Wiesenvögel
Maßnahmen zum Erhalt der heimischen Wiesenvögel in ausgewählten Gebieten
Die Tiroler Kulturlandschaft beherbergt einen wesentlichen Teil der landesweiten Biodiversität*. Extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden verfügen nicht nur über eine große Fülle an Pflanzen- und Insektenarten, sondern bieten auch Nahrungs- und Bruträume für Spezialisten wie Wiesenvögel. Arten wie Braunkehlchen, Feldlerche oder Wachtelkönig sind bei der Standortwahl ihrer Nester von spät gemähten und strukturreichen Wiesen abhängig. Diese ein- oder zweimähdigen Wiesen waren bis vor Jahrzehnten weit verbreitet und sind nunmehr auf wenige Regionen beschränkt.
Durch spätere Schnittzeitpunkte können artenreiche Blumenwiesen entstehen und erhalten werden, die zahlreichen Insekten einen Lebensraum bieten, welche wiederum die Nahrungsgrundlage der Wiesenvögel darstellen. Die hohen Lebensraumansprüche des Braunkehlchens machen diese Art zu einer sogenannten „Schirmart*“ oder „Leitart*“ – wo man diese Art noch findet, kommt eine Vielzahl an verschiedenen Pflanzen und Insekten vor. Hier erfolgt eine traditionelle Bewirtschaftung und die Bäuerinnen und Bauern schaffen den Lebensraum, der die Vielfalt erst ermöglicht.
Durch die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und die geänderten landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsformen (frühere Mähzeitpunkte, mehrere Schnitte, intensive Düngung, Silowirtschaft, Entfernung von Landschaftselementen etc.) ist die Artenvielfalt (Biodiversität) in der Agrarlandschaft seit Jahren rückläufig. Dieser Rückgang ist auch anhand der Wiesenbrüter* wie Braunkehlchen und Feldlerche zu beobachten.
Laut aktuellen Daten der Vogelschutzorganisation BirdLife sind die Bestände der Braunkehlchen seit 1998 österreichweit um 56% zurückgegangen und in vielen Gebieten komplett erloschen. Für den Zeitraum 2013 bis 2018 wird der österreichische Brutpaarbestand mit 1000–1600 angegeben (Österreichischer Brutvogelatlas, 2023).
Im Atlas der Brutvögel Tirols (2022) wurde für das Jahr 2020 der Bestand auf 350 bis 450 Brutpaare geschätzt. Seither wurden weitere Abnahmen beobachtet, sodass in Tirol nur mehr von ca. 250–300 Paaren ausgegangen werden kann (Stand 2023).

Begriffserklärungen:
* Biodiversität: Vielfalt des Lebens - umfasst die ineinandergreifenden Bereiche Vielfalt von Ökosystemen, Artenvielfalt und genetische Vielfalt. Ein Lebensraum mit einer hohen Biodiversität ist produktiver und widerstandsfähiger gegen Störungen. Wir Menschen profitieren von unzähligen Leistungen und Gütern (Ökosystemleistungen) dank Biodiversität wie Bestäubung von Nutzpflanzen, Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Erholung, sauberem Wasser etc.
* Schirmart: Eine Schirmart stellt hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Der Schutz dieser Art sichert das Überleben einer ganzen Lebensgemeinschaft an Tieren und Pflanzen.
* Leitart: Eine typische Art für einen bestimmten Lebensraum.
* Wiesenvögel / Wiesenbrüter: Wiesenvögel sind Arten, für die Wiesen und teilweise auch Weideflächen wichtige Lebensräume darstellen. Die meisten Wiesenvögel bauen ihr Nest am Boden und können demnach auch als Wiesenbrüter bezeichnet werden.
Projektgebiete
Die Projektgebiete konzentrieren sich auf die wichtigsten Wiesenvogel-Brutgebiete in Tirol, wie z. B. Ehrwalder Becken, Gurgltal, Galtür, Nauders, Pfundser Tschey, Serfaus-Fiss-Ladis, Spiss, St. Jakob in Defereggen und Silz-Haiming-Stams, . Diese werden im Folgenden kurz vorgestellt.
Ehrwalder Becken:
Das Wiesenvogelgebiet Ehrwalder Becken befindet sich in einem weiten Talkessel im Bezirk Reutte auf rd. 960 m in den Gemeinden Ehrwald, Lermoos und Biberwier. Der Talboden ist flach, nur einzelne, bewaldete Hügel ragen über die ebene Fläche heraus. Ein Großteil der Fläche besteht aus einem bis in die 1930er Jahre weitgehend trocken gelegten Moorgebiet. Ein Teil der erhalten gebliebenen Feuchtflächen wurde 1991 unter Schutz gestellt und bildet mit einem im Norden des Beckens gelegenen Altarm der Loisach das Naturschutzgebiet Ehrwalder Becken.
Extensive Bewirtschaftung mit späten Mahdterminen sowie Verzicht auf Gülle und Kunstdünger ermöglichen die erfolgreiche Brut vieler Wiesenvögel. So beherbergt das Gebiet die größte lokale Braunkehlchen-Population Tirols mit 50-60 Revieren (Stand 2023). Neben Baumpieper und Feldlerche kommen hier außerdem Raritäten wie Wachtelkönig, Wachtel, Wiesenpieper und Schwarzkehlchen vor. Verschilfte Gräben und Hochstaudenfluren sind wichtige Strukturen für viele Vögel - unter anderem auch für typische Arten von Feuchtgebieten wie Feldschwirl, Sumpfrohrsänger und Karmingimpel.

