Podcast mit Elmar Rizzoli | Tirols oberster Krisenmanager
„ins Land einihören“ | Folge 17
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung:
Dénes Széchényi (Moderator):
Muren und Lawinen, Hochwasser und bedrohte Brücken, Keller voller Wasser, Waldbrände, Stromausfall und Blackout. Krisen und Katastrophen werden immer komplexer und durch den Klimawandel auch heftiger und sie passieren öfter. Neben den Einsatzkräften wird bei Krisen und Katastrophen auch das Land aktiv. Vom Lawinenexperten über den Geologen bis hin zu Drohnenpiloten. Im Tiroler Zentrum für Krisen- und Katastrophenmanagement sind im Ernstfall mehr als 50 LandesmitarbeiterInnen im Einsatz. Mein heutiger Gast ist Elmar Rizzoli. Sie sind 56 Jahre jung und seit Februar 2021 oberster Krisenmanager des Landes und Leiter des Tiroler Zentrums für Krisen- und Katastrophenmanagement. Sie sind verheiratet und haben drei Söhne, mittlerweile glaube ich sogar erwachsen schon fast. Na ja. Herzlich willkommen. Gleich vorweg: Sie sind 24 Stunden in Alarmbereitschaft?
Elmar Rizzoli:
Ja, das kann man so sagen. Natürlich habe ich auch eine Urlaubszeit und bin vielleicht dann zu gewissen Zeiten im Jahr nicht in Tirol, aber wenn ich da bin, dann kann man das durchaus so sehen.
Job für die Allgemeinheit
Széchényi:
Jetzt ist schon wieder was passiert. So beginnen die Brennerromane von Wolf Haas. Wenn Sie in den Medien auftauchen, dann ist meistens auch etwas passiert. Als oberster Krisenmanager und damit Überbringer auch von schlechten Nachrichten - kein wirklich dankbarer Job oder doch?
Rizzoli:
Ja, ich sehe das schon als dankbaren Job. Ich glaube, man kann hier sehr viel für die Allgemeinheit tun und ich werde oft auf der Straße auch angesprochen. Bezeichnend war da mal ein Herr, der zu mir gesagt hat, er gratuliert mir, wie toll ich das immer mache, aber trotzdem sieht er mich nicht gerne im Fernsehen, weil er weiß, wenn ich auftreten muss, dann ist was passiert.
Széchényi:
Es ist vor kurzem wieder was passiert und zwar ein Großbrand in Seefeld. Das Hotel Klosterbräu hat dort gebrannt. Wie muss man sich da ihre Arbeit vorstellen? Vom ersten Alarm an: Was macht das Tiroler Krisen- und Katastrophenzentrum in solchen Fällen oder was hat's damals gemacht?
Rizzoli:
Erster Ansprechpartner ist hier das Landeswarn- und Lagezentrum - nicht zu verwechseln mit der Leitstelle Tirol. Die Leitstelle Tirol ist jene Einrichtung in Tirol, die mit Ausnahme der Polizei die Einsatzkräfte alarmiert, wenn Notrufe eingehen, wenn Brandmeldealarme eingehen. Das Landeswarn- und Lagezentrum ist der behördliche Teil, der rund um die Uhr besetzt ist, 365 Tage im Jahr. Dort werden diese eingehenden Meldungen einmal bewertet und so wie wir es jetzt neulich in Seefeld hatten, bei diesem Großbrand werden natürlich Ableitungen getroffen. Es werden die zuständigen Behörden wie Bezirkshauptmannschaft und verschiedenste Dienststellen bei uns im Landhaus informiert und gleichzeitig versucht man dann auch die Gemeinde, die Bürgermeisterin in diesem Fall, die ja hier die Einsatzleitung inne hat zu unterstützen.
Széchényi:
Das heißt, organisieren Sie oder koordinieren Sie dann auch die Einsatzkräfte?
