Lawinenexperte Patrick Nairz
„ins Land einihören“ | Staffel 1, Folge 1
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung
Dénes Szechenyi (Moderator):
"ins Land eini hören" – der Podcast des Landes Tirol, heute moderiert von Dénes Szechenyi. Lawinen sind in Tirol eine der größten Naturgefahren im Winter. Bereits 1960 gründete die Tiroler Landesregierung den Lawinenwarndienst des Landes Tirol. Patrick Nairz, der heutige Leiter, macht seit 1999 gemeinsam mit dem damaligen Leiter Rudi Mair den Lawinenwarndienst des Landes Tirol zu dem, was er heute ist: ein internationales Vorzeigeprojekt. In den vergangenen 20 Jahren sterben jedes Jahr im Schnitt elf Personen unter Lawinen. Der Warndienst ist somit nicht nur unverzichtbar für den Katastrophenschutz geworden, sondern auch für den Winter- und Freizeittourismus.
Herzlich willkommen, Patrick Nairz. Schön, dass Sie da sind.
Patrick Nairz:
Ja, herzlichen Dank für die Einladung!
Die Person Patrick Nairz: Kindheit und Berufswunsch
Szechenyi:
Sie sind 1970 in Innsbruck geboren, haben Wildbach- und Lawinenverbauung in Wien und in Vancouver in Kanada studiert und sind nun seit 25 Jahren beim Lawinenwarndienst des Landes Tirol. Sie haben schon mit 16 Jahren gewusst, dass Sie den Schnee lesen lernen wollen. Wie kommt ein 16-Jähriger auf so einen Berufswunsch?
Nairz:
Ja, bei mir hat es sicher mit der Kindheit zu tun. Meine Eltern und auch mein Großvater haben uns schon sehr früh in die Berge geführt. Mit sieben Jahren habe ich angefangen, Skitouren zu gehen. Bei uns war es Standard, dass wir immer Skitouren gegangen sind, haben eine Skikurs gemacht und aber ansonsten sind wir immer auf Skitouren unterwegs gewesen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der das Naturverständnis ein wichtiges war. So bin ich im Laufe der Zeit immer mehr in dieses Thema hineingewachsen, habe mich immer mehr dafür interessiert. Besonders in meiner Jugend: Während andere meine Kollegen vielleicht Karl May Bücher lasen, habe ich damals schon Lawinenbücher verschlungen – alles, was irgendwie mit Schnee und Lawinen zu tun hatte, hat mich brennend interessiert. Im Hochsommer habe ich Unfallberichte gelesen und bin dann irgendwann zum Kurs gekommen, mit 16 Jahren, der damals von der Volkshochschule angeboten wurde. Der damalige Chef der Wildbach- und Lawinenverbauung, Hofrat Josef Hopf, mit dem habe ich geredet. Er sagte mir: „Wenn du Lawinenexperte werden willst, studiere das Gleiche wie ich.“ Ich habe das dann so gemacht, und am Ende habe ich das erreicht.
Szechenyi:
Das heißt, als Jugendlicher nicht "Liftln" gewesen wie die meisten, sondern wirklich den Berg hinauf?
Nairz:
Ja genau, das war eigentlich bei uns Standard – ich habe eigentlich nie mit Wehmut zu den Liften geschaut, sondern immer gerne selbst gegangen und auch gut ausgerüstet gewesen. Es hat uns immer super gepasst.
Der Schneebegriff für den Lawinenwarndienst
Szechenyi:
Es gibt ja die Legende, dass die Inuit über 100 Wörter für Schnee haben.
Nairz:
Nicht ganz. Es gibt keine einheitliche Inuit-Sprache, und in den einzelnen Sprachen ist die Anzahl der Wörter viel viel geringer.
Szechenyi:
Aber trotzdem die Frage auch an Sie: Wie viele Begriffe für Schnee haben Sie?
Nairz:
Na ja, viele Begrifflichkeiten wo Schnee vorkommt. Schnee ist die Materie, mit der wir zu tun haben. Für uns ist Schnee einfach die Basis: der Schneeaufbau und das Wissen über Schneedecken. Da fängt man einmal an mit den ganzen Formen: Neuschnee, filziger Schnee, rundkörniger Schnee, die ganzen Kristallformen... Schnee kann hart sein, weich sein, er kann kalt sein. Wir sprechen über Triebschnee, Nassschnee und die ganzen Lawinenprobleme. Schnee kann verschmutzt sein durch Saharastaub zum Beispiel
Szechenyi:
Aber wir merken schon, es ist fast überall das Wort Schnee drinnen.
