Podcast mit Gertraud Zeindl | Leiterin des Tiroler Landesarchivs
„ins Land einihören“ | Folge 22
Transkript
Hinweis: Gesprächsbeiträge im Tiroler Dialekt werden inhaltlich in Hochdeutsch übersetzt.
Einleitung:
Dénes Széchényi (Moderator):
Ins Land eini hören – der Podcast des Landes Tirol. Heute moderiert von Dénes Széchényi. Im Tiroler Landesarchiv liegt die Geschichte Tirols seit dem 11. Jahrhundert. Es ist das Gedächtnis des Landes und zählt heute zu den größten Archiven Österreichs. Grundstock ist das Archiv der mittelalterlichen Tiroler Landesfürsten und daher weit über die heutigen Grenzen hinaus von überregionaler Bedeutung. Im Archiv finden sich neben Schriftstücken von Ämtern, Dienststellen und Behörden auch private Dokumente und Nachlässe. Der Bestand wächst laufend. Es ist außerdem das Archiv der Tiroler Landesverwaltung, der Bezirkshauptmannschaften und für die Justiz im Bundesland Tirol. Jede Tirolerin und jeder Tiroler kann kommen und zum Beispiel nach den eigenen Ahnen forschen. Mein heutiger Gast ist Gertraud Zeindl. Sie leitet das Tiroler Landesarchiv. Sie sind 48 Jahre jung, in Telfs aufgewachsen und haben in Innsbruck Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Seit 1. Juli 2026 sind Sie als erste Frau Leiterin des Landesarchivs. Herzlich willkommen.
Gertraud Zeindl:
Dankeschön.
Die Dissertation: Warum Meran statt Innsbruck?
Széchényi:
Sie haben, wie erwähnt, in Innsbruck studiert und in Ihrer Doktorarbeit über Meran geschrieben. Warum nicht Innsbruck, was ja auf der Hand liegen würde? Warum Meran?
Zeindl:
Eine gute Frage. Ich hätte gern über Innsbruck geschrieben, weil ich damals auch im Stadtarchiv Innsbruck gearbeitet habe. Das wäre sehr angenehm gewesen, auch das Archiv dort zu nutzen. Allerdings haben die Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs in Innsbruck viele mittelalterliche Quellen zerstört. Ich wollte im Mittelalter forschen – und Meran hat ein hervorragendes Stadtarchiv mit Beständen, über die wir uns in Innsbruck sehr freuen würden.
Széchényi:
Das heißt, in Innsbruck ist vieles unwiederbringlich verloren?
Zeindl:
Vieles, ja. Bei den Urkunden sind an die tausend Stück zerstört, ebenso zahlreiche Verwaltungsmaterialien. Ich habe eine Sozialstudie geschrieben und mich 100 Jahre lang mit Steuerquellen in Meran beschäftigt. Das wäre auch für Innsbruck interessant gewesen – aber Meran war fachlich sehr ergiebig, und die Aufenthalte dort waren obendrein sehr angenehm.
Faszination Mittelalter
Széchényi:
Sie haben sich aufs Mittelalter spezialisiert. Was fasziniert Sie an der Zeit zwischen 500 und 1500 nach Christus?
Zeindl:
Einerseits liegt sie 500 bis 1000 Jahre zurück – also sehr lange. Das Leben war ganz anders als heute. Trotzdem gehen viele Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen auf das Mittelalter zurück. Das macht es spannend, weil man Entwicklungen bis heute nachzeichnen kann.
Széchényi:
Ein Beispiel?
Zeindl:
Geht man durch die Altstadt von Innsbruck, begegnen einem mittelalterliche Strukturen: Laubengänge, Architektur, aber auch Begrifflichkeiten und Festlichkeiten. Vieles geht auf diese Zeit zurück.
Werdegang und kurzer Abstecher in den Journalismus
Széchényi:
Sie sind nach dem Studium fast nahtlos in die Forschung gegangen, haben aber kurz darauf einen Ausflug in den Journalismus gemacht.
Zeindl:
Das stimmt. Ich habe Geschichte und Kunstgeschichte auch gewählt, weil ich in den Kulturjournalismus wollte. Ich schreibe gern, setze mich gern mit Themen auseinander – vor allem im Kulturbereich – und habe während des Studiums bei diversen Medien mitgearbeitet, schließlich auch beim ORF.
Széchényi:
In Innsbruck?
