- Historiker beleuchten die Rolle von Österreichern bei NS-Mordaktionen in Polen
- Neue Erkenntnisse: Präsentation des neuen Konferenzbands „Leokadia Justman. Überleben und Erinnerung interdisziplinär analysiert“
- Anmeldungen zur Veranstaltung bis 20. Oktober unter tirol.gv.at/erinnern
- Ausstellung zu Leokadia Justman noch bis einschließlich 26. Oktober zu sehen
Die Geheimoperation trug den Decknamen „Aktion Reinhardt“ – und sollte zur Chiffre für eines der größten Verbrechen an der Menschheit werden. Das NS-Regime ermordete mehr als 1,5 Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer im Zuge der „Aktion Reinhardt“ in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka. Besonders Österreicher nahmen bei diesen beispiellosen Massenmorden eine prominente Rolle ein, wie eine Veranstaltung am 22. Oktober im Landhaus beleuchtet. Dort bildet eine Podiumsdiskussion den Abschluss des zweijährigen Begleitprogramms zur Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“. Auch das Schicksal von Leokadia Justman, die als „Volkspolin“ getarnt nach Tirol flüchten konnte, steht im Mittelpunkt. Die Veranstaltung findet um 19 Uhr im Großen Saal statt – Anmeldungen sind bis 20. Oktober unter tirol.gv.at/erinnern möglich.
LH Mattle: „Auseinandersetzung mit NS-Zeit darf nicht aufhören“
„Leokadias Geschichte steht für das Schicksal einer Holocaust-Überlebenden, die dem nationalsozialistischen Massenmord entkommen konnte. Mit einer falschen Identität konnte sie in Innsbruck vorerst Arbeit finden, bis sie verraten wurde. Erst unter Mithilfe von mutigen Männern und Frauen konnte sie den NS-Schergen entkommen. Mit der abschließenden Veranstaltung endet das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung. Die Auseinandersetzung mit Leokadias Geschichte und der Rolle Österreichs in der NS-Zeit darf damit aber nicht aufhören“, betont LH Anton Mattle. Der Landeshauptmann lädt dazu ein, sich noch bis 26. Oktober ein Bild von Leokadias Schicksal im Landhaus zu machen. Auch am Nationalfeiertag bietet sich beim Tag der offenen Tür die Möglichkeit, an den letzten Führungen durch die Ausstellung teilzunehmen.
Österreichische Täter im Zentrum der „Aktion Reinhardt“
Die „Aktion Reinhardt“ markierte einen Höhepunkt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Österreicher wie Odilo Globocnik, Irmfried Eberl und Franz Stangl waren am systematischen Massenmord in leitenden Funktionen beteiligt. Johannes Sachslehner, Autor einer Biographie über den Leiter der „Aktion Reinhardt“ Globocnik, geht der Frage nach, warum gerade Österreicher bei Mordaktionen in Polen besonders prominent vertreten waren. Die Veranstaltung richtet damit den Blick auf die Verantwortung österreichischer Täter innerhalb dieses systematischen Massenmords. Anders als in Vernichtungslagern mit sogenannten „Selektionen“ waren die Lager der „Aktion Reinhardt“ als Todesfabriken organisiert.
Einigen wenigen Überlebenden der ersten Massenmordwelle von 1942 – wie auch Leokadia Justman und ihrem späteren Ehemann Józef Wiśnicki – gelang es, mit gefälschten Dokumenten als „Volkspolen“ nach Tirol und Vorarlberg zu entkommen. Kurator Dominik Markl und der Historiker Paul Csillag vom Justman-Projekt präsentieren den neu erschienenen Konferenzband „Leokadia Justman. Überleben und Erinnerung interdisziplinär analysiert“. Mit den AutorInnen sprechen sie gemeinsam über neue Erkenntnisse, die sie aus den Erinnerungen von Justman und Wiśnicki gewinnen konnten. Weitere Informationen zum Konferenzband sind auf der Website der Universität Innsbruck nachzulesen.
Bis 26. Oktober: Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“
Die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ ergänzt als Sonderpräsentation die Rahmenausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ und ist von Montag bis Freitag (9 bis 17 Uhr) im Landhaus 1 zu sehen. Die selbstverfassten Gedichte von Leokadia Justman können jeweils freitags (12 bis 17 Uhr) ebenfalls im Landhaus 1 (Festsaal) besichtigt werden.
Das Projekt ist eine Kooperation des Landes Tirol mit der Universität Innsbruck und dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, der Pädagogischen Hochschule Tirol, dem Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, dem Programm ERINNERN:AT des OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) zum Lehren und Lernen über Nationalsozialismus und Holocaust sowie dem Verein Wissenschaft und Verantwortlichkeit. Alle Veranstaltungen zum Thema „Tirol erinnert“ sind unter tirol.gv.at/erinnern zu finden – dort steht auch der virtuelle 360°-Rundgang der Ausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus“ zur Verfügung.