Nairz:
Ja, sonst fällt mir spontan vielleicht noch Matsch ein. Aber statt dem Wort Schnee verwende ich eigentlich nicht viele andere Begrifflichkeiten.
Szechenyi:
Ja und es sind ja auch diese zusammengesetzten Wörter, das "davor" beschreibt meistens den Zustand. Wie Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee oder Gleitschnee.
Nairz:
Überall kommt Schnee vor, aber eigentlich eine ganz andere Form von Schnee. Diese Begriffe helfen uns, die verschiedenen Wenn man dazu noch das Wort Problem hängt, dann kann man die Gefahrensituationen auf den Bergen im Winter europaweit beschreiben.
Europaweit einheitliche Vorgehensweise zur Einschätzung der Lawinengefahr
Szechenyi:
Europaweit - das ist auch ein Meilenstein Ihrer Arbeit. Die Vereinheitlichung auf europäischer Ebene.
Nairz:
Ja, daran war ich eigentlich wesentlich beteiligt. Von 2009 bis 2013 habe ich die AG Europäische Lawinenwarndienste geführt. Und damals war das schon Thema. 2015 waren wir dann so weit, diese fünf Lawinenprobleme europaweit einzuführen. Und es ist spannend, das mitzuverfolgen. Schlussendlich hat man sehr gute Icons dafür entwickelt. Aber wie lange eigentlich dieser Prozess dahinter war. Gewisse Warndienste waren schon ähnlich und hatte schon Icons. Und im Zuge von mehreren Treffen hat man sich auf diese Probleme geeinigt.
Jetzt verwenden auch Lawinenwarndienste in den USA teilweise diesen Standard …
Szechenyi:
Was natürlich eine tolle Sache ist.
Nairz:
Und auch toll ist, mit den Problemen kann man viel besser nach außen kommunizieren und den Leuten entsprechend Verhaltensrichtlinien mitgeben als nur mit der Gefahrenstufe.
Szechenyi:
Weil jeder Problemschnee seine eigenen Tücken hat.
Nairz:
Ganz genau, ja. Für uns ist es ganz wichtig, dass wir diese Verhaltensweisen mitgeben. Beim Triebschnee zum Beispiel ist es wichtig, im Gelände zu erkennen, ob Schnee verfrachtet wurde und wenn dieser dann abgelagert ist in steilen Hängen, dann heißt es, diese Steilen mit Triebschnee gefüllten Hänge zurzeit einfach meiden.
Szechenyi:
Da ist der Wind der Baumeister der Lawinen, wie ich auch schon von vielen Jahren gehört habe. Wir sind aber bei den Lawinenproblemen.
Die fünfteilige Gefahrenskala
Szechenyi:
Sie kommunizieren aber in Ihrem täglichen Lawinenbericht die Gefahrenstufen. Das sind 1 bis 5. Kennt man. Gefahrenstufe 3,4, 5 - die höchste überhaupt. Da hat es einmal eine Diskussion gegeben, ob das sinnvoll ist oder ob man die nicht umbenennen sollte. Weil zum Beispiel die Warnstufe 3 zu harmlos ist. In der Ausdrucksweise. Diese Diskussionen haben sich gelegt und es ist jetzt auch das Wording in Europa einheitlich geregelt.
Nairz:
Absolut. So ist es. Seit 1993 ist eigentlich dieser Meilenstein gesetzt worden mit der fünfteiligen europäischen Gefahrenskala. Zuvor hatte man in Europa 6,7,8-teilige Skalen mit unterschiedlichen Bedeutungen und 1993 hat man sich dann geeinigt. Das ist das Beste, das wir haben. Und ja, wir kommunizieren ganz am Anfang mit der Gefahrenstufe. Wenn man unsere Seite lawinen.report aufmacht, dann sieht man am Anfang die Gefahrenstufenkarte. Das ist ein grober Hinweis darauf, wo es günstiger oder gefährlicher ist. Unser Ziel ist es aber, dass man auf keinen Fall nur aufgrund der Gefahrenstufe die Entscheidungen im Gelände trifft, sondern sich wirklich vermehrt auf die Lawinenprobleme und das ganze Beiwerk, das wir haben mit dem Text und so, dass man das mehr beachtet.
