Trauma/Traumatisierung
Was bedeutet das für die tägliche Arbeit?
Mit dem Begriff Trauma/Traumatisierung werden pädagogische Fachkräfte in ihrer täglichen Arbeit immer wieder konfrontiert. In übermäßiger Art und Weise werden kleinere und größere psychische Belastungen mit diesem Fachwort beschrieben. Deshalb ist es von Bedeutung, dass Sie ein grundlegendes Wissen von Trauma haben.
Traumatisierungen in der Kindheit sind tiefgreifende, belastende Erfahrungen, die ein Kind physisch, emotional oder psychisch überfordern und nicht angemessen verarbeitet werden können.
Typische Auslöser für Traumatisierungen im Kindesalter:
- Körperliche, emotionale und sexuelle Gewalt
- Vernachlässigung (emotional oder körperlich)
- Wohlstandsverwahrlosung (materielle Überschüttung, jedoch eine seelische und emotionale Vernachlässigung oder Überbehütung)
- Zeuge von Gewalt (z.B. häusliche Gewalt, Krieg, Flucht)
- Verlust oder Trennung von wichtigen Bezugspersonen (Tod, Scheidung)
- Chronische Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte
- Unfälle, Überfälle, Verbrennungen, Naturkatastrophen
- Psychische Erkrankungen der Eltern (z.B. Depression, Sucht)
- Ebenfalls lassen sich Traumatisierungen aufgrund der Corona-Pandemie feststellen
Kindheitstraumata können sich auf vielfältige Weise auswirken:
- Starke Angst, Reizbarkeit oder Schreckhaftigkeit
- Rückzug, Introvertiertheit
- Unselbständigkeit – sich selbst nichts zutrauen
- Ressourcenlosigkeit – rasche Verzweiflung
- Essstörungen
- Albträume oder Schlafstörungen
- Aggressives Verhalten oder Hyperaktivität
- Konzentrationsprobleme, Schulschwierigkeiten
- Gefühllosigkeit oder emotionale Taubheit
- Schwierigkeiten mit Nähe, Vertrauen oder Beziehungen
- Körperliche Beschwerden ohne erkennbaren Grund
- Flashbacks (plötzliches Wiedererleben des Erlebten, durch ein bestimmtes Geräusch, einen Geruch usw.)
- Hyperarousal (Zustand dauerhafter Übererregung des Nervensystems mit Unruhe, Reizbarkeit, Schlafproblemen und gesteigerter Wachsamkeit)
- Dissoziation
Traumatisierungen im Kindheitsalter beeinflussen die Entwicklung des Gehirns – vor allem in Regionen, wie der Amygdala (Gefahrenerkennung, Angst), im Hippocampus (Gedächtnis) und im präfrontalen Kortex (Impulskontrolle, Entscheidungsfindung). Dies kann zu einer dauerhaften Überregung des Nervensystems führen („Überlebensmodus“).
Traumatisierte Kinder sind in erster Linie Kinder. Sie sind nicht „unnormal“, sondern reagieren normal auf hoch belastende Erfahrungen und damit verbundene Erlebensmuster. Pädagogische Teams sind somit ganz wesentlich für die Entwicklung der Kinder mitverantwortlich. Dies bedeutet nicht, dass jedes Verhalten hingenommen werden muss. Aber die Haltung der erwachsenen Bezugspersonen sollten von der Idee bestimmt werden, dass das Kind im Verhalten etwas zeigt, das einem Bedürfnis, einer Angst oder einer Sehnsucht entspricht. Nur wenn pädagogische Teams erkennen, dass das Verhalten aus der Erlebenswelt des Kindes einen guten Grund hat, können sie behutsam auf das Verhalten des Kindes einwirken.
Die Einrichtung muss ein sicherer Ort sein. Kinder benötigen Sicherheit und Stabilität im Alltag, sowie verlässliche Bezugspersonen.
In der Traumapädagogik wird der äußere sichere Ort mit folgenden Punkten definiert:
- Sicherheit bedeutet, dass der Grundversorgung und den Grundbedürfnissen der Kinder nachgekommen werden. Ebenfalls darf es zu keinen verbalen Androhungen, Machtgehabe oder Gewalt in welcher Form auch immer kommen. Das Kind soll eine räumliche und zeitliche Orientierung in der Einrichtung haben.
- Geborgenheit heißt, dass die Einrichtung eine Wohlfühlatmosphäre ausstrahlt, sauber und ordentlich ist. Es werden persönliche Grenzen aller respektiert und die Kinder dürfen partizipativ bei der Gestaltung der Räumlichkeiten mitwirken.
- Klarheit heißt, dass Grundregeln aufgestellt werden. In der Einrichtung wird eine offene Kommunikation praktiziert und das pädagogische Team verhält sich in vergleichbaren Situationen gleichbleibend und für die Kinder einschätzbar.
- Entlastung bedeutet, Spannungen durch geeignete Aktivitäten zu lösen, die Gefühle aller anzuerkennen, belastende Situationen rechtzeitig zu unterbrechen und zugleich auf das eigene Wohlbefinden zu achten.
- Struktur/ Transparenz gelingt durch das Sichtbarmachen der Tagesstruktur, vollständige Informationsweitergabe an das Team, direktes Ansprechen von Konflikten.
- Nähe/Distanz bedeutet, dass die Begleitung der Kinder nicht ins Privatleben ausgeweitet wird. Pädagogische Fachkräfte und Assistenzkräfte sind Menschen und Orientierungshilfen! Es können eigene Befindlichkeiten, Sichtweisen, Normen und Werte mitgeteilt werden, jedoch keine privaten oder familiären Informationen.
Der sichere Ort ist also mehr als nur ein Raum in der Einrichtung. Dazu zählen die personelle Ausstattung, die räumliche Gestaltung sowie die Organisation des Tagesablaufes und die Grundhaltung des pädagogischen Teams. Dadurch können sie den Kindern helfen, Kummer zu ertragen, Trost zu erfahren, sich zu orientieren und neue Erfahrungen zu integrieren.
Praxistipps:
Achtsamkeitsübungen:
Imaginationsübungen:
Text: Team Fachberatung für Inklusion