Podcast-Spezial mit Franz Klammer
„ins Land einihören“ | Folge 14
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung
Dénes Széchényi (Moderator):
Ins Land einihören. Das ist der Podcast des Landes Tirol. Heute moderiert von Dénes Széchényi.
(Kommentator-Aufnahme der Olympia-Abfahrt von Franz Klammer im Jahr 1976): Ja oder nein, das ist die Frage. 1:42, 1:43, 1:44, jawohl, Bestzeit! 1:45,73 für unseren Franz Klammer!
Franz Klammer über seine Olympia-Abfahrt vor 50 Jahren
Széchényi:
Franz Klammer, herzlich willkommen zum Podcast des Landes Tirol "ins Land einihören". Das was wir jetzt gerade gehört haben, ist 50 Jahre her. Das ist eine lange Zeit. Was für Bilder sind denn da noch im Kopf, wenn Sie das hören?
Franz Klammer:
Ich hör das ganz gern. Diese 1:45,73, das ist eine magische Zahl für mich.
Széchényi:
Das war die Zeit.
Klammer:
Ja, ich weiß schon. Das war die Zeit. Es ist, als ob es gestern gewesen wäre. Ich bin heute die Abfahrt hinuntergefahren und habe mit Gästen die Abfahrt ein bisschen erklärt. Alles habe ich nicht mehr gefunden, weil unten "Berneck" hat sich doch verändert ein bisschen. Aber ich weiß genau, was ich wo gemacht habe.
Széchényi:
Auch, wie auch das Wetter war?
Klammer:
Das Wetter, es war schönes Wetter. Ja, Sonnenschein.
Széchényi:
Sie haben es gerade erzählt, sie kommen gerade direkt vom Legendenrennen am Patscherkofel 50 Jahre danach. Wie war's? Wer war dabei? Wer hat mit Ihnen da die Strecke besucht?
Klammer:
Wer war dabei? Ich habe jetzt nicht alle im Kopf. Angefangen natürlich der Bernhard Russi, mein großer Rivale und dann die Annemarie Moser-Pröll, der Leonhard Stock, der Markus Wasmeier. Wer denn noch? Alles Olympiasieger.
Széchényi:
Und mit denen sind Sie dann die Piste hinuntergefahren?
Klammer:
Die Piste hinuntergefahren und dann sind wir unser Legendenrennen gefahren.
Széchényi:
Es ist sehr schwierig mit Ihnen jetzt um diese Zeit einen Termin zu bekommen. Danke auch, dass Sie sich bereit erklärt haben zu kommen. Das muss ja jetzt ein Mörderstress sein. Sie fahren ja dann morgen auch noch nach Cortina zu den nächsten olympischen Spielen. Mehr Stress als noch vor 50 Jahren oder war das vor 50 Jahren noch wilder?
Klammer:
Nein, vor 50 Jahren war alles geregelt. Und um die Zeit habe ich nur den Stress gehabt mit dem Pepi Fischer, weil mit dem habe ich streiten müssen wegen dem Loch-Ski. Ziemlich genau um die Zeit. Ja. Und dann habe ich gesagt, Pepi, du kannst mich gernhaben und bin gegangen und habe meinen Ski mit ins Zimmer genommen, damit ich den nächsten Tag fahren kann. Am 4. Februar war ja die Eröffnung und am Tag danach am 5. die Abfahrt. Bei der Startnummernverlosung hat der Pepi uns in sein Büro zitiert.
Széchényi:
Sie haben einmal gesagt: "ohne den Patcherkofel wäre ich nicht das, was ich bin". Was hat denn der Sieg 1976 vor 50 Jahren tatsächlich aus Ihnen gemacht und was sind Sie jetzt?
Klammer:
Für mich es damals das wichtigste Skirennen überhaupt, dass ich gewinnen muss, weil ich durchaus als klarer Favorit nach Innsbruck gekommen bin und wenn ich das nicht gewonnen hätte, wäre das für mich eine Riesen Enttäuschung gewesen. Und dann, als ich gewonnen habe, war das eine Riesen Erleichterung, aber ich habe natürlich nie gedacht, dass das 50 Jahr später immer noch so in den Köpfen der Bevölkerung ist und dass alle noch genau wissen, wo sie gewesen sind und was das für die Leute bewirkt hat und natürlich mein Leben auch komplett verändert hat. Und jetzt, ich wäre wahrscheinlich ohne Olympiasieg auch ein glücklicher Mensch geworden aber es ist lebt sich einfacher.