Szechenyi:
Also tiefer in den Blog einsteigen und nicht nur die erste Grafik anschauen. Sondern wirklich schauen, wie schaut es mit dem Schnee aus. Wie schaut das Wetter aus.
Nairz: Absolut, genau.
Der Arbeitsalltag beim Lawinenwarndienst
Szechenyi:
Wie muss ich mir Ihren Arbeitstag vorstellen? Sie machen seit dem 6. Dezember jeden Tag um 17 Uhr eine Lawinenwarnung für die gesamte Euregio, als Trentino, Südtirol und Nordtirol. Und das auch täglich. Wie oft sind Sie dann mit Ihren Tourenski im Dienst unterwegs?
Nairz:
Ja, ich muss ein bisschen relativieren. Ich habe ein ganz starkes Team im Hintergrund. Wir sind vier Prognostiker und wir haben immer einen Haupt- und Beidienst und wechseln uns entsprechend ab. Das heißt, jeder von uns kommt alle zwei Wochen dran mit einem Dienst. Prinzipiell bei mir persönlich ist es so, dass ich ein Frühaufsteher bin. Früher, wo wir den Lagebericht um 7.30 veröffentlicht haben, das hat sich beibehalten. Insofern auch wichtig und auch bei den anderen Prognostikern ist es so, dass wir schon zeitig in der Früh bereit sind. Weil wir die Aufgabe haben, die Vorhersage vom Vortag um 17 Uhr zu verifizieren. Hat sich etwas geändert? Müssen wir ein Update fahren? Das wäre dann um 8 Uhr. Oder wenn es die Situation erfordert können wir das jederzeit machen. Aber ja wir sind frühzeitig im Büro und online und verfolgen die Situation und können dann entsprechend handeln. Sonst der Tagesablauf ist natürlich als Lawinenwarner sehr flexibel. Es gibt nicht eine ganz klare Struktur, dass wir um Punkt 7.45 Uhr im Büro sind um 16 Uhr rausgehen. Das gibt es einfach nicht. Wir müssen höchst flexibel sein, sind natürlich auch viel im Gelände unterwegs und versuchen, dass wir zumindest zwei Tage pro Woche im Gelände sind. Oft ist es auch mehr. Am Montag schauen wir, dass wir einfach die Teammeetings machen. Aber auch das kann plötzlich ganz anders sein, wenn es am Wochenende irgendeine schwierige Situation oder Unfälle passiert sind. Wir dann mit der Alpinpolizei Erhebungen machen. Also es gibt sehr viel zu tun. Es ist sehr umfassend, höchst interessant und es wird nie langweilig.
Szechenyi :
Was ist es in erster Linie? Mathematik?
Nairz:
Es ist eher Physik. Natürlich sind es die ganzen physikalischen Prozesse im Hintergrund. Wie wirkt sich das Wetter auf die Schneedecke aus? Es geht um Energiebilanzen. Wir werden inzwischen teilweise auch schon durch Modelle unterstützt. Das Schneedeckenmodell ist zum Beispiel so ein Thema. Und die helfen uns, ein Bild von der Schneedecke in Gebieten zu zeichnen, wo wir aktuell wenig Information haben. Aber das Wichtigste ist immer noch, um mit gutem Gefühl zu warnen, viel unterwegs zu sein. Und man muss auch betonen, wir haben ein ganz tolles Messnetz an Beobachtern.
Szechenyi:
Genau, das wollte ich gerade sagen.
Nairz:
50 Leute sind über Tirol verteilt. Und wir beziehen immer mehr auf die Gesamtheit an interessierten Wintersportlern in unsere Einschätzung mit ein. Wir haben Rückmeldetools entwickelt, letztes Jahr SNOBS zum Beispiel, das steht fürSnow Observation. Das ist dann eine Community, hier werden strukturierte Informationen ausgetauscht. Diese Informationen können wir auch sehr gut filtern. Über Datenbanken können wir darstellen lassen, wo wir viele Meldungen haben. Zum Beispiel Oberflächenreif, eine schwache Schneedecke. Und das können wir dann über Karten darstellen. Das schärft unser Bild und so wird unser Produkt eigentlich immer besser.
