Überraschungsfund in den USA: Gedichte von Leokadia Justman

„Menschheit erwache!“ – 15 bislang unbekannte Gedichte von Leokadia Justman ab sofort im Landhaus (Festsaal) zu sehen

  • LH Mattle lud zur Präsentation der Gedichte am Internationalen Holocaust-Gedenktag
  • Neue Einblicke in die Graphic Novel: Ausstellung im Landhaus erweitert
  • Programm und weitere Veranstaltungen zu „Tirol erinnert“ unter tirol.gv.at/erinnern
  • Nächste Veranstaltung am 9. Februar zu „Frauen im Widerstand“ sowie Kuratorenführung am 18. Februar

„Menschheit erwache und schau’ auf die Berge“ – diese Zeilen formulierte Leokadia Justman in einem ihrer Gedichte, das sie gegen Kriegsende in St. Martin bei Lofer (Salzburg) verfasst hatte. Die große Besonderheit daran: Gemeinsam mit 14 weiteren lyrischen Texten wurde das Gedicht kürzlich in Archiven in New York und Washington D.C. entdeckt. Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags wurden die Gedichte gestern, Dienstag, erstmals im Landhaus präsentiert – und neue Elemente der Ausstellung „Brechen wir aus!“ vorgestellt.

„Dass Leokadias Gedichte heute zu hören sind, ist ein Akt der Gerechtigkeit. Sie sind Zeugnis menschlicher Würde im Angesicht des Unvorstellbaren“, betonte Kulturreferent LH Anton Mattle bei der Gedenkveranstaltung im Festsaal. „Die Gedichte verleihen ihrer Trauer und ihrem Leid Ausdruck. Zugleich richtet Leokadia den Blick voller Optimismus in die Zukunft – und glaubt an das Gute im Menschen.“ Zu den Ehrengästen im Landhaus zählte auch Zenon Kosiniak-Kamysz, der polnische Botschafter in Österreich.

Gedichte auf Deutsch entstanden auch während der Haft in Innsbruck

Die außergewöhnliche Entdeckung gelang Nikolaus Hagen (Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck) und Niko Hofinger (Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck): In Archiven in New York und Washington D.C. fanden sie im Zuge ihrer Recherche die 15 bislang unbekannten Gedichte von Leokadia Justman. Diese hatte die junge Polin 1944 unter anderem auch während ihrer Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis verfasst. Die Texte, ursprünglich für eine Publikation 1946 vorgesehen, wurden jedoch nie gedruckt. Das Besondere daran: All diese Gedichte hat Leokadia Justman auf Deutsch geschrieben. 

„Die meisten Gedichte entstanden in Trauer um die ermordeten Eltern und aus Angst um das eigene Leben. Leokadias verzweifelte Lage zeigt sich auch im Titel der Gedichtsammlung: ‚Mit Blut und Leid‘. Die letzten, um das Kriegsende verfassten Texte sind aber bereits von Zuversicht geprägt. Denn Leokadia traut den Menschen zu, aus dem Albtraum des Zweiten Weltkriegs zu erwachen und ein friedliches Europa zu begründen“, fassen die Ausstellungskuratoren Niko Hofinger und Dominik Markl den Kern der Gedichte zusammen.

Ausstellung wächst weiter – analog, digital und künstlerisch

Mit dem Holocaust-Gedenktag wurde auch die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“ erweitert. Neu zu sehen ist eine Installation der Gedichte, die ab sofort den historischen Festsaal im Landhaus rahmt. Jeden Freitag haben Interessierte von 12 bis 17 Uhr die Möglichkeit, die neu entdeckten Texte zu besichtigen. Eine Audiofassung, eingesprochen von Schauspielerin Jasmin Mairhofer, wird künftig über www.tirol.gv.at/erinnern bzw. die Website www.brechen-wir-aus.at/menschheit-erwache/ zu hören sein. Weitere digitale „Begleiter“ der Ausstellung – die 28 biografischen Steckbriefe, ein digitaler Stadtplan und eine Rekonstruktion des Polizeigefängnisses – werden ebenfalls auf der Seite zu sehen sein.

Außerdem zieren ab sofort zwölf Seiten aus der Graphic Novel „Lodzia & Marysia“ von Alwin Hecher die Ausstellungsräume. In seinem Comicroman hat der junge Tiroler Illustrator die zentralen Fluchtszenen von Leokadia künstlerisch interpretiert. „Alwin Hecher hat eine eigene Bildsprache entwickelt, um die Gräuel des Holocaust zu verbildlichen. Diese Form der Vermittlung soll vor allem Jugendliche ansprechen. So wird Erinnerung lebendig – und wirksam“, betont LH Mattle (mehr dazu in der Pressemeldung vom 11. April 2025). 

Nächste Programmpunkte: „Frauen im Widerstand“ und Führung

Bei der Veranstaltung „Frauen im Widerstand – Kampf um Anerkennung“ steht am 9. Februar (19 Uhr, Festsaal Landhaus) eine außergewöhnliche Persönlichkeit im Mittelpunkt: Irena Bokiewicz, bekannt als Pflegemutter des legendären Soldatenbären Wojtek. Anmeldungen sind bis 6. Februar unter www.tirol.gv.at/FrauenimWiderstand möglich. Und nach dem erfolgreichen Auftakt im Jänner bietet Kurator Niko Hofinger am 18. Februar wieder exklusive Einblicke in die Ausstellung. Zum Thema „Brechen wir aus!“ beleuchtet Hofinger die Stationen von Leokadia Justman in Innsbruck – und gibt Tätern und HelferInnen ein Gesicht. Treffpunkt für die Führung ist um 17 Uhr im Foyer des Landhauses, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“

Die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ ergänzt als Sonderpräsentation die Rahmenausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ und ist von Montag bis Freitag (9 bis 17 Uhr) im Landhaus 1 zu sehen. Die selbstverfassten Gedichte von Leokadia Justman können jeweils freitags (12 bis 17 Uhr) ebenfalls im Landhaus 1 (Festsaal) besichtigt werden (Ausnahmen: 20. Februar, 6. März, 10. April, 19. Juni, 26. Juni, 18. September, 13. November, 20. November 2026). Das Projekt ist eine Kooperation des Landes Tirol mit der Universität Innsbruck und dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, der Pädagogischen Hochschule Tirol, dem Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, dem Programm ERINNERN:AT des OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) zum Lehren und Lernen über Nationalsozialismus und Holocaust sowie dem Verein Wissenschaft und Verantwortlichkeit. Alle Veranstaltungen zum Thema „Tirol erinnert“ sind unter tirol.gv.at/erinnern zu finden – dort steht auch der virtuelle 360°-Rundgang der Ausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus“ zur Verfügung.