- Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung: Fachvorträge beleuchteten Ursachen, Auswirkungen und Möglichkeiten der Prävention
- Praxisbeispiele aus Tirol zeigten, wie Begegnung, Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden können
„Traurigkeit“, „Leere“, „Schmerz“, „Sehnsucht“ oder „Alleinsein“ – mit diesen und weiteren Begriffen beschrieben die Teilnehmenden der 16. Tiroler Integrationsenquete, was sie persönlich mit Einsamkeit verbinden. Zum Auftakt der Veranstaltung waren sie eingeladen, ihre Gedanken anonym über das Smartphone zu teilen. Die Antworten machten deutlich, wie unterschiedlich Einsamkeit wahrgenommen und erlebt wird. Unter dem Titel „Einsam in der Vielfalt“ widmeten sich am Mittwoch rund 170 Fachleute und Interessierte im Landhaus in Innsbruck den Ursachen und Auswirkungen von Einsamkeit im Kontext von Migration. Im Mittelpunkt stand dabei insbesondere die Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe gestärkt und Räume für Begegnung geschaffen werden können. Veranstaltet wurde die Enquete gemeinsam vom Land Tirol, der Stadt Innsbruck, dem Haus der Begegnung und dem Tiroler Integrationsforum.
Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung
Einsamkeit betrifft Menschen unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Laut einer österreichischen Umfrage geben 28 Prozent der Befragten an, sich gelegentlich einsam zu fühlen. Bestimmte Lebensumstände wie Armut, gesundheitliche Einschränkungen, Diskriminierung oder fehlende soziale Netzwerke können das Risiko zusätzlich erhöhen.
„Einsamkeit bedeutet nicht unbedingt, allein zu sein. Sie bedeutet oft, sich nicht zugehörig zu fühlen – selbst wenn man von vielen Menschen umgeben ist. Wenn Menschen keinen Anschluss finden, müssen wir uns deshalb auch fragen, ob unsere Gesellschaft genügend Möglichkeiten bietet, Anschluss zu finden. Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass wir alle gleich sind, sondern dadurch, dass wir trotz unserer Unterschiede aufeinander zugehen“, betonte LRin Eva Pawlata, die die Enquete in Vertretung von Integrationsreferent LHStv Philip Wohlgemuth eröffnete.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Vereine, Jugendzentren, Nachbarschaftsinitiativen und Integrationsprojekte, die Begegnungen ermöglichen und soziale Netzwerke stärken. Das Land Tirol setzt sich dafür ein, solche Angebote und das dahinterstehende Engagement auch über das „Jahr des Ehrenamts“ hinaus zu unterstützen.
„Einsamkeit bleibt oft unsichtbar. Umso wichtiger ist es, dass wir genau hinschauen und Menschen Möglichkeiten bieten, Teil unserer Gemeinschaft zu werden. Gerade für Menschen, die neu nach Tirol kommen, ist es nicht immer einfach, soziale Kontakte aufzubauen und sich zurechtzufinden. Es braucht deshalb niederschwellige Angebote und Orte der Begegnung, an denen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft willkommen sind. Denn Integration bedeutet mehr als Sprache und Arbeit – sie bedeutet auch Zugehörigkeit, gegenseitiges Vertrauen und gesellschaftliche Teilhabe“, unterstreicht Integrationsreferent LHStv Philip Wohlgemuth.
„Einsamkeit betrifft auch viele junge Menschen. Diese Spirale aus Isolation und Ausgrenzung müssen wir durchbrechen, denn fehlende Zugehörigkeit kann auch zum Nährboden für Radikalisierung und Gewalt werden. Hier tragen wir eine demokratiepolitische Verantwortung: Wir müssen Räume schaffen, in denen Menschen einander begegnen, miteinander in Berührung kommen und Zugehörigkeit erfahren können. Denn Zusammenhalt entsteht durch das, was wir miteinander tun“, betont Innsbrucks Integrationsstadträtin Janine Bex.
Einsamkeit im Kontext von Migration: Ursachen und Auswirkungen
Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Einsamkeit begünstigen und warum Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung besonderen Risiken ausgesetzt sein können, stand im Mittelpunkt der Fachvorträge am Vormittag.
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin und Leiterin des Forschungsinstituts für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) an der Wirtschaftsuniversität Wien, beleuchtete Einsamkeit im Kontext von Migration aus einer gesellschaftlichen und strukturellen Perspektive. Sprachliche Barrieren, Diskriminierung, unsichere Lebensverhältnisse oder der Verlust vertrauter Bezugspersonen können den Aufbau sozialer Beziehungen erschweren und das Risiko für Einsamkeit erhöhen. Deutlich wurde dabei, dass Einsamkeit nicht ausschließlich als individuelles Problem betrachtet werden kann, sondern auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Teilhabe abhängt. Karin Gutierrez-Lobos, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeutin und Mitinitiatorin der Plattform gegen Einsamkeit, widmete sich den individuellen und gesellschaftlichen Ursachen von Einsamkeit. Sie zeigte auf, welche Auswirkungen fehlende soziale Beziehungen auf das psychische Wohlbefinden haben können und welche Ansätze zur Vorbeugung und Überwindung von Einsamkeit beitragen.
Begegnung im Alltag: Beispiele aus Tirol
Am Nachmittag rückte die Praxis in den Mittelpunkt. Vorgestellt wurden das Caritas-Programm „Gemeinsam gegen Einsamkeit“, das Interkulturelle Frauencafé Hall, das Projekt „Kulturbuddy“ von Unicum:Mensch und die Angebote von Bandari für junge Männer mit Migrationsgeschichte. Die Schauspielerin und Leiterin des Caritas Integrationshauses, Petra Knoflach, zeigte unter dem Titel „Einsam im Alter“, wie Theaterprojekte helfen können, Isolation zu überwinden.
Die 16. Tiroler Integrationsenquete machte deutlich, dass Einsamkeit viele Ursachen hat und Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen betreffen kann. Gleichzeitig zeigten die vorgestellten Initiativen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, Begegnungen zu fördern und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Entscheidend sind dabei Angebote, die Menschen erreichen, Beteiligung ermöglichen und das Gefühl vermitteln, Teil einer Gemeinschaft zu sein.





