Margit Führer | Vorständin der Abteilung Pflege des Landes Tirol
„ins Land einihören“ | Folge 2
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung
Dénes Széchényi (Moderator):
„ins Land einihören“ – der Podcast des Landes Tirol. Heute moderiert von Dénes Széchényi. Statistisch gesehen leben die Tirolerinnen und Tiroler länger als die Bewohner aller anderen österreichischen Bundesländer. Die Lebenserwartung der Tirolerinnen liegt bei über 85 Jahren, die der Tiroler bei fast 81. Damit kommt jeder früher oder später mit dem Thema Pflege in Berührung. Das Land Tirol nimmt dafür im kommenden Jahr fast eine halbe Milliarde Euro in die Hand, um jedem Tiroler und jeder Tirolerin die Pflege anbieten zu können, die gebraucht wird. Schon jetzt werden rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Tirol im häuslichen Umfeld betreut. Die Herausforderungen in den kommenden Jahren sind groß, die geburtenstärkste Generation, die Baby Bommer, gehen in Pension und das betrifft auch viele Menschen, die heute noch in der Pflege arbeiten.
Herzlich willkommen Margit Führer, Sie sind Vorständin der Abteilung Pflege im Land Tirol und Sie haben die Pflege eigentlich von der Pike auf gelernt. Schon als Schülerin haben Sie sich entschieden, in die Pflege zu gehen. So früh?
Margit Führer:
Auch einmal ein herzliches Willkommen von mir. Ja, schon ein bisschen früher eigentlich. Schon im Kindergarten habe ich gewusst, ich möchte in die Pflege gehen. Durch Besuche im Krankenhaus bei Angehörigen, bei meiner Mama hat mir das Team, die Atmosphäre dort gefallen. Dann habe ich einen Arztkoffer bekommen und immer, wenn ich gefragt wurde, was ich werden will war mir klar, ich möchte Krankenschwester werden. Und das hat sich durchgezogen bis ich in der Zeitung 1983 die erste Herztransplantation gehört habe und habe alles darüber gelesen und dann wusste ich, wenn ich das Alter erreicht habe, dann möchte ich nach Innsbruck an die Universitätsklinik und dort die Pflegeausbildung machen.
Széchényi:
Das haben Sie dann auch gemacht.
Führer:
Ja, das habe ich dann auch gemacht.
Berufswunsch und Mitarbeit im Team von Starchirurgen Raimund Margreiter
Széchényi:
Dazu kommen wir noch. Es ist sehr früh gewesen, haben Sie schon als Jugendliche ans alt werden gedacht?
Führer:
In diesem Alter habe ich nicht ans alt werden gedacht, aber ich war natürlich mit dem Alter konfrontiert. Bei uns hat der Großvater im Haus gelebt, eine ältere Dame in der Nachbarschaft, da bin ich immer einkaufen gegangen. Und auch diese Kommunikation mit den älteren Menschen hat mir immer sehr viel Spaß gemacht und mir viel mitgegeben als jungen Menschen.
Széchényi:
Sie haben dann die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht an der Klinik in Innsbruck und waren zum Teil auch im Team vom Starchirurgen Raimund Margreiter. Dort haben Sie gearbeitet, haben eine Zusatzausbildung als Intensivpflegerin gemacht und so weiter. Wie war das damals mit dem Starchirurgen?
Führer:
Es war eine tolle und interessante, herausfordernde Zeit. Im Team in der Pflege von Prof. Margreiter zu arbeiten war wie gesagt herausfordernd. Er hat sehr viel von uns verlangt, weil er als Arzt gewusst hat, der ganze Erfolg ist nur so viel, wie auch die Pflege in der Krankenbeobachtung auch mitteilt. Die Pflege ist 12 Stunden oder je nach Schicht beim Patienten beim Bewohner. Und nimmt wesentlich mehr war, als man im Rahmen einer Visite oder einem kürzen oder mal längeren Gespräch als Arzt wahrnimmt.
Széchényi:
Der Professor Margreiter hat Ihren – den hatten Sie ja auch nie, soweit ich weiß – Wunsch, Ärztin zu werden nicht ganz unterstützt und Sie wollten auch nicht. Aber er hat Sie in eine andere Richtung gelenkt, nämlich in die Lehre.
