Elementarbildung: Fundament oder Flickwerk?
Landtagspodcast “Adlerohren” | Folge #29
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung
Off-Stimme:
Frühbildung und -erziehung, Chancengleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Kinderkrippen und Kindergärten übernehmen eine zentrale Funktion in unserem Bildungssystem. Während die Nachfrage steigt und die Platzsuche zur Herausforderung wird, ringen viele Gemeinden mit Ausbau und Finanzierung. Wie gut ist Tirol aktuell aufgestellt? Wo liegen die größten Baustellen? Und welche Lösungen gibt es?
Darüber sprechen wir heute in Adlerohren, dem Podcast des Tiroler Landtags. Folge #29 Elementarbildung: Fundament oder Flickwerk?
Unsere Podcast-Gäste: Birgit Obermüller. Sie ist Klubobfrau der NEOS, seit 2022 im Tiroler Landtag und wohnt in Kufstein. Ihr Gesprächspartner ist Jakob Wolf, Klubobmann der Tiroler Volkspartei, seit 2003 Abgeordneter und in Umhausen daheim.
Tatjana Lukas (Moderatorin):
Hallo und herzlich willkommen, mein Name ist Tatjana Lukas und das ist Adlerohren, der Podcast aus dem Tiroler Landtag. Und ich freue mich, auch heute wieder zwei Landtagsabgeordnete begrüßen zu dürfen. Ich beginne mit der Dame: Rechts von mir sitzt Birgit Obermüller, sie ist Klubobfrau der NEOS und Gemeinderätin in Kufstein, herzlich willkommen!
Birgit Obermüller:
Danke für die Einladung.
Lukas:
Und links von mir sitzt Jakob Wolf. Er ist Klubobmann der Tiroler Volkspartei und Bürgermeister der Gemeinde Umhausen.
Jakob Wolf:
Danke für die Einladung auch.
Lukas:
Dankeschön. Wir haben ja im Vorgespräch ausgemacht, wir starten immer mit einer Anekdote ins Thema. Und heute geht es ja um Elementarbildung in Tirol. Und vielleicht möchten Sie gerne anfangen. Welche Erinnerungen oder welche Ereignisse würden Sie uns gerne schildern aus Ihrem persönlichen Leben zu dem Thema?
Obermüller:
Es war vor ziemlich genau 30 Jahren, da habe ich für meine Tochter eine Kinderkrippe gesucht. Und ich hatte das Glück, dass einige Mütter vor derselben Herausforderung gestanden sind und eine private Kinderkrippe gegründet haben in meiner Heimatstadt. Jetzt nach 30 Jahren sucht meine Tochter eine Kinderkrippe für ihre Tochter. Und sie hat eigentlich immer noch die gleichen Herausforderungen zu bewältigen, wie ich damals. Sie weiß nicht genau, ob sie den Platz bekommt. Sie weiß nicht, wie viel es kostet. Jetzt mit der Anmeldeplattform FRIDA ist das ein bisschen komplizierter geworden. Also was ich damit sagen will, die Situation ist nicht einmal in den Städten noch zufriedenstellend. Und ich glaube, auf Landesebene haben wir noch ein bisschen, oder im ländlichen Raum haben wir noch ein bisschen mehr Aufholbedarf. Ich glaube, wir haben noch ein bisschen was vor uns in Sachen Kinderbetreuung.
Lukas:
Aber Sie waren auf jeden Fall, so sind die einleitenden Worte, auch einmal selber betroffen davon, einen Betreuungsplatz für Ihr Kleinkind zu finden.
Obermüller:
Und für mich war dieser Betreuungsplatz damals schon auch die Startmöglichkeit, einen zweiten Bildungsweg einzuschlagen. Ich war zuerst im Tourismus beschäftigt und ich war Tourismuskauffrau und wollte dann zwei Lehrämter machen. Ohne diese Kinderbetreuungsmöglichkeit hätte ich den Weg nicht einschlagen können.
Lukas:
Vielen Dank. Und Herr Wolf, Sie haben uns auch eine Anekdote aus dem Leben mitgebracht.
Wolf:
Ja, also ich selber habe nie den Kindergarten besucht, weil es keinen Kindergarten gegeben hat, damals im Ötztal, als ich Kind war. Mittlerweile bin ich ja über 25 Jahre auch Bürgermeister meiner Heimatgemeinde und ich bin gerade dabei, jetzt den zweiten Kindergarten, Kinderkrippe zu errichten, eine moderne Anlage. Und das freut mich auch, dass ich das tun darf, für die Bevölkerung und für die Kinder vor allem.
Lukas:
Darf ich da gleich nachfragen: Ab welchem Alter können Kinder da einsteigen?
Wolf:
Also bei uns können wir die Kinder quasi ab Geburt, soweit wir Plätze haben, nehmen. Aber es ist üblich, dass die Bevölkerung so ab zwei Jahren in die Kinderkrippe die Kinder zur Betreuung geben.
Lukas:
Vielen Dank für die beiden persönlichen Geschichten. Bevor wir jetzt in die Diskussion einsteigen, würde ich mich noch sehr freuen, wenn Sie Ihre politische Position in ein, zwei Sätzen, also unter zwei Minuten, vielleicht noch ganz kurz darlegen könnten?
Obermüller:
Ja, ich denke, für Frauen ist es essentiell, dass sie die Wahlmöglichkeit haben, ob sie zu Hause bleiben können oder ob es eben einen Krippenplatz gibt. Ich sehe die Herausforderungen für Gemeinden sehr wohl, dass das schwierig ist, gerade für kleine Gemeinden. Und ich hätte da, ich glaube, im Laufe dieser paar Minuten, die wir jetzt da zusammensitzen, haben wir die Möglichkeit, über Lösungen zu sprechen. Ich denke, es gibt Lösungen. Aber ganz klar für mich ist, Frauen werden am Arbeitsplatz gebraucht. Die Wirtschaft fordert die Fachkraft der Frauen. Und wenn wir auf die Altersarmut schauen, dann ist politische Handlungskraft eigentlich größte Priorität, hier in die Gänge zu kommen und die Kinderbetreuungsplätze auch auszubauen.