Zeindl:
Genau. Danach gab es eine Bewerbungsphase in Wien, am Ende wurde mir die Redaktion in der Börse angeboten. Da habe ich mir gedacht: Dafür habe ich nicht Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Das hatte mit Geschichte im weiteren Sinn wenig zu tun. Und noch ein Punkt vorweg: Wir sind im Tiroler Landesarchiv ein Verwaltungsarchiv. Viele kommen mit der Erwartung, bei uns das fertige „Buch“ über ihre Person oder Familie zu finden. Das gibt es nicht.
Széchényi:
Sie sind dann ins Stadtarchiv Innsbruck, waren dort 13 Jahre tätig, haben parallel an der Uni gelehrt und geforscht – und sind schließlich ins Landesarchiv gewechselt.
Zeindl:
Ja. Mein Vorgänger wurde Archivdirektor, eine Stelle wurde frei, und ich wurde gefragt, ob ich ins Landesarchiv wechseln möchte. Das war eine große Chance. Ich habe im Stadtarchiv sehr gern gearbeitet, aber das Landesarchiv ist als eines der größten in Österreich ein anderes Kaliber – und sehr gut organisiert, muss ich sagen. (lacht)
Archivwürdigkeit – was bewahrt das Landesarchiv?
Széchényi:
Der Bestand wächst, weil ständig neue Dokumente und Aufzeichnungen kommen – von unterschiedlichsten Behörden. Es wird aber nur archiviert, was archivwürdig ist. Was heißt das?
Zeindl:
Archivwürdig ist, was für Gesellschaft, Geschichte und Forschung relevant ist und bleiben wird. Wir haben rechtliche Grundlagen und müssen das Rad nicht neu erfinden: Wir bauen auf historischen Beständen auf, schließen Lücken – aber wir können nicht alles aufbewahren. Vieles ergibt sich von selbst: Buchhaltung ist rechtlich relevant, aber historisch oft weniger aussagekräftig.
Széchényi:
Und privat – was wäre „archivwürdig“ im eigenen Haushalt?
Zeindl:
Alles, was man rechtlich nachweisen muss – Urkunden, Besitzansprüche – und was einem für die eigene Geschichte wichtig erscheint. Im Kern ist das ähnlich zu dem, was wir machen.
Analoge und digitale Langzeitarchivierung
Széchényi:
Sie haben Bücher erwähnt – der Hauptbestand. Es gibt aber auch digitale Archivierung und KI. Trotzdem gilt Papier als langlebigstes Speichermedium. Warum?
Zeindl:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es kommt auf das Material an. Pergament, also Tierhaut, erhält sich sehr gut. Hadernpapier, bis ins 19. Jahrhundert, hält sich ebenfalls ausgezeichnet. Modernes industrielles Papier – vor allem seit dem 19. Jahrhundert – besteht aus Holzschliff, oft mit säurehaltigen Zusätzen. Daher die gelblich-vergilbte Farbe etwa bei Akten der 1960er – das ist Abbau. Mittelalterliches oder frühneuzeitliches Papier wirkt dagegen heller und ist haptisch stabiler. Auch in der Restaurierung ist altes Papier oft leichter zu handhaben.
Széchényi:
Und das Digitale?
Zeindl:
Digitale Akten sind eine eigene Herausforderung. Daten aus den 1990er Jahren lassen sich oft kaum mehr öffnen. Beim Papier denken wir an Klima, Brand- und Wasserschutz. Bei digitalen Daten müssen Formate lesbar bleiben – also regelmäßig migriert werden –, ohne das Dokument zu verändern. Die Authentizität muss erhalten bleiben. Das erfordert spezialisierte Software. Digitalisierung macht die Arbeit nicht weniger – die Werkzeuge ändern sich, die Arbeit bleibt.
Alte Schriften lesen – Kurrentschrift als „Rätsel“
Széchényi:
Viele Tirolerinnen und Tiroler besitzen Dokumente ihrer Großeltern in Kurrentschrift. Für mich schwer lesbar. Für Sie eine Leichtigkeit? Können Sie „jedes“ Schriftbild lesen?
Zeindl:
Je individueller die Schrift, desto schwieriger. Aber wir machen das gern – und haben viel Übung. Wer täglich damit arbeitet, baut Erfahrung auf – sprachlich und paläographisch. Für mich ist es immer wieder spannend, ein scheinbar unleserliches Dokument am Ende lesen zu können.
