Schutzwald als kritische Infrastruktur: Einheitliche Abläufe für den Ernstfall

Neustift zeigt am Beispiel der Sturmschäden von 2023 die Bedeutung von Schutzwaldpflege und Wiederbewaldung

  • Forstdienst, Wildbach- und Lawinenverbauung und Gemeinden arbeiten beim Schutz von Siedlungen und Verkehrswegen eng zusammen
  • Neuer Einsatzplan Waldschäden gibt dem Landesforstdienst klare Abläufe und Prioritäten vor

Schutzwälder sind ein wesentlicher Bestandteil der Sicherheitsvorsorge in Tirol. Sie schützen Siedlungen, Verkehrswege und wichtige Infrastruktur vor Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und Muren. Von den rund 522.000 Hektar Wald in Tirol erfüllen 72 Prozent Schutzfunktionen. Damit diese Wirkung dauerhaft erhalten bleibt, braucht es stabile, ausreichend verjüngte Bestände, laufende Pflege und im Schadensfall ein abgestimmtes Vorgehen. Anlässlich der Woche des Schutzwaldes wurde heute, Mittwoch, im Rahmen eines Pressetermins der neue Einsatzplan Waldschäden vorgestellt. Er legt intern Zuständigkeiten, Abläufe und Prioritäten für größere Schadensereignisse wie Sturm, Schneebruch oder Borkenkäferbefall fest.

„Schutzwald ist für Tirol kritische Infrastruktur. Er schützt Siedlungen und Verkehrswege. Gleichzeitig stehen unsere Wälder durch die Klimaveränderung zunehmend unter Druck – durch Sturm, Trockenheit, Schneedruck und Schädlinge. Deshalb investieren wir in seine Pflege und Wiederbewaldung und bereiten uns darauf vor, nach großen Schadereignissen rasch und abgestimmt zu handeln. Der neue Einsatzplan Waldschäden schafft dafür eine gemeinsame Grundlage“, betont Forst- und Sicherheitsreferent LHStv Josef Geisler. 

Sicherheit hat Vorrang

Nach einem Schadensereignis steht zunächst die Sicherheit von Bevölkerung und Einsatzkräften im Vordergrund. Gefahren an Siedlungen und Verkehrswegen müssen beurteilt, blockierte Infrastruktur und Wildbäche gesichert und gefährdete Bereiche gegebenenfalls gesperrt werden. Anschließend wird anhand der Schutzfunktionen und weiterer Kriterien festgelegt, welche Flächen vorrangig aufgearbeitet werden.

Dabei muss nicht jedes Schadholz unbedingt sofort entfernt werden. Liegende Stämme und Wurzelteller können an geeigneten Stellen dazu beitragen, die Schneedecke zu stabilisieren. Wo hingegen eine Gefährdung von Siedlungen oder Verkehrswegen besteht oder die Schutzwirkung beeinträchtigt ist, können Räumung, Wiederbewaldung oder weitere Maßnahmen erforderlich sein. Auch das Risiko von Folgeschäden, insbesondere durch Borkenkäfer, fließt in die Reihung ein. 

„Nach einem Sturm müssen wir rasch erkennen, wo der Wald seine Schutzwirkung verloren hat und wo zuerst gehandelt werden muss. Der Einsatzplan Waldschäden gibt dem Landesforstdienst und Systempartnern dafür klare Abläufe – von der Schadenserfassung bis zur Reihung der Maßnahmen“, erklärt Landesforstdirektor Harald Oblasser. 

Neustift als Beispiel für die Zusammenarbeit

Wie eng Schutzwald, Siedlungsraum und Naturgefahren zusammenhängen, zeigt das Gemeindegebiet von Neustift. Der Sturm vom Juli 2023 hinterließ dort zahlreiche Windwurfflächen und stellte Forstdienst, Gemeinde und WaldeigentümerInnen vor große Herausforderungen. „Die Aufarbeitung und anschließende Wiederbewaldung ist komplex und dauert mehrere Jahre an. Die Waldaufseher und die Bezirksforstinspektionen stehen den Betroffenen vor Ort für Beratung und Abwicklung zur Verfügung,“ erläutert Florian Riccabona, Leiter der zuständigen Bezirksforstinspektion.

Auch die Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) ist ein wichtiger Partner. Wo die natürliche Schutzwirkung des Waldes nicht ausreicht oder durch Schadereignisse beeinträchtigt ist, können technische Schutzmaßnahmen notwendig werden. „Ein stabiler Schutzwald und unsere Schutzbauten wirken in Neustift zusammen. Wenn ein Sturm Waldflächen beschädigt, prüfen wir gemeinsam mit dem Forstdienst, welche Folgen das für Siedlungen und Verkehrswege hat. So können wir gezielt dort Maßnahmen setzen, wo die Schutzwirkung beeinträchtigt ist“, erläutert Gebhard Walter, Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung Sektion Tirol. 