Lukas:
Danke.
Wolf:
Ja, meine Position ist auch eine ganz klare. Wir haben also doch in der Vergangenheit zwei starke Frauen gehabt, die in der Regierung dafür verantwortlich waren. Das waren mal die Dr. Beate Palfrader und jetzt die Dr. Cornelia Hagele. Und die geben richtig Gas, wenn es um Kinderbetreuung geht. Und mein Ansatz ist auch, wir brauchen die beste Kinderbetreuung, die möglich ist und finanzierbar ist, weil die Frauen auch, wie die Frau Dr. Obermüller gesagt hat, heute natürlich im Arbeitsprozess bleiben wollen. Und für mich persönlich ist es auch wichtig, dass Frauen auch dem Beruf nachgehen können, weil sie dann auch selbstständig auch Pensionsjahre erwerben und dann die Altersarmut gerade bei Frauen damit gesenkt werden kann. Und das ist mir persönlich ein ganz großes Anliegen.
Der Ist-Zustand
Lukas:
Ich würde jetzt mal ganz kurz für alle Zuschauer und Zuschauerinnen umreißen, um was sich dieses Thema eigentlich dreht. Also in Tirol besuchen derzeit 33.000 Kinder eine elementare Bildungseinrichtung. Die Betreuungsquote bei Drei- bis Fünfjährigen liegt bei rund 97 Prozent, also sehr hohe Abdeckung wie in den anderen Bundesländern in Österreich eigentlich auch. Bei den Unterdreijährigen liegen wir bei ungefähr einem Drittel. Gleichzeitig, weil wir heute auch den Unterschied zwischen Stadt und Land und den Betreuungsmöglichkeiten diskutieren werden, gibt es große Unterschiede bei den Öffnungszeiten, bei den Ferienangeboten und bei den Elternbeiträgen, also je nach Gemeinde und Bezirk. Wenn Sie, Herr Wolf, jetzt mal die aktuelle Situation in einem Satz beschreiben müssten, was sagen Sie, wie steht Tirol bei der Kinderbetreuung gerade da?
Wolf:
Ich glaube, wir stehen insgesamt nicht schlecht da, aber wir haben uns das Ziel gesetzt, noch besser zu werden. Und ich orte Probleme, was die Kosten betrifft, vor allem in den Städten, weil dort sehr viele private Einrichtungen sich etabliert haben und in den ländlichen Gemeinden doch die Kommunen meist die Kinderbetreuungseinrichtungen betreiben. Und deshalb ist es für viele Menschen, die in den Städten sind, relativ teuer, Kinder betreuen zu lassen. Und dem müssen wir entgegenwirken.
Lukas:
Wie finden Sie steht Tirol gerade da?
Obermüller:
Ja, also ich sehe sehr wohl die Bemühungen der Landesrätin, hier in die Gänge zu kommen. Mir ist es ein bisschen zu viel Leuchtturm, was hier angekündigt wird, weil ja das schlussendlich jetzt ein bisschen so an den Kosten auch scheitert. Die Gemeinden stehen mit wenig finanziellen Mitteln da, mit wenig Möglichkeiten, das auszubauen. Es war, du hast angesprochen, die Situation mit den privaten Kinderkrippen. Ich glaube, eben vor 30 Jahren hat die Politik das verschlafen, diese Kinderkrippen zu etablieren, dass eben private Krippen entstanden sind. Und die Mütter haben sich einfach selber auf die Hinterfüße stellen müssen. Und dadurch ist das alles ein bisschen sehr kostspielig geworden. Natürlich, und ich sehe jetzt einfach einen sehr großen Wildwuchs in Tirol. Es gibt Gemeinden, die sich das leisten können, gratis Kinderbetreuung anzubieten. Beispielsweise Zams hat die Möglichkeit. Und es gibt einfach Gemeinden, wo die Kinderbetreuung sehr teuer ist. Also meine Heimatgemeinde hat bis vor kurzem ein ganzjähriger Kinderbetreuungsplatz in der Kinderkrippe 628 Euro gekostet. Das ist zu viel. Und das ist natürlich schwierig für Familien, wenn das von der Postleitzahl abhängt. Und das ist auch ein großer Standortnachteil, wenn die Kinderbetreuung teuer ist. Ich habe das auch in vielen Elterngesprächen gehört. Ich war Schulleiterin einer Volksschule. Und da sind definitiv auch Eltern weggezogen, weil sie gesagt haben, wir können uns die Kinderbetreuung in dieser Stadt nicht leisten. Die sind nach Niederösterreich gezogen, ins Burgenland, wo immer auch hin. Und es ist aufgrund der starken Nachfrage jetzt, ist es schwierig, die ganzen Versäumnisse ein bisschen aufzuholen. Es ist eine große Herausforderung. Und ich glaube einfach, dass sich Gemeinden zusammentun müssen, so in einer Art Kinderbetreuungsverband, wie in einem Krankenhausverband oder in einem Abwasserverband, wie auch immer, dass sie diese Herausforderung auch bewältigen. Weil es kann nicht eine Gemeinde mit 128 Einwohnern selber Kinderkrippe machen. Und es wird Kooperationen brauchen und Gemeinden werden zusammenstehen müssen. Aber eben, es gibt einen Wildwuchs. Es gibt bei den Betreuungseinrichtungen der Unterdreijährigen sehr viele private Einrichtungen. Und es ist ganz unterschiedlich. Die finanziellen Voraussetzungen für diese Einrichtungen sind sehr unterschiedlich, weil die Gemeinden unterschiedlich fördern. Vom Land gibt es klare Förderrichtlinien, aber dann brauchen sie auch noch die Unterstützung von den Gemeinden logischerweise. Und da gibt es sehr, sehr große Unterschiedlichkeiten. Und manche private Einrichtungen tun sich schwer zum Überleben. Manche können gut weitermachen und ein gutes Angebot leisten. Und manche tun sich eben schwer, hier zu überleben. Und da braucht es Einheitlichkeit.