Széchényi:
Fast wie ein Rätsel.
Zeindl:
Genau. Und man sieht es auch im Lesesaal: Personen kommen oft ohne Vorkenntnisse, wir unterstützen am Anfang – und mit Übung lesen sie sich ein und erklären uns später oft Details in ihrem Spezialgebiet.
Ursprünge des Landesarchivs – Kaiser Maximilian
Széchényi:
Der Grundbestand des Landesarchivs reicht bis ins Mittelalter. Haben wir das Kaiser Maximilian zu verdanken? War er so weitblickend?
Zeindl:
Ja – und zugleich sehr auf seine Finanzen bedacht. Er wollte seine Herrschaft behaupten, hatte oft Finanzprobleme und musste Rechte einfordern können. Er erkannte, dass Ordnung nötig ist, um Dokumente aufzufinden. Er ließ viele Schriftstücke nach Innsbruck bringen – aus dem Heiligen Römischen Reich und anderen habsburgischen Gebieten – und strebte eine feuersichere Aufbewahrung an. Sein Nachfolger ließ ein schriftliches Findmittel erstellen: Wenn ich von einem Grundstück Zinsen bekomme, kann ich das nachweisen und das Dokument sofort finden. Im Kern machen wir heute dasselbe: bewahren und auffindbar machen.
Die älteste Urkunde (1004) und ihre Wege
Széchényi:
Eines der ältesten vollständig erhaltenen Dokumente ist aus dem Jahr 1004. Worum geht es?
Zeindl:
Um eine Kaiserurkunde von Heinrich II.: eine Schenkung an die bischöfliche Kirche in Säben (Südtirol) – konkret ein Gut in Feldes, damals Krein, heute Bled in Slowenien. Die Urkunde kam ins Stiftsarchiv, gelangte mit der Säkularisierung 1803 nach Innsbruck, dann unter bayerischer Herrschaft nach München, später nach Wien, nach Laibach – wegen des Bezugs zu Bled –, wieder nach Brixen, nach Bled, nochmals nach Laibach und 1896 nach Innsbruck zurück.
Széchényi:
Es gab Streit um die Urkunde?
Zeindl:
Ja. Nach dem Ersten Weltkrieg erhob Jugoslawien Anspruch, weil es um ein Grundstück in Slowenien ging. Das Hin und Her dauerte bis in die 1970er Jahre. Heute ist die älteste Urkunde im Tiroler Raum wieder in Innsbruck und kann im Original angesehen werden.
Umgang mit Originalen – Handschuhe und Fotos
Széchényi:
Ohne weiße Handschuhe? Man sieht in Dokus oft weiße Handschuhe beim Umgang mit Urkunden. Klischee?
Zeindl:
Es gibt moderne Ansätze, die sagen: Handschuhe können bei Papier mechanische Schäden verursachen. Ein Umblättern mit Handschuhen kann schnell einen Riss erzeugen. Ohne Handschuhe arbeitet man haptisch oft sorgsamer – Voraussetzung sind saubere Hände. Handschuhe ziehen wir tatsächlich eher an, wenn etwa der ORF kommt – gewisse Klischees wollen bedient werden. Bei Fotos tragen wir Baumwollhandschuhe, weil Fette von der Hand chemische Reaktionen auslösen können.
Themenschwerpunkte im Archiv: Konklave und Papsturkunden
Széchényi:
Das Landesarchiv ist öffentlich zugänglich. Sie setzen auch Themenschwerpunkte – etwa rund um das Konklave 2025. Was hat das Landesarchiv dazu?
Zeindl:
Bei gesellschaftlich präsenten Themen kommen Anfragen – von Schulklassen bis Universitäten. Papsturkunden hatte ich mir zuvor noch nicht näher angesehen. Es gibt aber viele. Ein Lieblingsstück: eine Urkunde von 1468 von Papst Paul II. Inhaltlich heute weniger relevant – er droht Herzog Sigmund bei weiterer Unterstützung der verfeindeten Schweizer mit Exkommunikation und legt ein Interdikt über das Land. Faszinierend ist die Aufmachung: ein päpstliches Bleisiegel an Hanfschnur, die Urkunde an den Rändern eingeschnitten zum Verschnüren – wie ein Verschluss. Das Siegel ist seit dem Mittelalter gleich aufgebaut: auf der einen Seite der Papstname mit Ordnungszahl, auf der anderen Petrus und Paulus. Paul II. inszeniert seine Herrschaft – er zeigt sich thronend, flankiert von Kardinälen, darunter das gläubige Volk. Auf der Rückseite thronen dann auch Petrus und Paulus.