Gurgltal:
Das Wiesenvogelgebiet erstreckt sich über den gesamten Talboden des Gurgltals zwischen den Gemeinden Imst, Tarrenz und Nassereith (Dormitz) auf 760 – 900m. Aufgrund der kleinstrukturierten und vielfach extensiven Bewirtschaftung fanden in dem rund 880 Hektar großen Gebiet einst Braunkehlchen und Feldlerche gute Lebensraumbedingungen vor. Mittlerweile sind beide Arten, insbesondere aufgrund eines vielfach zu frühen Schnittzeitpunktes und einer allgemein intensiveren Grünlandnutzung, weitgehend verschwunden. Dafür breitet sich das Schwarzkehlchen zunehmend im Gebiet aus. Allgegenwärtig im Tal sind Goldammern, die die vielen Städel gerne als Singwarten nutzen. Dort wo Streuobstwiesen oder kleinere Gehölze vorhanden sind, kann man auch typische Arten halboffener Kulturlandschaften wie Wiedehopf und Wendehals beobachten. Dornensträucher und Hecken sind beliebte Brutplätze für den Neuntöter.

Galtür:
Für Wiesenvögel relevante Flächen befinden sich am Talboden und entlang der Hangflanken von Galtür bis ca. 1.750m zwischen den Ortsteilen Tschaffein und Wirl sowie im vorderen Bereich des Jamtals auf einer Fläche von rund 380 Hektar. Die ebeneren Flächen werden vorwiegend als Mähwiesen genutzt, in den steileren Bereichen grenzen oft extensiv genutzte, strukturreiche Hutweiden an. Baumpieper und Goldammer sind besonders charakteristisch für solche Weideflächen mit einzelnen Gehölzen. Der flachere Talboden wird dagegen gerne vom Braunkehlchen genutzt, dessen Vorkommen sich von Wirl bis hinauf zum Zeinisjoch auf über 1.800 m fortsetzt.

Nauders:
Der Talboden von Nauders stellte bis vor wenigen Jahrzehnten eines der wichtigsten Brutgebiete für das Braunkehlchen in Tirol dar. Mittlerweile ist die Anzahl der Reviere von rund 100 (Stand 2007) auf 15 Reviere im Jahr 2025 gesunken. Hauptgrund dürfte die Intensivierung der Grünlandwirtschaft, insbesondere durch einen früheren ersten Schnitt sein, der eine erfolgreiche Brut und Aufzucht der Braunkehlchen in den Wiesen verhindert.
Die Wachtel hat hier landesweit das höchstgelegene regelmäßige Vorkommen. Von großer Bedeutung für Wiesenvögel ist der Bereich zwischen dem südlichen Ortsende und dem Reschenpass auf rd. 1.400 m. Das Wiesenvogelgebiet umfasst insgesamt rund 525 ha. Die Braunkehlchen-Vorkommen von Nauders sind nur wenige Kilometer von der wichtigsten Südtiroler Braunkehlchen-Population entfernt, die sich in der Malser Heide, also südlich des Reschenpasses auf italienischer Seite befindet.

Pfundser Tschey:
Der Talboden der Pfundser Tschey – ein Hochtal östlich von Pfunds – bietet aufgrund der extensiven landwirtschaftlichen Nutzung nach wie vor einen idealen Lebensraum für Braunkehlchen. Landschaftsprägende Elemente wie zahlreiche Städel, langgestreckte Feuchtbereiche und eine hohe Pflanzenvielfalt der Bergmähwiesen charakterisieren das rund 170 Hektar große Wiesenvogelgebiet auf ca. 1.550–1.800 m Höhe. Im Bereich von Baumgruppen und an den Waldrändern kann man regelmäßig den Singflug des Baumpiepers beobachten. Er besiedelt außerdem auch angrenzende lichte Lärchenwiesen.