Auch die Gemeinden leisten einen wichtigen Beitrag zur laufenden Schutzwaldpflege. „In Neustift sehen wir unmittelbar, was ein funktionierender Schutzwald für unsere Siedlungen bedeutet. Der Wald ist uns wichtig. Deshalb setzen wir auch auf eigene Forstarbeiter in der Gemeindegutsagrargemeinschaft“, betont Bürgermeister Andreas Gleirscher.

Gemeinsame Grundlage für den Ernstfall

Der neue Einsatzplan setzt bereits vor einem Schadereignis an. Bei belastbaren Sturmprognosen sollen die forstlichen Stellen frühzeitig vorbereitet werden. Nach einem Ereignis erfassen die Waldaufseher die Schäden digital, sodass rasch ein Lagebild entsteht. Dieses bildet die Grundlage für die weitere Koordination auf Gemeinde-, Bezirks- und Landesebene. 

Im Einsatzfall arbeitet der Landesforstdienst eng mit dem Tiroler Zentrum für Krisen- und Katastrophenmanagement, den Bezirkshauptmannschaften, Gemeinden, der WLV, der Landesgeologie, den Baubezirksämtern und weiteren Partnern zusammen. Ziel ist es, verfügbare Ressourcen dort einzusetzen, wo die Schutzwirkung und die Sicherheit von Menschen und Infrastruktur besonders betroffen sind. 

„Der Schutzwald ist für Tirol unverzichtbar. Gerade dort, wo Siedlungen und Verkehrswege unter bewaldeten Hängen liegen, können wir es uns nicht leisten, Schutzwirkung über längere Zeit zu verlieren. Deshalb müssen wir Schäden rasch beurteilen, die richtigen Prioritäten setzen und gleichzeitig alles daransetzen, stabile und klimafitte Schutzwaldbestände zu erhalten und wieder aufzubauen“, fasst LHStv Geisler zusammen. 


Factbox: Einsatzplan Waldschäden – Gemeinsame Abläufe für große Schadereignisse

Der neue Einsatzplan Waldschäden ist ein praxisorientierter Leitfaden für den Landesforstdienst und seine Partner. Er legt fest, wer wann was tut, wie Schäden erfasst und Maßnahmen gereiht werden – von der Vorbereitung über den Einsatz bis zur Wiederherstellung.

  • Der Einsatzplan schafft einheitliche Abläufe für den Landesforstdienst und die Zusammenarbeit mit Gemeinden, Bezirkshauptmannschaften, WLV, Landesgeologie, Baubezirksämtern, dem Tiroler Zentrum für Krisen- und Katastrophenmanagement und weiteren Partnern.
  • WaldaufseherInnen erfassen Schäden nach einem größeren Ereignis digital und einheitlich. Damit entsteht innerhalb weniger Tage ein tirolweites Lagebild.
  • Der Forstdienst bringt seine Expertise in die Einsatzkoordination auf Gemeinde-, Bezirks- und Landesebene ein.
  • Ob Schadholz aufgearbeitet wird, hängt von der Situation vor Ort, Zumutbarkeit, wirtschaftlichen Aspekten und den Vorstellungen der Waldeigentümer ab.
  • Liegengebliebene Stämme, Wurzelteller und Baumreste können an geeigneten Stellen temporär zur Stabilisierung der Schneedecke beitragen, bevor eine schutzwirksamer Waldbestand heranwachsen kann. 
  • Wo Siedlungen oder Verkehrswege gefährdet sind oder Folgeschäden drohen, sind hingegen rasche Aufarbeitung und weitere Schutzmaßnahmen notwendig.

Klare Prioritäten im Ernstfall

  • Sicherheit von Bevölkerung und Einsatzkräften hat oberste Priorität. 
  • Danach werden jene Bereiche zuerst bearbeitet, in denen die Schutzwirkung des Waldes für Siedlungen, Verkehrswege und andere Infrastruktur besonders wichtig ist. 
  • Auch die Zugänglichkeit, das Ausmaß der Schäden und weitere Gefahren werden berücksichtigt. 
    • Nach Sturm- und Schneeschäden wird etwa auch das Risiko einer Massenvermehrung des Borkenkäfers berücksichtigt.
  • Bei der weiteren Reihung stehen Objektschutzwälder an erster Stelle, gefolgt von Standortschutzwäldern sowie Wäldern mit Erholungs- und Wohlfahrtsfunktion und Wirtschaftswäldern.