Integration im Fokus
Ich habe oft den Eindruck, Integration ist zu viel im Blick, zu stark im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit: alles wird mit Argusaugen beobachtet, jede Kleinigkeit ist wichtig und wird gedeutet – sehr oft negativ. Kinder dürfen nicht einfach Kinder sein, sondern sind solche mit deutscher Erstsprache – oder ohne. Menschen sind nicht einfach nur Menschen, sondern werden eingeteilt in solche mit und ohne Migrationsgeschichte. Nachbarschaftskonflikte sind nicht einfach nur Konflikte um Lärm, Sauberkeit oder Mülltrennung, sondern werden zum Kampf der Kulturen stilisiert, sobald Zugewanderte beteiligt sind, … Erscheinungen und Verhaltensweisen, die ganz „normal“ durch persönliche Vorlieben, den sozialen oder Bildungshintergrund erklärbar sind, werden der Kultur zugeschrieben, sobald es um Menschen geht, die aus anderen Ländern nach Tirol gekommen sind oder die einen anderen Glauben haben.
Eine ganz andere Vorstellung von „in den Blick nehmen“ hatte die Ausstellung „Integration im Blick“ in Schaufenstern der Innsbrucker Innenstadt. Hier ging es nicht um eine Einteilung der Menschen und damit um ein Auseinanderdividieren, sondern um den Blick auf die Integration auch aus der Sicht der Zugewanderten, um ein Hinterfragen gewohnter Sichtweisen, um sachliche Informationen und neue Perspektiven auf dieses für die Zukunft unserer Gesellschaft so wichtige Thema. Und es ging auch um eine Auseinandersetzung, um Gespräche und Begegnungen.
Und das macht Integration ja letztlich aus – die selbstverständliche Begegnung von Menschen in all ihrer Vielfalt in gegenseitigem Respekt und Wertschätzung.
„Integration im Blick“ hat die Tirolerinnen und Tiroler – und damit meine ich alle dauerhaft in Tirol lebenden Menschen – mit dem Thema Integration dort konfrontiert, wo es sich tatsächlich abspielt: im Alltag. Auf ihrem Weg von und zur Arbeit oder Schule, beim Einkaufsbummel sind Menschen über dieses Thema „gestolpert“, haben Anstöße zum Nachdenken bekommen. Damit wurde auch zum Ausdruck gebracht, dass Integration eben etwas Alltägliches ist, nicht etwas, das ständig als etwas Besonderes gesehen werden muss.
Dieser neue, offenere und unaufgeregte Blick auf das Thema Integration soll uns weiter bringen auf dem Weg in eine gemeinsam zu gestaltende Zukunft und in ein gutes Zusammenleben aller Tirolerinnen und Tiroler. Denn nur wenn wir die Dinge pragmatisch sehen und nicht dramatisieren, können wir auch sachorientiert an sie herangehen und tatsächliche Herausforderungen lösen.
Gerhard Reheis
ehem. Landesrat für Integration