Serfaus-Fiss-Ladis:
Das Sonnenplateau Serfaus-Fiss-Ladis befindet sich oberhalb von Ried im Oberinntal auf 1.100-1.600 m Höhe. Unterschiedliche Expositionen bedingt durch Hänge, Ebenen, Senken und Hügel wechseln sich auf engem Raum ab und charakterisieren das rund 600 Hektar große Wiesenvogelgebiet. Neben Hutweiden und einmähdigen Wiesen sind vor allem viele zweimähdige Wiesen zu finden. Typische Wiesenvögel sind Braunkehlchen, Baumpieper, Goldammer und Feldlerche. Der Neuntöter bevorzugt normalerweise tiefere Regionen, durch die wärmebegünstigte Lage reichen vereinzelte Vorkommen hier jedoch hinauf bis ca. 1.500 m.

Spiss:
Nördlich oberhalb der Ortschaft Spiss befindet sich das Brutgebiet von Braunkehlchen und Baumpieper. Aufgrund der Höhenlage von über 1.700 m werden hier die Wiesen nicht vor Juli gemäht, was eine erfolgreiche Brut der Wiesenvögel ermöglicht. Die hochgelegenen Braunkehlchen-Vorkommen sind eine Besonderheit für Tirol. Flügge Jungvögel wurden bis rund 2.000 m festgestellt. Männchen sangen sogar noch in Almflächen auf ca. 2.200 m. Die Feldlerche wurde im Gebiet zwar noch nicht beobachtet, aber auch für diese Art wären die weitläufigen Almen und Bergmähder als Lebensraum geeignet.

St. Jakob in Defereggen:
Auf ca. 1.300–1.400 m Höhe, am Talboden des Defereggentals befindet sich das rund 200 ha große Wiesenvogelgebiet. Es weist neben vielen eher intensiv bewirtschafteten Flächen auch extensive (Feucht-)Wiesen und Hutweiden auf, die ein wichtiges Bruthabitat für Braunkehlchen darstellen. Gut vertreten ist in diesem Gebiet auch der Baumpieper, besonders dort, wo auch höhere Bäume vorhanden sind. Vereinzelt sind südexponierte Hanglagen mit Gebüschen für den Neuntöter geeignet.

Silz-Haiming Stams
Das 379 ha große Gebiet befindet sich am Talboden des Oberinntals auf ca. 640–670 m Höhe und ist auch als Natura 2000 Gebiet (= Europäisches Vogelschutzgebiet) ausgewiesen. Es ist gekennzeichnet durch ein kleinteiliges Mosaik unterschiedlicher Acker- und Grünlandflächen. Die Feldlerche hat hier in Tirol eines ihrer wichtigsten Vorkommen mit rund 15-20 Brutpaaren. Sie profitiert von der noch weitgehend traditionellen Fruchtfolgebewirtschaftung mit vielen Getreide- und Kartoffeläckern, in denen sie bevorzugt brütet. Extensiv genutzte Wiesenbereiche (z.B. Böschungen, Spätmahd- und Brachestreifen) und Gebüsche sind hingegen wichtig als Lebensraum für Neuntöter, Goldammer und Schwarzkehlchen.

Wiesenvogelbeauftragte für Tirol
Im Jahr 2015 wurde vom Land Tirol das Projekt Wiesenvogelschutz ins Leben gerufen und Wiesenvogelbeauftragte eingesetzt, um Bäuerinnen und Bauern über mögliche Maßnahmen und Förderungen zu informieren. Im Rahmen von Workshops, Medienarbeit und Schulveranstaltungen wird Wissen über die Vogelarten vermittelt und Möglichkeiten für deren Schutz aufgezeigt. Außerdem wird ein regelmäßiges Monitoring der Wiesenvogelbestände in den Projektgebieten durchgeführt. Die ÖPUL-Naturschutzmaßnahmen bieten vielfältige Möglichkeiten, um den landwirtschaftlichen Betrieben die Maßnahmen zum Schutz finanziell abzugelten. Siehe auch Artenschutzförderung für Bodenbrüter.
Kontakt:
Allgemeines Postfach für Anfragen: wiesenvoegel@tirol.gv.at
Die Wiesenvogelbeauftragen sind:
Für Nordtirol:
Dr. Andreas Danzl andreas.danzl@tiroler-schutzgebiete.at Tel: +43 (0) 676 88 508 82241
Magdalena Baccarani MSc magdalena.baccarani@tirol.gv.at Tel: +43 (0) 676 88 508 82289
Anselm Fried Msc a.fried@tiroler-schutzgebiete.at Tel: +43 (0) 677 64000571
Für Osttirol:
Mag. Petra Heinz-Prugger enzianfeld@outlook.com Tel: +43 (0) 680 143 47 49
Social-Media:
Instagram: https://www.instagram.com/wiesenvoegel
Facebook: https://www.facebook.com/wiesenvoegeltirol