Wolf:
Ich bin kein Freund, dass die Dinge ausgelagert werden. Kinderbetreuung ist eine ganz wichtige Aufgabe. Und ich bin fest der Überzeugung, das sollten die Gemeinden, Städte selber tun. Natürlich sehr großen Dank an die privaten Einrichtungen. Aber das ist eine ganz zentrale Frage. Und deswegen animiere ich alle in diesem Land Tirol politisch Verantwortlichen, zu sagen, das ist eine ganz zentrale Aufgabe. Wir machen ja auch Kanal und Wasser selber in den Gemeinden. Und das ist eine wichtige Frage. Und es stimmt, in meiner Gemeinde merke ich das. Es ist ein Standortvorteil. Junge Menschen bleiben dort, wo sie wissen, sie haben eine gute Kinderbetreuung. Dass wir jetzt zu wenig investiert hätten, glaube ich nicht. Wenn ich mir anschaue, in welche Projekte Tirols Gemeinden in den letzten Jahren massiv investiert haben, dann waren das Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen. Und das Land Tirol gibt ja jährlich 180 Millionen, schießt es an Personalförderung zu. Und wir sind ja auch eines der wenigen Länder, die das zweite Kindergartenjahr, sozusagen auch das zweite Gratis-Kindergartenjahr, aus Landesgeldern finanziert. Weil der Bund ja bekanntlich nur ein Kindergartenjahr finanziert. Und wir in Tirol, wir finanzieren das zweite Jahr.
Lukas:
Vielleicht könnte man der Bevölkerung mal ganz kurz erklären, wie die Finanzierung überhaupt abläuft. Weil da gibt es ja verschiedene Ebenen. Kann das jemand von Ihnen beiden vielleicht...
Wolf:
Gerne. Es gibt sozusagen das fünfte Lebensjahr, da zahlt der Bund sozusagen, refundiert Kosten. Ansonsten wird das über Landesförderungen, Gemeindesteuern oder -einnahmen und Betreuungsbeiträge finanziert in der Regel.
Obermüller:
Aber darf ich da noch etwas ergänzen? Gerade weil du angesprochen hast, du glaubst nicht, dass ihr da säumig seid. Da ist nicht das Land säumig. Das liegt schon an den Gemeinden. Ihr haltet ja sehr viel von der Gemeindeautonomie, dass die Gemeinden das selber entscheiden können oder das selber gestalten können. Ich nehme das oft in den Gemeinden wahr. Wenn es jetzt private Kinderkrippen gibt, sagen sie: Ja, jetzt machen wir aber keine öffentliche dazu, weil dann würde man ja eine Zweiklassengesellschaft erzeugen. Und jetzt lassen wir, jetzt unterstützen wir die Privaten, dass die weiter machen können. Aber das ist natürlich, die Privaten haben selber Gestaltungsspielraum, wie viel sie verlangen können. Und das ist manchmal nicht leistbar für Familien. Also es ist ein bisschen schwierig. Und bei dieser Anmeldeplattform FRIDA ist ja jetzt gleich, ganz am Anfang, bei einer Maske auszuwählen: Wollen Sie eine öffentliche Einrichtung oder eine private Einrichtung? Viele Gemeinden haben einfach keine öffentliche Einrichtung und die Eltern haben keine Wahlmöglichkeit, ob sie öffentlich ist oder private, weil es nur private gibt. Also es ist ein bisschen schwierig. Vielleicht hätte das Land früher schon ein bisschen eingreifen oder steuernd eingreifen sollen.
Wolf:
Aber ich habe es selbst in meiner Gemeinde erlebt, da haben auch Frauen eine Kinderkrippe gegründet, aus dem Bedarf heraus. Und dann hat es halt irgendwann die Gemeinde übernommen. Das machen wir jetzt zu unserer Aufgabe. Jetzt will ich nicht, wenn es private, historisch gewachsene auch Träger gibt, dann sollte man sie nicht beiseite stellen. Die machen es ja gleich gut inhaltlich. Nur ich glaube, dass es politisch Verantwortlichen in den Gemeinden schon bewusst sein muss, das ist eine zentrale Aufgabe, die die Kommune selber lösen muss. Und bei der Zusammenarbeit gebe ich dir vollkommen recht. Bei kleinen Gemeinden gehört hier eine Zusammenarbeit getätigt und die Öffnungszeiten entsprechend ausgeweitet.
Wer ist FRIDA?
Lukas:
Jetzt gibt es ja bis 2026 einen Rechtsanspruch. Also im Herbst 2026 soll in Tirol ein Rechtsanspruch auf Vermittlung eines Betreuungsplatzes ab dem zweiten Geburtstag jedes Kindes gelten. Das bedeutet, die Eltern haben Anspruch, dass ein Platz angeboten wird. Aber, soweit ich das verstanden habe, muss das gar nicht zwingend am Wohnort sein und auch nicht an bestimmte Öffnungszeiten gebunden. Ist das richtig? Was erwartet die Menschen da?