Rizzoli:
Ja, das nicht. Das war ein reiner oder so gut wie ein reiner Feuerwehreinsatz. Das macht die Feuerwehr natürlich selbst, aber da ist auch aus unserem Haus natürlich bei solchen Ereignissen der Landesfeuerwehrinspektor vor Ort bzw. auch die Bezirksfeuerwehrinspektoren. Denen kommt hier eine wichtige Rolle zu bei der Einsatzbewältigung. Aber es geht ja da in diesem Fall, da wurde dann auch durch die Bürgermeisterin die Auslösung des AT Alerts angefordert. Und das ist eine Aufgabe, die unser Landesmann und Lagezentrum zu bewältigen hat. Hier ist dann die Warnnachricht abzustimmen mit der anfordernden Behörde. Welche Informationen, welche Verhaltenstipps gibt man jetzt der Bevölkerung mit, in welchem Bereich soll gewarnt werden? Es müssen gleichzeitig auch die Medien natürlich informiert werden. Und die Auslösung schlussendlich dann erfolgt auch im Lagezentrum.
Was Rizzoli selbst im Krisenfall zuhause hat
Széchényi:
Zum AT Alert, der ja seit letztem Jahr aktiv ist, kommen wir noch ganz genau. Eine andere Frage, die auch im Katastrophenfall sehr wichtig ist. Haben Sie persönlich zu Hause auch einen Vorrat für Krisen- und Katastrophenfälle? Was sollte jeder Bürger eigentlich zu Hause haben? Weil besonders beim Blackout, da ist es ganz wichtig, da kommt's auf die Bevölkerung drauf an und nicht so sehr auf die Einsatzkräfte, sondern da kommt aufs Verhalten der Bevölkerung an. Was muss ich haben?
Rizzoli:
Ja, wenn wir über ein Blackout Szenario denken, dann muss man sagen, da muss jeder bei uns im Land seinen Beitrag leisten können und da müssen wir einfach schauen, dass auch die Bevölkerung resilient genug ist. Da können sich nicht mehr Einsatzkräfte um jeden einzelnen, jede einzelne kümmern und deswegen ist es wichtig, dass man hier bevorratet, dass man auch den einen oder anderen Tag ohne den Besuch im Supermarkt auskommt, dass man entsprechend Nahrung zu Hause hat, die auch länger haltbar ist. Wenn man das vernünftig betreibt, dann kann man da durchaus Aktionen gut ausnutzen und dann halt schauen, dass man das dann vor Ablaufdatum verkocht und vielleicht bei der nächsten Aktion wieder etwas einkauft. Wir empfehlen da natürlich solche nicht verderblichen Waren oder Waren, die sehr lange Ablauffrist haben. Wasser natürlich, das hängt dann immer davon ab.
Széchényi:
Das wollte ich gerade fragen, was ist mit dem Wasser? Also, sollte ich auch Wasser lagern und bereithalten?
Rizzoli:
Ja, es ist natürlich unterschiedlich. Wir sind ja da in einem gesegneten Land in Tirol. Aber da oder dort braucht's dann schon auch Hebeanlagen oder ähnliches. Ich brauche mal das Wasser für mich. Zum Überleben ist es wichtig. Und dann brauche ich es natürlich, denken wir mal an die ganzen Sanitäranlagen, Toiletten und so weiter. Läuft das Wasser jetzt im Endeffekt in der Gemeinde wo ich bin ohne Zutun des Stroms alles aufgrund der physikalischen Gesetze und der Schwerkraft? Da haben wir natürlich schon sehr viele Vorteile in Tirol einfach, die von der Natur gegeben sind. Und dann darf man auch nicht außer Acht lassen, wenn man beispielsweise auf Medikamente angewiesen ist, dass man Medikamente zu Hause hat und jetzt nicht nur für die nächsten ein bis zwei Tage, sondern vielleicht auch für die nächsten 14 Tage. Sollte man auch Haustiere zu Hause haben - die gehören auch in so einer Phase natürlich versorgt und Hygieneartikel.
Széchényi:
Wie wichtig ist es, sich auch ein bisschen über die Nachbarn Gedanken zu machen?
Rizzoli:
Ich glaube, Nachbarschaftshilfe ist hier auch wichtig. Dass vielleicht einfach der Stärkere, den ein bisschen Schwächeren hilft, der vielleicht irgendwelche Beeinträchtigungen hat. Aber da ist es ja wichtig, dass eben jeder vorgesorgt hat, weil wenn ich auch vielleicht der Stärkere bin als wie mein Nachbar, ich muss einmal meine Familie auch versorgt wissen, dann kann ich natürlich auch Nachbarschaftshilfe leisten und darauf müssen wir bei einem Szenario wie ein Blackout auch zählen.