Szechenyi:
Das heißt im Büro stehen die Tourenski und der Lawinenrucksack?
Nairz:
Ja, so kann man das fast sagen. Wir haben ein eigenes Ski-Kämmerchen. Aber früher war es tatsächlich so, da hatten wir noch den Spint im Büro, wo die Ausrüstung getrocknet wurde.
Szechenyi:
Wenn wir jetzt nochmal zu ihrer täglichen Arbeit kommen. Sie sind im Büro und entscheiden im Team oder zumindest in Rücksprache, Warnstufe 3 oder Warnstufe 4. Wie muss man sich so eine Ergebnissuche vorstellen?
Nairz:
Es ist so, dass wir innerhalb der europäischen Lawinenwarndienste versucht haben, ein möglichst objektives Instrument zur Verfügung zu haben, sodass jeder Lawinenwarner in Europa ähnlich entscheidet. Und - vielleicht auch noch zurückgehend auf die Euregio - da ist es so, dass wir für Tirol den Bericht erstellen, aber in engem Austausch mit den Südtiroler Kollegen sind und die Südtiroler Kollegen mit den Trenitner Kollegen. Das heißt, wir machen uns anhand der ganzen Wetterdaten und Schneedeckendaten ein Bild und haben eine eigene Matrix, nennt sich die europäische Matrix EAWS-Matrix, fürEuropean Avalanche Warning Service. Und da ist in Abhängigkeit von der Schneedeckenstabilität, von der räumlichen Verteilung der Gefahrenstellen und von der Lawinengröße für die jeweils ausgegeben Regionen ein Bild, wie die Verteilung ist. Schlussendlich geht es um Wahrscheinlichkeiten. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich in bestimmten Höhenlagen, in bestimmten Hangausrichtungen ein Problem habe. Das kommunizieren wir dann schlussendlich mit der Gefahrenstufe. Das heißt mit dieser Matrix kommen wir dann auf bestimmte Felder und die geben wir so an: Bei dieser Kombination kommt man zu Gefahrenstufe 2 oder 3.
Szechenyi:
Und das wir dann auch nicht mehr groß diskutiert.
Nairz:
Das wir fixiert bei uns im System. Wir sagen: Wir haben uns darauf festgelegt, das ist entsprechend nachvollziehbar und sehr transparent.
Szechenyi:
Mit 16 haben Sie gesagt, Sie wollen den Schnee lesen lernen. Das ist jetzt 25 Jahre her oder sogar noch länger. Sie sind 25 Jahre im Geschäft, so quasi. Sie haben tausende Profile in den Berg gegraben und den Schnee studiert. Verstehen Sie jetzt den Schnee, die Sprach des Schnees?
Nairz:
Das ist eine gute Frage. Das wird man wohl nie 100 Prozent verstehen können. Aber was schon ist, im Laufe der Zeit hat man natürlich mehr und mehr Erfahrung. Das bringt der Job mit sich. Man ist praktisch bei allen tödlichen Lawinenunfällen in Tirol seit 25 Jahren vor Ort gewesen und auch sonst bei vielen Ereignissen. Das prägt sich gut ein. Das heißt, inzwischen habe ich auch so ein musterhaftes Denken, wenn ich im Gelände unterwegs bin. Dass dann jede Menge verschieden Sachen aus der Vergangenheit auftauche. Ich fühle mich also viel wohler und sicherer mit meinen Entscheidungen als in der Anfangszeit. Aber der Schnee und die Natur als solches sind immer für Überraschungen gut und es gibt natürlich auch Situationen, wenn Lawinenereignisse sind alle paar Jahre, wo man sich denkt: Hoppala, das hätte mir auch passieren können. Oder mit dem habe ich überhaupt nicht gerechnet. Aber in Summe muss man sagen, in den allermeisten Fällen überraschen uns Lawinenabgänge in bestimmten Höhen- und Hangbereichen eigentlich nicht. Weil unser Bild gut passt.
Szechenyi: Was war denn in den letzten 25 Jahren ein prägendes Erlebnis, wo Sie sagen: Boah, da habe ich einiges dazugelernt?
Nairz:
Oh. Ich würde sagen, ganz schnell poppt auf eine Situation Mitte März 2017. Ein Lawinenunglück am Jochgrubenkopf. Wo ein Bergführer mit seinen Teilnehmern in der Abfahrt eine Lawine ausgelöst hat. Es sind mehrere Leute ums Leben gekommen. Da habe ich sehr viel gelernt für die Öffentlichkeitsarbeit. Weil wir relativ direkt unsere Meinung gesagt haben damals. Bzw. ich gesagt habe ...