Széchényi:
Hat Sie dieser Sieg auch zum glücklichen Menschen gemacht?
Klammer:
Absolut. Absolut.
Széchényi:
Es gibt einen Film, "Zurück in die Zukunft" heißt der, da kann der Hauptdarsteller zurück in die Vergangenheit gehen, um etwas zu ändern, was in der Zukunft dann passieren wird. Weil wir beim Film sind: Wäre Ihnen das möglich, was hätten Sie denn damals geändert, Rückgängig gemacht oder überhaupt nicht gemacht?
Klammer:
Ich hätte da gar nichts geändert. Es war so: im ersten Moment wie ich die Startnummer bekommen habe, 15, habe ich gedacht, das ist eine einzige Katastrophe…
Széchényi:
Man muss dazu sagen, 15 war damals eine sehr schlechte Startnummer. Heute ist es eine gute in dem Sinne, aber die Startnummer 1, 2, 3, das waren die guten.
Klammer:
Genau. Und ich wollte eine frühe Nummer haben, eine schnelle Zeit hinuntersetzen, damit die anderen oben was zum Knabbern haben. Und genau das Gegenteil war der Fall, aber im Nachhinein war das natürlich ideal, weil so ist eine super Geschichte daraus geworden.
Széchényi:
Ja. Das war ja total spannend danach. Das ganze Rennen war extrem spannend. Aber vielleicht doch, hätten Sie sich vielleicht doch den goldenen Rennanzug angezogen.
Klammer:
Nein, nein, ich hätte gar nichts geändert. Warum soll ich was ändern, wenn es eh funktioniert?
Széchényi:
Was war denn eigentlich mit dem goldenen Rennanzug? Der hat nicht gepasst?
Klammer:
Der hat mir nicht gepasst, genau. Der hat ein bisschen gezwickt und irgendwie in der Hocke war er nicht so frei und dann bin ich halt mit meinem alten gefahren.
Széchényi:
Zum Film noch einmal. Sie sind einer der wenigen lebenden österreichischen Persönlichkeiten, über die es auch einen Film gibt. Sie haben in einem Interview bei der Premiere gesagt, 80 Prozent ungefähr entspricht so wie es war. Was sind die restlichen 20 Prozent?
Klammer:
Ja, ein bisschen ist natürlich Hollywood dabei, alles was das Sportliche anbelangt und so das entspricht schon den Tatsachen, aber das halt mit der Liebesgeschichte eigentlich gegeben hat war aber nicht so in dieser Form, wie es dann im Film gezeigt wird.
Széchényi:
Okay, das war also einer der 20 Prozent, die da nicht so ganz gestimmt haben.
Klammer:
Ja, ja, genau.
Széchényi:
Es gibt nicht nur einen Film, sondern es gibt auch einen herrlich absurden Roman von einem Schweizer Autor, der heißt "Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete." Kennen Sie den?
Klammer:
Nein.
Széchényi:
Das war nämlich die Frage. Es ist nämlich auch ein Hörspiel daraus entstanden, das international auch ausgezeichnet worden ist. Muss man Sie da fragen, wenn man sowas machen will?
Klammer:
Bei dem Buch hat man nicht gefragt, aber beim Film war ich natürlich schon sehr wirkend dabei und die ganze Basis von dem Film kommt natürlich von mir und von meiner Frau und die haben gut, sehr sehr gut, recherchiert muss ich sagen. Das haben sie wirklich gut gemacht und auch das Ganze, wie soll ich sagen, Kostüm, das die 70er-Jahre spiegelt.
Széchényi:
Es wurde auch die ganze Piste nachgebaut mit Reisig und die Fangzäune haben sie ja abgebaut, weil die ja immer da waren. Aber in diesem Buch, das ist ein absolut absurdes, sehr witziges Buch, da kommen Sie übrigens sehr, sehr gut weg, sehr sympathisch und so weiter und so fort. Da retten Sie die Welt gemeinsam mit Johannes dem Täufer. Wirklich so absurd. Und am Schluss wollen sie dann aber, nachdem alles erledigt ist und die Welt gerettet wurde, zurück in ihr Kärnten und nur noch eines machen und das kommt eigentlich Ihrem Motto auch schon immer sehr ähnlich und es war auch Ihr Motto: "Skifahren und sonst nichts".
Klammer:
Genau. Skifahren war mein Leben, ist mein Leben nach wie vor.