Széchényi:
Was haben Sie jetzt konkret bei sich zu Hause als Vorrat?
Rizzoli:
Ja, das sind eigentlich Nudeln, Mehl auf alle Fälle auch, Mineralwasser, Konservendosen, die sind ja auch so, dass sie sehr lange haltbar sind. Und da schauen wir dann schon immer wieder, wann sich die dem Ablaufdatum nähern, dass man sie dann auch verkochen und wieder neu einkaufen.
Komplexere Krisen mit teils unvorhersehbaren Folgen
Széchényi:
Wir haben es im Vorspann schon gehört: Die Krisen werden komplexer, sie werden häufiger, sie werden heftiger. Sie haben mal gesagt eben, sie werden komplexer. Was ist da darunter zu verstehen?
Rizzoli:
Ja, wir haben eigentlich beginnend so im Jahr 2015 uns schon mit komplexeren Themen, als wir jetzt vielleicht nur Naturgefahren auseinandersetzen müssen. Denken wir zurück 2015/16 - die Migrationskrise. Wir hatten dann von 2020 bis 2023 mit Corona die Pandemie zu bewältigen. Und wenn man so in die Risikobilder hineinschaut, es sind nicht nur das reine Hochwasser oder die Mure und vor allem diese Kaskadeneffekte beobachten wir, dass man eigentlich sich fast schwer tut zu beurteilen, wenn jetzt hier ein Ereignis ist, welche Auswirkungen hat das? Bezeichnend beispielsweise war ja das am Anfang der Coronakrise, was eigentlich mit der Pandemie selbst nichts zu tun hat, wie dieses Frachtschiff im Suez Kanal elf Tage quer gestanden ist und damit ja fast der Welthandel zu erliegen gekommen ist, weil es einfach eine sehr wichtige Transportroute vor allem Richtung Europa ist. Und da hat man mal gesehen auch diese Lieferketten, wie komplex die sind. Und das machen eben diese Szenarien so herausfordernd, dass man überhaupt rasch erkennen kann, wenn ein Ereignis eintritt, das jetzt vielleicht gar nicht ein wahnsinnig großes ist oder das man auf den ersten Blick nicht so als relevant beurteilt, was denn das dann vielleicht in weiterer Folge für Auswirkungen hat.
Széchényi:
Das waren diese Kaskaden, die sie gemeint haben, wie das alles sich auswirkt auf ein vielleicht internationales Ereignis oder nationales Ereignis direkt auf Tirol und auf die Tiroler Bevölkerung. Was heißt das für das Land? Was wurde da gemacht? Was haben Sie gemacht?
Rizzoli:
Ja, wir haben sehr viel gemacht. Wir sind sehr gut vernetzt.
Széchényi:
Sie bauen ja den Katastrophenschutz und den die Kriseninterventionen laufend aus.
Rizzoli:
Ja, ich glaube einfach "Kirchturm-Denken" ist jetzt im Krisenmanagement nicht angesagt und wir haben uns hier in den letzten Jahren sehr weit vernetzt, nicht nur in Österreich, sondern auch in den benachbarten Ländern. Denken wir an Bayern, Südtirol, aber auch an die Schweiz. Und das ist einfach ganz wichtig, um solche Szenarien mit denen wir heutzutage rechnen müssen, um die gut bewältigen zu können, da darf die Hilfe an einer Grenze, egal ob es jetzt eine Landesgrenze, eine Gemeindegrenze ist oder gar eine Staatsgrenze, nicht Halt machen. Und hier ist es einfach wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt und hier sind wir laufend dran und hier sind wir auch auf einem guten Weg. Gleichzeitig haben wir bei uns natürlich versucht, die Strukturen zu verbessern. Einerseits mal für ganz große Ereignisse die Landeseinsatzleitung deutlich breiter aufgestellt mit viel mehr Expertise als wie in der Vergangenheit. Aber andererseits auch haben wir eben die ehemalige Landeswarnzentrale zum Landeswarn- und Lagezentrum weiterentwickelt, weil es wird bei jeder Eintritt einer Katastrophe oder in der Krise eine Chaosphase geben. Das finden Sie in jedem Lehrbuch. Wichtig ist und meistens am Anfang ist diese Chaosphase. Deswegen ist man nicht schlecht vorbereitet, sondern das sagt einfach die Lehre - ohne Chaosphase geht keine Katastrophe ab. Gut ist man dann, wenn man die Chaosphase kurz halten kann und da ist es glaube ich wichtig, dass man auch außerhalb der Zeiten, wo Ereignisse passieren, ständig ein Lagebild über beispielsweise wichtige Infrastruktur im Land hat. Und das haben wir eben mit dem Ausbau der Landeswarnzentrale zum Landeswarn- und Lagezentrum vollzogen. Dass wir eigentlich tagtäglich wissen, wie schaut's denn mit der Infrastruktur bei uns im Land aus? Wie schaut's mit den Straßen aus, wie schaut's auf der Schiene aus? Wie schaut's mit dem Flugverkehr aus? Wie schaut's mit der Stromversorgung aus? Wie schaut's mit der Gesundheitsversorgung aus? Da haben wir einen großen Schritt gemacht und da sind wir nicht ganz alleine. Also in Österreich sind wir hier sicher Vorbild, aber wenn man da auch andere Bundesländer in Deutschland anschaut, die sind auch auf dem Weg und haben das auch nach uns jetzt so eingerichtet.