Wolf:
Deswegen hat man ja diese Plattform FRIDA gegründet, damit das Land eigentlich den Überblick hat: Wo gibt es überall Plätze, wo sind welche frei? Und es wurden sozusagen auch Menschen installiert, die sich dann darum kümmern. Wo gibt es hier Plätze, damit man den Eltern, den Erziehungsberechtigten anbieten kann, wenn die eine Einrichtung schon voll ist, dann vielleicht in der Nachbargemeinde gibt es noch diese Möglichkeit. Und das will man vermitteln.
Lukas:
Genau. Also nur, falls das jemand noch nicht kennt, vielleicht von den Zuhörern und Zuhörerinnen. Man kann sich also als Elternteil von einem Kleinkind auf der Plattform FRIDA anmelden und dort schauen, wo ist der Platz, den ich garantiert become.
Wolf:
Genau.
Obermüller:
Es ist sicher der richtige Weg in die richtige Richtung. Und das erste Jahr wird es ein paar Holpersteine gehen. Das müssen wir auch zugeben. Oder das muss man einem neuen Projekt auch zugestehen, dass es Adaptierungen braucht. Was ich nicht glaube, dass das mit 15 Minuten sich ausgeht, dass das in einer Fahrzeit von 15 Minuten möglich ist, immer und überall. Und Sie haben das angesprochen, die Herausforderung ist eben die unterschiedliche Öffnungszeit. Weil es am Land doch hauptsächlich nur Halbtagskinderkrippen und Halbtagskindergärten gibt. Und das ist noch eine große Herausforderung, das auszuweiten. Und es ist halt so, das ist immer ein bisschen so eine Spirale. Die Eltern wünschen sich, dass es ein gutes Angebot gibt. Und sie melden das Kind einmal an und sagen einmal vorsichtshalber nur Halbtag. Sie schauen sich einmal an, wie die Qualität ist und wie das funktioniert. Es wird ein bisschen dauern, bis die Eltern auch mutig genug sind, sich da darauf zu verlassen, dass es eine Kinderbetreuung gibt. Es wird sicher noch ein paar Jahre der Übergangszeit sein, bis das richtig gut angenommen wird.
Wolf:
Aber der Game Changer ist doch, dass wir jetzt auch Leute installiert haben. Das heißt, die Eltern oder der Erziehungsberechtigte ist nicht alleine da, dass er herum telefonieren muss bei 20 Einrichtungen. Deswegen ja diese Plattform und dass ich einen Ansprechpartner habe, der mir hilft, einen Platz zu finden. Das erwarte ich mir von diesem FRIDA-System, dass das auch funktioniert. Wir werden es jetzt sehen, es greift ja erstmals, aber es ist natürlich ein großer Anspruch. Werden wir schauen, ob es funktioniert, ich hoffe es sehr.
Obermüller:
Mir erzählen junge Mütter, die jetzt aus der Karenz zurückkommen... Und für viele ist ja ein Kind, die Geburt eines Kindes auch verbunden mit einem Wohnortwechsel. Die haben zuerst vielleicht in Innsbruck gewohnt und dann sind sie irgendwo durch Heirat in eine andere Gemeinde gekommen, dass sie jetzt bei der FRIDA schon angeben müssen, an welchen Tagen sie arbeiten. Aber viele müssen sich erst einen Job suchen und die wissen das nicht. Und viele, also diese Flexibilität ist noch nicht gegeben. Früher hat, oder es gibt ja viele Berufe, die nicht alle, jede Woche oder jedes Monat die gleiche Dienstzeit haben. Gerade Krankenpflegerinnen oder Altenpflegerinnen, die haben ja unterschiedliche Dienstzeiten und früher haben sie einfach sagen können, ja diese Woche bin ich am Montag, Donnerstag und Freitag oder ist mein Kind dort in der Kinderkrippe. Nächste Woche am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Und das war jetzt für alle nicht möglich. Und viele haben jetzt ihr Kind, die ganze Woche angemeldet, werden wahrscheinlich in den sauren Apfel beißen müssen, dass sie die ganze Woche zahlen müssen, weil es nicht möglich ist, flexibel zu reagieren. Aber hier wird man noch Anpassungen machen müssen und logisch. Aber es sind schon ein bisschen Holpersteine, die man aus dem Weg räumen muss.
Wolf:
Jetzt muss ich dann schon aus meiner Position auch sprechen, als Bürgermeister, der ja auch, ich habe drei Kindergärten in meiner Gemeinde, eine Kinderkrippe, also mehrere Gruppen. Aber es muss ja auch planbar sein für den. Ich brauche ja entsprechend geschultes Personal. Wenn ich nicht weiß, wie viele Kinder da morgen sind, ich habe eine gesetzliche Vorgabe von Gruppengrößen, bei Kinderkrippen 10 derzeit und bei Kindergärten. Es muss irgendwie planbar sein, weil es geht ja nicht, dass ich eine Kindereinrichtung habe und dann habe ich kein Personal oder zu wenig.
Obermüller:
Dass man sagt, drei Tage in der Woche brauche ich das, ist jetzt nicht mehr möglich, wenn man die genauen Tage nicht mehr weiß. Und früher haben Krippen schon ein bisschen flexibel darauf reagieren können.
Wolf:
Das ist ja heute noch so, ich brauche in der Kinderkrippe mich nicht jeden Tag anmelden.
Obermüller:
Ja, ja, aber wenn ich nicht weiß, an welchem Tag ich das definitiv brauche… Aber das sind Kleinigkeiten, das sind es für junge Mütter nicht, aber da wird man sich noch Dinge überlegen müssen.
Wolf:
Aber noch einmal, planbar muss es sein. Ich kann einfach, dann habe ich morgen keine Kinder, übermorgen habe ich doppelt so viel wie zulässig ist. Es muss irgendwie planbar sein und ich glaube, dass man auch von einer Erziehungsberechtigten schon verlangen kann, dass ich das plane. Ich muss ja den Umgang mit dem Kind auch planen.