- Jänner: Kirchenbücher online
Széchényi:
Ein besonderes Datum für Sie ist jedes Jahr der 1. Jänner. Warum?
Zeindl:
Wir sind bemüht zu digitalisieren. Ein großes Projekt sind die Kirchenbücher. Sie liegen in den Pfarrarchiven, wurden aber digitalisiert und 2015 online gestellt. Nach dem Personenstandsgesetz dürfen Taufbücher erst 100 Jahre nach Eintrag online gehen. Jedes Jahr am 1. Jänner schalten wir deshalb einen weiteren Jahrgang frei – heuer 1926. Das ist pro Pfarre händisch freizugeben. Viele Tirolerinnen und Tiroler warten darauf – über die Feiertage häufen sich Anrufe: „Ist unsere Pfarre schon online?“ Wir verzeichnen über 9 Millionen Zugriffe im Jahr. International sehr erfolgreich.
Széchényi:
Weil man dann weiß: Jetzt kann ich es herausfinden.
Zeindl:
Genau. Zugleich gelten Datenschutz und weitere rechtliche Fristen. Daher ist der 1. Jänner ein spannender Tag.
NS-Zeit und Optionsakten
Széchényi:
Viele interessieren sich für die NS-Vergangenheit ihrer Familien. Auch die Südtirol-Optanten sind ein großes Thema. Was gibt es bei Ihnen dazu?
Zeindl:
Sehr viel. Stark nachgefragt sind militärische Personalakten. Dieser Bestand liegt oft auf problematischem industriellem Papier – daher setzen wir auf Digitalisierung. Große Unterstützung kam von der Universität Innsbruck, etwa bei den Optionsakten. Es gibt eine Namenskartei mit 133 Kartons, die digitalisiert wurde. So kann man online Personen finden und dann bei uns Akten anfragen. Das Interesse ist groß: Man kann viel online vorbereiten, und die Personenakten sind für Familienforschung wertvoll – mit persönlichen Angaben und oft auch Fotos.
Bestände: Nachlässe, Firmen- und Gemeindearchive
Széchényi:
Neben dem Militärarchiv gibt es Nachlässe und Firmenarchive – etwa das gesamte Archiv der Neuen Heimat.
Zeindl:
Genau. Alles, was in den Verwaltungsbereich des Landes Tirol fällt – dazu zählt die Neue Heimat –, übernehmen wir. Teilweise haben wir auch Gemeindearchive übernommen. Privatarchive nehmen wir ebenfalls auf, wobei wir primär ein Verwaltungsarchiv sind. Private Dokumente können aber wichtige Perspektiven eröffnen. In Innsbruck gibt es zudem andere Einrichtungen – das Stadtarchiv, das Landesmuseum –, und wir achten darauf, dass Bestände dort landen, wo sie gesucht werden.
Privat: Ausgleich und Freizeit
Széchényi:
Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade im Gedächtnis Tirols stöbern?
Zeindl:
Man braucht einen Ausgleich – bei mir vor allem sportlich. Wir legen im Depot ohnehin viele Schritte zurück. Ich fahre gern Rennrad, gehe langlaufen und Skitouren. Ich gehe auch sehr gern ins Museum, ins Theater, mache Städtereisen – und lese, zugegeben, auch historische Romane.
Verabschiedung
Széchényi:
Frau Zeindl, herzlichen Dank für das Gespräch und den Besuch im Studio.
Zeindl:
Danke für die Einladung.
Széchényi:
Das war ein Podcast des Landes Tirol mit Gertraud Zeindl, Leiterin des Tiroler Landesarchivs. Zeindl ist promovierte Historikerin. Ihr Lieblingsstück im Tiroler Landesarchiv ist eine prachtvolle Papsturkunde aus dem Mittelalter. Viele Tirolerinnen und Tiroler warten jedes Jahr auf den 1. Jänner, wenn historische Informationen über ihre Vorfahren online zugänglich werden. Den Podcast „Ins Land eini hören“ findet ihr auf tirol.gv.at/podcast, auf allen gängigen Podcast-Plattformen und auf YouTube. Danke fürs Zuhören und Zusehen. Bis zum nächsten Mal, sagt Dénes Széchényi.