Was hinter den AT Alerts steckt
Széchényi:
Ein grenzüberschreitender AT Alert und damit sind wir wieder bei den AT Alerts, war im Sommer, glaube ich, ein Brand in Südtirol. Da wurde ein AT Alert im Oberland ausgelöst. Das zeigt eben auch: Diese grenzüberschreitenden Katastrophen machen vor Grenzen keinen Halt. Warum wurde damals in Nordtirol ein AT Alert ausgerufen, obwohl es in Südtirol gebrannt hat?
Rizzoli:
Ja, einerseits war da wichtig, dass es zwischen den Lagezentren von Südtirol und von uns in Tirol hier einen regen Austausch gibt, dass wir überhaupt mal gewusst haben, was ist denn passiert? Das war ein sehr großer Waldbrand im Bereich Latsch im Vinschgau. Wir haben dann die Meldungen bekommen über die Bezirkshauptmannschaft Landeck, dass sehr viele Bewohner, ja gerade im oberen Gericht eben die Feuerwehr anrufen, weil sie zwar keinen Brand sehen, aber Brandgeruch wahrnehmen. Und wir haben uns das dann angeschaut. Das war dann auch nachvollziehbar, auch wenn dieser Brand im Endeffekt 40-50 Kilometer entfernt war. Es war eine Südwetterlage, es hat quasi Föhn geherrscht und dieser Brandgeruch ist sehr massiv in den Bezirk Landeck gedrückt worden. Und wir haben uns dann entschlossen, eben in Abstimmung mit der Bezirkshauptmannschaft Landeck, dass wir hier eine Gefahreninformation ausschicken, also als Information für die Bevölkerung, dass eigentlich keine Gefahr besteht. Dass zwar dieser Brandgeruch wahrnehmbar ist, aber es braucht niemand Angst haben, es brauchen keine Maßnahmen ergriffen werden, sondern der ist auf einem Brand, den wir wissen und der in Südtirol gerade passiert zurückzuführen.
Széchényi:
Das Warnsystem AT Alert gibt es seit 2024. Bis jetzt wurde es sechs Mal ausgelöst. Unter anderem zuletzt bei einem Hotelbrand in Seefeld. Ich weiß, es ist eine ganz hochtechnische Angelegenheit, aber können Sie uns kurz erklären, wie denn das funktioniert?
Rizzoli:
Ich möchte vielleicht mit einem anfangen: Viele Leute sprechen immer, sie bekommen eine SMS. Das ist keine SMS. SMS bedingt, dass ich aktiv an eine Telefonnummer eine Meldung ausschicke. Und es hat ja da auch anfangs immer wieder Nachfragen gegeben, wie schaut denn das datenschutzrechtlich aus? Ja, wir wissen keine einzige Telefonnummer. Wir können auch nicht nachvollziehen, welches Handy das bekommen hat. Das können auch nicht die drei Mobilnetzbetreiber, sondern wir verfassen hier, entweder sind wir selbst die Behörde, die zuständige ist oder eine Bezirkshauptmannschaft oder eben der Bürgermeister, die Bürgermeisterin, wann die Bevölkerung zu warnen ist. Da wird festgelegt, in welchem Bereich ist die Bevölkerung zu warnen und welchen Text schicken wir aus. Und diese Meldung dann diese geographischen Daten gepaart mit dem Text werden dann an die drei Mobilfunkbetreiber von uns gesendet, elektronisch übermittelt und die schicken das dann an alle Sendemasten, die sich in diesem Warenbereich befinden. Und von dort aus bekommen dann die Handys, egal bei welchem Provider dieses Handy angemeldet ist, egal ob es ein österreichisches Handy oder ein im Ausland angemeldetes Handy ist, das Handy ist darauf vorbereitet, dass es diesen Alarm empfangen kann und bekommt ihn.