Obermüller:
Schon, aber wenn sie noch nicht einmal wissen, wo sie arbeiten oder wenn sie gerade auf der Arbeitssuche sind, stellt sich die Frage, wie verlässlich ist diese Voranmeldung? Wird sich herausstellen.
Lukas:
Es ist gerade der Begriff Personal gefallen und am Personal hängt ja viel. Selbst wenn man politisch plant und Plattformen aufbaut, hängt ja viel davon ab, dass das auch von Menschen vor Ort umgesetzt wird. Und das mit dem Personal ist ja in vielen Bereichen zurzeit eine große Herausforderung und ebenso in der Pädagogik und vor allem auch in der Elementarpädagogik. Wie planen Sie den Job attraktiver zu machen? Wie schaut es derzeit aus mit Personal? Gibt es da Überlegungen, wie man die ganze Situation befruchten kann?
Wolf:
Ja, also zunächst brauchen wir entsprechende Ausbildungszentren. Die haben wir in Tirol. Und wir planen den Job schon noch etwas attraktiver zu machen. Die Frau Landesrätin und die Regierung hat angekündigt, dass sie also auch jetzt demnächst Teamstunden bezahlen werden. Das heißt also zwei Stunden die Woche zusätzlich kriegt das Personal bezahlt, wo sie in Teamsitzungen auch die Dinge vorbereiten können. Und das ist doch eine wesentliche Verbesserung auch in der Bezahlung des Personals, die sicher auch dazu führen wird, dass wir vielleicht mehr Personal kriegen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass im Elementarbereich viele junge Damen vornehmlich auch einsteigen. Ich habe nur einmal einen Mann gehabt. Das hat übrigens der Einrichtung sehr gut getan. Und die jungen Damen haben dann auch selbst Familienplanung, kommen dann aber meistens nach der Karenzzeit zurück und bleiben dort auch Teilzeit oder wie es ihnen halt geht. Ja, wir müssen uns bemühen, gutes Personal für die Elementareinrichtungen, Bildungseinrichtungen zu bekommen. Aber wir haben auch viele junge, engagierte Damen und auch Herren, die das wollen, in diesen Beruf einzusteigen.
Lukas:
Was ist denn gerade der Betreuungsschlüssel eigentlich für die Zweijährigen zum Beispiel?
Obermüller:
Zwölf, glaube ich.
Wolf:
Soweit ich weiß.
Obermüller:
Also das kommt davon, wenn es eine gemischte, altersgemischte Gruppe ist. Das hängt an mehreren Kriterien. Das hängt auch davon ab, ob Kinder mit Unterstützungsbedarf drin sind.
Wolf:
Und wie alt die sind.
Obermüller:
Aber darf ich vielleicht zur Ausbildung noch etwas Kurzes sagen? Also heuer, also im Herbst startet ja der erste Bachelor-Lehrgang an der PHT. Ich finde das eine sehr gute Möglichkeit, einfach das Berufsbild zu attraktivieren. An vielen Entscheidungen ist es sicher gelegen, also den Weg nicht einzuschlagen, weil es eben nicht akademisiert war. Und ich glaube, dass es für alle, für Assistenzpersonal, für pädagogisches Personal, die wirklich, eine breite Ausbildungspalette gibt, wo sie wählen können. Und das finde ich einen guten Weg, dass das zusätzlich noch gemacht wurde.
Lukas:
Und es gibt ja neue Ausbildungswege für Assistenzkräfte.
Obermüller:
Ja, da muss ein bisschen vereinheitlicht werden. Das ist noch relativ unterschiedlich. Und zur Attraktivität des Berufs zählt sicher auch, dass es einheitliche Dienstverträge gibt. Da sind wir in Tirol auch noch ein bisschen wirr unterwegs. Oder da gibt es auch sehr viele unterschiedliche Formen. Die anderen haben weniger Arbeit mit dem Kind und mehr Vorbereitungszeit. Die anderen haben mehr Arbeit beim Kind und weniger Vorbereitungszeit.
Wolf:
Das sind die alten Kindergartenverträge.
Obermüller:
Das sind die alten Verträge.
Wolf:
Vor 2006. Aber da war es rechtlich nicht möglich, in die einzugreifen. Das war so ab 2006, da haben wir dann...
Obermüller:
Aber das wird sich dann auch irgendwann ergeben. Aber das zählt dann, es soll jede Kindergartenpädagogin in Tirol die gleichen Voraussetzungen haben.
Lukas:
Und die, die bereits vor 20 Jahren zu arbeiten begonnen haben, die haben diese alten Verträge. Und da schaut man, dass die jetzt auslaufen.
Wolf:
Die haben eine Vollbeschäftigung mit 36 Stunden gehabt, inklusive Vorbereitungszeit. Und das hat man dann ab 2006 erhöht.
Obermüller:
Also im elementarpädagogischen Bereich ist es so, dass die alten Verträge attraktiver waren wie die neuen. Beispielsweise, im Gesundheitsbereich ist es umgekehrt. Aber da wird man eine Harmonisierung anstreben, gehe ich davon aus.
Lukas:
Darf ich noch ganz kurz bei diesen Betreuungsmöglichkeiten auf die Ferienfrage eingehen, bevor wir zur Finanzierung wechseln? Weil die Ferien ja für viele in der Bevölkerung eine große Herausforderung sind mit unseren fünf Urlaubswochen. Was ist da geplant, dass man das in Zukunft noch ein bisschen leichter macht für vielleicht arbeitende Mütter, Väter, wer auch immer die Betreuungsleistung übernimmt?
