts, mit dem das freiwillige Engagement zusätzlich gewürdigt werden soll.