Széchényi:
Das war jetzt in Seefeld zum Beispiel einfach ein regional ausgelöster Alarm, den auch Gäste bekommen haben, den eigentlich jeder bekommen hat in diesem Großraum Seefeld.
Rizzoli:
Ganz genau. Das Wichtige ist also wer ihn bekommt, richtet sich nach der Örtlichkeit und nach nichts anderem. Hier haben wir in Seefeld beispielsweise kürzlich bei diesem Brand, da war es eben das Gemeindegebiet von Seefeld. Natürlich, die Technik lässt es nicht zu, dass der Empfang jetzt haarscharf an der Gemeindegrenze endet, sondern es strahlen diese Masten diese Warnmeldung aus, die sich im Gemeindegebiet - in diesem Fall von Seefeld befinden. Das ist natürlich, dass dann in Reith bei Seefeld oder vielleicht in Scharnitz auch ein Handy eingeloggt ist. Das ist, wenn man die Technik versteht, verständlich, dass das passiert. Wir sind da dabei auch mit dem Mobilfunkbetreibern und dem Innenministerium in Austausch, dass wir hier vielleicht noch schärfer werden können. Aber wir schicken ja auch immer natürlich Text mit, auf welches Gebiet sich diese Warnung bezieht und dann ist es auch wichtig - das ist nicht in jedem Bundesland in Österreich so umgesetzt wie in Tirol - dass wir immer einen Link mitschicken.
Széchényi:
Das wollte ich eben sagen, der Alert kommt einmalig, aber im Alert gibt's einen Link und dort wird dann laufend aktualisiert.
Rizzoli:
Genau, dort gibt's den Link. Wenn man den Link aufruft, kommt man auf eine Seite bei uns, wo es dann deutlich mehr Informationen gibt als in dieser kurzen Warnmeldung oder Information. Und diese Seite ist auch nicht statisch, sondern die ist dynamisch. Und wenn es hier zu Lageentwicklungen kommt, dann werden die dort auf dieser Seite entsprechend vermerkt und nachdem ja der Alarm am Handy erhalten bleibt, kann man immer wieder auf diesen Link drücken und damit kann man sich auch über den Fortlauf eines Ereignisses informieren.
Mögliche Gefahrenwarnung bei Hitze
Széchényi:
Es hat in diesem Winter einen AT Alert wegen Lawinengefahr gegeben. Kann es sein, dass man im Sommer einen AT Alert bekommt wegen Hitze?
Rizzoli:
Ja, also grundsätzlich ist es ein Warntool, wo unmittelbare Gefahr besteht. Ja, es ist sicherlich auch nicht generell vorgesehen, dass wir bei einer Lawinenwarnstufe vier, wie das jetzt im Winter war, auslösen, sondern da war es einfach die Gemengelage, da sind mehrere Faktoren zusammengekommen. Es war nicht so klassisch, dass rein die Gefahr für Tourengeher, wie es eigentlich bei uns fast jeden Winter üblich ist, bestanden hat. Sondern hier haben wir gesehen, wir haben relativ viele Tote innerhalb kurzer Zeit gehabt und wir haben dann gesehen, dass das eigentlich nicht so die klassischen Konsumenten unseres Lawinenreports oder ähnlicher Informationsquellen sind, sondern dass hier ganz andere Personengruppen betroffen sind und in Anbetracht der hohen Anzahl von Todesopfern haben wir uns dann entschlossen, damit wir wirklich jeden erreichen können und vor allem auch Touristen erreichen können, weil diese Meldung wird ja nicht nur auf Deutsch, sondern auf auch auf Englisch ausgesandt, dass wir da den Alert auslösen.