Wolf:
Ja, schauen, dass wir VIF-konforme Einrichtungen haben. VIF-konform heißt, dass man bestimmte Wochen im Jahr auch offen haben muss, bestimmte Tageszeiten offen haben muss. Ich glaube, wir müssen uns bemühen, einfach möglichst über das ganze Jahr hier Angebote zu schaffen. Das tut das Land ja schon. Es fördern die Gemeinden bei Ferienangeboten, ob das im Schul- oder im elementarpädagogischen Bereich ist. Und hier haben wir auch alle Kraft hineinzugeben, die wir haben, um das noch besser zu machen. Ich sage das, wie das ist. Auch wir haben kein schlechtes Niveau. Ich bin sehr dankbar der Arbeiterkammer, die gerade im Schulbereich sehr viel macht im Sommer mit Unterstützung auch des Landes. Aber wir müssen hier schauen, wie wir die Rahmenbedingungen noch verbessern können. Weil vor allem bei Alleinerzieherinnen ist es dann schon schwierig, wenn man fünf Wochen Urlaub hat. Bestenfalls, wenn man länger irgendwo ist, sechs Wochen. Und dann schließen die Einrichtungen. Da müssen wir besser werden.
Lukas:
Ich glaube, da besteht vielleicht einer der größten Unterschiede zwischen Stadt und Land. Denn in der Stadt ist es wohl noch einmal einfacher, eine alternative Betreuung zu finden, als wie in einem Dorf in Osttirol, sage ich jetzt mal.
Obermüller:
Ich glaube, das hängt an den Bürgermeistern. Es hängt vom Willen der Bürgermeister ab. Der Kollege Riedl hat erzählt, dass sich die Wipptaler Gemeinden vom Oberen Wipptal zusammengetan haben und hier einen Verband gegründet, so quasi Ferienbetreuung entwickeln, gemeindeübergreifend. Es hängt immer am Engagement einzelner Bürgermeister und Bürgermeisterinnen ab.
Wolf:
Und am besten ist, wenn Frauen auch im Gemeinderat sind, die selber Kinder haben, im Schul- oder im elementarpädagogischen Bereich, weil die dann immer auch mahnen, das ganze Gremium, über alle Parteigrenzen hinweg, die zeigen mit dem Finger drauf, wo es besser werden muss.
Obermüller:
Und man liest immer wieder von Interviews, wo Bürgermeisterinnen sagen, wir haben kein Problem mit der Kinderbetreuung, wir haben alles, wir haben alle Angebote. Das zeugt natürlich davon, dass Frauen wissen und das Problem besser wissen, wahrscheinlich als Männer.
Wolf:
Ich glaube, dass es ja wirklich intelligent ist, als Lokalpolitiker zu schauen, dass man eine gute Betreuung hat, dass sich das lohnt.
Obermüller:
Genau.
Wolf:
Dass sich das lohnt.
Obermüller:
Es ist definitiv so, da gibt es viele Berechnungen, jeder investierte Euro in Kinderbetreuung zahlt sich doppelt aus. Also in Steuerleistungen, in positiven Steuerleistungen, eben am Arbeitsmarkt, an der Finanzkraft der Familien. Es zahlt sich aus, aber natürlich dauert es ein bisschen. Und ja, es braucht noch ein bisschen Überzeugungskraft. Natürlich, wenn die Gemeinden finanziell unter Druck sind, ist es schwierig, dass sie da voll in die Gänge kommen. Und jetzt im Rahmen der Reformpartnerschaft, wo vielleicht ein bisschen Zuständigkeiten verschoben werden, vielleicht wird es dann planbarer für die Gemeinden. Ich hoffe es, dass hier doch Bahnbrechendes gelingen kann.
Lukas:
Geht man eigentlich auch manchmal in andere Bundesländer und schaut sich die Modelle dort an und lernt voneinander innerhalb von Österreich?
Wolf:
Ich habe mir die angeschaut in Niederösterreich, weil dort sind die Elementarpädagog:innen Landesangestellte. Ich habe nicht feststellen können, dass es in Niederösterreich wesentlich besser ist wie bei uns in Tirol, weil in Tirol sind es ja Gemeindeangestellte. Ich glaube dann nicht, dass der Dienstgeber es ausmacht, ob es besser oder schlechter ist. Ich glaube, dass es einfach das Angebot ist. Wir müssen das Angebot erweitern, Öffnungszeiten erweitern und genug Personal finden, die diesen Beruf ausüben wollen.
Obermüller:
Was ich glaube, auch meine Erfahrung als Schulleiterin, die Kinder, viele Kinder werden immer bedürftiger. Viele Familien haben oft nicht mehr das Potenzial, Kinder ausreichend zu unterstützen in ihrer Entwicklung. Und Kinder kommen schon mit vielen Defiziten in unsere Bildungseinrichtungen. Und deswegen ist es einfach schwieriger für Kindergartenpädagoginnen allen gerecht zu werden. Und ich habe gerade gestern mit Kindergartenpädagoginnen gesprochen: Sie wünschen sich, dass das einfach Standard wird, dass eine Pädagogin ist oder zwei zusätzliche Assistentinnen, nicht nur eine, weil sie sagen, viele Defizite kommen erst so nach ein paar Tagen zum Vorschein bei den Kindern. Und dann ist es ein großer bürokratischer Aufwand, hier noch Unterstützungsstunden zu bekommen, eben weil ein Kind besonderen Unterstützungsbedarf hat. Sie sagen, am besten wäre es, am liebsten wäre ihnen, wenn sie einfach zu dritt in jeder Gruppe wären, dann würden sie dem gerecht werden. Und dann würde für sie der ganze bürokratische Aufwand wegfallen, da immer wieder neue Ressourcen anzufordern, darum zu betteln, sie brauchen da noch Unterstützung, sie brauchen da noch Unterstützung. Also das wäre der Wunsch. Natürlich ist es jetzt noch schwierig, weil die Personalsituation noch nicht zufriedenstellend ist. Aber Ziel sollte es sein. Und ich glaube, in der Politik ist es immer wichtig, Ziele vor Augen zu haben, dass man weiß, dort wollen wir hin und das soll unser Standard werden.