Führer:
Ja genau. Im Rahmen von Vortragstätigkeiten bei einem Kongress, wo ich den Anteil der Pflege beim Gelingen einer Transplantation darstellen durfte, bin ich auf den Geschmack gekommen. Das Vortragen bereitet mir sehr viel Freude und auch die Erfahrungen, die ich aus 30 Jahren Berufserfahrung, davon zehn Jahre in der Praxis, die ich dann in die Lehre transportieren wollte und neuen KollegInnen mein Wissen aus Praxis und Theorie vermitteln wollte.
Herausforderungen und Zukunft der Pflege in Tirol
Széchényi:
Sie haben dann nicht Medizin studiert, sondern sind ins Management gewechselt. Und jetzt sind Sie Vorständin der Pflege im Land Tirol. Die Herausforderungen sind sehr groß. Viele Menschen werden in den nächsten Jahren in Pension gehen, die Baby Bommer-Generation, österreichweit spricht man da von einer halben Million Menschen in den nächsten Jahren. Auch ich muss gestehen, ich bin Teil dieser Generation. Werde ich, wenn alles gutgeht und das Schicksal es gut mit mir meint vielleicht in 20 Jahren Pflege brauchen. Werde ich diese Pflege bekommen. Auf dem Standard, den man heute hat?
Führer:
Also von Landesseite werden wir alles daran setzten, dass wir sämtliche Möglichkeiten in denen Pflege stattfinden kann, zur Verfügung stellen werden. Aber ich denke, Sie sprechen die Baby-Boomer-Generation an, das ist eine besondere Generation. Die erste Generation, die selbst schon fünf Generationen erlebt hat, das heißt, Sie haben die Pflege Ihrer Großeltern miterlebt, der Eltern, vielleicht des Partners, der Kinder und Enkelkinder. Das ist besonders. In dieser Form kommt auch eine Generation auf uns zu, die sehr selbstbestimmt ist. Ich denke, wenn man über die eigene Pflege nachdenkt und dem sollte man sich auch stellen. Denn wir reden alle viel über Pflege, aber es geht immer nur um die anderen. Eine Reflexion bei sich selbst ist meistens auch eher unangenehm und man denkt nicht daran. Es macht Sinn, auch schon, wenn man jünger ist darüber nachzudenken, vielleicht wenn man in Pension geht, wie möchte ich denn altern? Was kann ich dazu beitragen, dass ich gesund und fit altere? Gesunde Ernährung sollte von Klein auf eine Rolle spielen, aber die Ausreden, die man vielleicht hatte, das Berufsleben war zu anstrengend, da hatte ich keine Zeit für Sport und gesunde Ernährung. Diese Ausreden hat man dann nicht mehr und das könnte man in Angriff nehmen. Wohnsituationen anschauen, lebe ich hier, kann ich hier auch altern? Die Pflegebedürftigkeit steigt mit dem Alter. Und ich glaube mit dem Punkt setzen sich die wenigsten auseinander und es ist immer ein schicksalhaftes Ereignis, wenn es zur Pflegebedürftigkeit kommt.
Széchényi:
Also ein Appell auch an meine Generation: Leute, denkt über eure künftige Pflege vielleicht nach.
Führer:
Genau. Schaut es euch an. Seid ihr alleine? Es gibt viele alleinstehenden Personen. Der Mensch braucht soziale Kontakte und gerade im Alter, wenn Mobilitätseinschränkungen kommen, ist Pflegebedürftigkeit oft durch fehlende soziale Teilhabe wesentlich schneller gegeben. Man kann darüber nachdenken. Auch über die finanzielle Situation. Bei manchen wo es Richtung Altersarmut vielleicht gehen könnte, darüber nachzudenken, kann man Kräfte bündeln, kann man soziale Kontakte fördern. Dass man vielleicht gemeinschaftlich lebt und sich Pflegeleistungen teilt.
Széchényi:
Kann man sagen, das große Ziel ist der Versuch, möglichst lange zuhause zu bleiben?
Führer:
Das ist das, was sich die Menschen wünschen. Der Mensch möchte grundsätzlich solange wie möglich zuhause bleiben. Das ist die Generation, die jetzt in der Pflegebedürftigkeit ist und man kann davon ausgehen, dass gerade die Baby Boomer nicht anders sein werden. Es kommt vielleicht dazu, dass sie eine gewisse Mobilität haben. Vielleicht ist man es von früher schon gewohnt, ein paar Mal umzuziehen und vielleicht schon im Vorfeld zu sagen, okay, jetzt ziehe ich nochmal um in eine Wohnung, in der ich auch mit Mobilitätseinschränkungen leben kann.