Széchényi:
Hitze wird dennoch ein Thema sein und es wird immer mehr ein Thema. Innsbruck ist auf dem besten Weg, die heißeste Stadt Österreichs zu werden. Was gibt's da für Vorkehrungen von Seiten des Landes gegen Hitze?
Rizzoli:
Ja, es gibt einerseits mal den Hitzeschutzplan, der einen Stufenplan vorsieht, wo vor allem in der ersten Phase, wir sind hier immer in enger Abstimmung mit der GeoSphere Austria, die ja für die Wetterprognosen in Österreich zuständig ist. Dort gibt's ja auch diese Wetterwarnungen mit den verschiedenen Warnfarben. Bei grün da ist alles in Ordnung. Dann gibt's die dreistufige Abstufung mit gelb, orange und rot. Und wir bekommen hier nachdem die inzwischen mit den Prognosemodellen doch einige Tage in die Zukunft blicken können, rechtzeitig diese Informationen und so eine Maßnahme beispielsweise des Hitzeschutzplan ist, wenn so eine Hitze-Phase abzuschätzen ist, wann gewisse Temperaturen wahrscheinlich in den nächsten Tagen erreicht werden, das auch über unser Lagezentrum dann vor allem Gesundheitseinrichtungen, Einrichtungen, wo vulnerable Personengruppen in Betreuung sind, dass die informiert sind, dass die ihrerseits Maßnahmen ergreifen können. Hitze wird in diesem Sommer sicher ein Problem bzw. ein Thema werden, aber die Klassiker Muren, Überschwemmungen und vor allem Waldbrände. Da gibt's ja auch schon, sagen wir mal Pläne, wie da vorzugehen ist und wie das Land da vorgeht. Ja, das sind natürlich Herausforderungen, wo wir jetzt schon sehen, dass die Ereignisse in den letzten Jahren, die wird's jetzt vielleicht gar nicht sagen, dass sie quantitativ massiv zugenommen haben, aber die Qualität der Ereignisse hat zugenommen. Gerade bei diesen Niederschlagsereignissen, Murenereignissen, da sehen wir doch einen deutlichen Trend dazu, dass wir jetzt nicht mehr diese Lagen übers ganze Land haben oder beispielsweise ist meistens Osttirol da wettertechnisch meistens getrennt zu beachten. Entweder haben wir Probleme in Osttirol und dafür in Nordtirol nicht oder umgekehrt. Aber wir sehen das, dass sie einfach die Gewitterzellen die letzten Jahre so intensiv bilden, dass es dann Gewittertürme sind, die mehrere Kilometer hoch sind, die aber nicht, wie man es eigentlich aus der Vergangenheit gewohnt war, dann irgendwo über das Land ziehen. Vielleicht dort auch einen Streifen der Verwüstung ziehen, sondern die sehr regional und sehr stationär bleiben. Denken wir zurück an den Sommer 2024 in St. Anton dieses Ereignis hier - sehr stationär regional ein Gewitterereignis, wo es über Stunden zu massivsten Niederschlägen gekommen ist und dann zu entsprechenden Murenabgängen, allein in St. Anton 100.000 Kubikmeter Geschiebe, was hier abgegangen ist. Wenn man sich das umrechnet, dann kann sich jeder glaube ich etwas vorstellen. Einen LKW, den wir so auf Baustellen sehen, 20.000 solcher LKW-Fuhren waren das und da gibt's mehrere Ereignisse. Wir hatten am gleichen Tag dann die Sellraintal-Landestraße sechs Meter hoch vermurt letztes Jahr in Gschnitz, wo das Mühlendorf zerstört worden ist. Diese Ereignisse, die punktuell auftreten und die sind jetzt in der Prognose sehr schwierig. Man kann zwar prognostizieren, dass die Wetterlage so etwas zulässt, nur man kann die genauen Örtlichkeiten nicht genau prognostizieren.
Neues Krisen- und Katastrophenschutzzentrum Schloss Mentlberg
Széchényi:
Sie haben es bereits erwähnt, ein Krisen- und Katastrophenschutzzentrum in Schloss Mentlberg entsteht, geht bald im Betrieb. Wie weit sind Sie da? Wann können Sie einziehen?