Szechenyi:
Europaweit. Also auch in europäischen Medien, denn das ist groß aufgeschlagen.
Nairz:
Absolut, ja. In diesem Fall war es eine Schweizer Gruppe und das ist über die Schweizer Medien gelaufen. Schlussendlich kann man aus solchen Erlebnissen, wo man damals massiv angegriffen wurde, viel mitnehmen. Inzwischen sehe ich das auch schon wieder als ein Ereignis, wo man viel dazulernen konnte. Wir sind dazu da, dass wir einfach sachlich solche Unfälle analysieren und auch nicht wertend oder urteilend danach sind. Sondern einfach, wie es auch die Alpinpolizei macht, dass wir das einfach ganz klar und deutlich, sachlich kommunizieren. Alles andere, wer, was wie gemacht hätte oder sich gedacht hat, ob das gut oder schlecht war. Das ist nicht unsere Aufgabe.
Szechenyi:
Also die Fakten einfach auf den Tisch legen?
Nairz:
Genau. Da gibt es Sachverständige, es gibt die Juristerei.
Szechenyi:
Und die Nachvollziehbarkeit einfach auch gewährleisten.
Veränderungen durch den Klimawandel
Szechenyi:
Der letzte Winter in Tirol. In den Tälern war es der wärmste seit Aufzeichnungsbeginn. Seit hunderten Jahren. Und in den Bergen der zweitwärmste. Der langjährige Trend zeigt, die Winter in Tirol werden wärmer und feuchter. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Nairz:
Es bedeutet eine Verschiebung von Lawinenproblemen. Die physikalischen Grundalgen bleiben ja gleich. Aber, und das muss ich auch sagen, diese 25 Jahre, die ich hier hauptberuflich im Geschäft bin, habe mir auch gezeigt, es gibt gewisse Entwicklungen, die sind nicht nur mehr ganz zufällig, sondern es wird tatsächlich immer wärmer. Die langen Kälteperioden, die wir vor 25 Jahren noch regelmäßig jeden Winter mal hatten, die gibt es in dieser Form eigentlich nicht mehr so ausgeprägt.
Szechenyi:
So wie Minus 20 Grad im Jänner?
Nairz:
Ganz genau. Oder, dass wir einen Februar hatten letzten Winter, der 5,7 Grad über dem Durchschnitt war. Das ist einfach super außergewöhnlich. Und da müssen wir als Prognostiker einfach auch umdenken. Früher hat es geheißen, ja, die klassischen Frühjahrssituationen, die tauschen irgendwann Anfang März bis Mitte März auf. jetzt muss man teilweise schon zwei Wochen früher mit sowas rechnen. Die Schneedecke ist durchnässt oder durchfeuchtet. Auch Regenereignisse im Hochwinter, das war früher sehr selten und wir immer häufiger. Das heißt, wir sehen bis weit hinauf den Einfluss des Regens in der Schneedecke in Form von Krustenbildungen. Das kann dann wieder nachfolgend dazu führen, dass sich im Nahbereich dieser Krusten, meistens unterhalb massiv Schwachschichten bilden. Das wird dann teilweise komplexer, oder wir haben vermehrt Gleitschneeprobleme. Anfang der Saison, Mitte September dieses erste Lawinenopfer im Karwendel. Das war eine Gleitschneelawine. Das hat einfach mit dem warmen Boden zu tun. Die Schneedecke am Boden muss feucht, nass sein und je mehr Wärmeeintrag über den Sommer im Boden ist bzw. je mehr Feuchtigkeitseintrag während des Winters, desto eher habe ich das Problem, dass es an der Basis nass ist. Dann ist die Reibung geringer und die Wahrscheinlichkeit von Gleitschneelawinen größer.
Szechenyi:
Eben, das ist das, was ich noch in Erinnerung habe. In den letzten Jahrzehnten war einfach der Triebschnee mit dem Wind und dem Baumeister der Lawinen das Thema schlechthin. Das Gleitschnee ist erst am Schluss gekommen, wenn es getaut hat und nass war. Das Problem dabei ist: Die Triebschneelawinen die sieht man. Da weiß man: Wenn ich da reinfahre, dann ist die Wahrscheinlichkeit doch recht groß, dass ich eine Lawine auslöse. Beim Gleitschnee, der in den letzten Jahren ja auch massiv aufgetreten ist, da kann man gar nichts machen, die kommen einfach.