Community Nursing: Pflegerische Unterstützung zuhause
Széchényi:
80 Prozent der Pflegebedürftigen sind im häuslichen Umfeld. In letzter Zeit kommt immer wieder ein Stichwort, nämlich Community Nursing. Was ist darunter zu verstehen?
Führer:
Das ist etwas, was international schon lange bekannt war. Aufgrund eines EU-geförderten Projektes hat es auch in Österreich Einzug gehalten. Bisher gab es das in einigen Regionen Tirols auf Eigeninitiative. Und nun integrieren wir das in unser mobiles System als Leistung. Die Community Nurse soll da ansetzen, wo es um den präventiven Seniorenhausbesuch geht, beispielsweise. Diese Leistung wird so noch näher an die Menschen gebracht. Da schaut man im Vorfeld, ob es im Haus vielleicht Stolperfallen gibt, oder ob man Unterstützung bei Anträgen braucht, um solange wie möglich zuhause zu bleiben. Bevor es ein Akutereignis wie einen Sturz gibt. Und, die Community Nurse soll die pflegenden Angehörigen unterstützen. Wenn es darum geht, eine Krankenhausentlassung und mein Angehöriger braucht pflegerische Unterstützung. Das man die Sicherheit hat, das richtig zu machen und es sich zuzutrauen.
Pflegeausbildung: Von der Pflegelehre bis hin zum Bachelorstudium
Széchényi:
Es kommt ja auch nicht nur auf die Generation, die Baby Boomer, die Pension und später vielleicht die Pflege an, es sind auch die in der Pflege Arbeitenden betroffen. Auch hier werden sehr viele in den nächsten Jahren in Pension gehen. Das Land investiert viel in die Pflegeausbildung. Was sind die konkreten Maßnahmen, die man setzt, um einen Engpass am Arbeitsmarkt zu verhindern.
Führer:
Die demografische Entwicklung ist vorgegeben. Es gibt den Älteren gegenüber wesentlich weniger Jüngere. Und in den letzten Jahren hat sich in der Pflegeausbildung sehr viel getan. Es gibt drei Berufsbilder: Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, der Pflegefachassistent und die Pflegeassistentin. Das sind schon mal verschiedene Berufsgruppen, wo ich mich entscheiden kann, je nach Verantwortung, die ich übernehmen möchte, welche Richtung ich einschlage. Es hat sich im Ausbildungssektor viel getan. Ich kann heute schon mit 14 eine Pflegeausbildung beginnen, sei es an einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule. Oder auch mit der Pflegelehre, ganz neu. Also es bestehen viele Optionen für junge Menschen, aber auch für Menschen, die schon mitten im Berufsleben stehen, die nochmal sich entschließen, eine andere Ausbildung zu machen. Menschen, die das vielleicht schon immer wollten, aber für die das damals nicht möglich war. Es gibt auch sehr viele gute Förderungen in dieser Richtung, amg Pflegestiftung, das AMS-Pflegestipendium, wo auch unterstützt wird. Oder auch Stipendien für die Studien an der Fachhochschule. Also da ist schon ein breites Spektrum gemacht worden und wir sehen, dass diese Maßnahmen jetzt langsam greifen. Letztes Jahr hatten wir um die 2.000 Auszubildenden, heuer sind es schon über 2.200 und es ist durchaus noch Luft nach oben, damit man die Abgänge durch die Pensionierungen in der Pflege abdecken kann. Und natürlich auch der große Bereich, wie Sie angesprochen haben, es kommen auch Pflegekräfte in die Situation, selbst gepflegt werden zu müssen. Das man hier neue Modelle andenkt, also alternative Wohnformen, wo etwas auch gebündelt ist.
Széchényi:
Stichwort Lehre. Lehrling. Pflegelehrling. Im Vorfeld gab es leichte Kritik. Für die 14-Jährigen ist das kein Job, mit 14 kann man das noch nicht. Hat sich das gelegt?