Rizzoli:
Ja, das wird im Sommer 2027 sein, also in gut einem Jahr. Die Abbrucharbeiten sind von Statten gegangen, von diesen Teilen, die abgebrochen worden sind und die Sanierungsarbeiten starten dieser Tage und es gibt hier einen straffen Zeitplan, aber wir haben bisher den Zeitplan gut eingehalten und gehen davon aus, dass wir hier dann wirklich im Sommer 2027 eine moderne Infrastruktur zur Verfügung haben.
Széchényi:
Das wird dann alle Stückeln spielen, technisch und baulich, nehme ich an?
Rizzoli:
Ja, vor allem technisch und natürlich baulich ist es auch ein schöner Reiz einerseits einmal durch die alte Architektur gepaart mit modernster Technik.
Széchényi:
Das Land setzt auch sehr auf Schulungen und dazu gehören, um das Bildungsangebot einfach auch zu erhöhen. Und ein Teil dieser Schulungen sind auch Katastrophenübungen. Zuletzt war es OLEX, eine länderübergreifende Übung gemeinsam mit dem Land Salzburg und sie dienen dem Zusammenspiel eben der einzelnen Organisationen: Feuerwehr, Polizei, Bergrettung und so weiter und so fort. Die letzte hat OLEX geheißen, die Grenzüberschreitung, aber es kommt jetzt eine ganz große, eine europäische Übung.
Rizzoli:
Ja, wir sind stolz darauf. Wir haben uns letztes Jahr beworben nach den europäischen Katastrophenhilfemechanismus. Es werden jedes Jahr zwei Übungsserien ausgeschrieben. Das ist so ein Zyklus, der erstreckt sich dann über zwei Jahre. Und wir haben hier den Zuschlag bekommen, wir waren das bestbewertetste eingereichte Projekt und wir freuen uns schon und sind da intensiv in den Vorbereitungen. Es gibt jetzt im Mai die erste Planungskonferenz bei uns hier in Tirol. Wir haben hier Partner aus mehreren europäischen Ländern. Also, es sind Deutsche dabei, es sind Slowenen dabei, es sind Tschechen dabei, Kollegen aus Griechenland, aus Spanien, aus Island und es wird auch von einer finnischen Universität wissenschaftlich begleitet. Natürlich unsere eigenen Einsatzkräfte auch. Wir üben hier ein Erdbebenszenario und vor allem das Zusammenwirken von kleineren internationalen Expertenteams. Das hat beispielsweise das Erdbebenereignis in Nepal gezeigt, dass es zwar sehr viele Spezialisten im Bereich Retten und Bergen bei Erdbeben gibt, aber, dass man eigentlich hier noch Luft nach oben hat, was dann das betrifft, die Bewältigung, wann das dann im alpinen Gelände ist. Weil meistens denkt man die großen Erdbeben wo auch europäische Teams im Einsatz waren, Türkei, Syrien, etc. da sind wir überall eigentlich in der Ebene. Und das wird sicher eine spannende Geschichte hier. Einerseits die Zusammenarbeit der lokalen Einsatzkräfte mit internationalen Kräften. Das ganze Anforderungsprozedere werden wir hier mit der EU durchspielen. Das Innerministerium ist natürlich auch mit an Bord als zuständige Stelle in Österreich und dann eben die Integration dieser internationalen Hilfskräfte von Spezialteams in unsere Einsatzstrukturen.
Verabschiedung
Széchényi:
Also eine spannende Übung, die noch sehr, sehr viel Vorbereitung und Organisation bedarf. Elmar Rizzoli, herzlichen Dank für das Gespräch. Danke für Ihren Besuch im Studio.
Rizzoli:
Gerne.
Széchényi:
Das war ein Podcast des Landes Tirol mit Elmar Rizzoli, oberster Krisenmanager des Landes und Leiter des Tiroler Zentrums für Krisen- und Katastrophenmanagement. Rizzoli hat zu Hause selbst einen Vorrat für zwei Wochen im Fall einer Krise. Ziel seiner Arbeit ist es, die sogenannte Chaosphase zu Beginn einer Katastrophe so kurz wie möglich zu halten und er steht mitten in den Vorbereitungen für eine große europäische Katastrophenschutzübung. "ins Land eini hören", den Podcast des Landes Tirol findet ihr auf tirol.gv.at/podcast, auf allen gängigen Podcast Plattformen und auf YouTube. Danke fürs Zuhören und fürs Zusehen. Bis zum nächsten Mal, sagt Dénes Széchényi.