Lukas:
Man muss ja sagen, das ist ja eine sehr herausgeforderte Generation von Kindern, weil es die Ersten sind, die mit so viel Digitalisierung um sich herum aufwachsen. Und dass ja ganz viele Menschen merken, dass mit den Kindern auf der ganzen Welt was passiert, was vorher noch niemand irgendwie wahrgenommen hat. Und das merken die Pädagog:innen natürlich auch.
Obermüller:
Absolut, absolut. Die Medienkinder sind unkonzentriert. Auge-Hand- Koordination, motorische Fähigkeiten. Da müssen wir so viel nachschulen. Denn Kinder können oft in der Schule, also ich habe das sogar in der Schule erlebt, dass Kinder nicht mit Messer und Gabel essen können. Dass die mit Fingern essen. Pädagog:innen können viele Geschichten erzählen.
Wolf:
Aber Kinder brauchen auch oft einmal eine Zeit für die Entwicklung. Ich bin also nicht ein Freund, dass ich jedes Kind gleich in einem Bereich zum Handicap-Kinder erkläre. Weil oft braucht es einfach auch eine Entwicklung. Und ich glaube, es ist auch wichtig zum Beispiel für Einzelkinder, die Sozialisierung hier und das Teilen lernen und keine Ahnung was in diesen Einrichtungen.
Über Frühförderung und Wahlfreiheit
Obermüller:
Aber ich möchte den Eltern, die immer noch zweifeln, ob das schon eine gute Entscheidung ist, wenn sie ein Kind so früh in eine Kinderbetreuungseinrichtung geben, möchte ich schon irgendwie den Mut zusprechen: Es gibt mittlerweile viele Studien, die sagen, wenn es eine gute Kinderbetreuungseinrichtung ist, dann entwickeln sich kognitive Fähigkeiten einfach besser. Das mathematische Denken wird gestärkt. Die sprachlichen Fähigkeiten sind ganz hervorzuheben, weil allein daheim, die Mutter wird nicht immer Zeit haben, mit dem Kind sich zu unterhalten. Und wenn das Kind mit vielen Gleichaltrigen beieinander ist, da entwickelt sich das einfach besser. Die sprachliche Fähigkeit und vor allem auch die emotionalen Fähigkeiten. Also Mütter sollen sich von diesem schlechten Gewissen verabschieden, dass sie ihr Kind so früh in eine Betreuungseinrichtung geben. Und den Appell möchte ich wirklich an alle richten. Und die Zeit, die sie dann mit ihren Kindern verbringen, das ist dann eine qualitätsvolle Zeit. Also die sollen sich dann wirklich dem Kind widmen. Und dann ist das Kind in besten Händen und die hat die besten Voraussetzungen für sein Leben, denke ich.
Wolf:
Also ich bin ein Freund der Wahlfreiheit. Mütter sollen selbst entscheiden können.
Obermüller:
Ja, natürlich.
Wolf:
Oder die Eltern, ob sie es in eine Einrichtung und wann sie es in eine Einrichtung tun. Jedenfalls glaube ich auch nicht, dass die Mutter dann alleine mit dem Kind zu Hause sitzt, sondern auch natürlich in der Gesellschaft unterwegs ist. Aber an und für sich, glaube ich, sollte man einfach das Angebot schaffen und dann kann jeder für sich selber entscheiden. Und natürlich solche Einrichtungen, elementarpädagogische Einrichtungen, bewirken viel in der Gemeinschaft. Wie gesagt, das soziale Miteinander. Wenn man Kinder hat mit Migrationshintergrund, auch das Erlernen der Sprache… hat natürlich viele, viele Vorteile.
Lukas:
Bevor wir jetzt zum Ende kommen, würde ich gerne ganz kurz noch einmal zu den Bundesmitteln kommen, damit auch diese Frage für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer geklärt ist. Es gibt ja noch österreichweite Ausbaumittel, die noch nicht genutzt wurden, wo aber die Regierung sagt hat, wir werden die jetzt in den nächsten Jahren noch abrufen und die Mittel ausschöpfen. Herr Wolf, würden Sie uns vielleicht ganz kurz darlegen, um welche Summen es da geht und was mit denen geplant ist?
Wolf:
Das weiß ich jetzt nicht aktuell, um welche Summen wir da noch...
Obermüller:
Bei den 43 Prozent wurden ausgeschöpft.
Lukas:
Genau, 38 Prozent der Ausbaumittel sind noch nicht genutzt und noch nicht abgerufen von den Bundesfördermitteln und es hat von Ihrer Partei immer geheißen, das wird noch passieren, das wird in den nächsten Jahren, das sind Mittel für den Ausbau zur Kinderbetreuung und zur Sprachförderung, die der Bund zur Verfügung stellt.
Wolf:
Ja, da bin ich das beste Beispiel. Ich baue gerade einen Kindergarten und eine Kinderkrippe, also sieben Kindergartengruppen und vier Kinderkrippengruppen und freue mich über jeden Zuschuss, den ich von Wien bekomme. Und was die Sprachförderung betrifft, da hängt es natürlich dann auch oft einfach von den Kindern ab. Wir haben ja sehr gute Pädagoginnen und Pädagogen, die dann sagen, ich brauche eine Sprachförderung in meiner Gruppe oder ich brauche da was. Das läuft sehr gut, da habe ich größtes Vertrauen.