Franz Klammer über seinen Bezug zu Tirol:
Széchényi:
Sie fahren immer noch Ski? Ich fahre immer noch Ski und mit meinen Enkeln bin ich sehr viel unterwegs, die übrigens halbe Tiroler sind. Die leben in Kufstein. Meine Tochter ist mit einem Kufsteiner verheiratet.
Széchényi:
Und das Enkelkind ist auch ein Kufsteiner?
Klammer:
Ja, die besuche ich dann des Öfteren.
Széchényi:
Zu den Tiroler Bezügen kommen wir noch. Der Patscherkofel hier in Innsbruck war ein Meilenstein ihres Lebens, aber auch Kitzbühel. Da haben Sie historische Siege gefeiert, nämlich ganze viermal haben Sie das Hahnenkammrennen gewonnen, zuletzt 1984, also eine Zeit nach dem Olympiasieg. Tirol war also ein gutes Pflaster. Ist die Streif komplizierter gewesen als der Kofel?
Klammer:
Ja, die Streif ist schon das schwierigste Abfahrtsrennen und das beste Abfahrtsrennen was es gibt. Und das braucht ein Abfahrer, um als Abfahrer zu gelten, den Sieg braucht er einfach. Ja, ich habe ihn viermal gemacht. Das ist mir einfach gelegen. Der Hahnenkamm ist mir gelegen. Das ist die Streif. Das war eigentlich immer ein Erlebnis zu fahren und wenn man unten ist dann und noch als schnellster unten ist, dann ist man wirklich befriedigt und sagt: "jetzt dann habe ich die schwierigste Abfahrt der Welt bravourös gemeistert."
Széchényi:
Also nach wie vor die schwierigste Abfahrt der Welt?
Klammer:
Würde ich schon noch sagen. Aber der Patscherkofel war eine würdige Olympiastrecke, eine Herausforderung und bin heute mit dem Bernhard Russi runter gefahren und sagt er: "Es ist ja viel steiler, wie ich es in Erinnerung hab und viel enger wie ich es in Erinnerung hab", sag ich "ja, es ist eigentlich relativ steil" wenn man bedenkt, dass wir da gerade hinuntergefahren sind. Jetzt machen sie ja relativ viel Kurven mit diesem neuen Material, das ergibt sich halt so mit dem neuen Material, aber da sind wir relativ viel gerade gefahren.
Széchényi:
Sie haben es gerade erwähnt, Ihre Tochter lebt in Kufstein. Sie haben den Patscherkofel und Hahnenkamm gewonnen, vor 50 Jahren oder kürzer. Aber Sie haben nach wie vor eben auch feste Bindungen, nicht nur privat in Tirol. Welche denn? Sie sind viel in Kitzbühel?
Klammer:
Ich bin viel in Kitzbühel natürlich, im Sommer zum Golf spielen bin ich öfter in Ktzbühel. Aber überhaupt das erste Mal ein ÖSV-Testrennen bin ich gefahren in Oberperfuss 1969 und drauf bin ich dann in den ÖSV-Jugendkader gekommen. Also schon wieder eine Tirol-Verbindung.
Das Karriereende von Klammer und sein Leben danach:
Széchényi:
Sehr schön. Mit 31 Jahren war dann Schluss. In Aspen sind sie dann direkt im Starthaus gestanden und haben sich gesagt, "da habe ich nichts mehr verloren." Sie sind das Rennen dann gefahren und da war dann Schluss. Weil Sie schon alles erreicht haben oder einfach "mag nicht mehr"?
Klammer:
Nein, ich war fehl am Platz, wenn man nicht mehr bereit ist, das letzte zu geben und sich optimal vorzubereiten. Es war vorbei, es war die Luft draußen und dann bin ich hinuntergefahren und habe aufgehört und habe nie mehr zurückgeschaut. Mit ganz gutem Gewissen. Ich habe auch nie an ein Comeback oder sowas gedacht, weil ich hab das schönste gehabt. Rennfahren war das Schönste im Leben, weil es ist irrsinnig ein tolles Gefühl am Start zu stehen. Aber dann war das Leben halt anders aber auch sehr erfüllend.
Széchényi:
Unter anderem erfüllend war die Gründung der Franz-Kammer-Foundation. Sie kümmern sich mit dieser Foundation um in Not geratene und sozial benachteiligte Sportler. Wie schaut da konkret die Unterstützung aus?