Führer:
Meiner Wahrnehmung nach schon. Es ist ja so, dass die Betriebe, die Lehrlinge aufnehmen auch hochengagiert sind, alles zu tun, dass eben auch dieser Schutz der Minderjährigen gegeben ist. Das ist ja auch in anderen Lehrberufen so, dass man nicht gleich mit der Königsdisziplin beginnt, sondern mit anderen Tätigkeiten. Und es ist in der Pflege auch im Rahmen der Betreuung und Kommunikation möglich, Tätigkeiten zu Beginn der Lehrzeit zu machen. Und wenn sich ein Mensch mit 14 für die Lehre entscheidet ist er vielleicht auch schon reifer als andere. Wir haben auch erlebt, dass sich 16-Jährige für eine solche Lehre entscheiden. Ein Lehrberuf wird ja nicht immer gleich mit 14 Jahren begonnen.
Berufsbild Pflege: Vom Pflegeheim bis hin zur Intensivstation
Széchényi:
Sie sind ja das beste Beispiel dafür, dass es auch durchaus sehr gut funktioniert, schon in frühen Jahren zu beginnen. Sie haben sehr früh angefangen und ich nehme an, Sie würden sich wieder für den Pflegeberuf entscheiden. Aber jetzt wissen Sie es auch. Was macht diesen Beruf aus?
Führer:
Also ich würde mich auf jeden Fall wieder für den Pflegeberuf entscheiden. Es gibt kaum einen Beruf, der so vielfältig ist. Für jede Lebenssituation und das persönliche Interesse gibt es das Angebot in den Organisationen. Ich habe vor über 30 Jahren begonnen und bin heute noch beim selben Arbeitgeber und wie Sie gesagt haben, von der Internen über die Intensivstation über den Ausbildungsbetrieb hin zum Land. All diese Möglichkeiten berufsbegleitend. Das ist etwas, was es sonst kaum in einem Beruf gibt. Also ich kann mich entscheiden in einer Krankenanstalt tätig zu sein oder in einem Altenwohn- und Pflegeheim, in der mobilen Pflege, Tagespflege. Ich glaube es gibt keinen Beruf, der so vielfältige Möglichkeiten eröffnet. Und mit dem neuen Ausbildungssystem bzw. mit diesem durchlässigen System ist auch der berufliche Werdegang über Anrechnungen durchgängig möglich.
Széchényi:
Aber "menschelen" muss es schon auch.
Führer:
Natürlich muss ich Menschen mögen. Das ist sicher eine Voraussetzung für diesen Beruf. Dass ich mich gerne unterhalte, dass ich Menschen mag. Aber trotzdem muss ich die Profession mitbringen. Im Pflegeberuf ist es so, man entwickelt sich auch als Mensch weiter. Man hat mit sehr vielen Extremsituationen von Menschen zu tun. Ist für den Patienten und die Angehörigen da und es ist schon auch so, dass man sich abgrenzen muss. Aber all diese Dinge bekommt man auch in den Ausbildungen vermittelt und auch in den Betrieben schaut man darauf, dass es Maßnahmen gibt. Wenn die Pflegekräfte einmal überfordert sind, dass sie dementsprechend auch physisch und psychisch ihr Berufsleben meistern können.
Verabschiedung
Széchényi:
Frau Führer, herzlichen Dank fürs Gespräch. Danke für Ihren Besuch im Studio.
Führer:
Sehr gerne. Danke.
Széchényi:
Das war ein Podcast des Landes Tirol mit der Vorständin der Abteilung Pflege im Land Tirol, Margit Führer. Schon als junges Mädchen ist sie mit dem Arztkoffer durch die Wohnung gelaufen und ihr Berufswunsch ist es damals, Krankenschwester zu werden. Vor allem der Baby-Boomer-Generation rät sie, sich jetzt schon Gedanken über das Alter und eine mögliche Pflege zu machen und sich auch durch ein gesundes Leben darauf vorzubereiten. Und: Der Beruf ist vielfältig. Von der Pflegelehre bis hin zum Bachelorstudium gibt es breite und vielfältige Wege in die Pflege.
„Ins Land einihören“, den Podcast des Landes Tirol findet ihr auf www.tirol.gv.at/podcast und auf allen gängigen Podcastplattformen sowie auf YouTube
Danke fürs Zuhören und Zusehen.
Bis zum nächsten Mal sagt Dénes Széchényi