Obermüller:
Ja, zur Sprachförderung muss ich anmerken, da haben wir noch zu wenig ausgebildete Sprachförderpädagog:innen. Auch da besteht noch Nachholbedarf. Und zu den Mitteln muss man sagen, zum Glück bleiben die liegen und…
Wolf:
Verfristen nicht.
Obermüller:
Verfristen nicht. Also man kann sie auch noch abholen, wenn das Jahr schon abgelaufen ist oder die Jahre schon vorbei sind. Und zum Glück ist das so, ja.
Wolf:
Aber wie gesagt, ich glaube, es ist schon relativ viel in die Infrastruktur investiert worden. Es gibt natürlich immer wieder neue Projekte in den Gemeinden, weil Einrichtungen zu klein oft werden, weil einfach mehr Menschen auch bereit sind, das Kind früher in eine elementarpädagogische Einrichtung zu geben. Das ist gut so, finde ich.
Obermüller:
Ja, es ist gut so und man muss auch wirklich zugestehen den Eltern, es ist ja gar nicht mehr möglich. Sie überleben ja wirtschaftlich gar nicht, wenn beide Elternteile nicht arbeiten gehen. Also es müssen ja beide Elternteile arbeiten gehen. Aber was ich jetzt in diesem ganzen Prozess, womit ich nicht zufrieden bin mit dem Land, ist, dass jetzt den Gemeinden wieder fünf Jahre Übergangsfrist gewährt wird, dass sie die Elternbeiträge harmonisieren. Also das ist schwierig, weil es eben wirklich eine Standortfrage ist. Oder warum soll die Mutter im Unterland oder die Eltern im Unterland mehr zahlen wie im Oberland? Oder es sollen leistbare Beiträge sein. Dass es nichts kostet, da sind wir noch weit davon entfernt, können wir uns nicht leisten, können wir in einigen Jahren vielleicht einmal darüber reden. Aber dass ein bisschen so eine halbwegse Einheitlichkeit bei den Elternbeiträgen besteht, das würde ich mir schon sehr wünschen.
Wolf:
Da reden wir von den Beiträgen bei Kinderkrippen.
Obermüller:
Kinderkrippen, ja.
Wolf:
Kindergarten haben wir ja ein Jahr sozusagen zahlt das Land, ein Jahr zahlt der Bund. Beim Kindergarten ist uns ja auch versprochen worden, dass der Bund das zweite Jahr auch finanziert. Dann könnte das Land quasi das dritte Jahr finanzieren. Und bei den Kinderkrippen hat die Frau Landesrätin mit dem Tiroler Gemeindeverband etwas sehr Intelligentes vereinbart. Und zwar möchte man dort den Zielwert des Landes, das ist ja 1,20 Euro die Stunde in der Betreuung. Und es wird für jene Einrichtungen, die sich an diesen Zielwert halten, dann höhere Personalförderungen geben. Und Frau Dr. Obermüller, dann wird es relativ schnell gehen mit der Harmonisierung. Davon bin ich überzeugt. Wenn es ums Geld geht, dann passen sich sehr viele Gemeinden an.
Obermüller:
Gut. Ich lasse mich überrascht. Ich darf noch richtigstellen, ich bin keine Frau Doktor.
Spiegelmoment
Lukas:
Aber Sie wirken vielleicht wie eine Frau Doktor. Nehmen wir es als Kompliment. Danke, damit sind wir auch beim Ende angekommen. Bevor wir ganz zum Schluss uns noch verabschieden, gibt es den Spiegelmoment, in dem wir ein Argument des Gegenübers, das wir gehört haben, wertschätzend wiederholen. Ob es jetzt ganz unserer Meinung entspricht oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Ich würde Sie, Herr Wolf, bitten: Was haben Sie von Ihrem Gegenüber gehört, was Sie heute wohlwollend einordnen und gern in eigenen Worten nochmal wiedergeben möchten.
Wolf:
Ja, die Frau Klubobfrau Obermüller, man merkt, dass sie pädagogisch sehr gut ausgebildet ist. Das merkt man in ihren Äußerungen. Und was mir heute sehr gut gefallen hat, war ihr Appell an die Frauen und an die jungen Eltern, sich doch einzulassen auf eine instituelle Kinderbetreuung. Also nicht Scheu zu haben, die Kinder zu Hause zu haben, sondern in eine Kinderbetreuung möglichst früh zu geben, weil sie da relativ viel lernen. Dieser Appell hat mir sehr gut gefallen.
Lukas:
Dankeschön. Und liebe Frau Obermüller, was können Sie dem Herrn Wolf zurückgeben?
Obermüller:
Ich habe wahrgenommen, dass der Klubobmann Wolf in seiner Funktion als Bürgermeister doch sehr innovativ ist, dass er hier tatkräftig seine Kinderbetreuungseinrichtungen ausbaut und dass er das in seiner Verantwortung sieht und als ureigenste Aufgabe auch einer Gemeinde hier für Kinderbetreuung zu sorgen. Das hat mir sehr gut gefallen. Und diese Möglichkeit, dass die Gemeinden auch die privaten Kinderkrippen übernehmen könnten, nehme ich als gut gemeinte und gut gewollte Anregung auch mit. Danke.
Lukas:
Danke Ihnen beiden für das konstruktive Gespräch. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, dann lasst uns bitte ein Abo da oder eine gute Bewertung. Schickt uns eure Ideen und Vorschläge gerne auch für weitere Folgen und Themen an adlerohren@tirol.gv.at beziehungsweise auch an die Social Media Kanäle des Tiroler Landtags. Danke fürs Zuhören. Bleibt's demokratisch. Bis zum nächsten Mal, wenn wir uns wiedersehen. Servus, pfiat euch. Vielen Dank Ihnen beiden.
Wolf:
Vielen Dank.
Obermüller:
Vielen Dank.