Nairz:
Ja, das ist die Eigenheit der Gleitschneelawinen. Man kann sie nicht durch Zusatzbelastung auslösen. Schneebrettlawinen muss man aber nach wie vor sagen, sind nach wie vor jene, wo am allermeisten Personen ums Leben gekommen. Aber in den letzten Jahren eben auch vermehrt in Gleitschneelawinen. Das ist das Besondere. Ein Hinweis vielleicht: Wenn sich Risse in der Schneedecke auftun [Szechenyi spricht unverständlich dazwischen] dann weiß man, dass die Schneedecke am Gleiten ist. Wir raten, entsprechend Abstand zu halten und sich nicht unterhalb solcher Risse aufzuhalten.
Privatleben und Hobbies
Szechenyi:
Gehen Sie nach diesen beruflichen Erfahrungen weiterhin gerne privat Skitouren?
Nairz:
Prinzipiell bin ich ein Mensch der extrem gerne und viel unterwegs ist. Allerdings habe ich auch eine Frau. Sie ist sehr verständnisvoll, geht aber selbst nicht Skitour. Das heißt, ich versuche am Wochenende oder wenn ich frei habe, mit ihr Skifahren zu gehen oder Rodeln oder mit den Schneeschuhen. Aber, das ist einfach ein Spleen, dass ich viel neben der Piste dann schaue und in die Schneedecke schaue. Sie macht dann inzwischen eine Runde.
Szechenyi:
Der Papa buddelt im Schnee.
Nairz:
So ungefähr.
Szechenyi:
Was macht ein Patrick Nairz im Sommer?
Nairz:
Oh. Bei uns ist es so, dass am Ende der Saison, also Anfang Mai, fangen wir an uns über den letzten Winter Gedanken zu machen. WAs hat es für Ideen gegeben? Wie kann man besser werden? Wie können wir uns weiterentwickeln. Also im Mai ist es so, dass wir den Jahresbericht, den wir im Herbst mit den anderen österreichischen Lawinenwarndiensten veröffentlichen, fertig schreiben. Es sind Tagungen, teilweise auch noch im Juni. Österreichweit und europaweit. Da koordinieren wir uns und machen den Plan für das nächste Jahr. Teilweise vielleicht auch schon gewissen Projekte initiiert. Ab Juni herum sind wir dann wirklich für zwei bis drei Monate nicht im Büro. Wir haben das noch zusätzlich zum Urlaub.
Szechenyi:
Da im Winter so viel gearbeitet.
Nairz:
Weil so viel gearbeitet wird, genau ja. Diesen Zeitausgleich nehmen wir dann und ab September sind wir normalerweise wieder Gewehr bei Fuß. Und es geht schon wieder los.
Szechenyi:
Aber der Sommerurlaub geht nicht immer in den hohen Norden, in den Schnee?
Nairz:
Nein. Bei mir tatsächlich nicht. Ich liebe das Meer und bin viel mit meiner Frau in Griechenland und in südlichen Gefilden. Sehr einsam mit wenig Leuten, am allerliebsten ganz allein. Das genieße ich sehr.
Szechenyi:
Patrick Nairz, herzlichen Dank für das Gespräch. Danke fürs Kommen.
Nairz:
Danke auch.
Szechenyi:
Das war der erste Podcast des Landes Tirol mit dem Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol Patrick Nairz. Mit 7 Jahren bekommt er seine erste Tourenausrüstung und begleitet fortan seine Eltern mit großer Freude in die Berge. Während andere Jugendliche Karl May lesen verschlingt er Bücher über Schnee und Lawinen. Seit 25 Jahren ist er nun beim Lawinenwarndienst des Landes und hat mitgearbeitet dieses System europaweit zu standardisieren. Und den Sommer verbringt er gerne im warmen Griechenland.
Ins Land einihören, den Podcast des Landes Tirol, gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen, auf YouTube und auf tirol.gv.at/podcast.
Vielen Dank fürs Zuhören. Vielen Dank fürs Zusehen. Bis zum nächsten Mal sagt Dénes Szechenyi.