20 Jahre bilinguale Schule Innsbruck-Trient

Erfolgsmodell für gelebte Mehrsprachigkeit

  • 2005 gestartetes Bildungsprojekt für weitere zehn Jahre verlängert
  • Zweisprachiger Unterricht in Deutsch und Italienisch als pädagogische Grundlage
  • Wissenschaftliche Begleitung bestätigt hohe Qualität und nachhaltige Wirkung

„Guten Morgen“ und „Buongiorno“ – schon am Morgen wechseln die Sprachen an der Volksschule Altwilten und dem Istituto Comprensivo Trento wie selbstverständlich. Rechnen auf Deutsch, erzählen auf Italienisch. Zwei LehrerInnen, zwei Sprachen, ein gemeinsamer Unterricht. Mit der Einrichtung der bilingualen Schule in Innsbruck und Cognola, einem Ortsteil von Trient, wurde im Jahr 2005 ein bildungspolitischer Meilenstein in der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino gesetzt. Das länderübergreifende Schulprojekt steht seither für interkulturelles Lernen und gelebte Mehrsprachigkeit. Zum 20-jährigen Jubiläum wurde das im Jahr 2024 für weitere zehn Jahre erneuerte Abkommen zwischen dem Land Tirol und dem Trentino zum Unterricht in zweisprachigen Schulklassen im Rahmen eines Festakts in Innsbruck vorgestellt. „Die bilinguale Schule ist ein Vorzeigeprojekt für innovative Bildungspolitik und gelebte europäische Zusammenarbeit. Sie zeigt eindrucksvoll, wie sprachliche Vielfalt als Stärke genutzt werden kann“, betont Euregio-Präsident LH Anton Mattle und unterstreicht damit die nachhaltige Bedeutung des Projekts für beide Länder.

Einzigartiges Unterrichtsmodell

Vor 20 Jahren entstand das Projekt aus einer Elterninitiative vor dem Hintergrund einer wachsenden Zahl deutsch-italienischsprachiger Familien im Raum Innsbruck und wurde in enger Zusammenarbeit mit der Euregio realisiert. Im Zentrum stehen die beiden Sprachen Deutsch und Italienisch: Tiroler Lehrpersonen unterrichten auf Deutsch, ihre KollegInnen aus dem Trentino in derselben Klasse auf Italienisch. Dabei wird die jeweilige Zweitsprache nicht als klassische Fremdsprache vermittelt, sondern ist selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltags. Ein zentraler Bestandteil bleibt der kontinuierliche Austausch mit der Partnerschule im Trentino. 

„Zwanzig Jahre nach der Einführung der zweisprachigen Klassen zwischen dem Trentino und Tirol hat sich das Projekt als wegweisend für das Schulsystem erwiesen. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, der Austausch von Lehrpersonen und gemeinsame pädagogische Konzepte haben ein Modell geschaffen, das auf Mehrsprachigkeit, Innovation und grenzübergreifender Zusammenarbeit basiert“, betont Giuseppe Rizza, Schulamtsleiter des Trentino.

Enge Partnerschaft mit der Stadt Innsbruck

Nach 15 Jahren am Standort Volksschule Innere Stadt in Innsbruck übersiedelte das Projekt im September 2020 an die Volksschule Altwilten. Die Weiterentwicklung der bilingualen Schule steht auch im Zusammenhang mit Investitionen der Stadt Innsbruck in den Bildungsstandort in Wilten. Im Rahmen des Projekts „Bildungscampus Wilten“ erhielten zwei Volkschulen und eine Mittelschule ein modernes Zuhause in einem denkmalgeschützten Gebäude. Hier wurde mit dem italienischsprachigen Unterricht im Rahmen der bilingualen Schule und der Anerkannten Europäischen Schule Tirol an der Volksschule Altwilten sowie an der Mittelschule Leopoldstraße ein in Tirol einzigartiges Bildungsangebot geschaffen. Auch am Reithmanngymnasium Innsbruck wird der zweisprachige Unterricht angeboten. „Mit diesem Schulprojekt setzen wir aktiv auf Zukunft und entwickeln unsere Bildungslandschaft qualitätsvoll weiter – das stärkt Innsbruck in seiner offenen, innovativen und zukunftsfähigen Ausrichtung“, erklärt Bürgermeister Johannes Anzengruber.

Qualität wissenschaftlich bestätigt

Das Projekt wird von Beginn an seitens der Universität Innsbruck wissenschaftlich begleitet und regelmäßig evaluiert. Die Verwendung des „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen“ (GERS) ermöglicht dabei eine klare Feststellung der Sprachentwicklung der einzelnen Kinder. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wurde von der Universität Innsbruck eine umfassende Studie erstellt und im Rahmen des Festakts erstmals vorgestellt. Diese untersucht unter anderem Fortschritte im Sprachgebrauch, Auswirkungen auf das Erlernen weiterer Sprachen sowie die Entwicklung interkultureller Kompetenzen. 

Die bereits vorliegenden Ergebnisse zeigen deutlich, dass der bilinguale Schulalltag nicht nur die Sprachkompetenzen stärke, so Saverio Carpentieri, stellvertretender Leiter des Institutes für Translationswissenschaft und wissenschaftlicher Berater der Bilingualen Schule in Innsbruck: „An der Volksschule Altwilten ist der zweisprachige Unterricht Deutsch-Italienisch fester Bestandteil des Schulalltags. Ein engagiertes pädagogisches Team arbeitet dabei eng mit den Familien und externen Partnern zusammen. Unsere aktuelle Publikation ‚Viviamo bilingui – 20 Jahre bilinguale Schulklassen in Innsbruck und Trient‘ zeigt, dass Kinder in solchen Settings leichter und effektiver mehrere Sprachen lernen und gleichzeitig ihre Konzentration, Problemlösungsfähigkeit und Offenheit gegenüber anderen Kulturen stärken können.“

Konzept trägt unterschiedlichen Sprachniveaus Rechnung

Die Herausforderung des Projekts liegt insbesondere in der Vielfalt der sprachlichen Voraussetzungen der Kinder. Während einige bereits zweisprachig aufwachsen, verfügen andere über unterschiedliche Vorkenntnisse. Das entwickelte pädagogische Konzept trägt diesen Unterschieden Rechnung und fördert jedes Kind individuell. Aktuell unterrichten je fünf Lehrpersonen aus Tirol in Cognola und fünf Lehrpersonen aus dem Trentino in Innsbruck, davon drei an der Volksschule Altwilten, eine an der Mittelschule Leopoldstraße und eine am Bundesrealgymnasium Reithmannstraße. „Unser Ziel ist es, dass Kinder mit Freude in zwei Sprachen lernen und sich individuell entfalten können. Die sprachliche Vielfalt sehen wir als große Chance“, betonen Monika Schöpf, Direktorin der Volksschule Altwilten und Carlo Zanetti, Direktor des Istituto Comprensivo Trento.