- Rund 550 SchülerInnen besuchen mehrsprachigen Unterricht an Anerkannter Europäischer Schule (AES) Tirol
- Internationale Tagung zu Mehrsprachigkeit an Universität Innsbruck Ende Februar
Auch in Tirol ist für viele Menschen Deutsch nicht die Erstsprache, sondern eine wichtige Zweitsprache, die sie neben ihrer Muttersprache im Alltag verwenden. Diese sprachliche Vielfalt prägt das gesellschaftliche Leben ebenso wie den Bildungsbereich. Anlässlich des Internationalen Tages der Muttersprache am 21. Februar betonen Integrationsreferent LHStv Philip Wohlgemuth und Bildungslandesrätin Cornelia Hagele die große Bedeutung von Mehrsprachigkeit für Bildung, Zusammenhalt und internationale Offenheit: „Tirol ist mehrsprachig – und das ist eine große Chance. Sprache schafft Identität, ermöglicht Teilhabe und bildet die Grundlage für gegenseitiges Verständnis. Wo verschiedene Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen, entstehen neue Perspektiven und gemeinsames Lernen“, betont LRin Hagele. Gleichzeitig komme der Muttersprache eine ganz besondere Rolle zu: „Die Muttersprache gibt Menschen Halt und Orientierung. Sie verbindet mit den eigenen Wurzeln und stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit. Dieses sichere Fundament ist eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Integration“, so LHStv Wohlgemuth.
Mehrsprachigkeit als Bildungsauftrag
Der Internationale Tag der Muttersprache wurde 1999 von der UNESCO ins Leben gerufen, um die sprachliche und kulturelle Vielfalt weltweit zu fördern. In Österreich werden rund 250 verschiedene Sprachen gesprochen. Neben Deutsch zählen in Tirol Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Türkisch, Italienisch, Arabisch und Ungarisch zu den fünf häufigsten gesprochenen Sprachen. Für viele Kinder und Jugendliche in Tirol bedeutet das, mehrsprachig aufzuwachsen und Deutsch als zusätzliche Bildungssprache zu erlernen. Laut Schulstatistik der Statistik Austria waren im Schuljahr 2024/2025 insgesamt rund 19.900 mehrsprachige SchülerInnen in Tirol gemeldet.
Laut Österreichischem Integrationsfonds (ÖIF) verlassen SchülerInnen mit nicht-deutscher Erstsprache das Schulsystem häufiger ohne Pflichtschulabschluss, weshalb gezielte Sprachförderung ein zentraler Schlüssel zu Chancengleichheit sowie Bildungs- und Berufserfolg sei, betont LHStv Wohlgemuth. „Sprachförderung bedeutet mehr als nur Deutsch zu lernen. Es geht darum, Mehrsprachigkeit als Stärke zu erkennen. Wer mehrere Sprachen beherrscht, erweitert nicht nur seine Bildungschancen, sondern bereichert auch unsere Gesellschaft.“ Der muttersprachliche Unterricht fördert seit über 50 Jahren gezielt die sprachliche Vielfalt in Tirol und ermöglicht den SchülerInnen, neben der Schulsprache Deutsch auch ihre Muttersprache weiterzuentwickeln. Dieses Angebot nehmen in Tirols Schulen aktuell rund 2.500 SchülerInnen in insgesamt 19 Sprachen in Anspruch.
Anerkannte Europäische Schule Tirol als Vorzeigemodell
Wie gelebte Mehrsprachigkeit im Schulalltag aussehen kann, zeigt vor allem die Anerkannte Europäische Schule (AES) Tirol. Dort wird seit Herbst 2023 erstmals in Österreich im Sinne eines multikulturellen und mehrsprachigen Unterrichts großer Wert auf das Erlernen, Verstehen und aktive Verwenden von Fremdsprachen gelegt. Insgesamt rund 550 SchülerInnen besuchen derzeit die AES Tirol. Für das nächste Schuljahr 2026/2027 sind bereits rund 800 SchülerInnen an den drei Standorten der Volksschulen Saggen und Altwilten sowie am Akademischen Gymnasium Innsbruck gemeldet. Bereits im ersten Volksschuljahr steht neben der jeweiligen Arbeitssprache – Deutsch, Englisch oder Italienisch – auch eine erste Fremdsprache im Mittelpunkt. Fächer wie Religion und Ethik, Kunst oder Musik werden beispielsweise auch bilingual unterrichtet.
„Die AES Tirol zeigt eindrucksvoll, wie sprachliche Vielfalt, kultureller Austausch und spielerisches Lernen Hand in Hand gehen können. Sprachen fördern analytisches Denken, kulturelles Bewusstsein und Dialogfähigkeit. Natürlich braucht es auch in den Schulen eine Auseinandersetzung mit aktuellen Themen wie digitale Medien und Künstliche Intelligenz – das Erlernen von Sprachen ist und bleibt jedoch ein Grundpfeiler unseres Bildungssystems. Wer Sprachen lernt, erweitert den Horizont, das Verständnis für andere Kulturen und stärkt die Fähigkeit des Perspektivenwechsels“, erklärt LRin Hagele.
Weitere Informationen zur AES Tirol finden sich unter www.aes-tirol.eu.
Internationale Konferenz zu Mehrsprachigkeit
Auch auf wissenschaftlicher Ebene setzt man sich mit Mehrsprachigkeit in Tirol auseinander. Am 26. und 27. Februar findet dazu eine internationale Tagung an der Universität Innsbruck statt. Insgesamt nehmen rund 70 ForscherInnen und Lehrpersonen aus zehn Ländern teil – darunter Frankreich, Litauen, Nordmazedonien, die Türkei und die Ukraine. Laut dem interdisziplinären Organisationsteam der Institute für Fachdidaktik, Slawistik und Germanistik ist das Ziel der Konferenz, Sprachwissenschaft, Didaktik und Bildungsforschung mit der schulischen Praxis zu verknüpfen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie reflexives Denken – also die Fähigkeit, Informationen zu hinterfragen, Argumente zu bewerten und sich in komplexen, oft widersprüchlichen Informationswelten zu orientieren – Mehrsprachigkeit und interkulturelles Lernen im Unterricht gezielt gefördert werden kann.
Die Tagung ist kostenlos – das Programm und die Online-Registrierung finden sich hier.