Klammer:
Ja, bei uns bekommen sie kein Geld, sondern Sachbezüge, weil meistens sind es verunfallte Sportler, die eventuell ein Auto adaptieren müssen oder eine Wohnung. Vielleicht sogar eine Operation, die die Versicherung nicht zahlt, weil die jungen Sportler sind meistens nicht so optimal versichert und das zahlt dann die Stiftung.
Széchényi:
Das ist der Hauptzweck der Stiftung. Und es sind ja schon, habe ich gelesen, über 300 Personen, die Sie damit unterstützen.
Klammer:
Wir haben ungefähr 400 Personen und bis Dato ungefähr 3,7 Millionen Euro da ausgeschüttet.
Széchényi:
Unter anderem durch Dinner, die Sie veranstalten, so wie gestern, glaube ich, war eins sogar.
Klammer:
Genau, gestern war ein Dinner. Ein sehr erfolgreiches Dinner.
Széchényi:
Das heißt, ich komme zu Ihnen und ich bezahle dafür, dass ich mit Ihnen essen kann.
Klammer:
Genauso ist es. Sie bezahlen damit sie mit mir Skifahren dürfen.
Széchényi:
Und das fließt alles in die Foundation?
Klammer:
Ja. Und es gibt sehr viele Firmen, die Veranstaltungen machen, eben Charity-Veranstaltungen, und meine Stiftung ist dann der Begünstigte.
Széchényi:
Und Kitzbühel ist da auch ein jährlicher Fixpunkt in dieser Spendensammlung für die Foundation. Sie sind auch Botschafter der Klimaschutzorganisation R20 von Arnold Schwarzenegger. Machen Sie sich Sorgen um den Winter, den Skisport, den Schnee?
Klammer:
Sicher ist, dass es weniger wird, aber ich glaube, wir werden im 50 Jahr noch genauso Skifahren und da genauso unsere Freude haben und die Berge bezwingen wie jetzt. Also, ich glaube schon, dass sich das Wetter natürlich verändert. Aber ich glaube schon, dass das Skifahren weiter bestehen bleibt.
Széchényi:
Und Sie werden auf jeden Fall auch immer noch weiter Skifahren.
Klammer:
Natürlich.
Franz Klammer über seine Frau Eva:
Széchényi:
Ich habe hier ein besonders schönes Zitat Ihrer Frau über Sie: "Er hat das Glück, ein Leben leben zu können, wie er es will. Es ist keine besondere Kunst, eine glückliche Ehe mit einem glücklichen Menschen zu führen." Das sagt, wie gesagt, Ihre Frau Eva über Sie, mit der Sie seit 1979, also drei Jahre nach dem Triumph am Patscherkofel, verheiratet sind. Sie telefonieren viel mit ihrer Frau. Sie holt sie runter, sie beruhigt Sie so quasi und sie holt Sie weg von dem ganzen Renntrubel und so weiter mit diesen Telefongesprächen.
Klammer:
Genauso war es. Die Telefongespräche hat's schon geben, aber die Eva war nicht in Innsbruck.
Széchényi:
Haben Sie heute schon mit Ihrer Frau telefoniert?
Klammer:
Die Frau ist da, wir haben gemeinsam Mittaggegessen am Patscherkofel.
Széchényi:
Das heißt, Sie fahren dann auch gemeinsam nach Cortina zu den olympischen Winterspielen?
Klammer:
Nein, zu den Spielen fahre ich alleine, weil ich mir nur den Damen-Abfahrtslauf anschaue und die Eröffnung vom Österreicherhaus mitmache und dann bin ich wieder zu Hause und schau mir das im Fernsehen an.
Széchényi:
Sie werden sich also die Herrenabfahrt im Fernsehen anschauen.
Klammer:
Genau.
Széchényi:
Franz Kammer, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Vielen herzlichen Dank für Ihren Besuch im Studio.
Klammer:
Danke.
Verabschiedung:
Das war ein Podcast des Landes Tirol mit Franz Klammer, dem Olympiasieger von 1976. Nach 50 Jahren ist er zum Jubiläum noch einmal den Patscherkofel heruntergefahren. Er hat nach wie vor viele, auch private Bezüge zu Tirol und er hat das Glück, ein Leben so zu leben, wie er es will. Ins Land einihören, den Podcast des Landes Tirol hört ihr auf tirol.gv.at/podcast, auf allen gängigen Podcast-Plattformen und auf YouTube. Danke fürs Zuhören und fürs Zusehen. Bis zum nächsten Mal sagt Dénes Széchényi.